Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 21 (1.2.1933)
- Date
- 1933-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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genommen worden. Das Kind zwischen“ den Eltern, das an den Kämpfen zwischen Vater und Mutter zerbricht, ist schon seit Jahrzehnten eine fast herkömmliche Gestalt in der Charakterdichtung gewesen. Zu ihm tritt wie zu einem Bruder im Martyrium das jüdische Kind, das unter dem unverschuldeten Haß seiner Umwelt tragisch leidet. Jacobowskis „Werther.der Jude“ und ..Loki, der Roman eines Gottes“ sind vielleicht die ersten Darstellungen dieses Seelenleidens gewesen, die Kinderromane von Karl Maria Frank und Edmond Fleg sind nicht ihre letzten Schilderungen. Die Tragik dieser Kindheitsmartyrien ist um so furchtbarer, da schuldlose Kinder die wehrlosen Opfer sind, die unter Zurücksetzungen und Enttäuschungen, unter den Beschimpfungen und Kränkungen von Menschen, die sie lieben, ihr Schicksal erleiden. Gewiß gibt es neben den zartbesaiteten Kindern auch robustere, welche dieses Seelenweh. das keinem jüdischen Kinde erspart bleibt, überwinden. Aber Narben. Wundmale tragen sie alle aus diesen peinigenden Quälereien heim. Wunden, die sich oft ein Leben lang nicht völlig schließen. Mit den Kindern leiden Väter mul Mütter, die sonst jeden Schatten aus dem Leben ihres Kindes bannen möchten, denen kein Opfer zu groß und zu schwer erscheint, wenn es das Glück ihres Lieblings gilt, und die es ohnmächtig mitansehen müssen, wie ihr Kind lieblos gepeinigt und verwundet wird. So wehe es jüdischen Vätern und Müttern sein mag, so gern sic ihr Kind vor diesen seelischen Mißhandlungen schützen möchten, sie sind zur Ohnmacht gegenüber der Tücke und Bosheit dieser Angriffe verdammt. Alle Mittel versagen. Abwehr durch Körperkraft ist dem jüdischen Kinde schon deshalb unmöglich, da es sich in der Klasse wie auf der Straße einer Ueberzahl gegenübersieht. Der Schutz bei dem Lehrer ist zumeist eine zweischneidige Waffe, da er zwangsläufig die Kameraden gegen den Angeber hetzt, die dann in gemeinsamer Front gegen das jüdische Kind stehen. Daß es leider und zur "•hande der deutschen christlichen Lehrerschaft Männliche und weibliche Lehrkräfte gibt, die 'ich an dem wehrlosen jüdischen Kinde versündigen, die mit ihren hämischen und häßlichen Bemerkungen, wenn nicht gar durch offenkundige Feindseligkeiten, dem jüdischen Kinde das ''cnullebcn zur Lebenspein machen, ist zudem «•ine leider nur zu ernste Tatsache. Allerdings ist die Abwehr offenkundiger Bosheiten leichter als der Schutz gegen den versteckten Judenhaß, der in die Seelen der oft harmlosen nichtjiidischen Kameraden wie eine Giftsaat gestreut wird und sich dort wuchernd entwickelt. Jüdische Schulen oder Anstalten, in denen die jüdischen Kinder eine beachtenswerte Minderheit bilden, die. sich gegenseitig schützt und der Angriffe er- . wehrt, gibt es nur wenige. Ein Ausweichen aus dem Verhängnis, daß jüdische Kinder unter diem Judenhaß leiden, ist also kaum möglich. Wie können Eltern ihre Kinder gegen die Verwundungen d u r ch »solche Gehässigkeiten schützen? Es gibt eigentlich nur eine Abwehr: in ihnen früh- 'oitig die Selbstsicherheit im Stolz auf ihr J u d e s e i n zu wecke n, so daß das lähmende Bewußtsein der Minderwertigkeit in ihnen nicht heimisch werden kann. Fehlt diese innere Festigkeit zur Abwehr, dann muß das Kind fast zwangsläufig seelischen Schaden erleiden. Es gibt darum keinen größeren Fehler in der Erziehung als das Versteckenspiel und Verheimlichen, durch welche überzärtliche Eltern — 229 - ihren Kindern die schmerzlichen Erfahrungen des Judenhasses möglichst lange fernhalten wollen, solange, bis ein antisemitisches Wort das Kartenhaus umstößt. Man erzähle dem Kinde frühzeitig von den Leidenszeiten der jüdischen Geschichte, am besten am Beispiel der Leiden der Großväter und der Großmütter, die noch unter dem Ghettoschicksal gelitten haben. Nimm deinem Kinde die Traurigkeit des Gekränktseins, indem du von dem Großen und Schönen sprichst, was das Judentum in sich birgt, von Sabbath und Festsitte, von Gottesdienst und frommen Brauch, von jüdischer Lehre, Weisheit und Frömmigkeit. Kläre dein Kind über den Inhalt eines Sdielt- und Schimpfwortes, soweit es kindgemäß möglich ist, auf, damit es selbst frühe zur Erkenntnis und zum Verständnis der Leichtfertigkeit judenfeindlicher Aeußerungen kommt. Mecke im Kinde, das von seinem Bisherigen „besten“ Freunde die furchtbare Enttäuschung der Untreue, des Bruches der Freundschaft, erlitten, den