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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1931-11-01 · 15 (1.11.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VIII (1931-1932)
Issue
15 (1.11.1931)
Date
1931-11-01
Page
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Sie haben sich zusammengeschlossen. um zu lernen. Thora zu lernen. Nicht Thora im engeren Sinn, der schriftlichen und mündlichen Lehre allein, sondern darüber hinaus der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte und Literatur, der jüdischen Philosophie, der Probleme des modernen Judentums, der jüdischen Kunst und was sonst noch zu nennen sein mag. Ls geht Ihnen um die Pflege aller Geistesgüter des Judentums, um die Beschäftigung mit der ganzen reichen Geisteskultur Israels. Sie haben sich damit eine große Aufgabe gestellt, heilig im eigentlichen Sinne des Wortes. Denn das „Lernen" galt von jeher als eine besonders heilige Pflicht im Judentum. Der alte Misdinasatz ..wctalmud thoru keneged kullam“ wurde bald ohne Rücksicht auf seinen ursprünglichen Zusammenhang absolut verstanden: das Studium der Thora übertrifft alles andere. Wie ernst das gemeint war. zeigt z. B. der Charakter unserer Gebetsordnung. Unsere Gebete sind zu großen Teilen — keine Gebete, sondern Lese- und Lernstücke aus Bibel und Talmud. Und den Wittelpunkt des öffentliche» Gottesdienstes an Sabbath und Festen bildet bekanntlich die Vorlesung der Thora — gewiß kein Gebet! Ebenso bezeichnend ist die Stellung des Gotteshauses im Judentum. Es heißt hebräisch Beth hakneseth. in der wörtlichen griechischen Uebersetzung. die sich bis heute allgemein erhalten hat. Synagoge. Haus. Ort der Versammlung. Die jüdische Gemeinde versammelt sich hier — wozu? Gewiß, zum Beten, aber ebenso zum „Lernen“, zur Beschäftigung mit der Lehre. Bis auf die Neuzeit nannte inan in Deutschland die Synagoge mit Vorliebe „Schul“. Sie war nicht nur Bethaus. Beth tefllla. sondern zugleich oder noch mehr L e h r h a u s . Beth hamidrasch. Das ist sie heute noch vielfach in den jüdischen Gemeinden der osteuropäischen Länder, das ist sie wieder in Erez Jisracl, dem Land unserer Hoffnung. Auch für das westenro- Eäisdie jüdische Gemeindeleben wäre es. nebenei bemerkt, sicher kein Schaden, wenn die Synagoge aus ihrer steifen Förmlichkeit und repräsentativen Feierlichkeit erlöst und ihre ursprüngliche lebensvolle Einheit von Bet- und Lehrhaus wieder erneuert würde. Die Höchstbewertung des Lernens spricht sich schließlich noch unzweideutig jn der Halacha aus, die den Vorrang des Lehrhauses vor dem Bethaus festlegt: „Das zu ständigem Lernen bestimmte Haus ist heiliger als das ausschließlich zum Beten bestimmte“ (Sdiulchan Aruch, Oradi Chajim 90. 18). Man darf daher ein Bethaus in ein Lehrhaus verwandeln, aber nicht umgekehrt. Das wäre eine unerlaubte Heiligkeitsverminderung des Ortes. So dominiert das „Lernen“ ini Judentum. Und die Arbeit Ihres Vereins, eines jüdischen Lehrhausvereins, ist ganz eigentlich eine religiöse, ja die heiligste Sache, auch wenn das Lernen vielfach in neuen Formen geschieht und geschehen muß. Was bildet nun aber das Wesen des jüdischen Lernens? Beim „Lernen“ geht es nicht um Erwerb von Gelehrsamkeit, nicht um graue Theorie, nicht um eine rein intellektuelle Angelegenheit, vielmehr um die zugleich gefühlsmäßige, innerliche Aufnahme der Geistesschätze des Judentums. „Erfüll’ dein Herz davon, so weit es ist!