Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 9 (1.8.1931)
- Date
- 1931-08-01
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- [Seite] (sequence 1)
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Wahrscheinlich ist ihr Anteil an der Arbeitslosigkeit sogar relativ geringer, weil sich der Anteil der Juden an der Arbeitnehmerschaft auf die Angestellten beschränkt, und die Angestellten nur einen kleinen Teil der Gesumturbcite rschuft bilden. Das eigentliche jüdische Arbeitslosenproblem beginnt also nicht beim Arbeitnehmer, sondern beim ehemaligen Arbeitgeber, der durch den Zusammenbruch der Wirtschaft seine selbständige Existenz eingebüflt hat. Sein Schicksal kann nicht traurig genug geschildert werden. Denn diese jüdischen Erwerbslosen hüben als frühere Geschäftsinhaber keinen Anspruch auf die Arbeitslosen-Versidierung. Ihre Arbeitslosigkeit bedeutet also, sobald ihre Ersparnisse aufgezehrt sind, soziale Deklassierung. Sie verfallen mit der Existenzlosigkeit sofort in den Zustand der Hilfsbedürftigkeit. Die Auswanderung, früher der Ausweg aus dem sozialen Dilemma, ist ihnen durch die Einreise- und Niederlussungsverbotc in den meisten Staaten der Erde unmöglich geworden. Bei der allgemeinen wirtschaftlichen Depression ist ihnen die Erlangung auch der bescheidensten Stellung versperrt. So werden zahlreiche Existenzen, die sich noch vor kurzem eines bescheidenen Wohlstandes erfreuten zu Objekten der Wohlfahrtspflege. Die Kleingewerbetreibenden, die Inhaber der kleinen Fabrikationsgeschäfte, die Vermittler zwischen Erzeugung und Bedarf, die kleinbürgerlichen Existenzen, also die Mehrzahl der jüdischen Erwerbenden, waren schon seit Jahren durch die nach dem Kriege zunehmende Zusammenballung der Industrien und durch die gesteigerte Ausschaltung des Zwischenhandels schwer beeinträchtigt. Sie haben sich noch ein Jahrzehnt im harten Wirtschaftskampf gehalten. bis die tragenden Grundlagen der Wirtschaft, die Voraussetzungen ihrer bescheidenen Betriebe*, zusammenbruchen. Der Prozeß des deutschjüdischen Wirtschaftslebens ist also nicht als Proletarisierung. d. h. als L'ebergang zur Lohn* urbeit, sondern als Pauperisierung. d. h. als V e r u r m u n g zu kennzeichnen. Der Ausweg aus dieser ernsten Entwicklung ist produktive W i r t s ch a f t s h i I f e . die drei Wege: einsdilngen muß. die allerdings große Entschließungskräfte \erlangen, ohne die über der Ausweg aus der Katastrophe nicht gefunden werden kann. Der erste* vorbereitende Schritt ist die rechtzeitige Aufgabe* von Wohnungen, deren Mietezahlung einen un verhältnismäßig, großen Teil des verringerten Einkommens beansprucht. Der Umzug in kleinere Wohnungen darf nicht so lange aufgeschoben werden, bis die Vermögenssubstanz äufgezehrt ist. Die Möglichkeit der Untervermietung ist nachgerade so gering geworden, daß sie die Erhaltung größerer Wohnungen zum Zweck der Untervermietung nicht rechtfertigt. Ein falscher Ehrgeiz veranlaßt Hunderte. Wohnungen zu unterhalte», deren Mietpreis oft das Gesamteinkommen übersteigt. Darum ist ein unvermeidbarer Weg zur Gesundung wirtschaftlicher Schwäche die Aufgabe* solcher .Mietwohnungen. Der zweite Schritt produktiver Wirtschaftshilfe ist Berufs»»«Schichtung, die Vorurteile unbarmherzig opfert und sogenannte Prestigeberufe als Sinnlosigkeiten verwirft. Berufe*, die eine längere Zeit erfordernde Ausbildung verlangen, müssen bei dieser Umstellung gemieden werden. Die bescheidenste produzierende Arbeit ist jeder kaufmännischen vorzuziehen. Der Jugend ist die Erlernung lebensnotwendiger Handwerke besonders zu empfehlen. Der gelernte Fabrikarbeiter, der eine technisch gute Ausbildung genossen, ist auch heute noch gesucht. Tüchtige