Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IX (1932-1933)
- Issue
- 2 (16.4.1932)
- Date
- 1932-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Belongs to
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SMmi« KapHalMlac* l 0— 60l«pl«DilHlCftl ■ FCtBltOld-nTPOftCkCI k | HU M JkmkcommaHdUe. Suqtwmd tOeii iimtHi, fl——wi—, UM—» ISM4/« Weniges rügen, das meiste aber übersehen. Wir vergessen nie. daß es „unsere Kinder“ sind, die vor uns stehen und an die wir nie den Maßstab des erzogenen, gereiften Mensdien anlegen dürfen. Unsere Aufgube ist es. die kindliche Seele zur Selbst Verwirklichung, zur .Selbstgestaltung zu bringen. Aber diese Prägung kommt nicht allein, von innen heraus. Auch in der Natur wird nur eine Wüstenei, wenn wir alles wachsen lassen, wie es von selber wächst. Im Menschenleben ist es nicht anders. Der junge Mensch muß an Kräfte und Werte herangeführt werden, an denen er sich formen kann, an denen er reifen und wachsen kann. Uns ist ein soldier objektiver Wert unsere jüdische Religion. Sie spricht schon zum kleineren Kinde in Gestalten und Bildern: in Bildern des Gotteshauses, der Gemeinde, des Familieutisches und in Gestalten der biblischen lind jüdischen Geschichte. So erfährt das Kind, was es tun soll, wohin es gehen soll, es erfährt seinen Weg. Ebenso zeigt unsere Religion dein reiferen Kinde den Sinn seines Lebens, ist ihm Richtung und Leitung. So ist unsere Erziehung iin tiefsten immer auch echte Religiosität ge wesen. Was hat nun von allen unsern Erziehungsmaßnahmen eingeschlagen, wus hat Wurzeln gefaßt? Wir haben nie viel Wesens aus unserer Arbeit gemacht, wir sind immer still und ruhig unseres Wegs gegangen. Wenn ich jetzt ganz kurz einiges darüber sage, so mag das die besondere Gelegenheit entschuldigen. Der Erfolg zeigt sich immer erst nach der Entlassung, in der Freiheit und Selbständigkeit, oft in frohen Ueberraschungen und manchmal auch in Enttäuschungen. ganz wie in der Familie. Die meisten Kinder. die aus diesem Hause herausgegangen sind, haben ihren Weg ins Leben gefunden, sind wackere und tüchtige Männer und Frauen geworden. und nur wenige hüben versagt. Wir sind nicht so töricht, zu glauben, daß die Bewährung im Leben einzig und allein der Erfolg unserer Erziehung gewesen wäre. Es war in erster Linie die eigene Kraft, das eigene Mühen, die Selbsterziehung. die nach oben führten. Wir konnten dabei nur einige lielfersdienste leisten. Ebensowenig können wir allein die Verantwortung tragen, wenn das Erziehungswerk nicht gelungen ist. Ich möchte nur an ganz wenigen Beispielen zeigen, was unser Haus unsern Kindern gewesen ist und wie wir nicht ganz vergeblich gearbeitet haben. Ein Mädchen trat vor 26 Jahren aus unserem Hause aus. Sie ist heute glückliche Mutter von zwei Buben und betreibt mit ihrem Manne ein gutes Geschäft. Sie versäumt es aber nie, uns zu unserem Neujahrsfeste in lieben Worten die herzlichsten Glückwünsche zu senden. Ein anderes Mädchen, das schon vor 47 Jahren das Heim verlassen hat, schreibt am 14. Juli 1931: „Ich habe nie in meinem Innern die Fäden zerrissen. die mich mit Familie Stern verknüpften.“ Sie will einige Tage auf Besuch kommen. Ein früherer Zögling, der in Westfalen Meister geworden ist. schreibt: „Anläßlich meiner Hochzeit kann ich es mir nicht versagen, dem Waisenhaus als ganz kleiner Dank 30 Mk. zugehen zu lassen. Ich bin mir stets bewußt, daß ich das Gute und Liebe, das ich von Ihnen und dem ganzen Hause empfing, nie im Leben wettmachen kann. Stets denke ich in heißer Dankbarkeit an Sie und Ihre Familie.