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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-12-01 · 17 (1.12.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
17 (1.12.1932)
Date
1932-12-01
Page
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Gewiß schuf der gemeinsame Glaube innere Bindungen, die sich in ernsten Zeiten als Kraftquellen bewährten. Gewifi entstand durch das gemeinsame Schicksal, welches das Glück und Dasein des einzelnen Juden dauernd bedrohte, Schicksalsgemeinschaft. Aber stärker als beide wirkte die Gemeinde als Kräftereservoir der Judenheit. Sie wurde der Zusammenschluß, in dem sich Hoch und Niedrig, Arm und Reich geborgen fühlte. Sie war zugleich das lebendige Zeugnis des Idealismus der Ahnen, die meist aus dem Nichts die Gemeinschaften gründeten, die späteren Geschlechtern Halt und Ausbaumöglichkeiten boten. Wer die Anfänge der alten Gemeinden studiert, die sich oft unter unverhältnismäßigen Opfern ihren Friedhof erwarben, ihre Gotteshäuser bauten, ihre Schulen und Wohlfahrtseinrichtungen gründeten, wird von heiligem Staunen über den frommen Willen dieser Gemeindestifter erfüllt. Ein wahrer Wetteifer regte sich in ihnen, für alle Wohlfahrtsbedürfnisse eigene Organisationen zu besitzen. Aus allerkleinsten Ursprüngen wurden die Vereine gebildet, die Segensquellen für die Gemeinden werden sollten. Das Erfreulichste an diesen Gemeindegründungen war, daß es ihnen nie an Männern und Frauen fehlte, die sich begeistert in den Dienst der Gesamtheit stellten und oft unter den größten persönlichen Opfern an Zeit und Geld bereit waren, für „i h r e“ Gemeinde zu wirken und für ihren Ausbau zu sorgen. Bereits der große Mischnalehrer H i 11 e 1 hatte schon zur Zeit, in der es noch einen jüdischen Staat gab, den Juden die Mahnung erteilt: „Trenne dich nicht von deinerGemeinde!“ Sie klingt, als ob er geahnt, daß der Staat einmal zusammenbrechen und daß dann die Gemeinden das eigentliche Lebenszentrum der Judenheit werden würden. Die Mahnungen, alles für die Gemeinde zu tun, sie nicht zu verlassen und sie nicht zu verleugnen, sind natürlich in der Zeit der Zerstreuung der Juden über die Erde immer lebhafter geworden. Denn mit dem Zusammenbruch der staatlichen Organisation der Juden trat die Gemeinde in die entstandenen Lücken ein und übernahm die Pflichten, die vordem Aufgaben des Staates gewesen. So waren diese Gemeinden Zum Geleit! In unserer raschlebigen Zeit, die über dem Morgen das Heute und über dem Heute das Gestern aus dem Auge verliert, ist es mehr denn je eine Dankespflicht, der vergangenen alten Zeit zu gedenken, sie vor Verkennung zu schützen. Unsere Gemeinde.dasdarf ohne Oberhebung gesagt werden, bildet ein blühendes, weithin als mustergültig anerkanntes Gemeinwesen. Und das ist sie aus ganz kleinen Anfängen — vor 100 Jahren betrug die Zähl der hier ansässigen Familien 15 — unter den schwierigsten Verhältnissen geworden. Den Grund dazu legten jene wackeren Männer, deren Namen heute noch in unserer Gemeinde fortleben. Erfüllt von hohem Sinn für das Wohl des Staates, eingedenk ihrer Verpflichtung für die jüdische Gemeinschaft, sorgten sie von Anfang an, daß es nicht an Männern fehlte, die die Jugend lehrten, die Erwachsenen führten, die Armen betreuten — und schufen Anstalten und Einrichtungen, die das Religionsgesetz fordert Das Gute, das so die Vorfahren gewirkt haben,ist der Grundstock, aus dem