Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 17 (1.12.1932)
- Date
- 1932-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
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Hochansehnlicher Herr! Wenn je mein Wunsch gewesen wäre, eine Professur an einer Fakultät anzunehmen, so hätte ich mir nur die einzige wünschen können, die mir von dem durchlauchtigsten Kurfürsten von der Pfalz durch Sie angeboten wird, namentlich wegen der Freiheit des Philosophierens. die der gnädige Fürst zu gestatten geruht. Ich schweige schon davon, daß ich längst unter der Regierung eines Fürsten zu leben wünsche, dessen Weisheit tun allen bewundert wird. Da ich aber nie die Absicht gehabt habe, ein öffentliches Lehramt zu bekleiden, so kann ich mich nicht entschließen, diese glänzende Gelegenheit zu ergreifen, obgleich ich mir die Sache lange überlegt habe. Denn ich bedenke erstlich, daß ich aufhören würde, die Philosophie fortzubilden, wenn ich mich dem l'nterrichte der Jugend widmen wollte. Sodann bedenke ich. daß ich nicht weiß, innerhalb welcher Grenzen diese Freiheit des Philosophieren« sich halten würde, damit ich nicht -cheine. die öffentlich geltende Religion erschüttern zu wollen. Denn der Verdacht der Ketzerei entsteht ja nicht aus dem glühenden religiösem Fifer. vielmehr aus mancherlei menschlichen Leidenschaften. oder aus dem Widerspruchsgeist, womit man alles, ob es noch so richtig gesagt ist. zu verdrehen und zu verdammen pflegt. Da ich es »<hnn in meinem privaten und einsamem Leben erfahren habe, um wieviel mehr wird es zu befürchten sein, wenn ich bis zu dieser Stufe der Wurde hinaufsteigen sollte. Sie sehen also, hochan-ehnlicher Herr, daß mich nicht etwa die Hoffnung auf eine bessere Lage zurückhält, sondern allein die Liebe zur Ungestörtheit, die ich mir einigermaßen erhalten zu können glaube, wenn ich von öffentlichen Vorlesungen abstehe. Daher ersuche ich Sie inständigst, den durchlauchtigsten Kurfürsten zu bitten, daß ich mir diese Sache weiter überlegen darf. Mögen Sie fortfahren, die Gunst des gnädigsten Fürsten seinem ergebensten Verehrer auch fernerhin zu vermitteln, wodurch Sie desto mehr «ich verpflichten werden, hochansi hniicher und hochw ohlgeborener Herr, ganz und gar den Ihrigen B. de Spinoza. Der Hügel des Lichts. Von A. T. Wegner.! N or kurzem erschien in der Büchergilde; Gutenberg. Berlin W. Dreibundstr„ ein; neues Buch von A. T. Wegner. betitelt ..Jagd durch das tausendjährige Land". Das ganze jüdische Palästina wird in , ihm menschlich und dichterisch ausführ- : lieh dargestellt. Wir veröffentlichen i einen kleinen Abschnitt. | Die Schriftleitung. Di. uh die bi utc iidc- Stilleder Landschaft an; den Ufern de» Jordan» tönt dc-t schrille Pfiff einer Lokomotive. Au» der dürren Gra-finr. in der nur Dörfer und Zelte arabischer Hirten zerstreut i liegen, steigen unvermutet hohe Gerippe von; Ilolzgerii«tvn. Betonbauten und Fördertürnie. die! -ich schwarz gegen den flammenden Himmel i heben. j Zement!roinmi'ln rasseln und speien ihren i "rauen Brei in die eisernen Wagen. Baggermaschinen wühlen die Freieauf. Lebera 11 bewegt »ich ein 11,-c-r von Arbeitern zwischen den aufgeri»‘c-nen Höhen.! Da» ist I c-1 (Irr. der ..Hügel de» Licht»” ... Zweihundertfünfzig Meter unter dem Meeresspiegel. dort, wo der wilde- Jarmiik von den : Höhen der Bergevon Moab stürzt, um in einem I »türmi'chc-n Wa"c-rfull unter der Brücke ..Djisr I >-l Mijamijeh" in den Jordan zu münden, wird! daerste große hydroelektrische Kraftwerk des j nahen Ostens geschaffen . . . In der Speise halle von Tel Oer hängen über den langen hölzernen fischen die Bilder von Hc-r/1 und Trumpc-ldor. die Köpfe der beiden neuen Heiligen des Landes, denen man auf jeder Siedlung Palästinas begegnet Das eine Bild zeigt ein großes träumerisches Gesicht, mit breitem, w ohlgeschnittenem Backenbart, von assyrischer Schönheit: das andere ein bartloses, sehniges Antlitz mit der scharfen Nase eines Raubvogels. Fs sind einfache Drucke, die sich von der Hitze in ihrem Rahmen geworfen haben und hinter der bestaubten Scheibe von einer Masse toter Fliegen bedeckt sind. ..Fn Dawar! ... Es tut nichts!" steht in hebräischen Buchstaben unter dem einen Bilde geschrieben. Keinen anderen Ausruf hört man so häufig in Palästina wie diesen, der die Eitelkeit alles menschlichen Tuns zum Ausdruck bringt. Keiner hat ihn so häufig gebraucht wie der jüdische Kämpfer und Abenteurer Trutnpeldor: aber es scheint, als wenn dieser uralte Ausspruch den Sinn in seinem Munde völlig verändert hat. ..Fn Dawar — es tut nichts!