Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 13 (1.10.1932)
- Date
- 1932-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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- 121 - SCHIEDMAYER PIANOFORTEFABRIK STUTTGART - FERNSPRECHER NR. 26841 Flügel, Pianos, Harmoniums 12 Neckarstraße Eckhaus HB EINGANG NUR UNTER DER UHR mehr diatonisch, von Ton zu Ton an- und absteigend, gebildet: der eigenartige Rhythmus, die feineil dynamischen Schattierungen, das leise Ausklingenlassen betonter Silben, die sequenzartigen Bildungen gegen Schluß intensivieren noch die Innigkeit des Vortrags. In der ,.()mn o n k e n“-\N eise, einer nur im östlichen Ritus frebrüuchlichen Melodie mit triumphierendem thythmus, drückt sich die Zuversicht der betenden Gemeinde auf göttliche Verzeihung aus. Eines der herrlichsten Responsorien zwischen Vorbeter und Gemeinde» ist sodann das „Jaaleh“. Die Stimmung ist von durchsichtiger Helle*. In kristallklaren Dur-Klängen, von denen eine unendliche Milde ausgeht, steigt das Gebet empor: nur gottvertrauende Herzen können in solchen i Tönen zu Gott flehen. Von Abend zu Abend, von; Beginn bis zum Ausgang des Versöhnungstages, soll das insbrünstige Bitten Gott wohlgefällig ' sein. Dieser Kreislauf des Tages wird symbolisch durgestellt durch einen solchen der Melodie. Den schärfsten Kontrast dazu bildet die folgende Weise;.S ch a ii in c* u t ’ f i I 1 o h“ (Erhörer des Gebets). Sie schwingt sich stufenweise in punktierten Rhythmen ansteigend empor. Dieser aufrüttelnden hochgeschwungenen Halbsatzperiode «teilt ein mattes, in der Schwebe bleibendes Echo gegenüber. Typisch für diese und viele ähnliche Melodien ist ihr außerordentlicher Tonumfang: Eine Dezime, ju zwei Oktaven, sind nichts Seltenes. Dadurch erhalten diese Weisen etwas Großzügiges. Weitgespanntes. Zu den schönsten Gesängen gehört die traurig-wehmütige Weise der Akedoh „Turnus zurim w ' ch a s s tl o m“, die auch am Tage für die Selichoh gebräuchlich ist. Das motivische Fundament wird von zwei hinab- oder hinaufsteigenden Terzen gebildet: das erste fallende Terzintervall klingt wie aus der Kerne, wie eine stille, heimliche Frage — das zweite wie eine beruhigende Antwort auf sie. Wie* iin .Morgengebet des Ruusch-huschonoh leiten zur jeweiligen Keduschoh um Versöhnungs- | tage Piutim über, in denen von Seraphim die Rede ist. Hier sind es die einzigartigen Weisen des „S e h e 1 sch s ch u u a I i m". Der Text der Vision Jesajas ist vom Piut-Dichter auf eine \ musikalische Art variiert und erweitert. Die Vor- * trugsweise hat etwas Alarmierendes: sie ruft den Menschen auf. miteinzustimmen in das dreifache „Heilig“ der Engel. Ein Höhepunkt des Jom Kippur-Gottesdienstes ist das Widduj-Gcbet. das SUndenbekenntnis. für das es zahlreiche Vortragsweisen gibt. Diese Weisen haben etwas kindlich Vertrauendes, eine stille Wehmut, ein herzzerreißendes Leid liegt in ihnen verborgen. Bevor der Vorbeter und dann die ganze Gemeinde den vollen Laut des ersten Bekenntnisses, unfangend mit dem Buchstaben Alef und dem Vokale O, hervorbringen, sprechen sie ein zagendes „Oh! Oh!“ laut davor. Sequenzartige Elemente, die innerhalb einer reinen Dreiklangsmelodik liegen, durchziehen diese Melodien. Leider sind in die Synagogen vielfach recht unbedeutende, banale Volksinelodieii eingedrungen. Das Gegenstück zu der Niedergeschlagenheit des „Widcluj“ ist die große, poetische „A w a u - d o h“, die Erinnerung an den gottgeweihten Dienst des Hohepriestern am Versöhnungstage. Die* unvergängliche Wirkung des großen Siihnewerkes suchen die Weisen des „W ' h u k null a n i in“ lebendig zu machen: Das dreifache Siindeuhekenutnis des Hohepriester«, mit der Aura fang des göttlichen .Namens, und die Erinnerung. wie Priester und Volk beim Aussprechen dieses Namens sich niederwarfen. Die musikalische Gestaltungskraft wirkt sich hier am stärksten uus. Eine atemruubende Spannung liegt über dem Ganzen. Ein explosives, erschreckendes I Element hemmt den zunächst ruhigen Fluß der melodischen Linie: in liberalen Synagogen übernimmt die Orgel Teile des traditionellen Kolorat urgesangs. Auf den Ruf „Es hascjiem“ antwortet sie mit einem gewaltigen Echo, um dann! zu einer Koloratur überzugehen, deren auf- und abzuckenden Läufe und fluchtartig abwärtsstürmenden Triolengänge die Erregung der zusummengesströmten Volksmenge ausdrücken. Dem Niederfallen der Gemeinde geht parallel ein Sinken der melodischen Linie. Beim Wiederaufstehen löst sich die Spannung in einem stark aufjubelnden Lobgesang: „Gelobt sei der IName seiner Herrlichkeit für immer und ewig! tDie Neilah-Gesänge bringen bei der i Neige des Tages das Gefühl vollkommener