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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1931-08-01 · 9 (1.8.1931) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VIII (1931-1932)
Issue
9 (1.8.1931)
Date
1931-08-01
Page
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- 93 - Leniu fast nur jüdische Bolsdiewiki nach außen hin in Erscheinung traten: Trotzki-Bronstein, Radek-Sobelsohn, Joffe, Kopp, Kamenew-Finkelgtein, Scheiumann, Sokolnikow—Brilliant. Sinowjew-Radomysski. Mit Lenins Tod tritt in der Einstellung der bolschewistischen Partei zum Antisemitismus eine Aenderung ein. Ganz allmählich beginnen die jüdischen Bolschewik! von den weithin sichtbaren Posten zu verschwinden. Anfänglich hatte man den Eindruck, daß das lediglich eine Konzession an die Yotksstimniung war: noch saften ja in den Machtpositionen der Partei berühmte Juden wie Sinowjew und Kumenow. als Trotzki Radek und Genossen bereits in Opposition gegangen und in Ungnade gefallen waren. Als aber, um 1925/26. auch die Sinowjew-Kamenew- Gruppe in die oppositionelle Kampffront eintrat und das Bild des nach der Alleinherrschaft strebenden Stalin sich schärfer abzeichnete, nahm die Personalpolitik des Kreml einen geradezu antisemitischen Charakter an. Ich durchschaue heute noch nicht recht, was Ursache, was Wirkung war — jedenfalls tauchten mit der Zeit fast alle führenden jüdischen Bolsdiewiki in den Reihen der Opposition auf und verschwanden dementsprechend aus den Personallisten der Partei- und Staatsleitung. Ich bin in jenen Jahren viel in der russischen Provinz gereist und habe dort aus dem Munde braver, aber etwas undiplomatischer Provinz-Bolschewiki direkte Beweise für die systematische Ausschaltung der jüdischen Parteileute erhalten. Stalin hat in den Kampfjahren gegen Trotzki nach meiner Ueberzeugung bewußt das Anwachsen antisemitischer Strömungen in der Partei selbst geduldet. Diese Haltung der Diktatur hat natürlich, trotzdem man den Antisemitismus mit den Lippen weiterhin verdammte, ihre Wirkuhg auf die breiten Massen nicht verfehlt. Das äußerte sich im Alltagsleben darin, daß man auf der Straße, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in den Betrieben das Wort „Schic!" wieder täglich hören konnte, ohne daß die Polizei und andere Amtsorgane gleich dagegen eingeschritten wären wie bisher. Darüber hinaus aber ist es. besonders 1928 und 1929, in allen Teilen des Reichs zu antisemitischen Roheitsakten gekommen, die manchmal fast den Charakter von Pogromen unnahmen. Ein kleiner Teil dieser Fälle wurde an die große Glocke gehängt, und dabei stellte sich bezeichnenderweise fast immer heraus, daß die Delikte in Anwesenheit und unter stiller oder lauter Billigung nicht nur der Arbeiterschaft, sondern auch der Partei-. Gewerkschafts- und Betriebs-Organisation verübt worden sind: das bestätigte die Breite der antisemitischen Einstellung der Sowjetbevölkerung, die man ja aus dem täglichen Leben bereits sattsam 'kannte. In einer Reihe von Prozessen wurde auch festgestellt, daß sich Parteileute selbst, insbesondere Jungkommunisten. an der Beschimpfung und Mißhandlung jüdischer Proletarier beteiligt haben. Ich verzichte auf die Schilderung einzelner antisemitischer Exzesse, die oft auch zu abscheulich sind, als daß sie dem Papier anvertraut werden können, möchte aber einige vielsagende Zahlen geben: Auf den Schächten des Grubenbezirks Bokowo-Chrustalski sind in der Zeit zwischen 15. Februar 1920 und dem 20. November 1928 2987 Juden eingestellt worden, von denen sich nicht ein einziger auf den Schächten halten konnte, obwohl unter ihnen erfahrene Bergleute waren. „Weshalb die jüdischen Arbeiter die Schächte verlassen", sagt die „Moskauer Arbeiter-Zeitung", der diese Daten entnommen sind, „versteht man aus folgendem Vorgang: In diesem Sommer kamen im Lugansker Kreis 25 Juden aus dem Gouvernement Witebsk an. Hungrig, abgerissen, Arbeit suchend, streiften sic lange in den Schächten umher. Ueberall empfing man sie mit Spott: ,Na. wohin denn mit Euch. Abrahumchens! Schachtarbeit wollt Ihr machen! Wollt Ihr nicht lieber in der Stadt ein Handelchen betreiben?