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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1931-04-16 · 2 (16.4.1931) · p. Seite 19

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VIII (1931-1932)
Issue
2 (16.4.1931)
Date
1931-04-16
Page
Seite 19 (sequence 1)
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Sie haben die ernsten Zersetzungserscheinungen, die kritischen Verfallszeichen, die mahnenden Tatsachen des Niedergangs hinweggeleugnet, bis es auch den unverbesserlichen Optimisten klar geworden, daß die üblichen Vertuschungen Sünden gegen die Wahrhaftigkeit waren. Die harte Wahrheit heißt: die de u t sehe Judenheit ist im Abstieg. Diese Tatsache zu beschönigen, wäre törichte Leichtfertigkeit. Nicht der zahlenmäßige Rückgang der deutschen Judenheit ist das bedenklichste Zeichen ihres Verfalls. Zahlen sind noch nicht alles bei der Wertung einer sittlich-religiösen Gemeinschaft. Auf Wellental folgt Wellenberg. Das Bedenkliche ist der katastrophale Zusammenbruch der religiösen Energie in der deutschen Judenheit. Die Juden haben Pharaos Starrsinn und Nebukadnezars Grausamkeit, Syriens Tyrannei und Roms Imperialismus, Inquisition und Assimilation überdauert, weil sie die sittlichen Widerstandskräfte besaßen, die sie unbesiegbar machten. Einst galt das Mosewort für Israel: „Die Worte, die ich dir heute gebiete, sollen in deinem Herzen sein (5. Mose 6, 6), geborgen vor jedem Eingriff, geschützt vor jedem Zugriff. Diese geheime Lebensenergie ist nicht mehr vorhanden. Der heilige Trotz vergangener Zeiten ist gelähmt und einer totenschlafähnlichen Lethargie gewichen. Dafür klingt die Frage durch das Leben der jüdischen Gegenwart: Warum bleiben wir Juden? Die meisten Juden haben schon im Elternhause das Judentum nicht mehr erlebt. Vielleicht haben sie noch bei den Großeltern jüdischen Brauch, jüdische Lebensform, lebendiges Judesein gesehen. War es wirklich nur Mangel an Mut. gedankenlose Beharrlichkeit, die sie veranlaßten, in der Gemeinschaft der Juden zu bleiben? Waren es wirklich nur Reminiszenzen oder vielleicht gar uur Rücksichten auf alte Angehörige, die sie bestimmten, sich nicht von der Judenheit zu lösen? Ist es wirklich nur Gedankenlosigkeit gewesen, die unsere Eltern veranlaßt hat, die Frage, warum wir Juden bleiben, eindeutig damit zu beantworten, daß sie uns, ihre Kinder, im Judentum erzogen haben? Es waren vielmehr, so muß die Antwort lauten, schwerwiegende Gewissensbedenken, die sie vom Abfall zurückhielten. Eine umkämpfte Minderheit aus anderen als aus sittlichen Gründen zu verlassen, bleibt eine Feigheit. Vielleicht würden sich schon Tausende aus den Reihen der Judenheit geschlichen haben, wenn sie nicht Charakter und Ehrgefühl zur Beharrung gezwungen hätten. Sie wollten eben nicht mit dem Schandmal des charakterlosen Fahnenflüditlings durch das Leben gehen und vor ihren Kindern erröten müssen. Aber dieses Trotzjudentum ist im Grunde eine unzureichende Begründung des Verbleibens in der Judengemeinschaft. Ohne Bewußtseinsmotive ist es eine ungenügende Erklärung des Beharrens im Judentum. Es sind vielmehr geschichtliche Motive, die als moralische Bindungen an die große Vorzeit vielleicht unbewußt in der deutschen Judenheit nachwirken, die Ehrfurcht vor dem Judentum als der Mutter der religiösen Weltkultur, die fromme Scheu vor einer Ehrengeschichte. bei der es sich lohnt, ihr das eigene kleine Leben anzuschließen und einzuordnen. Die jüdische Geschichte ist so großartig, so voller Glauben und Harmonie, so voll von Selbstverleugnung und Idealismus, daß schon ein gerütteltes Maß Charakterlosigkeit dazu gehört, gewissenlos den Zusammenhang mit ihr zu zerreißen. Und zu diesen historischen Bindungen kommt die noch immer einzigartige Gedankenkraft der jüdischen Wahrheit. Wie unwillkürlich taucht in jedem Juden einmal die Frage aller positiven Religion auf: Wie steht es mit seinem Wahrheitsbestand, wie steht es um seine Gottes¬ und Weltanschauung? Ist das Judentum wirklich sachlich erledigt, hat es der Welt wirklich nichts mehr zu sagen? Wie steht es zunächst mit seiner Gottesidee? Ist die Welt ohne Gott zu erklären? Ich kann mir die Bewegung des Zeigers auf dem Ziffernblatt der Uhr nicht ohne die Intelligenz vorstellen, die ihren Mechanismus ersonnen hat, und nicht ohne den Willen, der sie ausgeführt hat. Und die harmonische Vielheit der Welt soll ich mir durch das Spiel blinder Zufallskräfte erklären? Es ist durch