Verj klärung herbei; bevor die Tore des Lichtes zu- fallen wollen, soll uns die Empfindung beseligen, j Gott näher gekommen, ja bis zu den Pforten des > Himmels gedrungen zu sein. Diese Stimmung \ spiegelt sich so recht wieder in der K a d d i s ch - i Weise und der nach derselben Melodie gef snngenen Tefilla. Ein beglückendes Gefühl er- ’ faßt uns ganz. Bevor der Tag sich wendet, ertönen noch sehnsüchtige Klänge. In den Weisen „P s u ch I o ii ii s di a a r“, „h ajaum jifne h“, „b ' m a u zu e in ' n u ch o h“ kommt die Xeilah- Stiininung um schönsten zur Geltung. Wenn wir die Weisen des Neujahrs- und >ersäht! ungsfestes im ganzen überschauen, so erweist sich, daß religiöses und künstlerisches Gefühl fast eine untrennbare Einheit bilden. Selten steht der erlauf einer Melodie nicht im engen Zusammenhang mit dem Inhalt des unterlegten Textes. Ein wunderbares Stilgefühl haben also die Schöpfer dieser Melodien gehabt: Kontrastwirkungen von Moll und Dur, von Perioden und Motivgruppen aller Art sind nicht äußerlich oder willkürlich angewandt: sie sind gleichzeitig symbolische Ausdeutung tief religiöser Ideen. Unsere Bewunderung wird um so größer, wenn man bedenkt, daß ein großer Teil der Gebetsstiicke als reine Prosa angesehen werden muß und daher ursprünglich für symmetrische Melodiebildung wenig geeignet war. Trotzdem sind organisch entwickelte Musikstücke entstanden, die einen unverlierbaren Schutz der betenden Gemeinde bilden. Aus meiner Kindheit. Von Shmarya Levin. Den nachstehenden Artikel entnehmen wir dem im Ernst Rowohlt Verlag erschienenen einzigartigen Memoirenbuch „Kindheit im Exil“ von Shmarya Lcvin. Der berühmte Schriftsteller erzählt in diesem Buche von seiner Kindheit im kleinen russischen Städtchen Swislowitz. Ganz wundervoll sind die Milieuschilderungen dieses Buches, insbesondere Levins Aufzeichnungen über das Leben und Treiben während der jüdischen Festtage. Vor Neujahrfest und Versöhnungstag dürfte das nachstehende Kapitel unseren Lesern besonders tiefe Eindrücke vermitteln. Die Schriftleitung. Zu Rosch-haschuna. dem Neujahrsfest, kamen die Jischiiwniks in die Stadt. Es gibt im Deutschen kein Wort für Jischuwnik. da der Typus der Sprache unbekannt ist. Die Jischiiw niks sind Juden, die einsam und verlassen mitten in einem Dorfe oder Weiler als Fremdlinge in einer fremden Welt leben. Monate können vergehen, ohne daß sie einen anderen Juden zu Gesicht bekommen. Nur an den höchsten Feiertagen lassen' sic* ihre Beschäftigungen und begeben sich nach dem nächsten jüdischen Zentrum. Shmarya Lavln Bei solchen Gelegenheiten wurde der Jischuwnik. der zu seiner Familie oder zu Freunde*« zurück kehrte, ans deren Mitte ihn die Sorge um das tägliche Brot gerissen hatte, mit echter Gastfreundlichkeit in unserer Stadt uufgenominon. Unter diesen aus fernen Dörfern gekommenen Gästen gab es vertraute* Gesichter, viele aber waren uns neu. M ir taten, was wir konnten, damit sic* sich heimisch fühlten, überließen ihnen unsere besten Zimmer und wiesen ihnen in der Synagoge die Ehrenplätze an der Ostwund an. Es war nicht leicht, sie alle unterzubringen. Manchmal mußten sie zu dritt in den Stühlen an der Ostwand sitzen, über sic* empfanden doch, daß sie geehrt wurden. Auch wir Kinder benahmen uns gegen diese Hinterwäldler jungen aufs freundlichste. Einige von ihnen waren wilde* Geschöpfe. sie sahen verängstigt auf die gewaltigen Menschenansammlungen und konnten kein Mort hervorbringen. Aber die Erwachsenen bemühten sich gerade cim sie ganz besonders. Mein later nahm sie öfters auf den Schoß, streichelte sie und redete ihnen zu. sich nicht zu fürchten. Und wir machten sie mit unseren Spielen bekannt... Ileufohc 5693 rcundlichen Glückwunsch zum neuen Jahr! Zigarrenhaus Kohlet )T. TAbingerstraßc S2 Mit den besten Glückwünschen zum Jahreswechsel empfehlen sich Fr. Rathgeber und Frau JCcttdUoeefrCafe XauptHuumsceuU Zum Jahreswechsel herzliche Glückwünsche! WIENER KEKS INHABER: WILLI BISCHÖFE nur Rotebühlstraße Nr. SB!Die besten Glückwünsche z. Jahreswechsel! OPTIKER FRICK etaatl. geprüft HEILBRONN Genaue Brillenanpassung Abteilung für Amateurfotografie NEUBAU SCHULGASSE SPEZIALITÄT: Liefern n. verlegen v. Riemen n. Parkettböden,Instandsetzung and abziehen alter Böden Innenu. Ladnn-Einrichtungen WCit Gcxtcr jcutl . jcdu-esmecTL&cf! gottl. SCHUSTER Bausdirelnerei und IDObel-Falrlk Holz strafte 5—7, Fernruf 3412 Audi im ueueuJxdice Kauft sollen Sie JJit Eden oeesüfien! damit Besuchen Sie die führenden Spezialgeschäfte der Süßwarenbranche andere Schotui=Schwa&en Arbeit Calwerstraße 46 / Friedrichsbau / Neue Brücke 2 (Ecke haben! Hirschstraße) und Ecke Holz- und Rosenstraße