“ Lernen heißt die Inhalte des Judentums sich aneignen, daß sie unseres Wesens bester und bestimmender Teil werden. Das jüdische Lernen berührt sich mit einer mächtigen Strömung des Geisteslebens unserer Zeit, die am deutlichsten in dessen höchster Form, der Philosophie, zum Ausdruck gelangt. Ich meine die Hinwendung von einer rein „Wissenschaft liehen“ zu r..Lobenspnilosophie“. Wie viele Einzel richtungen der Lebensphilosophie m. E. auch unberechtigt sein mögen, das eine Gemeinsame an ihnen allen scheint mir durchaus berechtigt und anerkennenswert: die Grundtendenz, daß die Philosophie wahrhaft Welt- und Lebens- Anschauung sei. in enger innerer Ver- Radiel — kinderlos. Iliitt* ich ein Böhnchen, ein Kindchen klein, Köpfchen schwarzlockig, heller Verstand. Ich schleuderte in Garten, ihn an der Hand, Pfad aus, Pfad ein. Ein Kindchen Klein. Ich hatte ihn Uri, mein Uri genannt. Kurz ist der Name, klangvoll und weich. Einem Lichttropfen gleich. Mein schwärzliches Kind War „Uri“ Genannt. Wie Urmutter Rahel weinte und bat. Wie Hannah, als sie in Schiloh erschien. Wart' ich noch auf Ihn. Aus dem Hebräischen Dow S t o ck. (Aus der deutschen Ausgabe des .Daw|ar*.) bundenheit mit dem Leben und der Mannigfaltigkeit seiner Erscheinungen, getragen von einem starken „Lebenssdiwung". Damit berührt sich, was ursprünglich und eigentlich das Wesen jüdischer Wissenschaft, um dieses Wort zu gebrauchen. ausmacht. Gewiß, das Judentum ruht auf einer Lehre. Thora, die des Lernens, der Erforschung bedarf. Allein unsere Thora erhebt den Anspruch, thorath chajim zu sein. Lebenslehre. Lehre für das Leben. Es ist durchaus nicht so abwegig, wie Hermann Cohen meint, wenn man häufig den Ausdruck Thora mit „Gesetz“ widergibt. Die Thora will als Lehre. Weisung des Lebens gelten, das ganze jüdische Leben bestimmen, normieren, zielt also letztlich doch auf Gesetz, Lebensordnung. Halacha. Das Judentum tritt ja nicht als Philosophenschule auf. sondern als eine Gesamtkultur, freilich unter der metaphysisch-religiösen Leitidee der Heiligkeit: mamleuicth kohanim wegoj kadosch. Priesterreich und heiliges Volk! Wenn aber aas Leben, das Tun. die Verwirklichung, solchermaßen die Hauptsache bildet, läßt sich dann noch die Vorzugsstellung des Lernens, der doch immerhin in erster Linie geistigen, intellektuellen Beschäftigung mit der Lehre, aufrecht erhalten? Schon der Talmud hat die hier vorliegenden Schwierigkeiten erkannt. Steht das Lernen oder das Tun hoher? Eine Gelehrtenversammlung erörterte die Frage. Rabbi Tarphon erklärt das Tun für wichtiger. Rabbi Akiba das Lernen. Zuletzt füllt der einmütige Entscheid: talmud gadol. schehattalmud mewi lide maaseh. das Lernen ist größer, weil das Lernen zum Tun führt. Im Grunde also kein Entweder-Oder. sondern ein Sowohl-Als auch. Lernen u n d Tun. lernen, um zu tun. Der Primat des Lernens bleibt gewahrt, weil Lernen die notwendige und zureichende Vorbedingung des Tuns ist. Besitzt aber diese Annahme Allgemeingültigkeit? Führt das Lernen immer und notwendig zum Tun? Gibt es nicht Menschen, die so veranlagt sind, daß sie lernen wollen aus reinem Wissensdrang, aus rein theoretischem Interesse, ohne jede Absicht auf Verwirklichung, auf praktische Verwertung des Wissens? Unsere Weisen kennen den Einwand und beantworten! ihn verschiedentlich. Man darf wohl die Meinung eines der Größten (Raw) für maßgeblich hatten, in dessen Namen überliefert wird: „Auf all|- Falle beschäftige man sich mit—der Thoru ui^d den Geboten, auch wenn es nicht in der rechten Absicht geschieht, schemitoch schelo lisch»iaI, ba lischmah. denn die rechte Absicht wird s(ch von selbst schließlich einstellen.