heraus sich die Gegenwart entwickelt hat. Als treuer Anwalt aller Gemeindeangelegenheiten, frei von Selbstsucht, vertraten sie mit Tatkraft, was sie als Recht erkannten; in ernster Pflichterfüllung mühten sie sich", Gegensätze zu über brücken und zu versöhnen und den Gemeindesinn lebendig zu erhalten. So war es und sott und muß es bleiben. Darauf beruht die Forterhaltung, der Bestand und die Dauer unseres Gemeindelebens, dessen gewissenhafte Pflege uns heiligste Aufgabe sein muß. Denn nur die Gesamtheit ist stark. Keiner sott meinen, er bedürfe nie der stützenden Gemeinschaft. So wie das Verdienst der Väter uns beigestanden, so möge das Gute, das die Gegenwart vollbringt, in den kommenden Geschlechtern weiter leben bis in die fernsten Zeiten. Israelitisches Qemeindevorstehersmt , Oskar Rothschild. ein eigenartiges Mittelding zwischen politischer' und bürgerlicher Kommune und zugleich Ausdruck der religiösen Zugehörigkeit zum Judentum. Das Leben der jüdischen Stadtgemeinden erfuhr mit der bürgerlichen Gleichstellung der Juden einen neuen Charakter. Die guten Ueberlieferungen der alten Landgemeinden, ihre religiösen und Wohlfahrtseinrichtungen wurden in sie verpflanzt und mit den kulturellen Bestrebungen der Stadt verbunden. Die.- Stadtgemeinden wurden geradezu die Erzieherinnen der Judenheit. Ihre religiösen und erzieherischen Einrichtungen wirkten auf die Landgemeinden zurück, so daß die Stadtgemeinden die Vorbilder der ländlichen Judenschaften wurden. Der Arbeitsbereich der jüdischen Religionsgemeinden hat sich in der letzten Zeit wesentlich erweitert. Ihre Wohlfahrtspflichten sind infolge der wirtschaftlichen Nöte lawinengleich gewachsen. Die Sorge für ihre Waisen und WitwenTihre Alten und Kranken, ihre Armen und Verarmten, für die körperliche und geistige .Ertüchtigung ihrer Jugend beansprucht einen großen Teil ihrer > Steuereinnahmen. Die jüdische Ehre bedarf des Rechtsschutzes, der jüdische Name der Rechtsverteidigung. Bildungsinteressen verlangen gebieterisch ihre Förderung. Wirtschaftliche, politische und religiöse Not bedrohen das Dasein der Gemeindegenossen. So sind zu den alten Pflichten neue getreten, und - die Gemeinden haben nicht gezögert, diesen neuen Pflichten zu entsprechen. Um so bedauerlicher ist die Tatsache, daß sich im festen Mauergefüge der Gemeinden Zersetzungserscheinungen zeigen. Nur zu viele verlassen, die Gemeinde oft aus recht kleinlichen Gründen. Sie vergessen, daß, wer die Gemeinde verläßt, sein Judentum preisgibt, also ein Verräter am heiligen Vätererbe ist. Der Austritt aus der Gemeinde ist heute eine ebenso erbärmliche Fahnenflucht wie die Taufe. In ihren Motiven mögen sie verschieden sein, in ihren Auswirkungen sind sie völlig gleich. Denn, wer noch Ehrgefühl für die alte Wahrheit, Ehrfurcht vor Vater und Mutter, Verständnis für die große geschichtliche Vergangenheit empfindet, ist unlösbar mit der Gemeinde verbunden. Jeder Jude ist ein persönlicher Bürge für das geschichtliche Erbgut von drei Jahrtausenden, das in der Gemeinde seine Sicherung findet. So ist die.Zugehörigkeit zur Gemeinde heute eine moralische Selbstverständlichkeit, eine geschichtliche Ehrenpflicht. Wer sich ihr entzieht, frevelt gegen Gewissen und Ueberlieferung. Wer in-ihr und für sie arbeitet, wirkt für die Erhaltung des Judentums. lüec wm TttoAeln speicht, denkt cm MÖBEL-MAY sk;

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