Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 19 (1.1.1933)
- Date
- 1933-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
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da« diese Freiheit nicht Zügellosigkeit werden dürfe. Den dcutsdien Juden kann nur daran gelegen sein, auch ihre Gleichberechtigung und ihre Ruhe und Sicherheit nicht von der Stärke der Polizei uncl der Einsatzbereitschaft der Reichswehr abhängig zu wissen. Das achtungs- und verständnisbereite Grundgefühl der Massen uns gegenüber ist eine stärkere Gewähr unserer Gleichberechtigung als Polizei und Reichswehr. Die deutschen Juden teilen also für ihr Spezialgebiet den Standpunkt des Kanzlers, der sieh nicht durch ßujonette. sondern durch die Zustimmung breiter Volksschichten sichern will. Die Geschichte des letzten Jahrzehnts hat immer von neuem'gezeigt, dufi alle Zuspitzungen im Politischen und alle Verschlechterungen im Wirtschaftlichen mit der Folgerichtigkeit physikalischer Gesetze sich letzten Endes gegen uns deutsche Juden answirkten. Ein Regierungsprogramm. das politische Gegensätze mildern und wirtschaftliche Schwierigkeiten lindern will, führt mit Selbste erständlichkeit zu einer Entlastung der Volksseele, die für uns bedeutungsvoll wird. Wir sehen uns dadurch in eine fruchtbare Situation hineingestellt. deren Zeichen wir verstehen und nützen müssen. Denn es scheint, als ob sich endlich wirklich die breite Front ans allen Schichten bildet, die der C'entralverein seit Jahren unter dem Schlagwort der „Front der Anständigen" gefordert hat. Die geistigen, seelischen uncl w irtschaftlichen Voraussetzungen, unter denen die Menschen dieser Front zu arbeiten bereit sind, unterscheiden sich durch nichts von der Tat- und Mitarbeitsbereitschaft der überwiegenden Mehrzahl der deutschen Juden. Wenn es endlich dazu kommt, daII liier nicht mehr Jede Gruppe für sich arbeitet, sondern viele, fast alle Gruppen für diege m einsame S a ch e als Gemeinschaftssache, dann wird der mitarbeitende deutsche Jude an seiner Arbeitsfront eine Fülle von Verhetzung uncl Vorurteilen zerstören können. die die Anerkennung jüdischer Menschen und derjüdischen Gemeinschaft bisher immer wieder erschwerten. Das Minimalprogramm des Kanzlers für das deutsche Volk gilt also richtig verstanden auch für unsere jüdische Gemeinschaft in Deutschland: Arbeiten am Nächstliegenden unter Verwendung der vorhandenen praktischen Möglichkeiten. Die Rüstung, die der Einzelne braucht, hat der C.V. geschaffen und stellt sie bereit. Ebenso Pläne- und Forderungen "Tür die jüdische Gemeinschaft auf ihrem neuen Werk- und Wegabschnitt. Aber der Einzelne muH seine Verpflichtung zur Arbeit in dieser Zeit erkennen und unter Zurückstellung persönlicher Endziele der Erledigung praktischer N'ahziele seine Kraft widmen. Dann wird das deutsche Judentum aus der Zeit eines vorübergehenden Burgfriedens in eine Epoche ehrlichen inneren Friedens gelangen. Die Ergebnisse der Wahlen zu den Isr.Vorsteherämtern. Unter Hinweis auf die in letzter Nummer veröffentlichten Wahlresultate bringen wir nachstehend noch die vor Redaktionsschluß'bei uns eingegangenen Wahlergebnisse: ßraunsbach: Isak Heumann: Creglingen: Max Gutmann. Emil I.ißbc-rgc-r. Rudolf Sinsheimer; Eßlingen: Leopold Moses: Rexingen: Rudolf Löwengart, Alfred Preßburgc-r: Tübingen-Rentlingen: R.-A. Dr. Katz. Leopold Hirsch (Tübingen). Sally Elsässer (Reutlingen). Aus Ludwigsburg ist mitzuteilen, daß der am 4. Dezember gewählte J. S. Ottenheimer zurückgetreten ist. An seine Stelle ist Ernst Wertlic-imer getreten. Aus dm Qememdm 'lüudtetH&ecQS. Stuttgart. Ain 18. Dezember v. Js. fand im Sitzungszimmer des Gemeindehauses eine Besprechung zwischen dem Vorsteheramt Stuttgart, den Abgeordneten der Landesversammlung und Vertretern der Landgemeinden statt. Die Landgemeinden hatten um eine Gelegenheit gebeten, den Mitgliedern des Vorsteheramts und den Abgeordneten der Landesversammlung ihre Wünsche vorzutragen. Dieser Bitte entsprach das Vorsteheramt Stuttgart mit seiner Einladung zu dieser Besprechung. Bevor in die Aussprache eingetreten wird, teilt der Vorsitzende, Oskar Rothschild, mit, daß zum hundertjährigen Jubiläum der Gemeinde Stuttgart die Glückwünsche von Organisationen und von