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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-12-16 · 18 (16.12.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
18 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
[Seite] (sequence 13)
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- III Der gefallene Ismael. Von Ruth Schaumann. I ania. unsere* besten Pferde übernommen, und werde dicht neben deiner Weide ackern. Wir rasten dann immer zusammen, essen gemeinsam Mittag und die Wiese ist unser Tisch und Blumen muß man nicht daraufstellen, denn die wachsen schon von selbst auf unserem Tisch.“ „Wie lange gedenkst du so an diesem Tisch zu sitzen?“ ruft Mosche dazwischen. In einer Woche mußt du mit jenem Feld fertig werden. Glaubst du, mein Gemüsegarten kann so ruhig auf den Pflug warten? In spätestens einer Woche mußt du bei mir ackern, sonst, sonst — gibt es keinen Salat.“. Mardechai fühlt sich getroffen. Fr ist noch sehr klein, aber Salat ißt er furchtbar gern, und Mirjam, die jetzt in die Küche an Stelle Rachels kommt, versteht so herrlichen zu bereiten. Ja. Mirjam, die ruhige, blauäugige Mirjam. Ihre Fitem wurden irgendwo in der Ukraine ermordet. vor einigen Jahren kam sie her, ein schwaches, verschüchtertes Kind. Schüchtern und schwach ist sic nicht mehr, aber still und ruhig ist sie geblieben und alle wissen: Wenn Mirjam dabei ist. gibt es keinen Streit, wenn Mirjam dabei ist. geht alles glatt und ruhig vor sich. ..Kürcht’ dich nicht. Mardechai.“ sagt sie. „Amos wird ackern. Mosche wird den Gurten bearbeiten und du wirst deinen Salut hüben.“ ..Ja. über du. Mirjam.“ rufen einige dazwischen. ...wirst dich wieder in der schäbigen Küche plagen.“ ..Was habt ihr nun alle gegen die Küche und gegen die Hausarbeiten?“ antwortete Mirjam. ..Ihr glaubt, wenn ihr ackert, säet, erntet und drischt, melket und weidet, daß ihr großes und wichtiges tut. Und mit Recht. Aber wenn Gideon die zerrissenen Schuhe von Amos flickt, dann hilft er ihm doch damit beim Ackern: und we nn Ghana dafür sorgt, daß Mosche ein reines Hemd trägt, dann hat sie damit doch ein Teil au seinem Gemüse. ui|d wenn ich den hungrigen Mund Rachels stopfe, dünn füttere ich damit auch die Schafe mit.“ — Fin schallendesGelüchter unterbricht sie. luchende Kinder hüben einen Kreis um Mirjam gebildet. ( hanu. die ganz traurig im Winkel gestanden war. denn Wäschewaschen viele* Wochen lang, ist wirklich kein Vergnüge», fliegt ihr um den Hals, and schon scheint es. daß die allgemeine Frregung »ich in einer Horru Luft machen w ird. Du werden dampfende Schüsseln hereingetragen. Das letzte Mul waltet Rachel ihres Amtes, und die Münder bekommen bald andere Beschäftigung als plappern. Aber nicht für lange. Rasch sind die Schüsseln leer, und Jehoschua der Große (er ist schon fast 17 Jahre ult) erhebt sich zu einer Ansprüche. Kameraden, soeben hat uns Mirjam so schön erklärt, daß es keine* unwichtige Arbeit gibt. Auch meine Arbeit. Krankenpflege. Krunkheitsverhütung. Wir wollen und müssen gesund bleiben. und ich habe die Sorge dafür übe rnommen. Nicht leicht ist meine Arbeit, und ihr alle müßt mich unterstützen iin Kamßf gegen Unreinlichkeit. Schmutz und Fliegen. Reine Klosette, saubere Zimmer, viel Sonne, viel Uuft. das ist schon halbe* Gesundheit Viel Freude, viel l.achen. viel Singen. Also los. helft mir.