nichts bewiesene Hypothese, daß der Geist auf dem Wege der Evolution aus der Materie entstehen kann, wenn nicht die Materie den Geist zuvor in sich aufgenommen hat. In dem Aufbau des Atoms wie des Sonnensystems waltet der eine Plan, der eine Gedanke, die eine Zwecksetzung, die jede Zufälligkeit ausschaltet. Ob man diesen Gott kosmische Intelligenz, elan vitale oder Wirklichkeit des Geistes nennt, bleibt dabei ganz gleichgültig. Der bindende Beweis für das Sein Gottes ist aber Israels Geschichte. In ihr waltet ein Plan, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert einer Welt zum Trotz durchsetzt. Israel hat im Anfang seiner Geschichte durch seine Propheten gekündet, was seine Geschichte, seine Sendung, sein Ziel sein wird. Haben die Griechen gewußt, daß sie den Menschen die Gesetze der Schönheit offenbaren werden? Die Juden aber haben von Anfang an gewußt, daß sie die Wahrheit lehren, daß sie den einen Gott der Menschheit künden, daß sie dieser Menschheit die Wegweiser sind, und ihre Geschichte ist bis heute die Verwirklichung ihrer Prophetie. Aber die Weltanschauung des Judentums ist mehr als seine Gotteshypothese — sie ist die Religion des Diesseits ohne Jenseitsvertröstungen, die Religion des aufbauenden Fortschritts. Sein Paradies ist kein Wölkenkuckucksheim. sondern diese Erde, die durch sittliche, soziale und sachliche Arbeit zum Gottesgarten des Paradieses werden soll. Das Judentum kennt keine Erbsünde*, es ist das einzige Bekenntnis, der Selbsterlösung. SPENDEN MÄrz 1931 Spenden, ein gegangen bei der Israel. Gemeindepflege: Emannel Grünwald, anl. des Todestagi s. sei. Vaters Albert Grünwald in Aff altrach, Für Waisenhaus und Landesasyl; Edgar Pick, Senator, unter Bezugnahme auf Herrn Direktor Alfred llllmann, für Schwesternheim. Anl&ljlidi des Aufrufens zur Thora: Rel.-Oberl. A. Adelsheimer; Rel.-Oberl. Leo Adler; Hermann Apt; Benno Bier Inger; Hugo Davidsohn; Samuel Ebstein; AmtsrichterDr.Ernst Einstein; Julius Eppstein; Arthur Essingier, Gemeindevorsteher (Sinai); Alfred Frank; Elias Gideon; Josef Goldschmidt; Gustav Gottschalk; David Gntmann; Jacob Gutstein; Heinrich He noch; Richard Hirschfelder; Adolf Hirschheimer; Hans Jaffe; Kahn-München; Fr. L. Kiefe, Gemeindevorsteher; Artur Landauer, Tuttlingen; Josef Levi; Leopold Levi, Oberrat; Moritz Lieblich; Arthur Marx; Leopold Mayer; Panl^Mayer; Oberrechnungsrat M. Meyer; Samuel Richter; Hermann Rosenfeld; Julius Scheuer; ' Moritz Scheuer; Isidor Sternberg; Stiefel-Wange«; Josef Tiefenthal; Samuel Weil; Adolf Wolff; Dr. Ludwig Zürndorfer. Spenden, eingegangen bei den Vereinen: Arthur E s s i n g e r - S t i f t u n g : Vorsteher Arthur Essinger; Gustav Gotischalk: Oberrechnungsrat M. Meyer; Stiefel-Waagen. Brautausstattungs-Verein: Frau Rosa Krailsheimer, anl. ihres?5. Geburtstags; Frau Klara Edenfeld, anl. ihres M. Geburtstags. Nicht durch ein Wunder, nicht durch die Gnade, nicht durch ein Sakrament und nicht durch ein Mysterium wird der Mensch von der Sünde erlöst. Erlösen kann ihn kein Dritter, auch nicht das Blut eines Gottes. Du mußt dich selbst erlösen. Ringe aus eigener Kraft dich frei von der Sünde. Du mußt kämpfen, wie einst Jakob mit dem Engel der Nacht, bis es Tag in dir geworden und dt: frei aufatmest, erlöst durch dich selbst. Und dieses Judentum ist nicht nur eine schöne ThOörie. Es ist sein Stolz und seine Tragik, daß es gelebte Religion sein will. Diese Verlebendigung der Religion ist uns verlorengegangen. Wir haben sie in ihrer Bedeutsamkeit nicht begriffen. So seltsam es klingen mag: es gibt hier nur einen Weg. den Rückweg zu den Quellen, die Heimkehr zu den Müttern. Wir müssen das Verlorene zurückgewinnen. Hier beginnt die geschichtliche Aufgabe der modernen jüdischen Frau. Der Mann mag in vielen Fällen die Mitschuld an der Entjudung des Hauses tragen, in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle; ist sie von der Frau verschuldet. Sie hat eben so viele Interessen, Bildungsinteressen, ästhetische und politische, daß sie schließlich keine Zeit mehr für die Erhaltung des Hauses im Judentum erübrigen kann. Es fehlt den jüdischen Frauenbünden ein ideales Arbeitsgebiet. Hier ist es offen! Frauen-. vereine, Frauenbünde und Schwestern Vereinigungen sollten das jüdische Religionsgesetz in ihren Arbeitsbereich einbeziehen. Statt def Strohfeuer. um die sic* sich drängen, sollten Kie das 8atf,ggaia BtBtMr«

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