Mannheim
Compact Memory

Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-12-01 · 17 (1.12.1932) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
17 (1.12.1932)
Date
1932-12-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4904101-5442797-5443263--3712-4907541
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 186 - Ein Blick in den Israelitischen Pragfriedhof. Jüd. Zentralstelle für Berufsberatung u. Arbeitsnachweis. Stuttgart, Hoepitalstr. 34 — Telephon 228 98. Sprechstunden: Mittwoch von 5—7 Uhr. Wir bitten, nach Möglichkeit sich unseres Arbeitsnachweises zu bedienen und führen nachstehend einige der uns gemeldeten Kräfte an: Ingenieur, übernimmt auch Korrespondenz und Uebersetzungen in englfi*anz. und russischer Sprache. Junge Stenotypistin, tüchtig und zuverlässig. Lehrmädchen, für Verkauf. 14 Jahre alt. Junges Mädchen. Anfangsstelle im Haushalt, wo Gelegenheit geboten zur Weiterausbildung im Kochen Junges Mädchen. 22 Jahre alt. geeignet für Geschäftshaushalt oder als Kinderfräulein, da entsprechende Praxis. Haushälterin und Stütze, möglichst in frauenlosen rit. 'Haushalt Herkunft. Wer mit den Insassen näher bekannt wird, erfährt sofort, daß sich die Juden hier streng scheiden. Die Portugiesen dünken sich weit besser als die erst viel später zugewanderten Juden aus Polen und Rußland. Und darum wohnen sie auch getrennt, haben ihre eigenen tGeschäfte und Gotteshäuser. Nur einmal kommen sie alle zusammen, das ist am Sonntag zwischen s und I Uhr beim großen Jahrmarkt. ' Pünktlich um 8 Uhr beginnt die Straßenbörse. In etwa 12 bis 1? Straßen ist Markt. 5000 Buden sind aufgebaut und sicher die gleiche Anzahl von kleinen Händlern bieten ihre Waren aus kleinen Koffern, und Taschen an. Dazu kctmmen die vielen Gelegenheitsverkäufer, die sich im Ruhm der Großen sonnen wollen. Insgesamt werden sicherlich 10 000 Händler versammelt sein. Mit viel Lärm wird gehandelt. Man ist wirklich von der allgemeinen Stimmung berauscht und geht nicht achtlos durch die Reihen, sondern betrachtet diesen oder jenen Stand, denn die Nerkäufer sehen es viel lieber, daß man ihre Waren betrachtet, wenn man auch nichts kauft als daß man durch die Reihen nur spazieren geht. So'iel man aus dem Geschrei vernehmen kann, ist jeder der Billigste. Das ist eigentlich auf jedem Markt so. Das Eigenartigste dieser Börse ist das chevalereske Achten des Konkurrenten, -das man sicher sonst vergeblich sucht. Der Kunde vor dem Stand wird in allen Tonarten von der Vorzüglichkeit, der Billigkeit der Ware überzeugt. aber in dem Augenblick, wo er sein Auge auf den Stand des nächsten wirft, wird er diesem überlassen. ..Zondags geooend“ steht bei vielen Geschäften. Das Schild erübrigt sich hier, denn in diesem Stadtteil, der fast ausschließlich von Juden bewohnt ist. w ird am Sonntag jedes Geschäft geöffnet sc-jn. Die wenigen Andersgläubigen leben vom jüdischen Sonntag, denn hier können sie ruhig jeden Tag verkaufen. In Holland ist vor kurzem ein sehr strenges Gesetz erlassen worden. das strikte Einhaltung der Sonntagsruhe vorschreibt. Nur hier im Ghetto war man machtlos. denn der 'Sonnjag ist Börsentag und der Sonntag gehört der Wrtraße. Es ist kaum glaubhaft, wofür man hier alles Verwendung hat. Fahrräder und Kinderwagen sind in Holland mehr als notwendig. Hier findet man Tausende von diesen Zwei- und Vierrädern und hohe Berge mit Ersatzteilen. Chinesen und Schwarze, die hier ebenfalls ihre Zelte aufgeschlagen haben, preisen ihre heimischen Landesprodukte und handgemalten Tassen, Vasen und Tücher an. So wenig wie der Heringsmann fehlt, der natürlich auch Jude ist, so wenig fehlen die jüdischen Blumen- und Käsehändler. Hier kaufen jüdische Taxichauffeure, Trambahnschaffner, Arbeiter aus der Diamantenbranche und hier kaufen die sogenannten feinen Juden, die jetzt nicht mehr im Ghetto wohnen. Ihr Gesichtsfeld hat sich erweitert, sie sind geachtet und reich