“ Schließlich wurden sie doch angenommen. Aber die Spötterei hörte nicht auf. Die Vorarbeiter hetzten sie herum, gaben ihnen keine Arbeitskleidung und keine Ausweise für den Konsumverein.. In den Wohnkasernen gestaltete sich das Leben für die jüdischen Arbeiter unerträglich. Die andern Arbeiter sammelten I.üuse und Wanzen und steckten sie in die Matratzen der Zugewanderten, beleidigten diese, wo immer sie konnten und benutzten jede Kleinigkeit, um Händel anzufangen. Trotz aller Bitten fanden die Juden nirgends Beschützer. Die Partei-, die Gewerkschafts- und die Jungkommunistcn-Organisationen — alle schwiegen. Bis zum Herbst erduldeten die jüdischen Arbeiter alles. Dann ertrugen sie den ungleichen Kampf nicht mehr und legten die Arbeit nieder." Der heimliche Kampf der Partei gegen die jüdischen Genossen hat mit der Niederschlagung der Trotzki-Opposition seinen Zweck verloren. Mun spürt ihn heute nicht mehr. Neuerdings sind sogar einzelne Juden wieder in bolschewistische Machtpositionen aufgerückt. Aber konzentrierten Einßuß. „Herrschaft", üben sie weniger denn je im bolschewistischen Gemeinwesen. Von dieser Wahnvorstellung sollte sich das Ausland endlich freimachen. Sonst versteht es den Bolschewismus nicht und bekämpft ihn mit falschen Mitteln, wo er weltrevolutionär in Aktion tritt. Der 17. Zionisien-Kongress. Nach dreiwöchentlichen erbitterten Redeschlachten ist der 17. Zio nisten-Kongreß in den Abendstunden des 15. Juli mit der, Wahl N a h u m S o k o 1 o w s zum Präsidenten der Zionistischen Organisation geschlossen worden, der Kongreß, der nach dem Arbeitsplan bereits um 10. Juli hätte enden sollen. Sein Ergebnis hat die Gedankengänge bestätigt, mit denen die „Jüdische Rundschau" ihn am 26. Juni begrüßt hatte. Der Kongreß hat tatsächlich „alle destruktiven, nur auf momentane Außenwirkung abzielenden Talente" auf den Kampfplatz gerufen. Es sind auf ihm rhetorische Meisterleistungen in Hülle und Fülle geboten worden. Aber gerade diese rednerische Begabung seiner Führer ist dem Kongreß zum Unheil geworden. Die „Jüdische Rundschau" vom 14. Juli mußte ehrlich bekennen: „Der Kongreß empfindet heute wohl schon, daß er sich auf einen Irrweg hat verlocken lassen, und er findet keinen Ausweg aus der absurden Zieldebatte. Wieder einmal hat das Sentiment über die Vernunft gesiegt.“ Die Parteien haben allerdings dafür das stolze Bewußtsein hoirii- |gebracht, in Basel hohe Politik getrieben zu haben. Die Kongreß-Eröffnungsrede Sokolows gewinnt jetzt, nachdem er als Präsident an die Spitze der Organisation getreten ist. erhöhte Bedeutung. Mit diplomatischer Mäßigung hat er eine stilistisch gute Rede gehalten, die auf allgemeine Zustimmung rechnen konnte, da sie alle strittigen Punkte sorgsam vermied. Die geistige Note gab aber dem ganzen Kongreß VV e i / in a n n . dessen Rede am Tage nach der Kongreßeröffnung. das politische Testament des Mannes, der 14 Jahre die Partei geleitet und dem es geglückt war. das Experiment des Zionismus zu verwirklichen, eine Meister- und Musterleistung war. Es war aber bezeichnend, daß Weizmann fast zu gleicher Zeit einem Berichterstatter eine Aussprache gewährte, die nicht viel weniger als die Preisgabe der politischen Aspiration seiner Partei bedeutete, du er