“ Und schon hört man in einein Winkel die ersten Takte* eines Liedes. Andere greifen es auf >— Buben und Mädel stürmen ins Freie, das Lied erstarkt, wächst über die Kinder hinaus, reißt sie mit. formt sie in einen Kreis, das Lied braust, droht den Kreis im Takt. Beine stampfen. Hundert Kinderkehlen singen, schreien, und eine wilde, große, erlösende Horru wirbelt und tobt durch den dunkelnden Hof. — Kinder. Frez-Israel-Kinder tanzen. Die Sonne ist untergegaugen. Nur im Osten leuchten noch einige Klippen. Die Berge Gilbou. Dort. Sonia, Ifiel König Saul und der'junge Held Jonatan. Und dort, siehst Du, auf jenem Bergliang zur Rechten, opferte und eiferte Flijahu der Prophet. Dazwischen, schon im Dunkel, der Fmek Izreel. das Tal. wo Gott sät. Wogende Fluren von Ain-Charod und Beth-Alpha. Hier schuften Pioniere. Menschen, die alles verlassen haben, in schwerer Arbeit und in aufreibenden inneren Kämpfen. Sie bauen Zukunft, mit verbissenen Zähnen, über sie bauen. Fin großer leuchtender Mond steigt jenseits des Jordans auf. wirft silbernes Licht auf die tanzenden Kinder. Fmek Izreel. Berge Gilboa. Karmel im silbernen Mondlicht. Land unserer V äter, Land unserer Kinder. Für euch tanzende Kinder, für Dich. Sonja, schuften jene Pioniere*, und Ihr sollt ihnen dankbar sein, indem Ihr glücklich werden, wie* Kfar Jeladiin. glücklich auf dieser Scholle*, in dieser Arbeit, in diesem Tanz. Die Kinder tanzen mich immer, Zypressen schweigen zum Himmel und von ferne tönt leise eine Hirtenflöte: Schön sind die Nächte im Lande Kanaan. Ruth S ch a u in a n ii, die Trägerin des diesjährigen Dichterpreises der Stadt München, zählt heute zu den ersten deutschen Lyrikern. — Eine außerordentlich günstige Aufnahme hat jetzt ihr unlängst im Grote-Verlag, Berlin, erschienenes Prosawerk, „Anei, BuchderKindheit** gefunden, dem wir den nachfolgenden Beitrag entnehmen. Dieses Kapitel schildert in erschütternder Weise die Begegnung mit einem jüdischen Kinde. Die Schriftleitung. Fs ist eine lange Straße, wie* ein Schlauch durch die Stadt, die recht kleine: so gegen die Mitte zu aber liekommt der Schlauch etwas wie zwei Knoten. Fincn dicken und einfach geknüpften das ist der Platz, wo die einzigen Bäume stehn, die man hier kennt. Im Winter, wenn sie kahl sind, stellt der Italiener sein Oefchen darunter:, er friert, und seine Kastanie n brotzeln vor Glut, und durch die Scheibe vom Konditor sieht man den kleinen Feuerschein im Schnee* neben den Füßen des braunen Menschen hüpfen, wie* einen kleinen, roten, löweninähnigen Hund. Und im Sommer ist Markttag unter den Baumen, sie werfen ihre* roten und weißen Blütenblättche n in die* gelben Brutruinen hinein, in die bunten Tassen unel auch in die bläulichweißen Töpfchen mit dem einzigen Henkelschwänz lei n vorn auf dem Bauch die Amei gar nicht mag. der Töpfer aber eifrig verkauft. Und eine Drehorgel spielt wehmütig dazwischen, und ihr Herr wiegt sein Haupt dazu wie* im W inel. Der andere Knote n ist kle in unel etwas schlumpig gemacht, es ist ke in Platz, nur ein