“ Ein Mädchen, das schon im Jahre 1910 ins Leben hinaustrat, scnickt uns aus London in der Inflationszeit all das ersparte Geld, daß wir - 13 - es ihr hier anlegen sollten. Wir haben viele Briefe aus Amerika, die uns viel Liebes erzählen von Treue und Anhänglichkeit. Zu den ersten Gaben zur Jubelfeier zählen 10 Dollar von zwei ehemaligen Zöglingen. Und einen früheren Zögling hat es nicht über dem großen Wasser gelitten. wenn wir hier unsere Hundertjahrfeier begehen. Er ist herübergekommen und feiert heute mit uns. Ein Junge schickt uns zu Purim eine schön bemalte Karte mit einer Bühne, als Anklang an das Theaterspielen an diesem Tage. Er macht ein Gedicht dazu, das mit der Strophe schließt: „Und nun zum Schluß, ihr Kameraden. Wünsch ich Euch allen Glück. Daß jeder nach dem Fest kann sagen: Hei. das war wieder pick!" Ein anderer Junge schreibt: ..Lud nun komme ich wieder zurück auf das neue Jahr und denke an die Schulzeit, in der wir jedes Jahr so schöne Gedichte lernten. Am Neujahrstage ging man dann immer in die S>nagoge. und als wir heim kamen, waren die Tische we iß gedeckt und alles war hergerichtet auf das Fest Leider ist das heute bei mir nicht mehr so. Die Gebräuche sind bei mir zu Hause nicht und so vergehen bei mir die Festtage, ohne daß ich davon etwas habe. Und zum Schluß mache ich nach altem Brauch von der Schule her. den ich immer so gern übte" (und er malt nun schön in seinem Brief einige Scholar und schreibt zwischen den schön ungeordneten Widderhörnern: leschono tovo tikosevu). Da war ein Mädchen, reizbar, ohne Wertbegriffe, ohne geglichen Lebensplan Das Mädchen hatte es nient leicht. Schon die Großeltern waren auf der Straße. Heute ist aus dem Mädchen eine ehrsame llundwerkersfruu geworden. Ein fahriges Mädchen, haltlos, ohne Stetigkeit der Lebensziele kommt zu uns. Sieben Jahrelang gehört sie zu uns. dann geht sie zur Mutter zurück. Sie ist heute noch als Arbeiterin in demselben Geschäft, in dem sie vor sechs Jahren eingetreten ist. Am 10. September 1931 schreibt sie: „Mir geht es gut und in meinem Geschäft geht es auch gut. Ich muß halt immer noch sehr viel an Eßlingen denken und werde es auch nie vergessen. Es war halt doch immer sehr nett in Eßlingen.“ Da war ein Junge, aggressiv, zerrissen, zwiespältig, schwer zugänglich. Nun hat er seine dreieinhalDjährige Lehrzeit glücklich beendet. Es ist nicht ganz glatt abgegangen. Aber da er vernünftige Lehreltern hatte, ist er doch durchgekommen. Jedenfalls sind seine schweren seelischen Störungen soweit herabgemindert, daß er sich in unseren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Organismus einfügen wird. Ich habe einige zufällige Beispiele herausgegriffen. Sie ließen sich beliebig vermehren. Vielen Kindern ist der Aufenthalt in unserem Hause ein Segen gewesen. Jedes Kind hat hier Sonne und Wärme empfangen, und alles, was in ihm lag. konnte frisch neraustreiben. konnte Blüten und Früchte tragen. Unser Haus ist heute hundert Jahre alt geworden. Auch das Alter hat seine Sendung. Sie heißt: Weisheit, das ist geläutertes Wissen, geschüttelt durch alle Siebe der Erfahrung und aer Enttäuschung. Sie erschöpft sich aber nicht in diesem geläuterten Wissen, sie verknüpft sich mit der Einsicht in den Sinn des Daseins, sie ist zugleich auch Entsagung und Vollendung. Freiheit von Begehren und Verlangen, sie ist Güte. Möge unser Haus mit dieser gereiften Weisheit und dieser wunschlosen Güte ins zweite Jahrhundert eintreten dürfen. Mögen diese Weisheit und diese Güte alle, die an diesem Werke arbeiten. befähigen, das Wachsen junger Menschen zu beobachten, sie leise zu stützen und zu leiten. NUR im Spezialgeschäft die bette Butter taollch frleoh * Alle Sorten feine KÄse Molkerei Kahn Sonnenstrafte 5, b. Marktplatz Fll. Cannstatt, Bahnhofatr. 