Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 7 (1.7.1932)
- Date
- 1932-07-01
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- [Seite] (sequence 1)
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Für den strenggläubigen Teil der jüdischen Gemeinschaft ist die Frage allerdings eindeutig dahin beantwortet, daß alles, was in der schriftlichen Ueberlieferung der Bibel und in der mündlichen Ueberlieferung ihrer Ausdeuter enthalten ist, Offenbarung, also jüdischer Glaube ist. Für den zahlenmäßig weit größeren Teil der Judenheit ist die Antwort je nach der Intensität ihrer religiösen Einstellung vielgestaltig. Es ist ja schon fraglich, ob es im Judentum überhaupt Dogmen im katholischen Sinne gibt. Denn unter Dogmen versteht man die von einer Kirche ihren Gläubigen befohlenen Glaubenslehren, von deren Anerkennung oder Verwerfung ihre Zugehörigkeit zu der betreffenden Kirche und das ewige Heil oder die Verdammnis ihrer Seelen abhängt. Da es in diesem Sinne keine jüdische Kirche gibt, besitzt das Judentum keine Dogmen, sondern nur Fundamentallehren. Im Grunde ist aber diese Unterscheidung nur eine Förmlichkeit. Kennt doch bereits der Talmud fundamentale Grundideen, deren Verwerfung den Juden aus seiner Glaubensgemeinschaft ausschaltet und vom ewigen Heile ausschließt. Tatsächlidi hat es bis zu Mendelssohns Zeit eine ziemlich allgemein anerkannte Dogmatik des Judentums gegeben. Erst Mendelssohns Formulierung des Judentums als einer Vernunftreligion mit einem geoffenbarten Gesetz hat diese Dogmatik erschüttert und zu einer Auflösung ihrer bisherigen Glaubensgrundsatze geführt. Am Ende dieses Prozesses stehen Moritz Lazarus, der Gott als „die personifizierte und reale Idee der Sittlichkeit“ definiert, Chajim Steinthal, der in Gott „das Hohe an sidi, das Feine, Edle. Reine“ verehrte. Prof. Hermann Cohen, der in Gott „den Bürgen der Verwirklichung des Sittlichen“ geschaut und Dr. Kaufmann Köhler (Grundriß einer systematischen Theologie des Judentums), der die jüdische Religion „die universale Grundlage menschlicher Gesittung mit dem Ziele sittlicher Veredlung der Menschheit“ nannte. Das Judentum erlebte also das Schicksal, sich als Glaube in eine Reihe moralischer Formeln 'aufzulösen, die im Endergebnis ebensogut die Definition eines anderen Bekenntnisses sein konnten, da ihnen jeder jüdische Wesensgehalt abging. Gewiß hatten sich bereits unmittelbar nach Mendelssohn die Stimmen ernster jüdischer Theologen zum Worte gemeldet, die eine neue Fundamentierung des Judentums in der Offenbarung forderten. Aber erst Franz Rosenzweig hat die katastrophale Gefährdung des Judentums durch die fortdauernde Sublimierung seiner Offenbarungswerte voll begriffen und ein neues Offenbarungsprogramm für das Judentum aufgestellt. Schöpfung, Offenbarung und Erlösung waren die tragenden Säulen seines Tempelentwurfes. Den Tempel selbst zu bauen, hat inm ein höherer Wille verboten. Ein junger jüdischer Theologe. Hans J o a - diim Schoeps, der die Glaubensleere des Judentums als den Anfang vom Ende empfindet, stellt unter dem wuchtigen Eindruck Rosenzweigs und der sogenannten dialektischen Theologie des Protestantismus soeben die Frage „Was ist jüdischer Glaube in dieser Zeit?“ und beantwortet sie in einer im Philo-Verlag erschienenen Schrift „Prolegomena zur Grundlegung einer systematischen Theologie des Judentums.“ Er widmet seinem eigentlichen Thema allerdings nur das letzte Drittel seines Werkes, dem er eine Geschichte der protestantischen Lehrdisziplin der alttestamentlichen Theologie und einen geschichtlichen Rückblick über die Entwicklung der systematischen Theologie des Judentums im 19. Jahrhundert voranschickt. Es ist ihm klar geworden, daß die Stellung zur heiligen Schrift, die Sinngebung ihres Wertes als Offenbarung, die Schicksalsfrage des Judentums ist. Vom Standpunkt des Judentums wäre es allerdings besser gewesen, statt der Protestanten die jüdischen Theologen über die Bibel — Zunz und Geiger fehlen in seiner Darstellung völlig — zu befragen. Der Weg zu einer jüdischen Theologie darf nicht auf dem Umweg über das Christentum, sondern muß unmittelbar aus dem Judentum erschlossen werden. Für das Christentum ist das Alte Testament nur eine Hinführung zum Neuen, ist das Judentum nur Vorstufe für das Christentum, ist die Verheißung an Israel erst in Christo verwirklicht. Es ist aber selbstverständlich, daß das Judentum an dem Offenbarungswert und dem Heilscharakter des Alten Testamentes gegenüber der christlichen Auffassung festhalten muß. Ist das Alte Testament von Gott geoffenbart.dann bedarf es-keiner Korrektur, keiner Ergänzung und keiner Leberhöhung, dann ist das Judentum die unmittelbare Fortsetzung der Bibelkultur. Wilhelm V i - scher hat den Standpunkt des Judentums richtig verstanden, wenn er sagt: „Sollte die Synagoge kein Recht haben, sich für die echte Erbin des Alten Testaments und ihre Geschichte für die gerade Fortsetzung der Geschichte des auserwählten Volkes zu halten? Kann nicht der Talmud mit mindestens ebensoviel Recht als das Neue Testament beanspruchen, als das echte Komfilementum (Fortsetzung) der heiligen Schrift sruels anerkannt zu werden?