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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1932-04-01 · 1 (1.4.1932) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IX (1932-1933)
Issue
1 (1.4.1932)
Date
1932-04-01
Page
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GemeindeZeitung für die ifraelitifOen Gemeinden WUetternvergS Voillpreil: einschlieKlich Deilellgelb jährlich 5 JIM, halbjährlich 2LV JiM e^rtrljährlich 1.25 JiM Einzelnummer 25 Reichspfennig Polksche«t Konto: 3S25S Erschelol «onOtttch »todmaL a 1. jl 1& Verlag: Asraellttsche DerlagSanstatt G. m. b. &. Bttniot. 233 25 * ©Ülttflart * Jtafernenftr. 13 Schristleitung: Gtabtrabbtuer Dr. Stieget, Stuttgart, Xnielaeapref*: bie emfpaUigc Nonpareille,eile 30 Reich epfer Ilmichlagseiten und Dorzugsplätze noch Tarif. Aanülii u»h kleine Anzeigen bie Klein,eile 20 ReichApft Reklamezeile ILO JIM HO lanzeigen mig. Bel Wie-erb»l»a«e» Der«ü»ßl,,a, ix. do^roong etnttoart, l. Olpril 1932 Amti. JZe&awUtHachuitQeH. Isr. Gemeindevorsteheramt Stuttgart. Ihren Austritt aus der Israel. Religionsgemeinschaft hat erklärt: Fräulein Rosel Golpern, hier, Paulusstr. 2. Lehre und Leben. Die Harmonie von Gebot mul Verwirklichung, die l'ebereinstiniiming von Lehre und Leben ist für jede gedankliche Gemeinschaft die ideale Forderung. Allerdings sieht die Wirklichkeit der Theorie zumeist recht unähnlich. Gelehrte und gelebte Religion, die prophetische Forderung und ihre Verwirklichung im Leben sind fast immer unvereinbare Gegensätze. In Notzeiten — Not lehrt beten! — ist dann und wann einmal für kurze Zeit eine Prophetenmnhiiung erfüllt worden. um dann ebenso schnell grob milluchtct zu werden, sobald die Not vorüber. Die Juden sind meist Anbeter von Abstraktionen und könne» sich in theoretischen Frörterungen und sogenannten Ideologie» gar nicht genugtun. Sie berauschen und betäube» sich nur zu leicht an klingenden Worte», deren Wirklichkeitswert nur in ihrer Finbildung lebt. Die Mahnungen zur Berufsumschichtung, zum Verbleiben in den Landgemeinden, zur Pflege des Handwerks und der l.üiidwirtschaft und wie alle die guten Ratschläge vom grünen Tisch sonst lauten mögen, finde» einen weiten Kreis von Gläubigen und sind schließlich doch nur Deklamationen ohne den Widerhall der Wirklichkeit. Seit Jahren veröffentlichen zuständige Stellen der deutschen Jutlenhcit Statistiken, die den Geburtenmangcl und den Sterbeiiberschuli. also den unaufhaltsamen Rückgang und den endlichen Tod der deutschen Judenheit vorauserrechnen. Fs ist aber mit gutem Rechte zu bezweifeln, ob alle diese Notrufe- und Prophezeiungen auch nur eine,» deutschen Juden veranlalit hüben, die wundervollen Ratschläge zu befolgen. Das päpstliche Rundschreiben (Fnzyelicu) vom 51. Dezember 1951 ..