13 Die türkischen Juden in Wien. Seit ungefähr zweihundert Jahren besieht in Wien eine Gemeinde von spaniolischen Juden, „die türkische Judengemeinde“. Nachkommen jener Flüchtlinge, die gegen Ende des 1!'. Jahrhunderts aus Spanien und Portugal ver rieben wurden und vorwiegend im osmanischen Reiche eine Zufluchtsstätte gefunden hatten. Uelier Saloniki und Konstantinopel ergoß sich dam »1s der Strom jüdischer Flüchtlinge in die unter türkischer Herrschaft stehenden Balkanländer. Schon 1492. dem Jahre der Vertreibung der Juden aus Spanien, sind in Bulgarien spanische Judeh nachweisbar: 1521 siedeln sich spanische Juden in Belgrad an, und 1565 werden in Sarajevfo spanische Juden erwähnt. i Mit dem Vordringen der Osmanen nach Westen rückten auch die spaniolischen Siedlungen immer mehr gegen Ungarn und die Donaufürstehtümer vor. ui ihrer neuen Heimat erwiesen sich die spaniolischen Juden oder Sephardim. wie sie sich nennen, als ein nützliches Element. Spaniolische Juden errichteten die ersten Buchdruckereien in der Türkei, und die Städte Saloniki und jAdrianopel wurden bald Stätten talmudischer Gelehrsamkeit. Als Dolmetscher. Aerzte und I Diplomaten erlangten die sephardischen Juden bedeutenden Einfluß am Hofe des Sultans, gekannt ist die Tätigkeit des aus Portugal stamxlenden Marranen Don Joseph Nasi. der in der Türkei wieder offen zum Judentum zurückkehijte und für seine hervorragenden Verdienste als 'Staatsmann von Sultan Selim II. zum Herzog von Naxos erhoben wurde. | Aus ihrer früheren iberischen Heimat i hatten die Sephardim die sogenannte spaniolische Sprache mitgebracht: sie ist im wesentlichen das aftkastilianische Idiom mit der im 15. Jahrhundert üblichen Aussprache. In vielen Gebräuchen, besonders im Ritus des Gottesdienstes und! in der klassischen Aussprache des HebräischenI unterscheiden sich die Sephardim von den aschkenasischen Juden. Die Spaniolen sind ein stolzer, die Tradition eifrig pflegender Stamm; sie hören es gern, wenn man sie als die „Aristokraten,“ unter den Juden bezeichnet.— In den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts fanden sich bereits in Temesvar. Neusatz und Wien kleine sephardische Gemeinden. Da die Sephardim. die sich in Wien niedergelassen hatten, aus der Türkei kamen und türkische Untertanen waren, pflegte man sie „türkische Israeliten“ zu nennen, und heute noch pezeich- KOSCHER FÜR PESSACH Zwei koschere Pflanzenfette ... so sparsam, so bequem I nos -IW3 Tomor, hergestellt unter Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. Wolf, ist reinste Mandelmilch-Margarine I Sie können sie als Brotaufstrich unter Fleischbelag verwenden und für Kuchen und Torten, die Sie unmittelbar nach der Mahlzeit reichen wollen. Tomor enthält keine tierischen Fette und darf daher zu allen Speisen ohne Unterschied gebraucht werden. Palmin koscher besteht zu vollen 100*/« aus reinem Cocosfett. Beim Kochen, Braten, Backen —immer freuen Sie sich über seine Ausgiebigkeit und seinen reinen Geschmack. Palmin koscher enthält keinen Tropfen Wasser — es spritzt daher nicht aus der Pfanne, das ganze verwendete Quantum wird voll ausgenützt. Und dabei ist Palmin koscher so leicht verdaulich,daß es selbst dem empfindlichsten Magen gut bekommt. TOMOR -.n PALMIN Mit diesen beiden Fetten koscher gelingen die österlichen Speisen zu Ihrer vollsten Zufriedenheit TPK3—Itl T