“ Ein Wort; tiefen Glaubens und Vertrauens. Man lerne - in welcher Absicht, aus welchen Beweggründen es sei! Der Geist der Thora ist stark, ist mächtig genug, um bei jedem, der sich ihm überhaupt einmal hingibt, unwillkürlich auch aufs Leben aus/ustrahlcn! aufs Tun Wirkung zu üben, beim einen früher, beim andern später, beim einen mehr, beim andern weniger, aber immer irgendwie. Im schlimmsten Fall bedeutet dergestalt das Lernen wenigstens eine Hoffnung aufs Leben hin. Einer großen, heiligen Sache dient Ihr Verein. Nicht nur Ihr eigenes Lernen, aus welchen Motiven bei den Einzelmitgliederu es jeweils geschehe. trügt seinen Wert in sich, sondert, auch als Beispiel kann es. möge es wirksam w rden! Der Sprachenwandel in der Geschichte der Juden. Die Juden hüben im Laufe ihrer Geshichte mehrmals einen Sprachenwandel lurchgemacht. Zur Zeit des Untergangs des jüdischen Stautes war die hebräische Spruche um noch Schriftsprache. An ihre Stelle war als S »rache des täglichen Lebens bei den Juden in Palästina und in den übrigen Länder Vorderasiens das Aramäische, in Aegypten das Griechische. in de»^europäischen Ländern neben dem Griechischen das Lateinische getreten Das Aramäische^und Griechische behaupteten als Umgangssprachen der Juden ihre Stellung, pis sie nach dem siegreichen Vordringen des Isldm im 7. und 8. Jahrhundert allmählich durch das Arabische cerdrängt w urden. Im 10. Jahrhundert ist Arabisch die Umgangssprache der Juden in Asie n. Afrika bis nach Spanien. In den übrigen |e„ropüischen Ländern hüben die Juden sich altz Umgangssprache die romanischen Sprachen ungeeignet. die auf dein Boden der lateinischen Spruche in Gallien. Italien und Castilien entständen waren. Nur in Byzanz hat sich das Griechische bei ihnen bis ins 13. Jahrhundert behauptet. Als sie im 10. Jahrhundert von Westde|utschlunc! nach Mittel- und Ostdeutschland' voijdrangen. wurde in diesem Gebiet Deutsch ihre Umgangssprache, während sie zur selben ^eit in Osteuropa (Kiew), wohin sie von Byzanz ans gekommen waren, sich die slawischen Sprache n aneigneten. Allerdings blieb inmitten dieser Sprach vand-. langen in der Umgangssprache des täglichen Lebens das Hebräische als Schriftsprache bestehen. Es war nicht nur die Sprache ihres Gottesdienstes und die Sprache, in der sie ihre religiösen Schriften lasen, sondern es wurc e von ihnen auch für die zeitgenössische Literat, r und für alle wichtigen Schriftstücke im täglichen Verkehr — in Europa fast ausschließlich, jm arabischen Sprachgebiete neben dem Arabischen benutzt. Es diente den Juden in ihrer Korrespondenz als eine Art Esperanto und war für ihre Handelsbeziehungen von Land zu Laiid von großem Nutzen. J Die Kenntnis der Landessprache wurde fiür die Juden in der Diaspora notwendig, als sie vorwiegend Händler und Geldverleiher geworden und auf die Verständigung mit ihren nichtjüdischen Nachbarn angewiesen waren. Allerdings genügte für die Verständigung eine oberflächliche Kenntnis der Landessprache*. Noch'heute kann der jüdische Einwanderer in Anjerika. der „Jiddisch“ spricht, in den Vereinigten Staaten oder in JMexiko mit wenigen hundert englischen oder spanischen Worten ganz gu|t aus- GANZB ZIMMKREINRICHTUNQEN / KLEINMOBEL POLSTERMOBEL / VORHÄNGE / STOPPE USW. blatat In niedrigsten Preislagen bei bekannter Wertarbeit Hqiis F. W. Brauer, Stuttga MöbM u. Kumtgawtrbt, Oalsburgstr. Sa (k.6. gart CNpBOMifli)

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