in dieser Aussprache erklärte. daß er die Forderung einer jüdischen Photographiere billiger! % Entwickeln: AbzöLe: Platte, jede Größe —.10 ' 6la><9 9x12 Rollfilm. . . . -.40 -.10 —.15 UioiomaUw, Könlgsbaupaswgt Nr. 19, am Ausgang Hotel tfarquardt Mehrheit in Palästina für politisch bedenklich halte. Als allerdings Weizmunn diesen minimafistischen Standpunkt auf dem Kongreß tapfer vertrat und gleiche staatsrechtliche K<TfiT|>etenzeu und politische Parität für die Araber und die Juden des Landes, unbeschadet des Zahlernerhältnisses beider \olksteile, forderte*, war seine Stellung im Zionismus erschüttert und sein Schicksal auch bei seinen früheren Parteifreunde,, besiegelt. Trotzdem bleibt seine Erklärung das e i g e n 11 i ch einzige bedeutende Ergebnis des Kongresses, das schließlich auch Sokolow am Ende des K»grosses in die program, inatische Erklärung nach seiner Wahl auFgenommen hat. Gewiß hat der Kongrefl'init 17 Stimmen Mehrheit diesem politischen Grundsatz Weizmanns die Zustimmung versagt. Er bleibt aber trotzdem die einzige Möglichkeit einer mit der Wirklichkeit rechnenden Politik. Seine Ablehnung durch den Kongreß ist eine drastische Anomalie, welche die politische Unfruch tbarkeit der Kongreßdebatten grell beleuchtet. Dieser ernsten Auseinandersetzung gegenüber erscheinen alle sonstigen Ereignisse drs Kongresses nur als Intermezzi. Es machte ei len fast grotesken Eindruck, als der Vertreter der Revisionisten auf dem Kongreß. J a b o t i n s k y . mit England Abrechnung hielt und mit einer Großmachtgeste die Annehmbarkeit der Mac 3onaldschen Auslegung des Weißbuches ablehnt;. Nichtweniger grotesk wirkte der Amerikaner Stephan S. W ise mit seiner Kriegsansaggegen England und der alte Ussisdiki-n mil seinen Drohungen. Es ist aber kennzeichnend für die Stimmung und Zusammensetzung des Kongresses, daß diesen Deklamationen höheres Gewicht zuerkannt wurde als der Erklärung des Schatzmeisters der Jewish Agency, daß die Einnahmen des Keren Hajessod infolge des wirtschaftlichen Rückgangs dauernd fallen. Die Kasten der Partei sind leer und auch durch die glänzendsten Debattereden nicht zu füllen. Sokolöws Wahl mit 118 gegen 48 Stimmen war eine Verlegenheitswahl, nachdem die mit so großen Worten geforderte Systemändernng der stärkeren Politik gegen England an der sch liehteniTatsache gescheitert war. daß die Weizmanngegner keinen einigermaßen zureichenden Vertreter ihrer Anschauungen als Präsidenten 6 orzuschlagen hatten. Die Hauptarbeit des Kongresses bestand in der Findung politisch gefeilter Definitionen. Eine beneidenswerte Ahnungslosigkeit von der Welt der Wirklichkeiten sprlach aus der Mehrzahl seiner Redner, welche sich nach dem Urteil der „Jüdischen RundschaiJ" 7. Jufi „in ihrer naiven Unbekümmert!, vom wie die Ziegenböcke in einem Porzellanladen“ benahmen. Es gibt und gab von jeher einen doppelten Zionismus, den der Parteiphrase und den der realen Arbeit. Der Kongreß hat wieder einmal die ernste Gefahr gezeigt, sobald der Zionismus], des Wortes über den der Tat triumphiert. Die Gefahr besteht fort, denn Sokolow ist der Manu der feinen „Wortprägungen“, wie er von seinen Parteifreunden rühmend genannt wird, dssr typii'V'j V Pftofoapparale Phofobcdarf Pkofoarbcifcn CTarltnstn# £ Ein Kind sonmae»* Hohe Durch Feinheit, Aroma, Ergiebigke t und PreisWürdigkeit bezwingt das Sonnänkind Herz u. Gaumen der Stuttgarter Hausfrau. Auch Sie werden eines Tages „H0LANKA" Hochland-Kaffee trinken.Warum nichtschon Heute? Hochland-Kaffee-Mlschung schon von Mk. 2.70 an HOCHLAND ÄS Königstr. 45 (b. Wilhalmsbau) Ruf 204 58/59 Lieferung jadas Quantums fral Haus durch ^ilwagan

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