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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-09-16 · 12 (16.9.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
12 (16.9.1932)
Date
1932-09-16
Page
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Die Zahl der Mischehen Ix trägt in -Stuttgart l<)2>: M '. 1926: 40',/. 1027: 459C 1028: I59C 1020: 40 '1050 : 41 '/(.*) Auch in früheren Jahren entfielen mit \erschw indenden Ausnahmen alle Mi'ciiehen Württembergs auf Stuttgart. Auch für die w iirttembergisihen Juden erweist sidi die Hiihtigkeit des von dem Statistiker Ernst k a h n aiisgesprociic-neu Satzes, daß die .Mischehe von der Substanz der Juden, vor allem der deutschen Juden, »las auf/ehrt. was die Gehalten koutrolle übrig läßt. \\ i» die übrigen Ersciieinungen so macht sich aiuii die überall in starkem Ansteigen begriffene Gistrittsbewegung bei uns in erheblichein Linfange bemerkbar. Audi diese Bewegung be- '(iirankt sich j»-»loiii in Württemberg fast ganz auf Stuttgart. In den letzten Jahren seit 1025 hat die Gemeinde Stuttgart itn Jahr durchschnittlich io Mitglieder durch Austritt verloren. In den meisten Fällen ist der Abfall von der Gemeinde auf steuerliche* Gründe zuriiek/uführen. Gegenüber den Verlusten fällt die Zahl der Lebertritte >5 im Jahre 10511 nicht ins Gewicht. Das Bild, das uns diese Betrachtung trockener Zahlen erschlossen hat. ist sehr unerfreulich Mögen »ich auch im einzelnen infolge der Kleinheit des absoluten Zahlenmaterials Lnkorrektlieiten ergeben, so ändert dies doch nichts an den 'wiiliilifolgeriingen. Wenn die Zahl der württemhi-rgischcn Juden von |s*S) bis 1051 von 15 551 auf liisbo zurüchgegangeu ist. so entspricht dieser Bevölkerungsabnahme sicherlich noch nicht der gesamte natürliche Verlust, der von all den oben erwähntet^ Erscheinungen hervorgerufen worden ist. da ja ein Teil des natürlichen Yerhists durch Zuwanderung wieder ausgeglichen ist. Die Stadt Stuttgart, in der sich die Zerfallserscheinungen ja am stärksten fühlbar gemacht haben, weist keine Abnahme, sondern eine Zunahme der jüdischen Bevölkerung auf. Stuttgart hatte int Jahre 1010 4257 und I05t 4888 Jüdische Einwohner: vrm »len Zngc wänderten stammt allerdings ein großer feil anden kleineren Orten Württembergs. Man begreift, »laß Pessimisten unter den geschilderten Umständen vom Untergang der deut- -chen Juden sprechen. Wenn die Entwicklung die «largestellte Richtung beibehält, so ist nicht zu leugnen, »laß ihre letzte Auswirkung den l! nt er gang bedeutet. Wir wollen und dürfen aber »li»- Hoffnung nicht aufgeben, daß »las deutsche Judentum sich auch in bcvölkeriiiigs|toliti'»her llm-icht wieder auf sich selbst besinnen wird und mit tatkräftiger Energie den Kampf gegen di» Zerfallserscheinungen der fiegenwart am seiner Selbsterhaltung willen aufnehmen wird. _ Karl Lieblich an Adolf Hitler. Eine Anfrage ohne Mandat. KarlLie. blich hat eine neue Schrift herausg< geben. Sie betitelt sich: ..Was geschieht mit den Juden? Oeffentlidie Frage an Adolf H i 11 e r.