Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 5 (1.6.1931)
- Date
- 1931-06-01
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- [Seite] (sequence 1)
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Gemeinde Äemma für die ffraelitiVi&en Geinetnden Wttrttenivergs Silillliilt: N44MÜ4 ®ffbU«stt fdbfücfe 5 JIM, MMtrii* 2ß0 M BltfteÜ6trU4 I.2S JIM Sia^cUsamitf 25 9ta<fc«pf«aig 36258 ärfklk* ■ —«M* »m.li.l MB 1 ■ fß 9) e i 1 a g: Israelitische DerlagSanstalt ®. tu. b. H. Strafet. 93398 & Stuttgart * Kaseraea-r. 13 Schriftleitung: Xtic latMrill: Sit riafpoüigt fRooparaUeptit 30 Ntich<pit»»ig Uztolaaftitm u6 Dorpigsptttzt »ach Tatis. §a»ilitWanßtigtt «5 fltme ölt KltizMtle 20 9bi6sp{csai4. 9Uflamt)tiit 1J50 JIM 3/(• Di viii. soBrsano etuttoort, l. 3ttni 1931 Die neue Front. Ein Beitrag zur politischen Lage. Es ist noch nicht allzu lauge her. daR die Juden in Deutschland politisch ohne Bundesgenossen dastanden. Das liberale Bürgertum, das sich eine Zeitlang aus demokratischen Beweggründen mit ihnen identisch erklärt hatte, fürchtete sich vor der Belastung mit Judenfreundschaft. Der Name „Judenschutzgruppe“, den die Demokratie einst erhalten, wirkte so stark nach. daR man sich nach außen mindestens ajüdisch. wenn nicht gar antijüdisch gebärdete und nur im intimen Kreise eine Art Judensympathie vorspiegelte. Bei der Sozialdemokratie verhielt es sich nicht viel anders. Ihre jüdischen Parteiführer betätigten in der Judenfrage eine sichtbar zur Schau getragene Neutralität, da Religion ja Privatsache sein sollte. Man hielt sich an das Heinesche Programm: „Mein liebes Kind und grüß mich nicht, triffst du mich unter den Linden — wenn wir erst wieder zu Hause sind, wird sich schon alles finden.“ Daß sich der Nationalliberalismus und die Deutsch-Konservativen von den Juden fernhielten, war dabei selbstverständlich. Es regnete allerdings auch bei diesen gelegentlich platonische Liebeserklärungen. Nur, wenn es darauf ankam, versagten die lieben Freunde. Im Grunde des Herzens waren sie alle mit der Judenemanzipation nicht einverstanden. Die einen nahmen sie als Faktum schließlich zur Kenntnis, die anderen spielten ihr gegenüber Vogelstraußpolitik, die dritten bekämpften sie offen. Die Gleichberechtigung der Juden war eine geschichtliche Tatsache, aber ihre Anerkennung im Volksbewußtsein blieb frommer Wunsch oder deklamatorische Phrase. In der Nachkriegszeit hatte sich dieser Ajuduismus noch verstärkt und im Nationalsozialismus seinen letzten Exponenten geschaffen. Der offene Judenhaß und seine politische Folgerung, die Aufhebung der Emanzipation, wurde Parteidogma. Aber er war nur ein Teil des Parteiprogramms. Neben ihm stand die Feindschaft gegen den neuen Volksstaat und gegen alle Kirchlichkeit, vor allem gegen den Katholizismus. Die Verquickung von Judenhaß mit der Verneinung des gegenwärtigen Staates und der Kirchen hat zwangsläufig zu einer Frontumstellung geführt. Der völkische Nationalsozialismus hat das Weltbürgertum zum Entscheidungskampfe herausgefordert. Es gilt den Kampf zwischen der heutigen Staatsform und dem alten Nationalstaat. So haben sich die Fronten völlig verschoben. Demokratie, Staatspartei, Zentrum, Sozialdemokratie und Volkspartei bilden die neue Front gegen den Radikalismus von Rechts und von Links. Von den religiösen Parteien ist als erste der Katholizismus in die neue’Front eingetreten. Der Protestantismus folgt vorerst noch zögernd der neuen Wendung. Damit hat sich die politische Lage eindeutig geändert. Während aber der deutsche Katholizismus unter der Führung seiner Bischöfe sofort offen gegen den Nationalsozialismus eingetreten. hat der deutsche Protestantismus lange auf ein Bekenntnis in dieser Frage warten lassen. Jetzt mehren sich die Stimmen aus seinem Lager, die zur Einordnung in die neue Front mahnen. Eine Etappe auf diesem Wege ist die Aussprache über den Nationalsozialismus in der Frühjahrsversammlung der „Evangelisch-Sozialen Landesvereinigung in Württemberg“ gewesen. Sie hat bei aller Gegensätzlichkeit einzelner dargetan, daß auch im Protestantismus der Wille vorwiegt, in de r Front der Gutgesinnten und Staatshejaher mitzukämpfen. Bedauerlich erscheint demgegenüber die soeben bekunntgewordene Sanktionierung der Nationalsozialistischen Partei durch die Evangelische