Plätzchen mit schiefen Läden, die gehen bald vor. bald zurück. ihre Treppen gehen hinaus oder hinab in die Gewölbe*, unel Leute* sitzen dunkel davor. Dunkel sind die Leute:, dunkel sind die Gewölbe*, dunkel sind auch die Waren, die* man verkauft. Alte Hosen. Rücke. W cste» und immer verbogene Schuhe, manchmal rot überzogenes Bettzeug, und es riecht seltsam an diesem Ort. Wenn Arnei geht, wie sie* soll muß sie*, zur Spielschule trottend, über Plätzchen und Platz. Fs ist ihr befohlen, durch das Platzgäliehen eilig zu gehen, und sic tut das gehorsam. Die dunklen Le ute* sehn sie so husten, sie blicken Amei schwermütig an. und .Vinci wird es traurig zumut. Warum muß sie hier eilen und darf erst wieder langsamer gehen, wenn die nahe Brücke* hinter ihr liegt? In der Spielschule über ist ein Kind von den dunklen Leuten, die vor den dunklen Gewölben sitzen und schwermütig sehn. Fs ist ein kleiner Knabe: er ist dunkel, wie alle dort sind, aber er lucht, wie jene nie lachen. Fs ist Arnei nicht ge sagt worden, sie solle laufen, wenn sie ihn sieht. So steht sie oft in seiner Nähe, er ist viel kle iner und zarter als sie. und schaut ihn schweigend, fast mütterlich an. Sie meint, sie habe* ihn schon gesehen. früher, und sie weiß plötzlich, daß er dem kleinen Isaak in ihrem Bilderbuch gleicht, den der Vater Schluchten wollte, ehe* das Wielderlainm kam. Wenn die Lehrerin in der Spielschule uns dem Bibelbuch etwas erzählt, ist das Bänkchen des dunklen Knäbleins jedesmal leer: das ist. er hat zwei ganze Sönntage* hintereinander, warum, weiß Vinci nicht. Wie Arnei nun heut von der Spielschule kommt, tritt sie wieder in den dunklen Bereich. Sie geht nicht so schnell, wie sic* sollte. Die Lehrerin hat von Moses im Körbchen erzählt und von Jesus im Kripplein, wie den einen die Königstochter zu sich genommen, dein anderen über ein Fsel die kalten Füße geleckt. Daran muß Arnei immerfort' denken. Der Platz des dunklen Knaben war leer gewesen wie immer, und wie Vinc i jetzt noch einige Schritte* tut, sieht sie ihn mitten auf der Straße stehen, in einem prächtigen, festlichen Rock. Fr hat wiederum Sonntag und darf auf der Platzgasse spielen, und die dunklen Leute sitzen nicht vor eleu Gewölben herum. Vinci möchte den Gefährten gern begrüßen, wie sie über nah kommt, überaus schmutzig vom Spielen, läuft der Knabe vor ihr davon. Und wie das Knüblein läuft, fällt cs, und wie es füllt, schreit es. Und .Vinci rennt und stellt es wieder auf seine Füße, und sein festlicher Hock ist befleckt. Das sieht nur .Vinci, denn es selbst weint ganz erbärmlich, mehr aus Schreck, als weil es sich wehe getan, und Amei weiß nicht, wie helfen. Sie streicht ihm erst die Haare zurück, dann nimmt sie den Schieferschwatnm. der ihr vom Schulsack herabhängt au einer langen rostroten Schnur und tupft ihm die Tränen von seinen Wangen. Der Schwamm ist gewiß sauberer als ihr Tuch. Und wie das alles nicht helfen will, legt sie ihre wurmen Lippen auf seine: er ist so klein und so kläglich und nimmt diese schwache Wärme gutwillig an. wie die Füße des Jesuskindes seines Fseleins Hauch. Und Ameis Augen sind dicht vor seinen Augen; die sind nun ganz offen, dunkel und schwer. Wie Brunnen, denkt sich Amei. ..Ismael." ruft eint* Stimme. Und wieder „Ismael“! Aber die Augen der Kinder ruhen »eich ineinander, als tausche ein dunkler Brunnen langsam mit einem hellen sein Naß. Da kommt die Frau ganz ihre Stiege herauf und nimmt Ismael an die* Rechte*, an die Linke aber nimmt sie* .Vinci. ..Komm mit. Mädchen." ihre Stimme ist singend, in ihren Ohren »inel seltsame Steine, sie ist sehr sehön angetan. ..Fr ist gefallen.