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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-09-01 · 11 (1.9.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
11 (1.9.1932)
Date
1932-09-01
Page
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Gemeinde Äettnng für öle ifraelitifOen Sernetnden aBttrttem&ero* Verlag: Xaiilitoiilc rm(6MU4 gUbUsatt M1U6 5 XM, iL, UM Israelitische DerlagsauAalt 9. ar. b. H. Mi tafpaliij« SRaapantQitiUi 39 Sttüspfauiia ■artipfltTÜit 1 28 JIM 28 9ta<8*Dftmmia Ueraivr. 23328 * Stuttgart * Kasernen str. 13 Dorzu-Sptätz« »och Toris. yooöUaoa» u»b tUbu Xaxtom bi» Xtriwilc 20 N«tchgps»»»ig «o»o Voffiftaf-ftMite: 3«2M MhU » ,«» mdmA El.».'«, Schristleitung: Gtattrabbiuer Dr. Rleger. Stuttgart. Hekla»»Ml« 1*50 JLM ix. 3o0roono etnttgort, l. Geptemtter 1932 9*r. 11 Religion und Politik. Von Rabbiner Dr. Hugo Hahn, Essen. Die Fronten haben sidi verschoben. Kamen die Zweifel an der religiösen Sinngebung des Lebens bislang vor allem aus dem Bereich der aufklärerisch eingestellten Naturwissenschaft, so muß festgestellt werden, daß diese Argumentation heute nicht mehr im Brennpunkt jugendlicher Diskussionen steht. Damit soll keineswegs übersehen werden, daß im Leben jedes jungen Menschen ein Zeitpunkt kommt, da er glaubt, aus Gründen wissensdiaftlicher Reinlichkeit dem alten Väterglauben Valet sagen zu müssen. Die täglich fortschreitenden Erkenntnisse auf allen Gebieten der Physik, Chemie und Biologie beeindrucken den modernen Menschen nach wie vor so stark, daß er allzuwillig bereit iät, die religiöse Deutung des Lebenszusqmmenhanges ins Reich der Fabel und der Sage zu verweisen. Trotzdem darf gesagt werden, daß sowohl die Selbstbegrenzung, die sich die Naturwissenschaft auf Grund einer objektiven Einsichtnahme in das ihr mögliche Arbeitsgebiet auferlegt hat. als auch das bessere Verständnis, das die Religion für die naturwissenschaftlich anmutenden Stellen der Bibel in Bereitschaft hält, wesentlich zur Entspannung der gegenseitigen Kampfstimmungbeigetragen haben. Man weiß heute wieder, daß die Religion die Ergebnisse der Naturwissenschaften keineswegs zu fürchten braucht. Und andererseits gibt es wieder, um es einmal populär auszudrücken. Gebildete, nicht zuletzt sogar Akademiker, genug, die trotz ihres naturwissenschaftlich unterbauten Weltbildes an das Dasein Gottes im Ernst des von der Bibel gesagten Wortes glauben. Die Gegnerschaft vieler Jugendlichen zur religiösen Position kommt heute aus einer ganz anderen Richtung. Als Feinde Gottes bezeichnen sich besonders gerne jene Menschen, die in- und außerhalb der sozialistischen Parteien für eine ereditere Weltordnung, für eine menschenwürigere Wirtschaftsgestaltung kämpfen. Ob, von einem höheren Standort aus gesehen, ein solches Unterfangen wirklich als religionsgegnerisch bezeichnet werden muß, ist aber doch sehr fraglich. Es könnte sehr wohl sein, daß in solcher revolutionär eingestellten Jugend der Funke Gottes glühender brennt als bei vielen saturierten Bürgern. deren Lippen von religiösen Worten triefen, die aber von der Umgestaltung der Welt im Sinne der biblischen Forderungen bei weitem nichts wissen wollen. Nun ist die Berufung auf das Wort der Heiligen Schrift in vielen Kreisen heutiger Jugend nicht beliebt. Es herrscht dort die Auffassung, daß geschickte Theologen das biblische Wort allzuoft gedreht und verdreht