Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 6 (16.6.1931)
- Date
- 1931-06-16
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- [Seite] (sequence 3)
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- 65 rasshoff Von Uoborsoo dirokft ans Publikum wie seit 45 Jahren nur ffalnStO QualHStan das Rund Mk. 2b50 und Mk. 2.80 Billige Sorten zu Mk. 2.00f 2.20 täglich frisch zu haben Grasshoff Ist unübertroffen in seiner Art Kaffee *9+ Otto Grasshoff, Kaffee-Import-Großrösterei — Tee-Importhaus — Stuttgart, Friedrichstr. 58 — Telefon 22516 fuid 27620 Hoffnungen der jüdischen Angestellten“ eingeludeu. Der stellvertretende Vorsitzende der Ortsgruppe, Dr. Manfred S i di e 1, erklärte in seiner Begrüßung. duII der Centrul-Verein bisher \un der Angestelltenschaft als ein biirgerlidier. im Gegensutz zu den Arbeitnehmer-Interessen stehender Verein betrachtet worden ist. Diese Einstellung ist aus der Entwicklungsgeschichte des C.V. und des deutschen Judentums überhaupt zu erklären. Der C.V. hat jedoch den Willen, diesen Gegensatz zu überbrücken, weil heute alle Schichten des Judentums eine gemeinsame front gegen den Nutionulsozialismus bilden müssen, Er berief sich auf die Einladung, in der gesagt war. dal! der C.V. ..mit den Angestellten Fühlungnahme, ohne vereiusmüllige Bindung, unterhalten“ wolle, und ergänzte dies dahin, daß der nachfolgende Vortrag als eine Einleitung gedacht ist, auf Grund deren er eine ersprießliche W eiterurbeit erhoffe. Sodann ergriff Dr. Alfred Hirschberg- Berliu das Wort. Er gab an Hand von Zuhlen ein klares Bild von der Luge der Angestellten schuft, insbesondere ihrer außerordentlich starken Zunahme in den letzten Jahren. Dem typischen Werdegang des jungen jüdischen Kaufmanns vor dem Kriege — sorgfältige Ausbildung, einige Jahre Angestelltenberuf als Ergänzung dieser Ausbildung. Selbständigmudiung in verhältnismäßig jungen Jahren und Begründung einer Familie — diesem Werdegang stellte der Redner die Aussichten der heutigen Jugend gegenüber. Die Möglichkeit der oelbständigmachuug ist zum größten Teil geschwunden und infolge der Zusammenballung der Juden in den Städten der Prozentsatz der jüdischen Angestellten außerordentlich gewachsen. Die wirtschaftliche Entwicklung, die in den letzten Jahren auf eine starke Konzentrierung der Betriebe hinzielte, hat eine Verminderung des Angestelltenbedarfs mit sich gebracht. Der teil der Angestellten, der bei der Rationalisierung nicht den Arbeitsplatz verloren hat, ist dabei in einer wenig glücklichen Lage. Der Redner schilderte in eindrucksvoller Weise die Bedingungen, unter denen die Angestellten in solchen Riesenbetrieben tätig sind: die Entpersönlichung der Arbeit und des Arbeitenden, die Mechanisierung der Auslese auf Grund des Berechtigungszeugnisses und der Eignungsprüfung, die Fremdheit zwischen Chef und Angestelltem und die Unmöglichkeit, durch persönliche Tüchtigkeit hervorzutreten und sich einen höheren Posten zu erringen. Zwischen der bürgerlichen Ideologie. welche die Angestellten mitbringen, und der proletarischen Lebenshaltung, zu der ihre materielle Lage sie zwingt, besteht ein Gegensatz, der sie einer geistigen Obdachlosigkeit verfallen läßt. Vom mechanisierten Geschäftsbetrieb suchen sie Erholung in einem Amüsierbetrieb unter ihresgleichen, der ebenfalls mechanisiert, persönlichkeitsfremd ist. Das jüdische Heim, früher nicht nur eine wirtschaftliche, sondern auch eine seelische Kraft- 3uelle. verliert durch die Mitarbeit der Frau und as MitverdienenmUssen der Kinder seinen bestimmenden Einfluß. Die Emanzipation der Jugend vom Elternhaus, vielfach als Befreiung von Zwang und Enge empfunden, birgt zugleich mit der Gefahr der Loslösung von der Familie die der Trennung von der religiösen Gemeinschaft des Judentums in sich. Die Anpassung an die Arbeitskollegen und das Zusammenleben mit ihnen führt nur zu oft zu einer vollständigen Entfremdung von der bisherigen Atmosphäre. Schließlich tritt neben die religiöse die ..rote“ Assimilation: der Sozialismus wird zur Ersatzreligion für die jungen