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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-12-16 · 18 (16.12.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
18 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
[Seite] (sequence 11)
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Beilage der „Gemeinde-Zeitung für die ifroel. Gemeinden WtiriiemvergS IX. 3aOr0Qna Gtattoart, den 16. »ezenrvee 1932 2»r.i« Jüdischer Mittelstand und Genossenschaftsbewegung. Aus einer Rede von Dr. h. Iii der le(/.ten Mifglirderversammlung des L.I.W., über die wir an anderer Stelle berichten, wurde die Errichtung einer jüdischen Darlehenskasse für Württemberg eifrig diskutiert. — Von welcher Bedeutung eine solche Kreditinstitution für den schwer ringenden jüdischen Mittelstand ist — davon spricht der nachstehende Artikel. Die Schriftleitung. Der wirtschaftliche LmschichtuiigsprozcH. der iin Grunde mit dem Weltkriege begonnen, über Inflation zur Deflation geführt hat und in seinen Auswirkungen sicherlich noch nicht beendet ist, hat mit besonderer Starke die Kreise erfalit. die wir gewöhnt sind, mit der Bezeichnung Mittelstand zu versehen. Vernichtete schon die im Gefolge des Krieges aufgetretene Geldentwertung die materielle (iriiudlugc \ ieler mittelständischer Existenzen,'so mußte sich diese Bew egung fortsetzen. als in der Wirtschaft die Konzentrations. Bildung durchgriiT. Konzerne und Svnelikatc* können naturgemäß nur dann vergrößert werden, wenn dieser Prozeß von einer Aufsaugung bisheriger Mittelstandsexistenzen begleitet ist. Im Gegensatz zum Proletariat fassen wir als das mittlere Bürgertum solche Kreise auf. die sich einer gewissen Sicherheit erfreuen konnten. Begleiterscheinung des Proletariats ist Unsicherheit der Existenzgrundlage: Kennzeichen des Bürgertums war immer ein gewisses Sicherheitsgefühl, das sich entweder gründete auf eine stabile Vermögensbasis oder auf eine selbständige wirtschaftliche Grundlage. Beides ist heute dem früheren Mittelstand verloren gegangen. Die Vermögen, wenn sie schon in der Inflation nicht zerflossen waren, sind durch die weitere Entwicklung weggesch wein int worden, und die Selbständigkeit seiner Existenz, hat der frühere Mittelständler verloren, weil unsere Wirtschaftsstruktur gerade dein kleinen Geschäftsmann nicht sehr freundlich gesonnen ist. Weil der Mittelstand im Judentum immer eine bedeutende Rolle gespielt hat. sind wir von den Veränderungen der wirtschaftlichen Struktur am stärksten betroffen. Der .Mittelstund war derjenige Teil unserer Gemeinschaft, der in erheblichem Maß zur Belebung der Kultur beigetragen hat, in der Förderung von Kunst und Wissenschaft. in der Arbeit füt1 soziale Dinge sein Lebensziel gesehen hat. Nicht die immer dünne Schicht der besonders Wohlhabenden hat das Niveau unserer Gesellschaft allein bestimmen können, dazu mußte erst die große Gruppe des Mittelstandes kommen, um alle die Dinge aufrecht zu erhalten, die uns früher als lebensnotwendig erschienen. Wenn heute keine Bücher mehr gekauft werden, Maler ihre Bilder nicht absetzen können, der Spielplan unserer guten lind ernsten Theater sich völlig verändert hat. dann sind das Wirkungen, die zurückzuführen sind auf das Zerreiben des Mittelstandes, auf seine Ausschaltung aus dem geistigen und kulturellen Leben zunächst unserer engeren Gemeinschaft. dann aber auch des ganzen deutschen Volkes. Ich habe es mir heute nicht zur Aufgabe gestellt. eine Analyse des Prozesses Ihnen zu geben, der