“ Wenn man zu dieser Schrift Stellung nehmen soll, fällt es schwer, den richtigen Ton zu finden. Denn wenn man sieht, mit welcher Unbekümmertheit und Weltfremd heit Lieblich sich auf eine Erörterung mit Hitler einläßt, wäre man versucht, die ganze Angelegenheit mir von der scherzhaften Seite zu betrachten. und man würde ihr. wenn der Gegenstand nicht zu ernst wäre, auf diese Weise wohl um ehesten gerecht werden. l ieblich legt zunächst in einem kurzen Vorwort dar. »laß er sich bisher mit seinem Buch •> Die Prozentsage beziehen sieb jeweils auf die Zahl der geschlossenen Ehen, nicht auf die der Ebeschließenden. - 106 - „w ir jungen Jude li" an die jüdische* * Welt gewandt habe, wogegen er mit dieser Schrift eine Auseinandersetzung mit der Außenwelt, im besonderen der ganzen Deutschenbeit herbeiführen wolle. Diese Schrift solle ein unmittelbarer Aufruf an das deutsche V olk sein. Sch«»» diese* Worte stehen mit dem Titel der Schrift in Widerspruch. Denn, wenn Lieblich eine Auseinandersetzung mit dem deutscheu Volk wünscht, so ist -nicht einzusehe n, warum er seine öffentliche Krage ausgerechnet und gerade au II i t 1 e r richtet. Er scheint dem Fehler zu verfallen, den Hitler und seine Partei selbst begeben, nämlich Hitler und seine Anhängerschaft mit dem deutschen Volk gleichzusetzen. In dein zweiten, dem llauptteil der Schrift, erläutert Lieblich ausführlich die bekannten Ziele des ..Bundes für neues Judentum“. Dieser Ieil stellt einen Kommentar zu dein Programm dieses Bundes dar. Es kann auf die vielfachen Aufsätze in dieser Zeitung, die sich mit diesem Blind»* und seinen Zielen beschäftigt haben, verwiesen werden. Lieblich setzt auch hier auseinander, dal! der Bund die Erneuerung des jüdischen Volkes in religiöser, politischer und ethischer Hinsicht anstrebe. Anerkannt muß auch heute wieder werden, daß in religiöser Hinsicht die Ausführungen I.ieblichs durchaus bemerkenswert sind :,? Die Redaktion), im L nterschied zu den politisthen Ausführungen, wo nach wie vor als Ziel des Bundes die Schaffung eines Jüdischen Weltvolkcs erstrebt wird. Dabei will Lieblich den Z.u- -ummenschliiß aller jüdischen Stämme zu einer VV cltjudenlieit zustande bringen und fordert ihre Selbstbestimmung nach innen, nach außen ihren Schutz als Weltminderlieit. Gerade diese Bestrebungen sind im l aufe des letzten Jahres schon zu oft kritisiert worden, als daß qine neue Besprechung notwendig wäre. Bis hielier enthält die Schrift also nichts Neues, abgesehen davon vielleicht, daß Lieblich in dem einen oder anderen Punkt seine Progrnminptinkte vorsichtiger gefaßt hat und auf den einep oder anderen Angriff eingegangen ist. Nun aber kommt der I eil der Schrift, der mit Hecht ein unliebsames Aufsehen erregen muß. D»*iiii in di« sein letzten Teil der Schrift wendet -ich Lieblich mit der Kruge ..Was geschieht mit »len Juden?“ unmittelbar an Adolf Hitler. Man fragt sich, w ie Lieblich diese Frage gerade an Hitler stellt. I.it-hlich spürt selber, daß er eine Antwort auf diese F rage seinen Lesern und vor allem seinen Jüdischen Lesern schuldig ist. tinil er versucht sie zu geben. Dieser Versuch ist aber k I ä g 1 i th in i ß g 1 U ck t. Lieblich führt aus. daß er sich deshalb an Hitler wende weil dieser in seinem Programm der geistigen, politischen und wirtschaftlichen Erneuerung Deutschlands notwendig auch eine Erneuerung der deutsch-jüdischen Beziehungen, wenn auch noch nicht im einzelnen, festgelegt habe. Gewiß. Hitler hat in seinem Programm eint* Erneuerung dieser Beziehungen vorgesehen, aber was