Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 13 (1.10.1932)
- Date
- 1932-10-01
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- [Seite] (sequence 4)
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X W D I N K \ \ noNF 7Tlodeene jMHetidekoeaticH £äufer DivcuidecheH Tllö&elstoffe Zk&occiäoHSStoffe l Kraflsheiiner & Cie. CalwerstraBe 28 STUTTGART I iid so halte da» Neujahrsfest ein heiterer IcüiMg 'ein können, wenn man'tili' nicht' von dem luge de' Gericht' erzählt hätte. Da' w ar der T.isr des i.erichl'. (.ott 'ad auf seinem I Iiron inmitten 'einer Heerscharen. der Kugel, und die furch ibnren Kontobücher mit ihren Solllind Hallenkolonnen der Inisen und guten Taten wurden ihm eines Hach dein anderen vorgelegt. Jeder Juchhatte 'ein be-onder- Konto, nach dc"en Dtirih'icht und Prüfung die ßilan/ gevögen und ihr« l rteil gefallt wurde. Mit den offenen Kontobüchern cor sich, bestimmte Gott, wer das uach'te Jahr bis /II l üde leben und wer 'terben 'o|lte. wer V oll den l.elienden krank werden und wer gc'iind bleiben 'olltc: und die (ic bete drangen in 'olche I in/elheiten ein. dal! mir da' Her/ bebte. So jung wir waren, hatten Uli' unsere I rwachv'nen doch -chon die Kurcht vor dem I itde eingeimpft und den reinen F rieden unserer ''e.deii zerMort. A\ ir'waren in einem Alter see- Ii'di belastet, da« völlig sorglo' hätte sein mii"en. L n«I die läge der frommen Kinkehr ,iiiden für UH' /it Tage des Schreckens. I nsere I Iler» 'cheinen ängstlich darauf bedacht gewesen /u 'ein. uii' das Gefühl der Kurcht -o früh wie möglich ein/nflciüen. Wir waren aber zu jung für 'olche Gemütserregungen: ich war kaum mehr ab ein Habe, ab ich in der Neu jahrsnacht wach lag und Gott um Gnade für Vater und Mutter anflehte. Meine erste Beteiligung an der Ta'chliehzeremonie. hei der der Jude an einem fliehenden Wa'«er 'eine Sünden in die Killten wirft, steht mir deutlich in Krinnerung. Wir wählten da/u die Ste lle hinter dem .Schlofihügel. wo die Sw isla in die Bere-iua mündet. Ks war in meinen Augen eine geniale' Idee, dal! man seine Sünden ins Wasser ah'chiitteln und ihrer für immer los und ledig sein konnte. Das übliche \erfahren war. die Rirek'chölJe über dem Wasser ans/iischütteln. Aber manche unter unkehrten im Leberschwung der F römmigkeit auch ihre Taschen au« und schwenkten sie gleichfalls über dem Wasser. Ich weiß nicht, welche und wieviel Sünden ich - 122 - damals hatte, aber ich schüttelte die Schölle! meiner Jacke und meine Taschen mächtig, und | als ich mit meinem Vater das F'luliufer verließ, i fühlte ich mich wesentlich leichter. Ich war von ■ einer schweren Last befreit. i Unsere Haustür stand an dem Tage vor Jom Kippur keinen Augenblick still. Fs gab kaum | eineu Jischuwnik in der Stadt, der uns nicht seine Aufwartung machte. Manche von ihnen : brachten selbstgebackene Kuchen und Süßig- I Leiten mit. um sie in der Synagoge /u verteilen. Fiin seltsamer Glaulie knüpfte sich an die Ver- > tciluug solcher Kuchen. Ks konnte sein, daß Gott einem bestimmt hatte, im neuen Jahre Bettler zu werden: da hätte man vielleicht durch Annahme dieses Stück Kuchens, das von einem Fremden dargereicht wurde, jenen Teil seiner! Bestimmung erfüllt und würdenicht weiter bedroht werden. Aus diesem Grunde lehnte niemand ein Stück Kuchen ab. das von einem Jischuwnik in der Synagoge angeboren wurde. Bei solchen Besuchen unterhielt man sich lebhaft : über die Wunder unserer jüdischen Gesetze und; Gebote, wie wunderbar es zum Beispiel sei. daß - das Kssen am Vorabend von Jom Kippur fast als i ebenso große Tugend angerechnet werde, wie das Fasten um Jom Kippur. Und die Jischuwniks übten mit besonderer F reude diese erstere Tugend und nutzten die Gelegenheit