zur teilweisen Vernichtung des Mittelstandes geführt hat, denn als praktischer Wirt schaftsmann scheint mir die theoretische Erkenntnis von geringerer Bedeutung zu sein als ein llin- . Wilhelm Kleemann, Berlin. weis auf Möglichkeiten, wie der Not. wenigstens der äußersten Bedrängnis des Mittelstandes abgeholfen werden kann. Theoretiker des Wirtschaftslebens hüben viele Hinweise gegeben, wie dem Mittelstand geholfen werden kann Du sollten Reich. Stuut und Kommune Geldmittel zur Verfügung stellen, um die noch lebenden Mittelstaiidsexistenzen zu erhalten: aber ich glaube nicht, daß Hilfe von außen allein, und ich lege besonderen Nachdruck auf das Wort „allein", die erforderliche Hilfe bringe» kann. Man hat dann gemeint, daß es gut wäre, wenn die Angehörigen des Mittelstandes sich auf die neuen Branchen werfen würden, wenn sie versuche» würden, dort, wo die Kouzernbildiing noch nicht bis zu ihrer höchsten Vollendung vorgeschritten ist. einzuhakc» und so für sich eine neue Basis ihrer Existenz zu schaffen. Das mögen sicherlich wertvolle Hinweise sein, und die Teile des Mittelstandes. die sich ihre Aktivität bewahrt haben werden diese VV ege mit Erfolg gehen können. Ich glaube aber, daß das Grundproblcm der Hilfe für den Mittelstand im Prinzip eine Kredit frage ist. Ist es richtig, und wir hüben keine Zweifel, daß dem Mittelstand vor allem die Mittel fehlen, um Existenzen zu erhalten oder neue utifzuhuueu. dann müssen wir uns fragen, was geschehen kann, um dem Mittelstand die erforderliche Kredithilfe zu bringen. Sie haben sicher alle gelesen, daß Bestrebungen im Gange* sind, die Zinssätze zu verbilligen, und daß sogar die Absicht besteht, diese Frage mit Hilfe* einer Notverordnung zu regeln. Ich glaube nicht, daß die Frage der Billigkeit des Kredits, primär gesprochen. die entscheidende Frage ist: denn zuerst muß man einen Kredit hüben, und erst dann kann man Erwägungen anstelle», ob der Kredit etwa zu teuer und daher nicht tragbar ist. Zunächst also gilt es nach Wegen Ausschau zu halten. um dem Mittelstand solche Kreditmöglichkeiten zur Verfügung zu ste llen. Sicherlich hat ein Teil unserer Großbanken die Wichtigkeit des Kleinkredits erkannt und diesen Zweig des Geschäftes gepflegt. Aber Großbanken sind nicht immer, ja sogar sehr selten, in der Lage, den Bedingungen gerecht zu werden, unter denen A » - gehörige des Mittelstandes Kredite* erlangen können. Hier, zur Ausfüllung dieser Lücke unseres Wirtschaftslebens, hat nun die Genossenschaftsbewegung eingesetzt. Ich brauche die Geschichte dieser Genossenschaftsbewegung nicht zu erzählen: schon vor dem Kric*gc* hat es sehr viele ungesehene und mächtige Genossenschaften gegeben, ihre Zahl hat sich vermehrt, und heute* kontrolliert Hie Genossenschaftsabteilung der Dresdner Bank allein über 1200 Genossenschaften mit einer Gesumtbilnnzsiimme von über eine Milliarde Reichsmark. In unseren jüdischen Kreisen hat man nun den großen Fehler begangen, an dieser lebendigen und wirtschaftsfördernden Bewegung völlig vorbeizugehen. Der Jude ist seiner Natur nach individuell veranlagt, und der im Wirtschaftsleben stehende Jude verdankt seinem Hang zur Eigenart, dem Wunsche, allein zu gehen, manchen geschäftlichen Erfolg. Aber das kann nicht standhaften in einer Zeit, in der nun eben alles sich vom Prinzip der Individualität ubzuwenelen scheint, in der die Organisation das herrschende Prinzip geworden ist und wo also der Einzelne nur sehr geringe Aussicht hat. sich durchzusetzen. Weil also