über der reinen Flic- Hoheit und Würde-“, die Predigt des Frankfurter Rabbiners Dr. Iloffmann vom I. Pc-ssaciitag 1951 und Marianne Webers Worte vorn christlichen Ehcideal stimmen in Wortwahl und Gedankengung fast überein. Aber erst dort, wo diese Darlegungen aufhören, beginnt die Wirklichkeit des Lebens. Alle 'Theorie in Fhren! Aber der kategorische Imperativ und die sozialen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten des Alltags spotten jeder Theorie. Dabei ist die Theorie sicher richtig, ihre Logik zwingend, ihre Folgerungen vernünftig. Aber das Leben geht seine eigenen Straßen, die nur zu oft weit von der philosophischen Vernunft abbiegen und dabei trotzdem nicht abwegig sind. Damit sind die sicher ernstgemeinten und vom Standpunkt des Religionsgesetzes einwandfreien Darlegungen des Rabbiners Horwitz in der Festschrift für Jakob Rosenhain gekennzeichnet. Man muß noch kein Ketzer sei» und darf doch bezweifeln. daß diese grundsätzlichen Darbietungen trotz der Autorität ihres Urhebers auch nur ein Mitglied seiner engeren Gemeinde in der praktischen Auswirkung im Leben beeinflussen w erden. Man lese, was soeben der Herausgeber der katholischen Zeitschrift ..Hochland" zur päpstlichen Fn/vc-lic-u geäußert. Fr weist auf die fünf Millionen Arbeitsloser in Deutschland hin. denen gegenüber die Mahnung des Papstes zu einer gerechten Fntlohnuug des Arbeiters nur als ein Versagen vor der furchtbaren Wirklichkeit gekt »»zeichnet werden muß. Die- Lohnhöhe ist eben nicht von der sittlichen Forderung abhängig, sondern regelt sich nach den Arbeitsmöglichkeiten und dem N c-rliältnis von Angebot und Nachfrage. Was von der Arbeitsnot gilt, gilt von der Fhenot. Nicht Selbstsucht und Genußsucht, nicht Wollust und Willkür haben zur Beschränkung der Kintlerzahl geführt, sondern das Verantwortlichkeitsgefühl gegenüber dem kommenden Geschlecht und die Rücksicht auf die-wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Gegenwart. Meder Geburtenprämie» noch erklügelte Theorien werden hier eine Wandlung schaffen. Und das ist gut. Fs ist aus nur zu berechtigten Gründen zu bezweifeln. ob es ein Glück für Deutschland wäre, wenn heute statt 64 Millionen 85 Millionen Deutsche lebten, eine Zahl, die erreicht worden wäre, wenn sich die deutsche Reichsbevölkerirng in dem Maße-der Jahrhundertwende vermehrt hätte-. Vor allem ist rassenbiologisch festzustelleu. daß entsprechend dem Geburtenrückgang eine Art Verbesserung in Deutschland ei »getreten ist. Der Rückgang bedeutet keinen biologischen \ erfüll. keine Degeneration, sondern einen Aufstieg. Während von einhundert in Deutschland geborenen Kindern vor fünfzig Jahren 25 Prozent vor Vollendung des ersten Lebensjahres starben, sind in, Jahre- 1928 nur noch 8.9 Prozent im Säuglingsulter gestorben. Der zahlenmäßige- Rückgang darf also biologisch und bevölkerungspolitisch vom Standpunkt der Gesunderhaltung des Volksgunzcn als Gesundungsvorgang erkannt werden. Der Kassandraruf über den unmittelbar bevorstehenden Untergang der deutschen Judenheit ist sicher gut gemeint, aber doch nicht melltals eine blasse Theorie. Wirtschaftliche Evolutionen lassen sich nicht statistisch errechnen. Die Menschheitsgeschichte ist ebenso wenig ein Rechenexempel wie ein statistisches Problem. Nach den angebliche» Gesetzen der Statistik hat die Judenheit ja schon seit zwei Jahrtausenden ihre Daseiusinöglichkeit verloren, da alle Voraussetzungen für ihre Fortdauer zerstört wareif. Die Geschichte arbeitet mit Imponderabilien, von denen sich alle Schulweisheit nichts träumen läßt. Theorie und Praxis. Lehre und Leben sind, richtig begriffen, polare Gegensätze, nicht Widersprüche. Die Spannung zwischen ihnen schafft ihre Annäherung und ihren Ausgleich. Die Lehre -9 Jüd. Berufsberatung und Arbeitsnachweis. Stuttgart, llospitalstr. 