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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1933-01-01 · 19 (1.1.1933) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
19 (1.1.1933)
Date
1933-01-01
Page
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Dies ist die Auffussuug der Religionen, aller Religionen. Die jüdischen Propheten haben hierfür gekämpft und ihr heben gegeben. Die Religionen unternehmen es mit Hilfe des Glaubens, den Menschen dahin zu bringen, daß er »ach der Wahrheit lebt. Sie wollen das Rechtsbewußtsein erhalten, die Menschenliebeverwirklichen, und sie heiligen das Mitleid. Aber auch jede Form der hrkenntnis. philosophische, wissenschaftliche und die unmittelbare Anschauung des Lebens durch die Kunst — hat im Grunde den Sinn, uns klarer und reiner zu machen, uns erkenntnisreicher und daher gütiger werden zu lassen. Ungütige Weltanschauungen haben immer einen Fehler, sie können mit der menschlichen Wahrheit, die uueh die göttliche ist. nicht übereinstimmen. Die Vernunft ist gegen Auffassungen und gegen Formen des Lebens, in denen die Menschen Verachtung vorherrscht. Das Mali von Vernunft aber, das ein Zeitalter enthält, entscheidet über seinen W ert, wie auch über jedes Einzelleben nach dem Grad seiner Vernunft entschieden wird. Die Aufgabe ist, die Welt in Einklang zu bringen mit dem Geist, aus dem sie entstand, in den sie aufgehen soll. Es handelt sich für jeden darum, nach der Wahrheit zu leben; und für die Wirklichkeit ist wichtig, daß sie den Gedanken nicht gegen sich, daß sie ihn für sich habe. Große Epochen der Geschichte kannten den völligen Frieden zwischen der Wirklichkeit und chm Gedanken. Dieser klassische Friede ist in neuerer Zeit immer schwerer zu schließen. Er wird vergebens gesucht, oder man sucht ihn nicht, verhindert ihn sogar Das rächt sich an den Menschen. Kein Zweifel, sie sind unglücklicher als in Zeiten, die «ich bemühten, nach der Wahrheit zu leben. Das 1 »glück der heutigen Menschen bedeutet Unvermögen und sieht nach Strafe aus. Taten, Ereignisse. Katastrophen, wie wir sie gesehen haben, und der Zustand der Geister, den wir miterleben, bleiben Vorbehalten Geschlechtern die sich abgewandt hatten von der einst machtvollen Vernunft, — ja, zu ihrer Rechtfertigung berufen sie sich auf die Widervernunft wie auf ein Gesetz. Sie bekennen sich zum Irrationalen. Dieses Zeitalter des Irrationalismus ist nicht so alt wie seine niederschmetternden Ergebnisse vermuten lassen würden. Noch die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts kannten durchaus die Aufsicht, die der Geist ausübt, und nach der Wahrheit zu leben, hielten sie keineswegs für unmöglich. Man gab sich nicht die unehrenhafte Mühe, zu rechtfertigen, was geistig unhaltbar war. Um 1900 verriugeite sich bei den Denkenden die menschliche Teilnahme. W us dafür eintrat, war Schönseligkeit. —- die nicht wertlos ist. sie hat auch große Werke ermöglicht, sie würde Kraft des Churnkters nicht ansschließen. Gefährlich wurde eine Kombination bestehend aus Aesthetizismus und der Bezweiflung der Vernunft. Die Vernunft hatte fast das ganze neunzehnte Jahrhundert hindurch zu groß dagestanden, noch länger wurde es einfach nicht ertragen. Die Gottlosigkeit des gebildeten Bürgers und der arbeitenden Müssewar zu selbstverständlich geworden Wenn die Naturwissenschaft schließlich fast den ganzen Raum der Religion mitsamt der Philosophie: einnahin. schien ihre Stellung angemußt. Der große Helmholtz war vorsichtiger ewesen, er hatte jedesmal an den Beginn seiner drlesungen ein einschränkendes Wort gesetzt: es besagte: wenn die Natur überhaupt erkennbar sei —. Das verhinderte nicht, daß die mittleren Intelligenzen sie als restlos verständlich voraussetzten, denn sie waren keine Philosophen mehr, wie noch Helmholtz. Viel eher hatten sie um Ausgang des Jahrhunderts für alle Metaphysik nur Mißachtung und Gelächter. Mun muß das gesehen haben: vor dem Sieg Nietzsches stellte jeder mitlebende Philosoph einen veralteten oder abseitigen Typ dar. und für Geschwätz wurde genommen, was später als Denken, dem naturwissenschaftlichen, gleichberechtigt wiederentdeckt werden mußte. Auf diese Verarmung des Denkens erfolgte um 1900 der Gegenschlag; nur war leider nicht durchaus die Bereicherung des Denkens gemeint. Man bemühte sich, es überhaupt zu entwerten. Wozu sonst