Stolz, sich nicht in zermürbender Trauer zu verlieren. Jüdische Kinder brauchen eben die stützende und schützende f reundschaft der Eltern, Verständnis für ihr kleines Herzweh. Eingehen auf ihren Seelcnkummer. Halt in der Elternliebe. Verweichlichung ist als ein ernster Erziehungsfehler zu meiden. Seelische Abhärtung ist von Anfang an am Platze. Das jüdische Kind neigt zur Sentimentalität, zur Romantik und Schwärmerei. Aber diese drei sind ein ungesunder Nährboden für die innere Sicherheit, welche die Gegenwart vom jüdischen Kinde fordert. Die Eindämmung überreizter Empfindsamkeit ist als rechtzeitige Gegenwehr geboten. Leiser Spott und harmlose Uebertreibung wird diese Gegenwehr festigen. Offenkundiger Hohn ist ebenso lebhaft als seelische Gefährdung abzuraten. Ein weiser Ausgleich, aus dem viel Liebe und große Nachsicht spricht, weist die Mittelstraße. Die Erziehung stellt heute die jüdischen Eltern vor das ernste Problem: Kumpf gegen d <* n Tflcdetne JMaeudekocatiom J-eppiche £äufec BiocutdecfteK 7tloieistoffe L Krailsheimer & Cie. Calwerstraße 28 STUTTGART Radikalismus wie gegen den überspannten Idealismus. Aber noch dringlicher ist der Schutz des Kindes gegen die Rohheiten des Judenhasses geboten. Rechtzeitige Gegenwehr wird hier bleibenden Segen wirken. Glaube keiner, daß gerade sein Kind vor den Angriffen des Judenhasses bewahrt bleibt. Auch deinem Kinde kann morgen schon begegnen.~was du heute noch für ganz unmöglich gehalten. Audi dein Kind braucht deine fürsorgliche Hilfe, deine Elternliebe und deine Evzieherweisheit gegenüber den tückischen Angriffen der Judenfeindschaft. Judennot im deutschen Osten. Von Kurt Sabaizky, Königsberg. _ Syndikus des Landesverbandes Der deutsche Osten, insbesondere die Provinz Ostpreußen, hat durch die Verhältnisse der Nachkriegszeit in politischer und wirtschaftlicher Beziehung mehr .gelitten als alle übrigen Teile des Reiches. Durch die Abschnürung vom Reichskörper, Schaffung des polnischen Korridors und Errichtung des Freistaatgebiets in Danzig, die Autonomie des Memellandes und die Abzweigung des Kreises Soldau sind starke Erschütterungen vor sich gegangen, die in politischer Beziehung einen erheblichen Radikalismus, in wirtschaftlicher Hinsicht eine ganz besonders starke Auswirkung der allgemeinen Wirtschaftskrise hervorgerufen haben. Das durch die Notgemeinschaft zunächst gewordene gesunder Nationalgefühl wandelte sich auf diesem Boden sehr bald in chauvinistischen Nationalismus, der sich unter der immer mehr zunehmenden Verelendung zu einem Nationalsozialismus schlimmster Art entwickelte. Dies geschah in besonderem Maße gerade in den Grenzgebieten der Provinz, in denen der s I a w i s ch e Einschlag am stärksten ist und Ostpreußen des Centralvereins. in denen das Masurische, ein po 1 n i s ch e r Dialekt. als Muttersprache gesprochen wird. Der Nationalsozialismus, brachte einen hemmungslosen Antisemitismus mit sich, der zunächst in Versammlungen und Presse tobte, sich aber dann im August 1932 in Königsberg und einem Dutzend Provinzstädten in Attentaten gegen Leben und Eigentum von Juden entlud. In den Grenzkreisen hauen besonders die kleineren und kleinsten jüdischen Firmen in erheblichem Maße unter der Bovkotthetzc zu leiden. Es ist selbstverständlich, daß der Centralverein der seelischen und »wirtschaftlichen Not. der unsere ostpreußischen Glaubensgenossen ausgesetzt sind, auf das stärkste durch Abwehr- und Aufklärungsmaßnahmen sowie durch intensiven Rechtsschutz zu steuern sucht. Neben der durch den Antisemitismus herverrgerufenen seelischen Bedrängnis wirkt sich die wirtschaftspolitische Lage auch in besonders hohem Grade* auf unsere Glaubensgenossen aus. Der Handel mit Sou jetrußland ist gegenüber AUTO-VERMIETUNG Friedrich Oahllng Stuttgart, Schwarenbergstr. 86, Tel. 42518 , empfiehlt sich für Hochzeiten, Beerdigungen, Stadt- und - Fernfahrten mit 8-Zylinder Horch- und Adlerwagen. < Gewissenhafte und zuverlässige Fahrer / Mäßige Preise X WIIHEIM TRANKIE « ' HOLZ- UND KOHLENHANDLUNG Fernruf 23685 Stuttgart Lerchenetr. 20 , Anthrazit, Koks in verschiedenen ■Srauagna, Eiformj Briketts, Brmnnkoklen-Brlketta, Tannenn. Bnchenhols i FRIEDRICH BACHMEIER i FEINE HERRENSCHNEIDEREI j STUTTGART 1 Telefon durch 20008 / Augustenstraße 2 Fernfprediert26918 STUTTGART / ■1R9CH9TR. 94 HAHI\l&ßOO$ PLISSEE Stickerei / Kantennähte / Hohlsäum Abholung und Zu- H F N E senden kostenlos Gartenstr. 32/Tel. 23566 mauthe&Sdielling Igatkekei flmOestti VMsdiaftsfeeratiii •""T0*!" . 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