“ beke nnt Amei. ..Ich sah es." ..Fr hat geweint." ..Du aber hast ihn getröstet.“ Fs ist nicht klar, ist die Frau mehr lsm|uels Mutter oder Arnei. Und sie sind alle drei drinnen im Gewölbe. Fr ist nicht schön, der Geruch im Gewölbe. Die r^teu Kissen, die sonst draußen hängen, liegen aufeinander getürmt und sehen aus. als wären sie gefüllt mit diesem Geruch unel wollten daran gleich zerplatzen. Die dunklen Hosen und Röcke* sind auch im Gewölbe, alles Gerümpel und ücue* kieferne Möbel, unel wiederum Schwarzes, das sich aber bewegt. Da merkt Amei. daß es viele der dunklen Leute sind, die hier herumstehe u oder sitzen, unel durch eine offene Tür geht e-s noch tiefer hinein. Und siehe, dort ist es dunkel und hell zugleich, denn es brennen ruhige Kerzen. Amei kann schon zählen, bis zehn: sieben Kerzen brennen zusammen und duften mächtig und schön. Lud eine* Stimme* nahe den Kerzen: ..Komm. Kind!" Fs ist e in altes Männchen in einem Stuhl, wie eine* Schnecke in ihrem Gchüus. einem viel zu großen Gehäuse*. Das Männchen zittert unel zittert, aber wie es seine* llauel auf Ameis Scheitel legt, wird sie ganz stille, wird sie ganz schwe r und immer noch schwerer, als rinne von irgendwoher ein großer Strom und fülle die ganze Hand ungeheuerlich über ihr Maß. So schwer, ja noch schwerer wird die Hand, und Amei neigt schweigend darunter den kleinen Nacken, unel elie Stimme sagt: „Gehe jetzt. Kind." Die* Hund ist herabgesunKen von ihrem Haupt und zittert wieder neben der anderen auf den Knien des Alten, zittert und zittert, als wäre gar nichts in ihr und der dünne Luftzug der offenen Türe bewege sie so. Vinci geht hinaus mit der Frau unel Ismael wie sie gekommen. Fine andere dunkle Gestalt steckt ihr ein fremdes Kuchenbrot in die Hand, die Stiege trägt sie hinauf. Dann ist sic* wieder im Gäßchen. Die Sonne sticht hinein, wie die Nadel von Franja. der Köchin, in das dicke* Buch sticht, wenn Franja das Orakel befrugt7~ Amei fällt ein. daß sie hier ja laufen soll, unel sic läuft. Sie läuft auch noch über den Platz und wird laufend ain Filde des Schlauches gesehen, wo er in den Vorort mündet, dort, wo Häuser in Gärten sind, Ameis Vaterhaus mitten darin. Die Sonne ist heiß und ohne Erbarmen, aber Arnei ist, als habe* sie einen Hut auf dem Kopf, einen schattenden Hut. Immer mich spürt sie* die Hand auf den Haaren und das Schwere. Strömende in der Hand. Sie will sich nicht kämme n lassen um Abend dieses Tages, es gibt e inen großen Kampf mit Fräulein Cocleste. Am andern Tag ist Regenwetter. Mittags ruft der Vater Amei. Die Kleine steht vor dem Riesen. „Du hast einen Knaben geküßt. Leutnant George hat es gesehn." Gemeindemitfllieder! DIEHILFE „HILFE“ Versicherungsverein a. 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