Kirchenbehörde Mecklenburg- Schwerins. Um so erfreulicher ist es, den Stimmen zu lauschen, die aus allen Parteien Deutschlands zum Eintritt in die neue Front mahnen. Im Augustheft der Zeitschrift „Das junge Deutschland“ berichtet Joseplia F i s dl e r in einer feinen Kritik des Schrifttums der nationalsozialistischen Jugendbünde über die Ideen und Ziele dieser Bewegung. Der Berliner Historiker M e i n e ck e bekämpft in der „Kölnischen Zeitung" vom 21. Dezember 19’50 die neue Partei, Friedrich Franz von Unruh in einer bedeutenden Aufsatzreihe in der „Frankfurter Zeitung", Prof. Kurl M u t h e im Oktoberheft des „Hochland“. Die programmatische Erklärung des Führers der Deutschen Volkspartei Dingeldey auf der Tagung des Zentral Verbundes seiner Partei, daß er „in der nationalsozialistischen Bewegung eine so große Gefahr für die seelischen Kräfte unseres Volkes sieht, da diese Bewegung die nüchterne Wahrheit durch die Sprache des Hasses verdunkelt“. kennzeichnet die Einstellung der Deutschen Volkspartei. Kurz, es beginnt sich überall ein Zusammenschluß der besten geistigen Kräfte Deutschlands zu einer Front der Anständigen /.u vollziehen. Wirtschaftliche, politische und geistige Nöte der deutschen Gegenwart mahnen zu gegenseitiger Annäherung in der Abwehr des gemeinsamen Feindes. Die neue Front ist das Gebot der Stunde. Die ganze Bedeutung des Zeitproblems hat Prof. Karl M 111 h e erfaßt, der in dem Aufsatz „Die Stunde des Bürgertums" die Tatsache „des antibürgerlichen Affekts bis tief in den Schichten des Bürgertums“ zum Appell gegen die zerstörenden radikalen Gewalten von Rechts und von Links werten will. Er forciert „als Standort eines belehrten- Bürgertums zur Vorbereitung einer neuen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung eine neue Volkseinheit“. Möge sein Ruf an das Gewissen Deutschlands gehört werden! Siegfried Ziegler, TtÜmdien.: „Wlisuuh“ Der bekannte*Münchner Maler Siegfried Ziegler' bat in jüngster Zeit eine Gravüre .llisrach" geschaffen, <fle sein KOnnen wieder in bestes Licht setxt. Die starke Natürlichkeit der Erscheinung des langbArtigen, in seinen Tallis gehüllten Mannes vermahlt sich einer tiefen Verinnerlichung, die das Erlebnis des Betenden zu unserem eigenen Empfinden werden llfit. Dieses „Gerichtetsein der Seele44, wie ^Martin Buber das Wort „Kawwonoh44 In wort- und sinngetreuer Übersetzung wiedergibt, laßt das Werk Ober den wfert des Genrebildes hinauswachsen zu einer jüdischen Kundgebung, wert die Misrachwand zu schmücken und Ins Helm frommen Sinn und Kunstfreude zu pflanzen. Das obige Bifcf (Originalgröße 38x27 cm) kann vom des Künstlers, Herrn Ignaz Ziegler, Stuttgart, hardtstr. 24, zum äußerst niedrigen Preis von RM. zogenwerden. Samtl.BUder sind vom Künstler handgezekhnet. Br Bruder Schicket— be- Besinnung iut not! Zur 2. Oeffentlidien Veranstaltung des „Bundes für neues Judentum“. Der „Bund für neues J u d e n t u m‘j entfaltet eine intensive Tätigkeit. Kurze Zeit auf einen programmatischen \ortrag von Dr. Karl Lieblich sprach der als Jurist und Geisteswissenschaftler geschätzte n i ch t j ü d i s ch e Amtsrichter Bernhard Bach über „J |i d i - sehe Selbstbesinnung als Wej zu deutsch-jüdischer F r e u n d s ch a f tf. Im Großen Saal des „Hauses des Deutschtums! hatten sich wiederum viele jüdische und nichtjüdische Hörer eingefunden„ nicht abejr — Dr. Karl Lieblich hat sonderbare Auffassungen vom Auditorium seines (.Oeffentlichen Biindesabends — um eine „Sensation“ zu erleben! sondern um zu hören, was eine Persönlichkeit vom geistigen Range Amtsrichter Bades über „dcütsdijüdische Freundschaft“ in diesem Rahmen zu sagen hat. Daß die Existenz einer solche i bestritten wird, das ging ja schon aus dem Vortragsthema hervor; es forciert ja ..jüdische Selbstbesinnung“, um deutsche Freundschaft zu gewinnen. So fragten wir uns also mit den Anwesenden, in was diese Selbstbesii nung nun eigentlich bestehen, wie sie sich doki montieren und schließlich auch in der Praxi? des Lebens auswirken müsse. Amtsrichter Bacp beantwortete diese Frage in (Vjstündigem. so gl.iltig ausgearbeitetem Vortrag, unbelastet vo i der OANZI ZIMMEREINRICHTUNGKN, KLEINMOBEL POLSTERMDBEL, VORHXNQE, STOPPE USW. Hans F. W. Brauer, Stuttgart M6b«l u. Kuitatgawarba, Qalaburgstr. 2a o>. d.oisMc*.)