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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-12-16 · 18 (16.12.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
18 (16.12.1932)
Date
1932-12-16
Page
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— 195 — Die Hundertjahrfeier der br. Religionsgemeinde Stuttgart. In einer durdi ihre Schlichtheit besonders eindrucksvollen Form beging die Israelitische Religionsgemeinde die Hundertjahrfeier ihres Bestehens durch einen Festgottesdienst. Auf Ersuchen des Stadtrabbinats hatten die hiesigen Schulrektorate ihre jüdischen Schüler zur Teilnahme an dem Festgottesdienste vom Vormittagsunterricht befreit. Im Mittelpunkt der Feier stand die Festrede des Stadtrabniners. der im engen Anschluß an das Sabbathsdiriftwort von Jalcobs Ausruf beim Erwachen von seinem Traume „Wahrlich, ein Gott waltet an diesem Orte“ und sein Gelöbnis, ein Gotteshaus an diesem Orte zu erbauen und Werke der Liebe zu üben, von Israels prophetischer Sendung sprach, seinem Gotte überall Stätten der Anbetung, ..Lehrhäuser des Erbarmens (Philo)“, Prophetenkanzeln seiner Wahrheit zu erbauen. Nicht der Bau. sondern der Geist, der in diesen Tempeln waltete, machte sie zu Gotteshäusern. Dieses Schriftwort sei in seinen geschichtlichen Auswirkungen die schönste Sinngebung der heutigen Festesfeier. Die Stuttgarter Religionsgemeinde feiere heute nicht das Fest des Tages, an dem vor hundert Jahren zum ersten Male die Wahlen zum Kirchen vorsteheramte erfolgten, sondern daß vom ersten Tage der neuen Gemeindebildung an diese 15 Familien unter größten Opfern die Erfüllung aller religiösen Verpflichtungen auf sich genommen: die Erwerbung eines eigenen Friedhofes, die Wahl eines geistigen Führers, den Bau eines würdigen Gotteshauses, die Einrichtung aller religiösen und Wohlfahrtseinrichtungen einer jüdischen Gemeinde. Dieser Geist der Opfer freudig keit und jüdischer Religiosität ist in der Stuttgarter Gemeinde stets rege geblieben. Ihre Lehrer und Gemeindegenossen haben die Jakobspflichten freudig auf sich genommen und dafür gewirkt, „daß der Gott Israels wahrlich an diesem Orte gewaltet“. Daß die Gemeinde diesem guten, echt jüdischen Geiste treu geblieben, bezeugt die Art. in der das gegenwärtige Vorsteheramt die Erinnerung an diesen Festtag in kommenden Geschlechtern erhalte» sehen will. Nicht durch eine prunkvolle Festlichkeit, sondern durch die Neufundierung der „V e r e i n i g t e u kirchcnrat D r. K r on c r - und Jubiläumsstiftung der Gemeinde für Kinderfürsorge“ aus Ersparnissen der Gemeindeverwaltung soll das Gedächtnis an diesen Tag in der Zukunft fortleben. Die Feier wäre aber nur eine Gedächtnisfeier der Vergangenheit, wenn nicht die Kinder der Gemeinde an diesem Feste teilnähmen. Durch ihre Anwesenheit wird die Feier das Zukunftsfest. mit dem wir das neue Jahrhundert der Gemeindegeschichte beginnen. Er reiche gleichsam von der Kanzel der Jugend die Schwurhand zum Eidgclübnis der Treue und des Gelübdes, im Sinne der Väter und Mütter Träger der Thora Bekenner ihrer Wahrheit, Verteidiger ihrer Erkenntnisse zu werden. Erst wenn unsere Jugend alldies gelobt, dann „ist der Geist der Vorzeit der Geist der Zukunft, dann wirkt und waltet in Wahrheit Gott an diesem Orte in Zeit und E w i g k e i t“. Mit dem Segen für die Gemeinde, für das Vaterland, die Heimatstadt und die gesamte Menschheit schloß die festliche Rede. Mit dem üblichen Mussafgebete endete der Festgottesdienst. * An dem Festgottesdienst nahmen teil der ehemalige Präsident der Isr. Oberkirchenbehörde. Dr. Karl von Bälz, Mitglieder des Israel. Oberrats und der Israel. Landesversammlung. Vertreter