geworden im großen Amsterdam, haben ihre große Wohnung. ihre Diener und ihre Autos — aber am Sonntag kommen sie auf den Markt. Das hat der Vater so getan und der Großvater — und der Urahn und alle vor diesem — und jetzt hält man wenigstens an dieser einen alten Gepflogenheit fest Welche Dinge im menschlichen Leben noch von Wert sind, lernt man hier kennen, denn die selige Venus von Pilo und deren Doubletten handelt man hier bis zu 70 Cent Hinter der Jodenbreesträat ist der eigentliche Altmarkt mit Kleidern aus den siebziger Jahren, mit Ueberwürfen, die wieder modern werden müßten, mit Stiefeln, deren Gummilaschen mindestens viermal erneuert wurden, mit Grammophonen, deren modernste Platte „Puppcheq, du bist mein Augenstern“ ist, mit Möbeln, die vielleicht sogar noch aus Portugal stammen, und vielen tausend anderen Dingen. Man würde an den alten Klamotten achtlos Vorbeigehen, wenn die Leute nicht so interessant wären. Mit Luchsaugen taxieren sie jeden und erkennen blitzschnell, wer Käufer und wer Sehmann ist. Erkennen anscheinend auch die Fülle der Geldbörse. %denn feste Preise kennt man hier nicht. Wer feste Preise sehen will. d. h. auch hier wird um jeden Cent gehandelt, muß zu den neuen Sachen gehen. Hier bekommt man alles. Vom Sarg bis zur Rolle Toilettenpapier, von der Rasierklinge bis zum Kanarienvogel gibt es alles. Merkwürdigerweise wird sehr viel verkauft. Nicht nur die -Juden, die vielfach von weither kommen, sondern auch die Holländer, die hier ihre billigen Einkäufe machen, und auch richtig handeln können. Das gehört eben zur Börse, und wer das nicht kann, soll rasch weitergehen, und bis zum Montag wartep, um in einer anderen Gegend zu kaufen. Aber über allem liegt eine Stimmung von mittelalterlicher Beschaulichkeit und etwas modernem Geist, die diesen Markt zur Sehenswürdigkeit stempeln. Fast kein Fremder, der über Sonntag in Amsterdam ist, bleibt dem judenmarkt fern. Man will sich vielleicht bewußt einmal seelisch in längst verschwundene Zeiten zurückversetzt wissen, man will sich von der geschäftig und doch feiertäglichen Stimmung des Ghettos gefangen nehmen lassen, denn Feiertag ist hier immer, wenn die Geschäfte gut gehen. Man wandert zwischen den engen Reihen. H undervolle, eindrucksvolle Männer und Frauen und ganz kleine, nicht minder geschäftstüchtige Kinder suchen zu verkaufen. Lange Bärte und Kaftane kennt man hier nicht, aber in den schwarz leuchtenden Augen dieser Menschen mit dem rötlich-braunen Teint liegt ein derart menschlich nahegehender Ausdruck, daß man beeilt. warum sich Rembrandt hierher -von der eit zurückzog und mit Leib und Seele im Ghetto blieb. Man ist fast traurig, wenn um 1 Uhr die bqhelmten Polizisten erscheinen und der Markt geschlossen wird. Man möchte fast auf den nächsten Markttag warten. „Dee hat mich ganz befriedigt” schreibt uns Freu HSfele „er ist so einfach zu bedienen und ich höre Berlin, Wien, Rom, Paris, London". Auch Sie wollen wir mit diesem Apparat, der sich durch Leistung und niederen Preis auszeichnet, zufriedenstellen. Besuchen Sie uns deshalb bitte zwecks unverbindlicher Vorführung. 2 Verlangen Sie aasera pgieeea Katalog RADIOGRONER Marlmtrala 1 SKI f. Kinder m. mont. Bdg. u. Steck, v. M Mt an für Erwachsene jede Lange von M 7-5* an STIEFEL f. Erwachs.. Waterpr. v. 13Jtan Haapistlttai itiaSe 33 /• Eigene Reaoraterwerhstltte Den eleganten tchlrm und Stock finden Sie in reichster Auswahl bei L. Idiaildtla, Msaha.Nua.mH VecsusseH Sie JJic £e6e#t~ mit dem vorzüglichen vom Hause Wieaet Qe&äck Kw HUF Tübingerstr. 1 B^nab-lWontteetw Schreibmaschinen alle Systeme, neu und gebraucht, zu billigsten Preisen. Teilzahlung von Mk. 7 — monatlich an. Reparaturen Nur K5*W. Eckstein Handschuhs Ludwig EI6BES __ FABRIKAT. empt QuaHtits-HaadsclMlM in modernster Ausführung zu billigsten Preisen. Ziegenleder von RM. 3250 an.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.