“ Die Lebensfrage der jüdischen Gläubigkeit ist die Stellung zur heiligen Schrift. Bereits der Dichterphilosoph Juda H a I e w i hat in klassischen Worten ausgesprochen, daß die Tatsache der Offenbarung und das Schriftwort das ewige Fundament des Judentums darstellen. Die Göttlichkeit des Schrift wertes erscheint aber* durch die Bibelkritik mit ihren Quellenscheidungen, Textverbesserungen und Zeitumstellungen erschüttert. Darf das Judentum diese moderne Bibelforschung anerkennen, ohne durch sie das Gotteswort zu entwerten? Die Problemlösung ist die Anerkenntnis, daß die heilige Schrift neben ihrem göttlichen Geistesgehalt eine Menschenform hat. Nicht das Wort, sondern der Wert, den es umschreibt, nicht die Form, sondern die Idee, die in ihm lebt, ist das Wesentliche. Die heilige Schrift ist die Menschenform, in der die Ansprache Gottes an die Menschheit erscheint. Diese Auffassung spricht auch aus der alten talmudisdien Aeußerung dibbroh thuuroh kilschaun bne odom (die Thora spricht die Menschensprache). Das ist auch die Meinung des Religionsgesetzes unter Berufung auf 5. Buch Mose 17, 8—12. wo der Ausdeutung des Schriftwortes im Sinn und nach dem Bedürfnis der Zeit das Wort ort Iso für Jüd. Berufsberatung und Arbeitsnachweis. Stuttgart, Hospitalstr. 36 — Telephon 22g1) i Wir bitten, nach Möglichkeit sich unseres Arbeitsnachweises zu bedienen und führen nachstehend einige der uns gemeldeten Kräfte an Junge, selbständige Stenotypistin, gute Al gemeinbildung, gute Zeugnisse. Junger Kaufmann, aus der Textilbranche, in Büroarbeiten gut bewandert. Junger Kaufmann aus der Schuhbranche. Ausläufer, junge, zuverlässige Kraft. Kindermädchen, gute Zeugnisse, auch in H< arbeit bewandert. Flickerin, näht in und außer dem Hause Putzfrau, sauber und fleißig. geredet wird. Gegenüber der Bibelkritik miß das Judentum erklären, daß diese nur das M und dessen zeitliche Gestalt trifft, daß sie nur literargeschichtlich bedeutsam, dagegen den Glauben unwesentlich ist. Nicht der B ich stabe, sondern dessen Geistgehalt ist der Gej enstand des jüdischen Glaubens. Damit ist die; entrale Bedeutung des Schriftwortes und die Stellung Israels zu ihm gekennzeichnet. Israel ist durch den Bundesschluß am Sinai am kodausch Gott es volk geworden. Seine Einordnung in die Volksgemeinschaften, unter denen es lfbt. wird durdi diese Zugehörigkeit zur Bumlesgenieinschaft der Gottheit nur peripher berührt. Der Heilsplan Gottes findet seine Zielsetzung im Messianismus, der alle Menschen umfaßt und in die Bundesgemeinschaft des göttlichen Wel enkönigs einbe/.ieht. Wohl gebietet Gott Israel:) Ith will von euch geheiligt werden (3. Mose 22. Aber die gleiche Mahnung ergeht durch den 'ro pheten im Namen Gottes an alle Menschen (Jesaia 66. 21). Die Heiligung Got d u r ch die M e n s ch h e i t S g e m e i n d e der O f f e n b a r ii n g s s i n n de r W c g e s ch i ch t e. Damit ist die Skizze, die Schoeps an das* Ende seiner Schrift stellt, in der er die fundamentalen Glaubenslehren des Judentums unter Ank lüpfung an die Tradition behandelt, gekennzeid inrt. Sie leidet unter der allzu starken Abhängigkeit des Verfassers von seinen nicht jüdischen Vurbildern und bedarf in allen Teilen einer st re igen Leberpriifung nach der theologischen und nach der philosophischen Seite. Die Einzigkeit Gattes ist nicht Glaubenssatz, sondern philosophische Ableitung. Die Jenseitigkeit Gottes ist in den Begriff des persönlichen Gottes einzubezi?hen. Der Schöpferbegriff ist bereits von Maimo lides als Anthropomorphismus begriffen worden. Gott t e s i s t liefern scher i s t heißt: er schafft. Die Schöpfung au Nichts ist ein scholastischer, aber kein jüd Grundsatz. Er ist eine unzulängliche Form 1 für das sprachlich upausdrückbare Schaffen Gottes. Psalm 33, 9: Er spcach. und es war da: Er I und es stand du. Die Frage nach den jüdischen Eunda neulich ren ist also durch Schoeps nicht cndgült, antwortet. Neben seiner Auffassung tritt i dings die Aufstellung Diencmann 5. Bunde der Encyclopuedia Juduica. Er neun Grundlehren des Judentums von g becuerim nennt Jenen allerdings mehrere, wie z. B. „Der Sinn ui d das Ziel der Schöpfung ist das Gute“ und die Auferstehung der Toten nicht auf die \on ihm geforderte Zustimmung aller Juden rechnen c ürfen. Andere Sätze Dienemunns' wie das l)ogn a der lec wm Tfto&ein speicht, denkt cm MOBEL-MAY HolzstraBe3-9 KönlgstraQe 1