Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 11 (1.9.1931)
- Date
- 1931-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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— 108 — tDen TUuhmittaqssJCaffee im SdUofigartettsCafe, Jjhee Einkäufe daun im altes im SeklofigeuteHzcfColel, Stuttgart, Sei.26351-54 Am Neujahrstage. Niemals ist es stiller und heiliger in einem jüdischen (»otte-hanse als am Ne u j a h r s t a ge. Wenn der Vorbeter mit zitternder Seele das Lied miii dem richtenden Gotte ungestimmt. hört man die Herzen pochen "er weiß. ob es nicht das let/temal ist. daß der Beter das ernste Lied vernimmt. Im Himmel ist es aber in dieser Stunde noch feierliche r als auf der Erde*. Sogar die Kugel erzittern der lag des Gerichtes ist gekommen. 1 )ie Waage des Weltgerichts steht \or dem ewigen Richter. Kugel tragen die Taten der Menschen hetliei und "erfen die* guten in die Nii.ilc* der lugenden. Teufel zerren die >iinclen der. Menschen ans Kicht des Inges lind werfen -if in die Schale der Sünde, l'nd neigt sich die >iliale der Nimlc* zur Krde. dann ist das Urteil dem Menschen gesprochen! I lieht gedrängt standen die Beter vor Gott. Vor iIn en Seelen zogen die Bilder des letzten Jahres M>i über, und alle wunderten sich, wie wenig liebe, wie wenig krbarmen. wie wenig Gutes «ie in diesem letzten Jahre gewirkt. Aber Sünden hatten sie alle begangen. Ks gab kaum eine Sünde, die «ie nicht belastete*. Sie zermarterten ihr Hirn, um das wenige* Gute zusanimenziirechnen. da« sie im letzten Jahre geübt. Sie sahen .die die W aage de- Gerichtes Mir sich und hörten das giftige kichern der leiifel. die ihre Sünden m die* Waagschale warfen. Wahrhaftig, sie hatten , .die das himmlische Gericht verdient — und ihre stimme, die* beten wollte, verstummte. Kr war ein arger Sünder im letzten Jahre gewesen. Mit harten Worten hatte er die Armen m>:i seiner >ch"eii. gewiesen, ohne Erbarmen den Hund auf den Be ttler gehetzt. Kr hatte allerdings vor den Anderen I rönimigkeit geheuchelt abe r was galten ihm in W irklichkeit die Festt.1t* Gott,--/ Ein Scheinheiliger, ein Heuchler, i n Gottloser waJ er gewesen! Seine Seele frö- -o he. Kr spürte ordentlich, w ie das l rteil über ihn lauten mußte*. Die >chalc* der Sünden war \ 4igev\ uchte». daß sic* fast den Boden berührte. \,! de r Schale der lugenden lag bisher nichts. Der lenfel stand uh Ankläger vor dem himitiit-c in n dichtet, die Engel verstummten, er war *, ii..tcn. ..Halt'” schrie er in Iodesangst. ..ich |t.die im letzte n Jahre einem Kinde*, das ver- »lumuchtetnl vor meinem 1 jause zusammenged,, ..he*, ein wenig Nahrung gereicht, daß es sich l ila, t.*,..t . m Kebc n blieb." Schau, da stieg die s,! ic eit: wenig, aber zu wenig, um das l rteil /. adeln. ..Halt!" schrie er zum zweiten Male, ii*,.-* >!< r I odesschweiß perlte von seiner Stirne*. le id' <•- nicht im [almiid. wer ein Mc*nschc*n-;, |>> *i r* ttet. dem wird es angerechnet, als ob er * m* ganze W eit -erhalten? Herr, der du die Zukunft weißt, schalt, w a« aus dem geretteten Kinde m worden." Siehe, da »all er das lieblichste Bild, das seitu frierende Seele* erwärmte und ein Lädt, In auf seine* schmalen Lip>»c II zauberte: Aus dem Kinde* war eine blühende Mutter geworden, umspielt von reizenden Kindern, glückstrahlend ein jedes, sie aber ein Engel Gottes — und sie erzählte den Kindern, wie einst ein guter Mann sie vor dem Tode des Verhungerns gerettet hatte. Da schnellte die Waagschale der lugenden, wie von einer Zauberhand gehoben zur Höhe, und der göttliche Richter sprach: ..Um dieser Liebe willen, sollst du leben, soll dir vergeben sein, was du gefrevelt hast!" Da ging ein Aufatmen In wenigen Tagen werden wir am Neujahrfeste mit der gleichen Inbrunst, mit der wir in den schw eren Jahren des Weltkriegs um Frieden flehten, um ein glückliches „Neues Jahr“ bitten. W iederum werden die deutschen Juden und die Brüder und Schwestern in aller Welt in die Gotteshäuser eilen, wiederum denken wir an diesen heiligen Tagen an das Vergangene und zittern in banger Ahnung um die kommenden Geschicke. W ir bangen mit Recht — die wenigen, denen es ..noch gut geht“, und die vielen, die mit immer wachsenderer Besorgnis die zunehmende Brüchigkeit ihrer Existenzbasis wahrnehmen müssen. Leider darf man mit nur zu viel Grund sagen, daß das nun scheidende Jahr kein gutes war. Einen unheilvollen politischen Akzent bekam es