“ sagt auch Swini Sanef, der jüdische Wächter von Tel Oer. der Trumpcldor noch selber gekannt hat. als ich beim Einschenken etwas Tee verschütte, und wischt mit dem Aermel den Tisch ab. ehe er uns die Geschichte dieses Helden erzählt. Joseph Trumpeldor war ein kaukasischer Jude. Sein Vater hatte fünfundzwanzig Jahre in der Armee Nikolaus I. gedient; trotzdem wurde der Sohn im zaristischen Rußland nicht in das Gym¬ - XVIII - nasium aufgenommen. Er wurde Zahntechniker, mußte jedoch 1902 zum Heeresdienst einrücken, und ging im russisch-Japanischen Kriege als Freiwilliger an die Front. ..Ich bin stark“, erzählte er von sich selbst, „ich halte Ermüdungen leicht aus. ich kann einen ganzen Monat lang täglich vierzig Kilometer marschieren, ohne erschöpft zu sein.“ Ungeachtet seiner jüdischen Herkunft stieg Trumpcldor von einem soldatischen Rang zum andern. In der Schlacht von Port Arthur verlor er seinen linken Arm. ..Es tut nichts“, schrieb er an seinen Vater, als er im Militärhospital erwachte, „ich hoffe, mein rechter Arm. mit dem ich diesen Brief schreibe, wird mir gute Dienste leisten. Als ein einarmiger [ Krüppel werde ich meine Hand diejenigen spüren lassen, die es nicht sind.“ Nach dem russisch-japanischen Kriege lehnte er es ab. seine militärische Laufbahn fortzusetzen, wurde Jurist und fuhr zwei Jahre später nach Galiläa, uni dort eine Gemeinschaft gleichgesinnter Arbeiter zu bilden. Auf der Siedlung Dagania arbeitete er mit seinem einen Arm schwerer als jeder andere. Zu Beginn des Krieges wurde er aus Palästina ausgewiesen, kam nach Alexandrien und benutzte die Gelegenheit, um gemeinsam mit Wladimir Jabotinsky in Aegypten die Grundlage für eine jüdische Legion zur Eroberung Palästinas zu schaffen. ..Ich kenne die Verzweiflung nicht, wer den Willen hat. se in Leben besse r zu gestalten, wird nie verzweifeln." Als der Plan der Bildung eine s jüdischen Regiments aus den- Flüchtlingen in Erfüllung ging, verwandelte die englische Regierung das Regiment zum Entsetzen der Legionäre in eine Kompagnie von Maultiertreibern. ..Es tut nichts“, erwiderte Trumpc-ldor. „Beginnen wir damit, das andere wird nach kommen!“ Obwohl er als Hauptniann an vielen Fronten Rußlands gekämpft hatte, zögerte er nicht, selbst als Führer der Maultiertreiber nach Galipoli zu gehen. Mit zufriedenem Lächeln sah er die erste- Gruppe im Kurzschritt an sich vorbeiziehen. ..Gott behüte“, flüsterte man ihm leise zu. ..sie niarschieren ja wie die Gänse." ..Es tut nichts, sie haben Fc-hlpr. doch im Grunde sind es tapfere Jungen." Er wußte, daß es Pflicht eines guten Soldaten ist, vorsichtig zu sein: aber er blieb mitten im furchtbarsten Regen der Geschosse stehen, um den Engländern zu zeigen, daß auch ein Jude Mut haben kann. „Es tut nichts“, schrieb er einer Freundin, als ihn vor Galipoli eine Kugel an der linken Schulter traf, „mir war nur. als hätte mir ein Kamerad auf die Schulter geschlagen. Man soll sich dem Leid nicht aufdrängeu ... Wenn dich ein Unglück trifft, so magst du immerhin ein wenig leiden: aber du sollst so wenig Tränen verlieren wie möglich.“ Nach dem Kriege kehrte Trumpeldor nach Palästina zurück, uin auf den Siedlungen in Galiläa zu arbeiten. In den Frühlingsmonaten des Jahres 1920. als die Franzosen Syrien mit Gewalt unterdrückten, arbeitete er im äußersten Norden von Palästina auf der Siedlung Tel Chai. Eine große Menge von Arabern zog gegen Methulla und Beirut herauf, es fehlte an Gewehren, die Lebensmittel gingen langsam aus. auf den benachbarten Siedlungen lagen alle Baracken zerstört. Trumpeldor und seine Gefährten suchten die zerstörten Siedlungen ab und spannten sich selbst vor den Kultivator, um ihn in die Kolonie zurückzubringen. Wenige Minuten von Tel Chai entfernt hörten sie plötzlich Schüsse. Trumpeldor eilte selbst an das Tor der Siedlung. um den Arabern den Weg zu versperren. Unterwegs wurde er verwundet, ging aber noch einmal auf den Hof hinaus, wo ihn eine zweite Kugel erreichte. Seine Verwundung bot einen furchtbaren Anblick dar. und als niemand wagte, ihn zu verbinden, ergriff er selbst mit den Händen die blutigen Därme, um sie in seinen Leib zu rückzud rängen. „Das sind die letzten Augenblicke meines Lebens“. sagte er zu den andern. „Es tut nichts — es ist gut. für sein Land zu sterben!“ Dies waren seine letzten Worte. * Der .ungeheure Donner der Arbeit umfing uns aufs neue, als wir aus der Speisehalle zurüdc ins Freie traten. Die Luft schlug uns flammend entgegen. Unter unseren Füßen stieg es heiß auf. wie von glimmender Asche ... Qualm zischte laut neben mir auf. Giftige Wolken erhoben sich aus dem Schlund der Betonmischer wie aus einem Vulkan. Erdmassen stürzten dumpf in die Wagen der F eldbahn. Die Welt 9teil&co*m SCHIRME Johanna Gress Kaiserstraße 54 z Telefon 1684 Sämtl. 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