Spezialisierung muß un die Stelle* von Mussenausbilelmig treten. Der dritte* Schritt produktiver Wirtschaftshilfe ist die Schaffung von Kreditgenossenschaften nach kaufmännischen Grundsätzen. Sie allein Erschütternde Zahlen. Die statistischen Zahlen des jüdischen Lebens in Württemberg für das Jahr 1930 sind ein weiteres Zeugnis für den unaufhaltsamen Rückgang des deutschen Judentums. Im Jahre 19|3Ö schlos-. sen in Württemberg insgesamt 113 jüdische Menschen die Ehe: unter ihnen 12: also 9 Prozent, mit Nichtjuden. Da diese zwölf Mischehen sämtlich in Stuttgart geschlossen wurden, wo imj Berichtsjahre 53 jüdische Personen heirateten, so wurden hier 22,.i % Mischehen geschlossen! Von diesen Eheschließenden wurden im ganzen Lande 100. in Stuttgart 34 religiös getraut. In Württemberg starben 1930: 171 jüdische Personen, urjter ihnen 68 in Stuttgart. Diesen standen im ganzen Lande 94 lebend geborene Kinder, unter ihnen 51 in Stuttgart gegenüber. Es starben also (m Lande 67 Personen mehr als geboren wurden. $o daß die Zahl der württembergischen Juden ih diesem Jahre allein durch Todesfall um 67 abgjenömmen hat! In Stuttgart war die Verhältniswahl günstiger, indem hier nur (!) 17 Personen rjiehr stürben als geboren wurden. Unter 42 religiösen. Bestattungen in Stuttgart waren im Berichtsjahr 22, also 32 %, Verbrennungen. Zwei Eintritten von Niditjuden in das Judentum standen sechs Austritte aus dein Judentum gegenüber! Alle diese: Zahlen reden.eine erschütternde Sprache. können den geschwächten sozialen Schichten den Lebensraum und die ßetätignngsniöglichke'it sicher». Aktive: Sozialpolitik zwingt zu beschleunigter Begründung von Genossenschaft'». welche die. wirtschaftlich schwachen Einzelpersonen, die* im \\ irtschuftssystem des Kapitalismus nicht bestehe» können, zusammenschließen. Nur der Zusammenschluß der Einzelnen zu Genossenschaften ermöglicht ihnen eine aussichtsreiche* Betätigung im Rahmt» der kapitalistische» \\ irts haftsord-. nung. Gemeinsame ^iot wird am sichersten durch die Gemeinschaft abgewehrt. Gefährlich wäre* in solcher Zeit untätiges Zuwarten im Vertrauen auf die Wirtschaftshilfe durch die \\ olilfahrtspflege. Zwangsläufig und schicksalhaft sinkt mit der Wirtschaftskrise die Lcistungskraft der Wohlfahrtspflege. Gerade*, wenn von ihr höchste Leistung verlangt wird ist sie um leistungsschw ächsten. da ihr die Mittel zur Leistung versagt Werden. Sie ist erfahrungsgemäß in Kriseirzeiten am schwächstes, du ihre Wirksamkeit natürlich mit dem aussetzhnden Zufluß der Mittel aufhört. Aber selbst Iwenit die Hilfeleistung der privaten Wohlfahrtspflege die gleiche bleibt kann sie nur eine bescheidene und Statistik des kirchlichen Lebens der israelitischen Gemeinden Württembergs im Jahre 1930 1930 Rabbinate und Gemeinden: Eheschließungen Trauungen Sterbefälle Kirchliche Bestattungen Zahl der lebend geborenen Kinder Uebertritte zum! Judentum i Austritte aus dem Judentum rein jOd. Paare »22 S go. Überhaupt außerhalb Orte! außer-; halb am Orte außerhalb am Orte außerhalb eheliche uneheliche münnl. weibl. zum; Christen«* tum Überhaupt Rabbinat Buchau. _ 3 3 6 _ 4 _ 3 1 . Göppingen. 2 — 2 2 — 1 1 2 — 2 — — 2 — — — ' . Hall. 1 - 1 2 5 10 2 13 — 6 i 4 3 — — — . . Heilbronn. 4 4 . - v - i 23 — 23 — 11 — 9 2 — — | — . Horb. 4 — 4 — 3 2 12 2 12 2 3 — 1 2 — i; , Mergentheim .... 3 — 3 3 4 , 1 8 2 10 1 5 — 4 1 -;_t — — . Oberdorf. — - — — — — 5 2 5 2 2 — 1 1 -* — — Stadtrabbinat Stuttgart .... 17 12 29 7 15 2 63 5 42 3 49 2 25 26 2 — 5 Bezirksrabbinat Stuttgart . . . 4 — 4 2 4 1 12 3 12 2 5 — 3 2 — — — Rabbinat Ulm. 7 — ■ 7 3 6 4 13 1 14 — 4 — 2 2 — i 1 1930: Insgesamt: 42 12 I 54 17 39 11 150 1 21 139 10 91 1 3 52 1 42 2 2! 6