einzelnen Persönlichkeiten so zahlreich eingegangen sind, daß es nicht möglich sei, für diese Glückwünsche jedem einzelnen besonders zu danken. Er erbittet deshalb von den Mitgliedern des Vorsteheramts Stuttgart die Genehmigung, allen Gratulanten den Dank des Vorsteheramts durch eine Veröffentlichung in der „Gemeindezeitung“ zum Ausdruck zu bringen. Nach dieser Mitteilung erstattet Dr. Königsberg e r, Crailsheim, einen eingehenden Bericht über die Sorgen und Nöte der Landgemeinden. Er schickt seinem Referat herzliche Glückwünsche zum hundertjährigen Jubiläum der Gemeinde — 200 — Stuttgart voran und führte dann aus, daß die Gemeinden auf dem Lande unverhältnismäßig hohe Steuersätze zu erheben gezwungen seien. Der Ortsumlagesatz in Gmünd betrage 15 %, in Baisingen 20%, in Niederstetten 44%, in T a 1 h e i m ca. 77%, und Hall müßte, wenn es keine Unterstützung vom Oberrat bekäme, 160% Ortsumlage erheben. Auf diese Weise seien besonders die größeren Steuerzahler in den kleinen Orten in einer nicht mehr tragbaren Weise belastet und es bestehe die Gefahr, daß ein Teil von ihnen sich diesen Verpflichtungen entweder durch Austritt oder durch Wegzug entzöge. Der bisherige Unterstützungsmodus des Oberrats habe einen genügenden Ausgleich nicht geschaffen. Dr. Königsbergs hat deshalb bereits im vorigen Jahre drei Lösungsvorschläge unterbreitet, von denen zwei jedoch, wie ihm mitgeteilt wurde, verfassungsmäßig nicht durchführbar sind. Sein dritter Vorschlag geht dahin, für den Ortsumlagesatz der kleinen Gemeinden eine Höchstgrenze von 10% festzusetzen, so daß die' darüber hinausgehenden Ausgaben des Haushaltplans, der natürlich auf das genaueste geprüft werden müsse, von der Zentralkasse zu tragen wären. Er berechnet den gesamten Aufwand der Zentralkasse, der dadurch entstehen würde, auf c a. >5 000 bis 40 000 RM. und glaubt, da bereits im Vorjahre ca. 25 000 RM. für derartige Unterstützungszwecke im Haushaltplan der Zentralkasse vorgesehen waren, daß der Rest sich ohne große Schwierigkeiten aufbringen lasse-, Eduard Weil geht in einem längeren Referat auf die Ausführungen Dr. Königsbergers ein und berichtet als wesentlichstes, daß der Finanzausschuß der Landesversammlung grundsätzlich bereit ist, für das Rechnungsjahr 1932/33 für die Unterstützung von Gemeinden einen Betrag in den Haushaltplan einzusetzen, der sich von der von Dr. Königsberger berechneten Summe kaum mehr unterscheidet. Diese Mitteilung wird von den Vertretern der Landgemeinden mit großer Befriedigung aufgenommen. Es schließt sich an das Referat von Eduard Zigarren Große Auswahl In jeder Prelelao© Fabrikfrische Zloaretten Erich Rieth 'SSSSSS Stuttgart Weil noch eine Aussprache über den Etat der Zentralkasse und über eine geplante Bewilligung an den „Württ. Landesverband für Israel. Wohlfahrtsbestrebungen“, an welcher sich Oskar Rothschild, Karl Levi, Dr. Hch. Wolf, Dr. Lepman, Leopold Kahn, Dr. Hasgall, Arthur Essinger, Einstein- Buchau und Steine r-Laupheim beteiligen. Es kommt in dieser Aussprache die Aulfassung zum Ausdruck, daß der Etat der Zentralkasse, wo es nur irgend geht, gekürzt werden müsse, daß aber, besonders bei der Frage der Aufhebung von Rabbiner- und Lehrerstellen, unbedingt die kulturellen Bedürfnisse der Gemeinden berücksichtigt werden müßten.' In der L-l.W.-Frage herrscht die Auffassung vor, daß die Landesversammlung durchaus berechtigt sei, die Existenz des L.l.W. durch einen angemessenen Beitrag aus Steuermitteln zu sichern. Der Vorsitzende des Vorsteheramts macht über die Leistungen der Gemeinde Stuttgart für das Land außerordentlich interessante Mitteilungen, die besonders auf die Vertreter der Landgemeinden einen sichtlichen Eindruck hervorrufen. Er berichtet, daß von dem für Stuttgart an Landesumlage und Gemeindesteuer ausgeschriebenen Betrag auf Landesumlage 62,5 % und auf Gemeindesteuer 37,5 % entfallen. Bei einem prozentualen Bevölkerungsanteil Stuttgarts gegenüber dem Land von 45,2% entfalle auf Stuttgart an der insgesamt aufzubringenden Landesumlage ein Teil von rnnd 68%. Von der Stuttgarter Landesumlage werden nur ca. 34 % für Stuttgarter Bedürfnisse, die übrigen 66% ausschließlich für Bedürfnisse des Landes verwendet. 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