württembergischer jüdischer Gemeinden, ehemalige Mitglieder des Israel. Vorsteheramts Stuttgart und die Vorstände aller jüdischen Vereine unserer Heimatstadt. Sie alle vereinigten sich nach der synagogalcn Feier mit den Mitgliedern des Israel. Vorsteheramts sowie den Rabbinern und Lehrern zu einem kleinen Frühstück, bei dem der Vorsitzende des Vorsteheramts, Oskar Rothschild, von den eingelaufenen Glückwunschschreiben Kenntnis gab und gleichzeitig seinen Dank hierfür zum Ausdruck brachte. Ansprachen hielten Präsident Dr. Karl von Bälz, Ministerialrat Dr. Otto H i r s ch und David Horowitz. Frau D.A. Guhnann zum Gedenken. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich am Sonntag, den 4. Dezember, die Schreckenskunde: Frau D. A. Gutmann ist nicht mehr unter den Lebenden! Bereits am vorhergehenden Samstag hatte die Gemeinde für die Erkrankte gebetet. Eine kleine Besserung, die noch ein wenig Hoffnung auf Rettung ließ, war eingetreten. Am Sonntag in der Mittagsstunde trat dann das Gefürchtete ein: im Kusse des Todesengels, wie die Alten sagen, schlummerte Anna Gutmann schmerzlos hinüber. Es wird wohl kaum einen jüdischen Menschen in Stuttgart geben, der nicht die wundervolle Frau gekannt, die geradezu das Idealbild einer echten Jüdin verkörperte. In ihrer äußeren Erscheinung war sie eine rührend schlichte, tief bescheidene, fast ängstlich scheue Frau. Aber sie besaß die zwingende Kraft werbender Nächstenliebe, den unbeugsamen Willen zum Kampf für das Gute, den unerschütterlichen Glauben an den Sieg der Liebe im Menschen So wurde die einfache Frau die tapfere V'orkämpferin für alle Werke rettender Güte, der beredte Anwalt der Armen, die tatkräftige Helferin für Hunderte, die ohne sie verloren ewesen. Sie fragte nicht »ach Ursprung und Beenntnis der Hilfesuchenden. Für sie war der Mensch in Not eben der Nächste, der ein heiliges Anrecht auf ihre Hilfe hatte. Im Arbeitsausschuß des Fürsorgeamtes arbeitete sie als Vertreterin des Israelitischen F rauenvereins mit. Oft sprachen sich alle Stimmen gegen irgend eine .Bewilligung aus. Frau D. A. Gutmann begann zu sprechen, zu bitten, zu fordern — und alle folgten ihrem Willen. Diese sittliche Kraft war ihre seelische Größe. Nach ihrer Uebcrsiedlnng von Göppingen trat sie 1880 in den Israelitischen Frauen verein ein. wurde sehr bald in dessen Vorstand gewählt, wirkte dann als Leiterin und seit ihrem 70. Geburtstage als die Ehrenvorsitzende des Vereins. So lange sie aktiv in ihm arbeitete war sie sein Herz und nach dieser Zeit sein Gewissen. Alle ihre Mitarbeiterinnen standen im Banne ihrer Persönlichkeit, überließen sich freudig ihrer Führung und wurden ihre treuesten Helferinnen. Vielleicht noch intensiver war ihre Mitarbeit im Dispositionsfonds, einem kleinen Gremium von Menschenfreunden, die diskretest den Notleidenden des Mittelstandes aufhelfen wollen. In diesem Zusammenschluß war sie die eigentliche Führerin. Sie sammelte die Mittel, fand immer neue Wege zum Herzen wohlhabender Menschen, wußte in Wort und Brief zu werben und zu wecken. Noch in ihren letzten Lebenswochen flammte die verzitternde Energie in ihr auf, wenn es galt, für dieses ihr Lieblingswerk - zu arbeiten. Ihre Mitarbeit im Verwaltungsrat des Jüdischen Schwesternheimes war nicht weniger intensiv. Mit mütterlicher Liebe fühlte sie sich den Schwestern verbunden. Die betagte Frau hatte, ein tiefes Verständnis für die Gegenwartsarbeit des Schwesternheimes. „Ihr Fest“ war der Tag, an dem sie alljährlich im Winter die jubelnden Kinder des Eßlinger Waisenhauses um sich scharte, um ihnen einen kindlich-glückseligen Festtag zu bereiten. Noch in ihre