haben. Wenn man bedenkt, was z. B. völkisch eingestellte Geistliche aus der Bibel herauszulesen imstande sind, so wird man diesen Argwohn zum mindesten verstehen können. Wie kritisch man aber auch immer zur Auslegungskunst zünftiger Theologen stehen mag, über allem Zweifel erhaben ist die Erkenntnis, daß es das Hauptanliegen der Heiligen Schrift ist, dem Mensmen den Weg zur sozialen Gerechtigkeit zu weisen. Dem einen Gott, wie ihn die Bibel lehrt, kann nur die in Wahrheit und Gerechtigkeit geeinte Völkergemeinschaft entsprechen. Es erhebt sich darum die Frage, ob die in unserer Zeit fast schon selbstverständlich gewordene Feindschaft. zwischen den sozialistischen und religiösen Gemeinschaften verewigt werden muß. Wir haben des öfteren darauf hingewiesen, daß es bereits einen Menschenkreis gibt, der, ohne die vorhandenen Widersprüche überkleistern zu wollen, mit Mut die unüberwindlich erscheinenden Gegensätze zu überbrücken versucht. Es ist dies der „Bund religiöser Sozialisten“. Man würde die Struktur des Bundes durchaus verkennen, wollte man annehme», es handle sich dabei um eine Gemeinschaft beschaulicher Menschen, die in theoretischer Auseinandersetzung die Möglichkeit der Vereinbarung von marxistischer Lehre und religiöser Weltbetrachtung erwägen. Dort, werden für die Sache der sozialen Erneuerung der Welt mindestens so viele Opfer gebracht wie in den Reihen der politischen Parteien. Ein Mann wie Rugaz, der Führer der Schweizer religiösen Sozialisten, hat sein akademisches Lehramt und seine kirchliche Stellung aufgegeben, um an sich das ungewisse Schicksal des Proletariats zu erleben. Pfarrer E ck e r t hat auf seine Stellung in Mannheim verzichtet und ist der Kommunistischen Partei beigetreten, um dort für die Sache des religiösen Sozialismus zu wirken. Wenn trotz dieses Opfermutes der ausschlaggebenden Führer der Bewegung eine durchschlagende Kraft vorläufig versagt bleibt, so dürften hierfür vor allem zwei Gründe maßgebend sein. Einmal sind die in den sozialistischen Kampforganisationen gesammelten Jugendlichen auf weite Sicht für die Verkündigung der religiösen Wahrheit nicht aufnahmebereit. Nicht nur deshalb, weil sie in der Religion eine schwächliche Angelegenheit, die sich für Kämpfer nicht eignet, erblicken, sondern, weil sie zum großen Teil mit einer Begeisterung ihrem Parteidogma anhange n, die man nur-..religiös“ nennen kann. Das gilt in lcichem Maße auch für die jugendlichen Anänger der Nationalsozialistischen Partei. Ohne Zweifel gibt es auch dort eine Fülle von innerlichst bewegten Menschen, denen die Frage des Sozialismus ein ernstes Problem ihrer Lebensgestaltung bedeutet. Aber die in der Partei herrschende inner weltliche Blutmystik läßt einen Durchbruch zu den letzten Quellen menschlichen Seins nicht aufkommen und verdeckt alle ursprüngliche Sehnsucht nach echter und wahrer Gottverbundenheit. Es wird noch geraume Zeit vergehen müssen, ehe die Angehörigen beider Parteirichtungen aus ihrem fiseudo-rcligiösen Rausch erwachen und ihr Wolen und Tun unter den Richterspruch Gottes stellen können. Wir sind weit davon entfernt, das Wahre und Vorwärtstreibende, das in beiden Bewegungen geborgen liegt, zu mißachten oder zu verkennen. Wir sind nur davon überzeugt, daß noch wichtiger als alle Systeme, die Menschen sind, die das System zu tragen haben. Ihre Wandlung ist aber nur möglich in Berührung mit dem