für eine! Man möchte Liebluii empfehlen, die kleine Schrift Alfred KOsenbergs über Wesen, Grundsätze und Ziele ,|« , NutionalsOzialitischeu Deutschen Arbeiterpartei zu studieren, und vor allem deren Punkt gN und 24. Es ist durchaus nicht so, daß dieses P, grämt», wie Lieblich es sich vorstellt, vorsi»- daß zwei zwar andersartige, aber doch gleit wertige Volkskörper nebeneinander und i einander leben sollen, vielmehr wird doch und das dürfte auch Herrn Lieblich bekam,, sein — der Jüdische Teil von Hitler und s>-,„--,,i Programm als durchaus minderwertig betrachtet. Was sich also Lieblich von einer I - iicucriing der deutsch-jüdischen Beziehungen i, Kinne Hitlers verspricht, ist rätselhaft. Lieble begeht überhaupt den grundsätzlichen Fehl «laß er von vornherein und ohne Prüfung Hit) , und sein Programm als berechtigt akzeptie i. Denn anders wäre es nicht zu verstehen. wc*i, Lieblich Herrn Hitler das Kompliment inndi, daß er genau wie Lieblich selber es unternommen habe, „Neues und von Grund auf Ernc-iien, des zu versuchen“: und wenn Lieblich dann zun, Schluß sagt, daß er darum, weil er nur von seiten Hitlers sich eine ernstliche und innerlich Inteiligte Förderung seines Gedankens vorsi« I!« ,, könne, diese Schrift und die Beantwortung ihre: Frage mit Vertrauen in die Hände- Hitlers gelegt habe. Man braucht nicht so weit zu gehen, wie das ..Jüdische Wochenblatt“ in Köln, das sagt, «laß hier verabstheuungswürdige Anbiederung an unseren schärfsten Gegner, eine Bloßstellung der Jüdischen Sache vorliege. Was aber vorliegt, ist eine vollkommene Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse. Es mutet komisch au. wenn Lieblich aiisführt. daß seine Bewegung bis jetzt nur 50 Anhänger habe, er alter unnelime. daß Hitler die Sache Lieblichnidit nach der geringen Anzahl seiner Jütig» beurteile. Lieblich bringt damit gewissermaß» zum Ausdruck, daß auch Hitler Ja einst mii sieben Mann ungefuiigeii und jetzt Millionen hinter sich habe. Genau so, wie Lieblich die Möglichkeiten seiner Bewegung von Grund aus falsch einschätzt, genau so falsch und abwegig ist es wenn er glaubt, als Jude, mit Hitler, dem Judengegner, eine Diskussion auf gleicher Basis führen zu können. Das ist eine Utopie! Hitler wird, wenn er das Buch überhaupt in die Hand bekommt und liest, es mit einem lächelnden Achselzucken beiseite legen. Ich möchte vorschlagen, ein Gleiches zu tun. Dr. W. E. Zur Geschichte der Juden in Heilbronn Von Robb. Dr. Chone, Konstanz. (Schluß). Der hier zum ersten Male veröffentlichte Brief -lammt aus dem Stadtarchiv Konstanz. Er ist vom Bürgermeister und Rat Heilbronns an den Bürgermeister und Rat von Konstanz gerichtet: Unser freuutlich willig dinst mit allem das wir guts verniugen sien unser ersamhoit bereit altzit voran. F ursichtigen und wisen sunder guten F runde. Sich had ein Jude genent Loew unter dem hochgepornen Fürsten unsrem gnedigen Herrn Hertzog Otten gesessen, von uns bestell. Bürgerrecht und sinen sitze furter in unser stat zehadten. der had sich mit einer siner dochter zu einem Juden genent Schoel. eins Juden sinnvoll Meisters b«*>' Venedig gelegen gefrun- »liget. der auch dfcn vorgenanten Schmoel sinen Dochtcrman by sich genomen und by uns hie /ii Hailpronn hohtzyt itzo vor dem Herbst gchalipn hat. sagt uns der