wacker aus. Nach der letzten Mahlzeit dieses Tages nahm I unsere Mutter uns beiseite und bedeutete uns. j daß Jom Kippur der Versöhn »ligstag sei und daß j es unsere Pflicht wäre, die Kameraden, mit j denen wir uns gezankt oder denen wir etwas 1 Böse s /»gefügt hätten, aufzusuchen und um Veri geben,g zu bitten, ebenso ihnen alles uns ani getane Unrecht ohne Schwanken zu verzeihen! und keine n Haß im Herzen zu tragen. Ich begann sofort nachzurechnen und kam zu dem Schluß, daß ich mit den meisten Kameraden so; ziemlich quitt war. Wo mir die Sache aber i zweifelhaft schien, suchte ich meine Freunde auf | und bat sie um \ erzeihiiug. Mir gefiel diese I Zeremonie' außerordentlich: ich fühlte mich erhoben und wichtig. . Gleich nach dein Festmahl legte mein Vater i einen weißen Kittel an und hing den Gebetschal I um. Meine Mutter kleidete sich ebenfalls weiß. Dann wurden ihnen die Kinder einzeln vor- , geführt. Mein Vater legte uns die Hände aufs Haupt und segnete uns. Darauf gingen wir alle, von Bußtagstim mutig erfüllt, in das Haus meines Großvaters. Hier hatte sich die ganze Familie versammelt — vier Generationen. Die Zeremonie des Segne ns wurde wiederholt, und wir; empfingen zwiefachen Segen von Großvater und | Großmutter. I Der Fjißboden der Sv nagoge war dicht mit | Heu bestreut. Auf allen Fensterbrettern wie auf besonderen Tischen waren lange weiße Wachskerzen — die Seelenlichter — aufgestellt, welche zur Krinnerung an die Toten vierundzwanzig Stunden zu brennen hatten. Die Fenster wurden geschlossen gehalten, damit ja kein Licht ausgeblasen würde, denn es galt als ein gutes Omen, wenn die Kerzen bis zum Stumpf glatt nieclerbrannten ohne daß das Wachs an den Seiten herabträufelte. Bald wurde die spezifische Atmosphäre geschaffen, die Jom Kippur auszeichnet. In der Synagoge wurde es immer heißer und die mit dem Duft des Heus und dem Dunst der Wachskerzen geschwängerte Luft wurde schwüler und schwüler. Nach Beendigung des Gottesdienstes gingen die meisten von uns nach Hause. Es gab aber fördert das heimische Handwerk! Siehe auch Seite gegenüber mm* .. ■* —.... . ... ■■ .»rnrnrnm Die Heizperiode naht! Wir reinigen die Heizflächen und entfernen den Wasservtein. Fadm. Beratung. Erste Referenzen. Inganiaurbdro Hopf llutlg»rt z (otnnMnBa 127 z Firant (1417 NMMiaMk Bettel * Muürer Gagrlndat 1M9 Größte Auswahl kompL Wohnonge-Einrichtuigen, aut Wsnadi Extraanfertigwig von Einzelmöbeln n. ganzen Einrichtungen unter Garantie. - Beste Referenzen BAbllngerstr. 47 - ITUTTBAIT - Telefon 71861 Paul Leyensätter Harm. Sehmalholz Naohtolgar Ulaiecei, Anstrich, Schriften Krtegsbergstraße 19 z Telefon 20060 SCHLOSSER ALB. JUD H ASENBERGSTR .99 TEL 63897 JLBBCITKN ArMlinS I Zur Ausbesserung von besdildigten CrUtall-a. Porxellaawarea, sowie Aaferttgang tob Aataadioibea, Olaabohraagoa aod Naabelegea MladgaworOaaar Spiagal xu billigsten Preisen empfiehlt sich KARL LATT ScMrie A Co. für diese Rubrik I mn. SANITÄRE INSTALLATION STUTTGART Militärstraße 93, Telefon 62144 u. 62146 Bosuchen Sl« das Untere Königstraße Neuer Inhaber: A.Zudu# M<,d,r"',l*rl auch Andächtige, die in religiösem Eifer die ganze Nacht betend in der Synagoge blichen. Darunter waren einige heroische Geister, die gelobt hatten, die ganze Nacht und den ganzen nächsten Tug im Bethaus stehend zu verbringen und die ihr Gelübde auch buchstäblich durchfiihrten. Sogar einige fromme Frauen schwangen sich zu dieser heldenhaften Leistung auf. Und während die ganze lange Nacht hindurch die W achskerzen in der Synagoge unnicrkjich nieder brannten, sahen durch die offenen Fenste r der Galerien die bleichen Gesichter der Frauen herunter. Nur am Jom Kippur — und hauptsächlich während der Zeremonien der