Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 12 (16.9.1932)
- Date
- 1932-09-16
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- [Seite] (sequence 14)
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In der letzten Nacht erschien ihm wieder der heilige Lehrer im Traum: ..Ist das geliehene Geld bereit?“ ..Ks fehlt an ihm kein Heller." ..Und wie hast du das Glück der sieben Jahre genossen?" ..Heiliger Kahhi. für mich und mein Weih haben die sieben guten Jahre noch nicht begonnen. Nur unsere Kindei haben in ihnen gelernt, und. Dank sei Ihm. si« wissen, was in der Thora steht!" Da sprach der heilige Lehrer: ..Wir wissen was du getan hast. Das heilige Gericht vor Gott hat entschieden, daß es keinen besseren Aufbewahrer für das Darlehen gibt als dich. Du hast vom Gehle Gottes und vom Glück noch nichts genossen. Die Thora, welche deine Kinder von Gottes Geld gelernt, ist Sein: die Wohltat, die du mit Seinem Geld geübt, hast du für Ihn geübt. Bleib' weiter Gottes Sachwalter! Das Darlehen ist voii Jetzt an dein Geschenk!“ An der Klagemauer. Von Albert Londres. Ich ging durch Jerusalem, an der Innenseite der Mauern entlang. Ls war an einem Freitag, am spaten Niudunittag. Mit Kallinchenfellhüten auf dem Kopf und in ziemlich mitgenommene Seiden- oder Samtgewänder gekleidet, deren Farben noch nicht so verblichen waren, daß man nicht hätte merken können, die Kleider seien einmal lila, wassergrün, kanariengelb, amarantfarben. taubengrau oder blau gewesen, wie der Himmel nach einem Gewitter — so schlichen die Juden. Moses’ alte Juden, wie etwas ramponierte Magier durch die überwölbten Gäßchen dieses heiligen Labyrinths. Die einen führten ein Kind an der Hand: die andern schritten, einzeln oder in kleinen Gruppen, in würdiger Haltung dahin, als ob eines Königs Hand sie berührt hätte; alle begaben sich zur Klagemauer. Dieses Bröckchen der alten Tempelmauer ist alles, was von der Herrlichkeit eines Volkes übriggeblieben ist. Der fünfzig Fuß lange und dreißig Fuß hohe, in einem Winkel der Studt verborgene Mauerrest entfesselt wilde Stürme in der Seele Israels. Sobald die Juden ihn erblicken. werfen sie ihm Küsse zu. Aber wir wollen ihnen folgen. Da sind sie. Sie gehen nun rascher. Sobald sie an der heiligen Stätte sind, berühren sie sie mit den Lippen und liebkosen sie mit der Hand. Die ganz Alten haben Stühlchen mitgebracht, auf die sie sich setzen. Tränen der Verzückung treten ihnen in die Augen. Der rechte Teil, etwa drei Viertel der ganzen Mauer, ist für die Männer bestimmt; das letzte Viertel, links, ist für die Frauen. Eine unaufhörliche Klage, die aus den Klagen aller zusammenströmt. eine unharmonische, erschütternde Klage krönt die alte Mauer mit einem tönenden Strahlenkränze. Schauen wir einmal; weint diese junge Frau da wirklich? Sind es wirklich Tränen, die, Tropfen um Tropfen, auf die Steinplatte niederfallen? Ja. es sind Tränen. Sie ist hünsch. und sie weint. Sie weint im Freien, vor Unbekannten, nicht über vernichtetes Liebesglück, sondern über den Verfall ihres Volkes. Leber ein heiliges Buch gebeugt, wiegen sich Männer hin und her. Dem Wind Judäas geben sie ihre herzzerreißenden Gebete mit. Wie unglücklich muß man sein, um so zu stöhnen 1 Wenn sich ihre Körper nicht mehr nach vorn und rückwärts beugen, so treten sie mit den Füßen auf derselben Stelle, einige, die nur den einen Fuß bewegen, sehen aus wie Scherenschleifer. Laut und schallend wird die Mauer geküßt. Andere w ieder küssen sie so zart, als ob sie einen Toten umarmten. Seht euch diese beiden Juden da an, sie halten die Augen so krampfhaft geschlossen, daß ihr ganzes Gesicht sich in Falten legt. Sie heben sich auf die Fußspitzen und beginnen zu zittern, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Und jener dort? Mit gerungenen Händen fleht er die Mauer an, wie wenn die Mauer ein Mensch wäre, von dem das Glück seines Sohnes abhängt. Und jener andere dort? Er legt plötzlich den Kopf in seine rechte Hand und gebärdet sich so verzweifelt daß ich am liebsten zu ihm hinginge und ihn fragte: „Was haben Sie, mein