Juden. Zu diesen seelischen Gefährdungen tritt für die jüdischen Angestellten die wirtschaftliche des Boykotts. Ihr kann nur durch sorgfältige Kleinarbeit. besonders aber durch gesteigerte Leistung seitens der jüdischen Angestellten entgegengearbeitet werden. Der Boykott stellt eine Gefahr dar, gegen die der C.V. seit jeher ernst ankämpft, an deren Bekämpfung aber alle verantwortungsbewußten Kreise der Judenheit mitzuarbeiten verpflichtet sind. Der älteren Generation als der Trägerin des konservativen WirtschaftSgedankens muß sich die junge Generation mit ihrer neuen Wertung der Arbeit, auch der früher verachteten Handarbeit, an die Seite stellen. Der neue Angestelltenstand ist in Zukunft Mitträger und Mitverwalter der jüdischen Werte. Prestige-Fragen müssen ausgeschaltet werden: die Angestelltenschaft muß selbstbewußt an der Schaffung einer gemäßen jüdischen Milieubildung mitaroeiten. Die Eingliederung in die Umwelt, die durch die neue soziologische* Struktur der Juden bedingt wird. darf nur nicht zu einer Lösung von der jüdischen Gemeinschaft führen. Dem Redner dunkle lebhafter Beifall, dem der Vorsitzende in einem zusammenlassenden Schluß vcort noch besonderen Ausdruck gab. In der sich anschließenden angeregten Aussprache. an der sich Frl. Lewinsky und die Herren C y m I) a 1 i s t . Lehma n n und Dorla ch e r beteiligten, wurde die Form einer Weiterurbeit gesucht. Der Besuch der Versammlung war durchaus zufriedenstellend, die Anteilnahme der Zuhörerschaft überaus erfreulich. Wenn auch manches, was der Vortrugende insbesondere über die seelische I,age der Angestelltenschaft ausführte, auf unsere süddeutschen Verhältnisse glücklicherweise noch nicht zutrifft, so empfunden die Zuhörer seine Darlegungen wie die Warnung vor einer drohenden Zukunft. Vielleicht ist der C.V. berufen. um ein Bild des Redners zu brauchet,, den Angestellten eine ..seelische Tankstelle“ zu schuf feil. Von diesem Gesichtspunkt uns war die* \er anstaltung lebhaft zu begrüßen. Diskassionsabend des „Landes für neues Judentum.“ Wie wir in letzter Nummer berichteten, sprach unlängst Amtsrichter Bernhard Buch im Rahmen des ..Bundes für neues Judent u m“ über ..J ü d i s ch e Selbstbesinnung als Weg zu deutsch-jüdischer Freundschaft“. ein Vortrag, der im wesentlichen auf der unbewiesenen Behauptung fußte, daß die grundlegenden Wesensunterschiede zwischen „D e u t s ch e n und: Juden“ eine deutschjüdische Freundschaft solange verhinderten, als die Juden nicht gewillt seien, ihre besondere Art zuzugeben und im Sinne dieser Wesens Verschiedenheit ihre lebensinäßige Grundhaltung einzurichten. Da die an dieses Referat sich anschließende Aussprache zwangsläufig abgebrochen werden mußte, lud der „Bund für neues Judentum“ für den 1. Juni zu einer Fortsetzung der Diskussion ein, die unter guter Beteiligung in den Räumen der Stuttgart-Loge stattfand. — Wie nicht anders zu erwarten, brachte auch dieser Abend keine Klärung, und zwar unseres Erachtens deshalb, weil eine Verständigung über gefühlsmäßige Dinge, über zutiefste weltanschauliche und seelische Fragen u n m ö g I i d, ist. wenn die Voraussetzungen so gegensätzlich sind. Hier kann man nur das Goethe-Wort ..Gefühl ist alles, Nara' ist Schall und Rauch“ zitieren. Zwei Standpunkte stehen sich gegenüber, die nicht zu vereinen sind und die auch ruhig getrennt bleiben dürfen. Das innere Beharrungsvermögen des deutschen Judentums ist erprobtermaßen immer noch stark genug, um auch durch die schweren Prüfungen unserer Tage nicht erschüttert zu werden. Alte und junge Kräfte sind bereit, den Dingen ins Gesicht zu sehen und sich für alles das einzusetzen, was dem Wohle und der Erhaltung des Judentums und seines natürlichen seelischen und körperlichen Standorts dient. — Den Verlauf der Aussprache in allen ihren Phasen wiederzugeben, möchten wir uns ersparen. Unsere Leser sind über die Grundzüge der Ideologie des „Bundes für neues Judentum“ von uns hinreichend unterrichtet worden. Zu bemerken ist nur, .daß der Abend dramatisch bewegt, wenn nicht vielfach s t ü r m i s