vorgenante Lew. wie sin Swjeher Aron sinem sune Schmoeln egenanten hundert Dockathen gülden heruß gesant und mit wechssel zu einem eurer Juden zu Costentz Seiigman und Gentein sinem wybe bracht habe, die auch sinem dochtcrman und dochter zugehören. Lew Jude sagt auch, wie Schmoel sin dochtcrman funf Rinisch gülden habe zu 1k*- halten geben Giheko einer Jüdin bey uch. Wann als wir nu wol vernomen han. das uwer liebe und andere stete euer Yereynung die Juden bey uch in gefengnisse habent genomen von einer geschieht zu Ravenspurg. dezhalben dem vorgenanten Juden siildte gelt verhalten wirf, und darumb bitten wir euer ersam fursichtikeit und gute fruntschefte dinstlich mit allem fliß. das ihr uch uns zu liebe an den egenanten Juden Seligmannen und Getiten sinem wibe der Sachen erfaren und auch an Gilcken der Judynne, iglich umb sin zale bestellen und daran wollent sin das dem genanten iowen dem Juden und sinem Dochtcrman und siner dochter sulch gelt ufgehalten werde, bis sie oder wir von irem wegen mit wechssel und Sicherheit von uch her zu uns brengen mögen: des sind sie notturftig und wollent nenn tun und uns mit dem botten. was uch begegnen werde euer fruntlich beschriben antwort wissen lassen, als wir lieb sonder zwifel guts getruwen und auch tiinb alle die euren Cristen oder Juden, so sich das bey uns inoecht«- bedenken und umb euer fursichtig gute fruntschefte, die zu allen zyten zu uns gebieten wölb mit gutem willen gedien wollen. Geben uf der heiligen Dryer Konigtag u. >4511 Bürgermeister und Rate zu Heilpronn. Innen liegt ein Papierstreifen: Besunder gut»* fremde, wollent sulch gelt bey uch ncmc-n also das wir das bey uch von des Juden wegen wissen zefinden. Datum ut supru. magister civiuni Die Adresse auf der Rückseite der Urkunde: Den Ersamen fursichtigen und wisen Bürgermeister und dem Rate zu Constantz, iinseru Resümier lieben und guten frunden. Darunter steht mit anderer Handschrift: Heilpronnen — Säligman Jud. Folgender Tatbestand liegt zugrunde. In Konstanz waren Finde 1429 die Juden gefangen genommen worden. Man warf ihnen und den Juden der Bodenseestädte einen Ritualmord vor. der in Ravensburg geschehen sei. Zu. den Gefangenen gehörte einer der angesehensten Konstanzer Juden. Säligmann. Er muß einige Zeit in Venedig gewohnt haben8). So kam es daß der in dem Heilbronner Briefe erwähnte junge Ehemann auf seinem Wege nach Deutschland in Konstanz den Auftrag seines Vaters erfüllen und dem ihm bekannten Säligmann einen Wechsel über hundert Dukaten.aushändigen konnte: die jetzt der Rat von Heilbronn für seinen Bürger lx*w sicherzustellen bittet. Leber die Familie des aus Mestre bei Venedig eingewanderten Schmoel ist folgendes bekannt. Der Vater, Aron in Mestre. ist der Sohn des Hochmeisters Schmoel in Venedig. Die Tochter dieses Rabbiners, Blume, war mit Bendit von Ueberlingen verheiratet, der in Regensburg ansässig war*): also war dieser Bendit ein Schwager ■) Darüber und aber die Identität dieses 801igmann mit dem bei Jakob Weil oft silierten R. Seltgmann Iss Ulm (s Strassburger in der Festschrift Kroner, Breslau 1917, 8.224 ff.) wird an anderer Stelle berichtet werden. *1 Stern, Juden ln C bedingen (Frankfurt 1990) S. 30. aus dem Reichsarchiv in München.

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