Nachmittagsandacht — fand meine Seele volles Genügen. Gleich den Erwachsenen warf ich mich mit Inbrunst auf das gegebene Zeichen zu Boden, und in diesem Augenblick konnte ich an unseren Hohenpriester denken, ohne das Bild des Klosters zu beschwören. Und ich fühlte, daß mich dieser Augenblick von allen bösen Gedanken läiiterte. Nach dem einfachen Abendgebet, das diesen Tag abschloß, zerstreute sich die Gemeinde. Die Frauen gingen sofort nach Hause, die Männer aber blieben, ehe sie heimgingen ihr Fasten ah zu brechen, noch draußen stehen, um den Neumond zu segnen. Vor vielen Jahren las ich einmal im Haschachar (Morgenröte) des Perez Smolenski, jener Zeitschrift. die die Sturm- und Drangperiode unserer neuesten Geschichte eröffnete. ein Gedicht ..Neumondsweihe“ von Salman Luria. Der Dichter beschreibt ein armseliges jüdisches Heim in einem russischen Städtchen. Es ist Winter. Die Wohnung ist nicht geheizt. Die hungrigen Kleinen liegen auf Stroh: sie schlummern und träumen von Brot, und die kranke Mutter kauert sich dicht neben sie. um ein wenig Trost und Wärme zu finden. Aber draußen in der hellen Frostnacht steht der Vater und starrt mit bekümmertem Gesicht zur sinkenden Mondsichel empor. Und er lieht zu Gott, daß er den fehlenden Teil des Mondes aiisfülle. Er betet, als ob keine andere Sorge für ihn bestünde als die eine — daß Gott vergessen könnte, den unvollständigen Mond wieder zu runden. Und hätte Gott nur mit dem hilflosen Mond Erbarmen, so würde alles gut sein ... Und was fehlte wirklich den Juden von Swislowitz an diesem Jom Kippurabend, als sie mit geläuterten Seelen ihren rast- und Bettag beendeten? Sie hatten sich gegenseitig alles Unrecht und Gott hatte ihnen ihre Sünden gegen Ihn verziehen. ..Er besprengte sie mit reinem Wasser, und sie waren von allen Schlacken gereinigt.“ Was brauchten sie mehr? Und so blickten sie klaren Auges zum Himmel auf: und ein Gefühl des Mitleids für den unvollkommenen Mond überflutete sie. Sie erhoben ihre Hände zum Mond und baten Gott, auch mit ihm Erbarmen zu haben. Aber die Heiligung des Neumonds beendete den Fasttag noch nicht. Sobald mein Vater nach Hause gekommen war und den weißen Kittel abgelegt hatte, holte er einen Hammer und zwei Nägel hervor, verließ abermals das Haus und hämmerte die Nägel in den Teil der Wand, an der am folgenden Feiertag die Laubhütte stehen sollte. Es ist Sünde, heilige Pflichten zu überstürzen. Satan-Kategor soll wahrlich nicht gegen die Juden Vorbringen können, daß sie nach ihrem Bet- und Fasttage wie Schlemmer nach Hause gestürzt seien, um — ein Glas Tee hinunterzustürzen. Also hübsch langsam! Faste den ganzen Tag, bete den ganzen Tag; ist er zu Ende so bete* zuerst für die Wohlfahrt des Mondes; dann geh heim und laß dir wieder Zeit: lege deinen weißen Kittel ab, treibe ein Paar Nägel für die Laubhütte in die Wand und dann setze dich an dein Glas Tee. Du wirst immer noch Zeit genug haben für die Köstlichkeiten des Fleisches . . . ___ Ludwig Frank zum Gedächtnis. Von Sally Großhnt, Wiesbaden. „Jeder jüdische Kämpfer, der auch noch nach der Fmanzipation seiner Glaubensgenossen in den Reihen der Streiter für die allgemeine geistige und bürgerliche Freiheit ausharrt, zählt für zwei.“ Dieses Wort des Dichters Gutzkow — auf den jüdischen Rechtsanwalt und sozialdemokratischen Politiker Dr. Ludwig F rank, der als erster-Kriegsfreiwilliger im September 1914 den Heldentod starb, darf man es übertragen. Am 25. Mai 1874 im badischen Nonnenweier geboren, schlägt Frank nach Schuljahren und Universitätsstudium die juristische Laufbahn ein. Im Jahre 1900 läßt er sich in Mannheim als Anwalt nieder. Mit 30 Jahren tritt Frank aktiv in die Politik seines Heimatlandes Baden ein. Er