ch verlief, daß Dr. Kurl L i e b I i ch auch diesmal w ieder einmütigen Widerspruch erfuhr, wenn er und Amtsrichter Bach siel, auch alle Mühe gaben, ihre Anschauungen als Lösung einer von der überwältigenden Mehrheit der deutschen Judenheit gar nicht empfundenen Problematik darzustellen. Und was unsere nichtjüdischen Mitbürger betrifft, so können wir nur auf unsere Besprechung des Bach sehen Referates verweisen: Solungc uns Dr. Lieblich und Amtsrichter Bad, ..g e f ü h I t c“ Behauptungen präsentieren, solange werden sie den Vorwurf einer gefährlichen Dialektik und haltlosen Verallgemeinerung liinnehmeu müssen. Mit mathematischen Formeln, wie sie uns Dr. Lieb lieh au die Schultafel malte, kann mau vielleicht den Stoffwechsel des menschlichen Körpers exaktwissenschaftlich durstellen — die Seele des Menschen. die Liebe zur Erde, auf der man gewachsen. die Verbundenheit mit allen denen, deren Schicksal i»a» teilt und deren Kultijirkreis ureigenste Lebenssphäre ist. die können mathemutisdi weder bestimmt noch bestritten werden. — I Wir berichten noch kurz, daß R i cjh. Roths d, i I <1. Rechtsanwalt Albert M ä i n z e r II. Saiiitütsrat Dr. R i es. eand. urch. Walter Koch. Oberlehrer A d e I s I, e i m e r und Ingenieur Ster u nochmals mit überzeugenden Worten gegen die Ausführungen Amtsrichter Bachs und Dr. I.ieblichs Stellung nahmen. Die Herren Tügel und Neu manu versuch,eq. die zur Debatte stehenden Probleme in ein {sympathischeres Licht zu setzen. Der allgemeine! Eindruck war aber auch diesmal wieder, daß der „Bund für neues Judentum“ nicht in die Lag^ kommen wird, in einer Sa die Führer zu sein.! die nach wie vor viel besser durch jüdische Leiu n d s t II n g und im \ e r t r u u e„ Wahrheit und des wird. Gesinnungstüchtigkeit auf den Sieg der Rechts vertreten Hans Steinheim. Aus dm Qememdm j 'lOücttemfetQs. Stuttgart Am Mittwoch, den 27. Mai, verunstaltete der Jüdische Frauenbund. Stad, verband Stuttgart, einen Vortragsabend. an dem Rabbiner Dr. A uJe' r b a ch vom theologischen und Dr. med. Felnmann vom ärztlichen Standpunkt aus zum Proplem des $ 218 Stellung nahmen. i Dr. Auerbach führte aus. daß für unsere Vorfahren dieses Problem gar nicht existierte. Viele Kinder zu hüben war eine Gnade und ein Geschenk Gottes. Kinderlosigkeit wurde I als ein Unglück angesehen. Diese Auffassung blieb, trotz des schweren politischen und wirtschaftlichen Druckes, unter dem die Juden später lebten. bis ins vorige Jahrhundert hinein allgemein Wir finden daher. im jüdischen Schrifttum nirgends ein Verbot der Abtreibung. Man kann nur aus einzelnen Bestimmungen in Thora und Talmud indirekt die Anschauung ableiten, die das Judentum dieser Frage gegenüber einnimmt. Festzustellen ist. daß die dem $ 218 zugrunde liegende Auffassung, daß bereits der Fötus als lebendes Wesen anzusprechen sei. nicht ursprünglich jüdisch ist. Das geht beispielsweise daraus hervor, daß im Gegensatz zum heutigen Strafvollzug gestattet war, ein Todesurteil an einer Schwangeren zu vollziehen. (Praktisch kam das natürlich kaum in Frage, da im alten Palästina Todesurteile so gut wie gar nicht ausgesprochen und noch seltener vollzogen Wurden.) Trotz dieser rein strafrechtlichen Grundansicht widerspricht eine Unterbrechung der Schwangerschaft aurchaus der ganzen sittlichen Haltung des Judentums. Richtschnur für den nach den) Gesetz lebenden Juden ist die Anschauung der Thora, die sich in dem Gebot manifestiert: Seid fruchtbar und mehret euch. Der religiöse Jude wird die Abtreibung aus dem Geiste der jüdischen Religion und Sittlichkeit heraus stets a^lehnen und als Sünde betrachten müssen.; Dr. Feldmann beleuchtete die Frage vom rein ärztlichen Standpunkt aus. Er lehdte eine parteipolitische Behandlung des Themas ab. Die rechtliche und bevölkerungspolitische Seite des Problems bezeichnete er als Sache der Juristen und Nationalökonomien. Er wolle als Arzt nicht zum $ 218 Stellung nehmen, sondern über die Frage der Schwangerschaftsunterbrech u n g sprechen. Er habe dabei wesentlich von medizinischen Tatsachen auszugehen.