der jüdische Mittelstand sich nicht Zigarren rar Weihnachten das willkommenste Geschenk für jeden Herrn Große Auswahl In jeder Preislage Fabxlkfrlsche Zigaretten Erich Rieth Ä' Stuttgart völlig ins Hintertreffen drängen lassen kann, muß er das tun. was auch sonst schon geschehen ist: er muß sich einord.nen in <1 il*- große B e vv e gong der G e miss e n - s th a f t e n . er tu u ß e r k e n u e n . daß. w c* » n ii b e r h u u p t. i h tu nur v o n dieser Seite Hilfe* kom nt c* n k a n n. In Berlin bestehen seit einiger Zeit zwei jüdische Genossenschaftsbanken. und man kann mit dem Ergebnis ihrer Arbeit durchaus zufrieden sein. Im Frühling dieses Jahres wurde* die „Gesellschaft zur Förderung des Genossenschaftswesens“ gegründet, nicht etwa zu dem Zweck, möglichst vielt* jüdische* Genossenschaften in Deutschland einzurichte n, sondern um die Juden für den Ge nossenschaftsgedanken überhaupt zu gewinnen: denn die Stärke einer Genossenschaft, ihre Kreditgewährungsmöglichkeit hängt von der Größe ihres Mitgliederbestandes ab. Ith habe den Eindruck, daß unser jüdischer Mittelstand noch immer nicht eingesehen hat. daß n ti r in der Selbsthilfe dc.*r Weg der Rettung liegt: ich habe das stärkste Empfinden, daß immer noch unsere Kreise am liebsten sich auf sich allein stützen, auf ihre engste Umgebung. Bei einer solchen Einstellung werden wir niemals zu einer w irksamcu 1 lilfe für unseren Mittelstand kommen. VV ir müssen ei »sehen daß uns mit der Genossenschaftsbewegung ein Instrument in die llaud gegeben ist. mit dessen Hilfe wir große* Teile*,Vtnserc*s jüdischen Mittelstandes wieder aktivieren können. Manche werden vielleicht ein wenden, daß der Antisemitismus auch das Genossenschaftswesen erfaßt hat und daß Juden nicht darauf hoffen dürfen, von den Leitungen der Genossenschaftsbanken, auch bei Erfüllung aller Bedingungen. Kredite zu erhalten. Ich glaube das nicht, wenigstens habe* ich aus größeren Städten solche Nachrichten nicht erhalten, und andererseits, sollten wirklich solche- Regungen auftreten. dann wird die „Gesellschaft zur Förderung des Genossenschaftswesens unter den Juden" diesen Dingen nachgehen, und auf je* größere Mitgliederbestände aus jüdischen Kreisen wir hinweisen können, desto stärker xcerden wir Abhilfeleisten können. Auch die Ge nossenschaftsidec* ist ejnes von den Mitteln, allerdings. wie ich glaube, das wirtschaftlich fundierteste und aussichtsreichste, wenn man. wie ich. auf dem Standpunkt steht, daß das Mittel stuntlsprohlem ein Kreelitproblem ist. Meine Damen und Herren, Sie alle können etwas dazu tun. um dem Genossenschaftsgedunken in der Judenheit zum Durchbruch zu verhelfen. nicht nur. indem Sie mitwirken bei der Propagierung dieser Idee, die eine volkswirtschaftlich gesunde und auch dem Einzelnen helfende ist. sondern indem Sie sich selbst die Frage vorlegen, ob nicht manche Ihrer wirtschaftlichen Schwierigkeiten beseitigt werden könnte*, wenn Sie selbst Mitglied einer Genossenschaft wären. Ith bin häufig gefragt worden, ob die jüdischen Genossenschaften Hilfe der jüdischen Gemeinden in Anspruch nehmen sollten. Bis zu einem gewissen -Grad wird das natürlich geschehen können. insoweit es sich nämlich um wirtschaftlich berechtigte Maßnahmen handelt, und insoweit nicht dadurch der Genossenschaftsbewegttug ein charitativcr Charakter aufgedrückt wird. IX*nn eines müssen Sie wissen: mit Wohltätigkeit darf das G e n o s s e u s ch a f t s w esen W. 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