56 — Telephon 228 98. Mir bitten, sich nach Möglichkeit unseres Arbeitsnachweises zu bedienen und führen nachstehend einige der uns gemeldeten Kräftean: Mechaniker 18 Jahre alt. mit guten Zeugnissen. junge, tüchtige Stenotypistin und Buchhalterin Samstag frei. lTjälir. Mädchen, höhere Schulbildung. I.c hr-telle für \ erkauf. Junger, gew. Kaufmann, auch Kenntnisse i» \ ersiehe rungshrnnthf. Packer und Ausläufer, zuverlässig und gJ-i haft. Abiturientin, päclug. begabt. Nachhilfeunterricht oder Stelle als Lrzieherin. Hausmädchen, gut ausgebildet, kinclc rpicbe ud. gute Zeugnisse. re gelt unaufhörlich das Leben, wie das Leben die Lehre gestaltet. Die Theoriehält der Praxis unablässig ihr Spiegelbild vor Augen, wirkt, gärend und klärend, motorisch wie das L7‘ben> selb-,. Und ebenso modifiziert das Bedürfnis lies Alltags die oft allzu ungebärdige Theorie, ohne Praxis ist blutleere Phantasterei ohne Lehre bedeutet Erstarrung und Verkrustung. Aber mau hüte sich, die Theorie ,:ii einer inhaltsleeren Deklamation herabzuw irdigen. Nur im Zusammenwirken mit der Praxis ihren Seiten entfalten. Theorie Leben ic i i cl Unsere Kinder. J Einem vielfach geäußerten Wunsche gerne entsprechend, veröffentlichen wir die von Anstaltsdirektor Th.lRoths ch i I d bei der Hundertjahrfeier des Israel. Waisenhauses gehaltene Festansprache „U ose re ki n d e ij". Der 'tiefe Eindrude, den die gehaltvollen Worte in festlicher Stunde vermittelten, wird auch bei unseren Lesern nicht ausbleiben. Die Schriftleftung. Die ersten Waisenkinder waren in dem Armcn-Schaff- und Zuchthaus" untergdirucht. Wenn nach Schulrat Lein pp in seiner Geschichte des Stuttgarter Waisenhauses das Zuchtlu us auch nicht für eigentliche Verbrecher bestimmt war. wohl aber für Trunkenbolde. Landstreicher. Dirnen und ähnliches Gesindel, so mutet es i|ns doch sonderbar an. Kinder in solcher Li»gesehen. Das Waisenhaus blieb in Stuttga dem bis 1820 mit dem Zuchthaus verbund|r wollte eben die Kinder von der Stra haben, ohne Rücksicht auf ihre Erzieh auf ihre seelische Entwicklung. Wenn dir nähme auch aus der großen Not und der Armut der damaligen Zeit heraus gehöre so wird man beim Studium der Geschieh Waisenerziehung doch das Gefühl nicht die damalige Zeit Elternlosigkeit und V losung als etwas Schuldhaftes angesehen von vornherein ausgemerzt werden mußt^' kam noch ein zweites. Es herrschte bei senerziehung der Grundsatz: die Wuisen [müssen selbst für ihren Unterhalt Sorge tragen. So mußten selbst die kleinsten Kinder in diesen Arbeitskasernen. in diesen Fabriken Wolle zupfen. Gold* i n lumg zu t trotzn. Man Io wogng und se Maßbitteren wurde, littder los. daß rwahrhat. das . Dazu •r Wai- TEltFQN 22626 SJU TTSAgT KAN21 etSTB-TI Continental ERZEUGNIS OER WANDERER-WERKE A.-G. SCHONAU-CHEMNITZ *TimeAMTKAtmcisTK-n TEUFKH 22626 LEO BAECK INSTITUTE NEW YORK

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