letzten Lebenstage hinein verfolgten sie die Pläne zu diesem Feste, das sie leider nicht mehr erleben sollte. Auch die Mitteilung des Vorstands des Israel. Waisenhauses, daß ihr als höchste Ehrung dieser Organisation die L ii d-_ wig Stern -Ehrendenkmünze verliehen werden solle, konnte Frau Gutmann leider nicht mehr zur Kenntnis gebracht werden. Die große Liebe und Verehrung für Frau Anna Gutmann kam noch einmal bei ihrer Bestattung am 7. Dezember zu beredtem Ausdruck. Arm und reich, Christen und Juden hatten sich auf dem Jüdischen Friedhof zur Abschiedsfeier zusammengefunden. Die Friedhofkapelle konnte die Leidtragenden nicht fassen, so daß die Feier unter freiem Himmel stattfinden mußte. Nachdem ihre Lieblinge, die Kinder des Waisenhauses. ein Chorlicd gesungen, schilderte der Stadtrabbiner die Frau, die durch ihre Mütterlichkeit eine „Königin der Nächstenliebe“ gewesen. die das biblische Ideal verwirklicht, nicht nur glücklich zu sein, sondern andere zu beglücken. nicht nur den Segen zu genießen, sondern Segen um sich zu breiten, die ein Gottesbote, ein Engel der versöhnenden Liebe in unserer Gemeinschaft geworden. Der Redner schloß mit der Mahnung, im Geiste Anna Gutmanns zu leben und ihrer Führung auch nach ihrem Scheiden aus dem Leben Folge zu leisten. Im Namen des Frauen ve rcins sprach dann Oberrech nungsrat Meyer: für das Waisenhaus dankte der ^Verblichenen Landgerichtsdirektor a. D. Stern: für das Schwesternhci in Dr. Gunzenhauser. Sie alle bezeugten nochmals in ergreifenden Worten der Verstorbenen ihre Liebe und Dankbarkeit. Mit den üblichen Gebeten wurde Frau Gutmann neben ihrem Gatten beigesetzt. Das Vorbild der herrlichen Frau wird aber zum Segen fortwirken. Denn nach dem althebräischen Weisheitswort werden die Frommen noch nach ihrem Sterben Lebende genannt, da ihr Wort und Wille in den Lebenden fortwirken. * Der Isr. Fraucnverein feierte am Sonntag, den II. Dezember, die Erinnerung an seine Ehrenvorsitzende, Frau D. A.Gutman n. durch eine Trauerkundgcbuiij* im Tempel der Stuttgart-Loge. Neben den Familienangehörigen und den Vertretern der Behörden und Vereine hatten sich die Freunde der Verstorbenen und die Mit-j glieder des Frauenvereins eingefunden. Frau Irma Flcgenheimer leitete die Feier mit dem stimmungsvollen, tiefempfundenen Gesang des Psalmes „Sei stille dem Herrn“ (Mendelssohn)- ein. Frau Emma Weil widmete hierauf ehrende Worte des Gedenkens und des Dankes der F'ührerin des Vereins und der hochherzigen Menschenfreundin und zeichnete in bildreicher Sprache die treffliche. Persönlichkeit Frau D. A. Gutmanns. Das Michuwort „Und was der Herr von Dir verlangt, ist doch nur Recht tun. Liebe üben und in Demut wandeln mit deinem Gott“ gab der Verewigten Richtung und Inhalt. Und wie sie Recht tat und wie sie Liebe übte in Demut und Bescheidenheit, das entsprach so ganz der Wesensart dieser gottergebenen, naturverbundenen, lebensweis e n Frau. Ihr nachzueifernj ist das Gelöbnis dieser Trauerstunde. Dann ertönte feierlich und getragen das Adagio der vierten Händelsonate für Violine (Cläre N u ß b a u m) und für Harmonium (Alice S ch m u ck 1 e r - H e ß). Die Feier beschloß Frau Hedl Reif mit dem klangschön und tiefernst vorgetragenen Trauergesang „Ruhe sanft in Gottes Frieden“. Dem Frauen verein sowie allen Mitwirkenden gebührt Dank für die sinnige Ehrung, die sie der Verklärten als letzten Gruß geweint. SCHILDM ^NEOHTT jetzt auch auf der Königstraße Tlnsece 2. Veckaufs-Ausstellung, Könlgstr. 72 am Wllhelmsbau Bas <Kaus 4üc7ftö6el ist ecoffnet. in allen Ixeislaqen Hauptausstellung Kriegsbergstraße 42

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