kurz vor seinem Beginn durch die Reichstagswahlen. Dann folgte der schlimme Winter mit dem ungeheueren A tisch wellen der Erwerbslosenziffer und dem sich ständig steigernden w irtschaftlichen Niedergang, der sich vor kurzem zur Katastrophe verdichtete und immer größere Massen an den Abgrund brachte. Tausende, bis dahin noch in einigermaßen gesicherter Existenz, standen plötzlich vor dem Nichts. Tausende*, heute noch in wirtschaftlicher Sidierheit. müssen min das Morgen fürchten. Es ist eine schwere, bittere Zeit ... Aber es war und ist nicht der wirtschaftliche Albdruck allein, der auf den deutschen Juden lastet. Leber ihrem Verelendungsprozeß. der ja mit dem allgemeinen Niedergang Hand in Hand geht, breiten sich die Schatten einer wüsten Juden feind liehen Hetze, breitet sich die Gefahr, daß immer größere Volksschichten vom Antisemitismus ergriffen, daß immer tiefere Klüfte des Nichtverstehens und Nichtverstehenwollens aufgerissen werden. Und nun stehen wir w jeder vor den Pforten des ..Neuen Jahres“, freudig bereit, es zu begrüßen. aller gebeugt von den Kümmernissen des alten. W as soll werden, was wird w erden? Man würde sicherlich im Augenblick durch die Seele des Beters. Wie erlöst stammelte er das Wort des Gebetes: „Reue, Wohltat und Gebet wandeln den göttlichen llichterspru ch.“ Tränen traten aus seinen Augen, sickerten heiß in sein Herz — er war ein anderer geworden! wenige finden, die überhaupt nur die Kraft aufbringen, optimistisch zu sein. Allzu sehr hat sich die ganze Welt in das Krisennetz verstrickt, um die Hoffnung zu nähren, daß das „Neue Jahr“ eine Entspannung bringen könnte. Deshalb glaube ich auch, gut daran zu tun, wenn ich die kommenden Monate nicht mit optimistischen Farben male und das alte Lied vom „Einmal muß sich alles wenden ..anstimme, sondern den schlichten Versuch mache, das aufzuzeigen, was im „Neuen Jahr“ wirklich anders sein — bei uns sich wenden sollte. Ich habe vielleicht noch nie mit derselben Sicherheit als in diesen Tagen den Eindruck gewonnen, daß die Wirtschaftskrise und alle ihre Begleiterscheinungen die Juden aufs schwerste auch seelisch und geistig erschüttert hat. Ich möchte fast sagen, daß wir uns einander fremd geworden sind, ja. ich behaupte, daß die letzten Monate dem. was uns Juden zuinnerst war — das menschliche Verstehen und Mitleiden — einen schweren Stoß versetzt haben. Ich weiß wohl, daß. wie man so sagt, heute mehr denn je „jeder mit sich selbst zu tun hat“. Ich weiß auch, daß das eigene Leid verbittert und kann es durchaus begreifen, wenn auch der jüdische Mensth, der voll ehrlichen Willens an die Türen der Arbeitsstätten pocht, aber weder im jüdischen noch im christlichen Betrieb Aufnahme finden kann, schließlich mit den Millionen seiner Leidensgefährten „auf alles pfeift“ und immer mehr den Anschluß an unsere Gemeinschaft verliert. Ich weiß, daß er vielfach zu Unrecht über das geringe Verständnis gerade bei seinen Glaubensgenossen klagt, weiß aber auch, daß so mancher uns nicht verloren zu gehen brauchte, wenn man sich noch die Zeit nehmen wollte, den Bittsteller wenigstens anzuhören und — wenn man ihm schon nicht willfahren kann — ihn wenigstens mit einem tröstenden Worte entlassen würde. Gerade das Bewußtsein, daß wenigstens noch m i tfühlende Menschen in der Welt sind, die Was wünschen wir vom „Neuen Jahre"? Von Hans Sternheim, Stuttgart. Einheirat! Jüdischer vierr zwischen M und 40 .Jahren kann in ein gutgehendes Geschäft Im Vaargebiet einheiraten. Metzger oder Viehhändler bevorzugt. Ausführliche Angebote mit Bild, das sofort zu» rüchqesandt wird, erbeten unter Ä. L. 659 an die Gemeindezeitung. Sfte&oer zur Leitung eines gutgehenden Metzgereiaeschästs für sofort gesucht. Off. unt. $). D. 660 an o. Gem.-Zlg. S>«YS« mdBlterte* 3tmmer mit Pension z» »ermieten. 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ERCHINGER /STUTTGART Sdüoßflraße SS / Telefon 00774 sLieferant sämtlicher KrankenkaffenJ Dr. Max Cramer von der Reise Augenarzt zurück Nach längerer, ausschließl. Tätigkeit als Leiter des Instituts der Gesellschaft f&r Persönlichkeitsforschung habe ich nunmehr wieder Privatpraxis aufgenommen. Psychotherapie und Atmungstherapie von nervösen und seelischen Leiden SpezSuluntefsuchung bei Erzieh nncjz-, Berufs, und Ehezdiwierigkeiten Reinsburgstrahe 34 / Fernsprecher 00009 Sprechzeit t Montag bis Donnerstag 77— 73 Uhr sonst nach Voranmeldung