tragenden Grund der Welt, dessen Namen allzuoft zu nennen uns Juden eine natürliche Scham verbietet. Die zweite Ursache für das Versagen der religiös-sozialen Bewegung in unserer Zeit liegt in der Wandlung begriffen, von der die Religion heute selbst betroffen ist. Immer weiter greift eine Reli^ionsbetraditung um sich, die versucht, die politische und religiöse Sphäre vollkommen voneinander zu trennen. Der Mensch, so wird da gesagt, könne von sich aus eine Neu- Anitl. ^BekauHtmaduiH^eH Isr. Gemeindevorsteheramt Stuttgart. Der II.Gottesdienst an den hohen' Festtagen findet im Festsaal des Gustav Siegle-Hauses statt. Gemeindemitglieder, welche Eintrittskarten wünschen, werden gebeten, dies bis späte tens Mittwoch, den 7. September 1932 schriftlich der Gemeindepflege mitznteilen. Dabei ist anzugeben, wie viele Herren-, Damen-, Knaben- und Mädchenplätze gewünscht we rden. Die Mieter von Synagogenplätzen werden hiermit aufgefordert, den Mietzins für das Jahr 1932/33 gegen Empfang der entsprechenden Platzkarte alsbald bei der Israel. Gemei idepflege, II o s p i t a I s t r. 36 p., zu entri hten. Die Ausgabe der Karten für die Synagog? und für die Gottesdienste im Gustav Siegle-Hans erfolgt vom Montag, den 12., bis Mittwoch, den 14. Sept. 1932, vorm, von 9—12 Uhr und nachm, von 3—5 Uhr bei der Gemeindeptlege, Hospitalstr. 36 p I. V. Dr. Flegenheim Jüd. Zentralstelle für Berufsberatung u. Arbeitsnachweis. Stuttgart, Hospitalstr. 36 — Telephon 22) 198. Sprechstunden: Mittwoch von 5—7 Uhr. Wir bitten, nach Möglichkeit sich unseres Arbeitsnadiweises zu bedienen und führen nachstehend einige der uns gemeldeten Kräfte c.n: Gel. Kaufmann und gel. Automechaniker, mit Führerschein 3 b, 23 Jahre, mit guten Empfehlungen. Kontorist, fleißig und zuverlässig. Feinmechaniker, tüchtiger Arbeiter, gute (Zeugnisse. Verkäuferin, aus der Putzbranche, 21 Jahre, gewandt. . Säuglings- und Kleinkinderpfiegerin, 24 Jahre. besonders-gute Zeugnisse. Ausläufer, ehrlich und willig, übernimmt] jede Arbeit. e r. Gestaltung der Welt überhaupt nicht i i die Wege leiten. Alles hänge von der Hilfe Gottes ab. der die W eltdinge „am Ende der Tage“ schon zurechtrücken werde. Bis dahin müsse me n die Angelegenheit dieser Welt ihrer Eigengesetzlichkeit überlassen. Die Religion hingegen habe es nur mit der seelischen Rettung des Einzelmenschen zu tun. Es wäre eine Katastrophe, wenn — w-ozu Anzeichen vorhanden sind — diese kulturpessimistische Religionsauffassung auch in den Raum des Judentums eindringen würde. Jüdische Religion ist, wie Buber so oft gesagt hat. Gottverbundenheit ohneAbstrichv. Alle Gebiete des Lebens, nicht zuletzt die Politik, sind in ihr unter den Anspruch Gottes gestellt. Die Tatsache, daß die Welt diesen Grundsatz heute noch nicht anerkennt, ja die Bemühungen der Religion nm eine Befriedung der Ze t als lächerlich hinstellt, darf uns nicht abhalten diese Position immer wieder von neuem zu verteidigen. Es wäre ein bedenkliches Zeichen, wenn in den Jugendbünden die religiöse Belehrung, aus Angst vor gewissen Zeitströmungen, nicht mehr wie früher zu Wort kommen könnte. Wir Juden müssen aus unserer Geschichte am ehesten wissen, daß Politik und Religion keine Gegensätze sind, sondern, aufs letzte gesehen, sich bec ingen. lüet wm TttoBeln speicht, denkt cm MOBEL-MAY Holzsftraß43-9 KönlgstraCe 1

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