legte man alles Gewicht auf das Irrationale? Wir hüben nur unsere Vernunft, und selbst was wir von unseren unbewußten Abgründen ans Licht ziehen, wird erreichbar nur durch unsere Vernunft. Kunst vor allem gibt es nicht ohne vernünftiges Denken. Die Anschauung wird erst lebendig, wenn sie durchdacht ist. Gestaltung ist eine besonders sinnliche Form des Denkens. — nicht als ob seine anderen Formen unsinnlich wären. Aber der Gegenschlag gegen den Intellektualismus bediente sich der Kunst auch nur als des auffallendsten, wenn auch falschen Beispiels für das Irrationale in allen großen Mächten des Lebens. Die Unterlegenheit der Vernunft wurde ebensowohl betont hinsichtlich der triebmäßigen, tiefen Bereiche, die Nation. Traum. Krieg, Liebe heißen sollten. Die neue Wendung des Geistes von 1900 verdient Achtung, solange sie Forschung ist und der Erkenntnis neue Quellen öffnet. Sie hat keinen Anspruch auf Nachsicht, sobald sie dem Denken andere Mittel des geistigen Erlebens entgegenhält. Diese nennt man Gefühl oder Ahnung es bleibt aber immer das Nichtdenken. Einen anderen Gegensatz als das Nichtdenken kennt das Denken nicht. Das ist auch vollkommen begriffen worden von der gesamten Mittelmäßigkeit. Denn was die Vornehmen erfinden, bekommt erst seinen schliefilichen Sinn, wenn es bei den Kleinen anlangt. Die haben gewittert: jetzt geht es uns gut! — Das Vernünftige muß redlich erarbeitet werden, aber das Irrationale hat jeder von selbst. Es hat immer die Neigung, sich aus- Amtl. J&ekcuiMtmaduutqeH. Israel. Gemeindevorsteheramt Stuttgart. Ihren Austritt aus der Israel. Religionsgemeinschaft hat erklärt; Frau Hilde Neu mann, geh. Rothschild, Kunstmalers. Ehefrau, hier, Ameisenbergstreiße 57 a. _ Jüdische ZentcalsteUe Jfiit!Becufss ' hecatiuiq. und Arbeitsnachweis. Stuttgart, Hospitalstr. 36 — Telephon 228 98. Sprechstunden: Mittwoch von 5—7 Uhr. Wir bitten, nach Möglichkeit sich unseres Arbeitsnachweises zu bedienen und führen nachstehend einige der uns gemeldeten Kräfte an: Kaufmann, 23 Jahre ult. selbständig für Büro. Lager und Reise (Lederbranche). Stenotypistin, junge perfekte Kruft, gewandte Umgangsformon. Musiklehrerin, Klavier- und \ iolinunterricht in und außer dem lluuse. Schneiderin, mit viel Geschmack, tüchtig gewissenhaft. sucht noch Kunden in und außer dem Hause. Haushälterin, gebildeter, sympathischer Mensch. selbständig, langjährige Praxis. Automechaniker, 19 Jahre alt. gute Ausbildung. zubreiten und alle die so ungesicherten Bauten der Vernunft hinwegzuschwemmen. Die Wiedereinführung des Irrationalen war die gute Gelegenheit der menschlichen Schwäche, sich gehenzulassen, sich auszuverschenken an Instinkte, die nicht nachgeprüft werden, weil sie tief sind, und nicht nachgeprüft werden dürfen, weil ihre Tiefe sie heiligt. Nur so hat die entscheidende Bewegung die ses halben Jahrhunderts, der Nationalismus, weiterlaufen können bis ins äußerste und darüber hinaus. Die geistige Haltung des öffentlichen Körpers verändert sich mit furchtbarer Langsamkeit. Wenn ihre Unerträglichkeit allseitig feststände, sie behielte noch lange ihr her- | köjnmliches Recht. Ja. der öffentliche Körper macht von einer gewissen geistigen Haltung erst 11 dünn den abscheulichsten Gebrauch, wenn sie im Grunde vorbei ist. Das ist der heutige Fall des Irrationalismus. Man weiß, daß er vorbei ist. alle Tatsachen des Lebens sind-gegen ihn. Man weiß, aber mun will nicht w issen. Der öffentliche Körper und seine barbarische Langsamkeit er-; drücken das Bewußtsein der einzelnen. i 1932 ist der Irrationalismus seinerseits klein | und niedrig geworden. Er hält zwar noch immer die ganze Wirklichkeit besetzt, er wäre* auch für die Wiederholung von Katastrophen, über darin w idersteht die W irklichkeit ihm schon. Wir fühj len auch, daß inmitten dieses Chaos das Zeitalter des Irrationalismus früher bis an sein Ende laufen wird. Der letzte Abschnitt jedes geistigen, Zeitalters ist der lauteste. Man trumpft noch einmal auf, heimlich beschlichen von der Verzweiflung. Dann ruft 1932 irgend jemand in den Sender: Das intellektuelle Denken lehnen wir ab! Allerdings. „Wir“ kämen sonst auch in Verlegenheit. Das „intellektuelle Denken“ ist lange nicht geübt worden, und damit müssen andere anfangen. iüec wm 7Habe£n spacht, denkt .an MOBEL-MAY kä

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