Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VIII (1931-1932)
- Issue
- 1 (1.4.1931)
- Date
- 1931-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
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GeineinoeÄeniing für öle ifroelitiveöen Gemeinde« WNelleinveead StmiMtlc a^chltM» fiMtUori» »Lb-lich 5 MM. 5oU>td5rü<ti 2JO MM »iCTtsliafcrtuS 1.25 MM Staitfaranut 25 DbiAlpftui« 36258 MriMtlat —n»H« tadsMl. m 1. «. 16. viii. 3Q§rooii0 Amtl. ^BekaHHtmacfumgeH. Israelitischer Oberrat. Betr.: Mitarbeit an dem Atlas der Deutschen Volkskunde. Im Wiirtt. Staatsanzeiger vom 27. Januar ds. Js. fordert ein Aufruf des Wiirtt Kultministeriums, des Landesamts für Denkmalpflege und eines Ehrenausschusses, dem auch der Präsident des Israelitischen Oberrats angehört, zur Mitarbeit am Deutschen Volkskunde-Atlas auf. Es handelt sich um ein volkskundliches Forschungsunternehmen grollen Ausmaßes, das die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft zusammen mit den deutschen Ländern begonnen hat. Durch den Deutschen Volkskunde-Atlas soll der Stand und die örtliche Verbreitung bezeichnender Erscheinungen des Volkslebens gegenständlicher Natur (Wohnung, Hausrat, Arbeit, Feldbau u. ä.) und geistiger Art (Sitten und Bräuche) festgestellt werden. Der Plan wurde besonders durch die Aufgaben veranlafit, die der Gegenwart aus der Umstel- Gedenke, da£ du ein Sklave in Ägypten gewesen bist! Ein Vorspruch zum Peuadifcstc. Es muH jedem denkenden Juden auffallen, dull es im M'eihescgen des Subbutktages und der Wallfahrtsfeste heißt, alle unsere Feste sollen ..in Erinnerung un den Auszug aus Aegypten" gefeiert werden. Soll etwa dadurdi der Groll über das ägyptische Schicksul Israels im Judentum verewigt werden? Soll diese Erinnerung den Wermutstropfen in den Festkelch der Freude fallen lassen? Soll sie un die Vergänglichkeit aller Freuden mahnen und an die* Gefahr einer neuen Versklavung warnend erinnern? Auf alle diese Fragen gibt die Heilige Schrift die wundervolle Antwort: die Erinnerung an das ägyptische Leid soll beim Beginn jeder Festeszeit die schlummernde Nächstenliebe in Israels Herzen wecken. Dein Fest ist unvollkommen. wenn es nicht ein Mahner zur Liebe ist. Der Sabbath ist kein Subbathtug und das Fest keine Feierzeit, wenn es dich nicht an die Pflichten des Erbarmens, des Mitleids, der Nächstenliebe gemahnt. „Erfreue die Armen, nur dann darfst du am Feste dielt freuen.“ Bei jedem Feste wird in der Heiligen Schrift geboten, daß der Fremde, die Witwe, das Waisenkind und der Arme eine Spende erhalte, damit auch sie am Feste sich freuen. Ausdrücklich heißt es bei der Wiederholung des Sabbathgebotes im 1. Buch Mose (5,15): „Auch der Fremdling soll um Sabbath ruhen ganz wie du, und gedenke, daß du ein Sklave in Aegypten gewesen bist.“ Bei den Gesetzen des Wohltuns heißt es mit besonderem Nachdruck (5. Mose 24, 17): „Beuge nicht das Recht des Fremdlings, sondern gedenke, daß du ein Sklave in Aegypten gewesen und dich dein Gott von dort erlöst hat — darum befehle ich dir, so zu tun.“ Das Schriftwort greift geradezu an das Herz dieses Gedankens, wenn es alle diese Befehle seelisch damit begründet (2. Mose 23,9): „Ihr wisst ja, wie es dem Fremden ums Herz ist, wart ihr doch selbst Fremdlinge im Lande Aegypten.“ Und dieses Wort er- Verlag: Israelitische Derlaaöaustalt <8>. m. b. 6. Saufet. 33333 ft Stuttgart ft jCafernenßr. 13 Schristleiluna: Gladtrabbiuer Dr. Rieger, Stuttgart. X.» »ei«»»»r»i«r bi» .hifpomo» SloiipaniUtwilt 30 SUAspfai^ia tM&aafritra «ct D»n»g«pUtz« »ach Saiif, Na»»l>»>>a»w>a" n5 fttixt Xacdata der JtWawilc 20 SUUbfpfauua. SUflauxilt 1.50 MM Sd OUliitilinn »er,«»«>,„, {Stuttgart, 1. QXpril'1931 lang und Umwertung der Lebensformen erwachsen. Denn die Aufgabe der Volkskunde ist es, aus den volkstümlichen Aeußerungen Einblick in die Natur des Volkes und die Art der in ihm wirksamen Kräfte zu gewinnen. Das Landesamt für Denkmalpflege, das die Geschäfte des Deutschen Volkskunde-Atlas für Württemberg besorgt, wendet sich auch an die Rabbiner und Religionslehrer. Sie werden hiedurch auch von uns aufgefordert, an dem bedeutungsvollen Unternehmen soweit möglich mitzuarbeiten. Stuttgart, 5.März 1931. Dr. H i r s ch. Israelitischer Oberrat. Der Oberrat hat den Obersekretär Julius Wissmann beim Israelitischen Oberrat zum Rechnungsrat beim Israelitischen Oberrat ernannt. Stuttgart, 23. März 1931. Auszug aus Aagypten Origl.alholzsdmHt von Hamann Ftchwilnch gäuzt (5. Mose 10.19): „Liebet den Fremdling, denn Fremdlinge wäret ihr im Lunde Aegypten " Und um jeden Zweifel zu beheben, heißt es 3. Mose* 19, 34: „Der Fremde sei euch wie der Einheimische, liebe ihn. er ist wie du. denn Fremdlinge wäret ihr iin Lande Aegypten, ich bin der Herr euer Gott.“ Unter schwerer Not leidet unser ganzes Volk Niemals, auch nicht während der Kriegszeit, traten Armut und Elend so ernst mahnend, so bang bittend vor uns hin. Mit den Mahnungen des Staates und der Gemeinden zum Wohltun in solcher Notzeit eint sich das Gebot der Heiligen Schrift und die Mahnung des Festes. Wer es ehrlich mit seinen Mitmenschen meint, der singe und sage nicht nur un den beiden Festabenden: „Jeder, den hungert, komme und esse mit uns!“, sondern der öffne sein Huu^dem Armen, seine Hund dem Hungrigen. Gedenke*, daß du ein Sklave in Aegypten gewesen und übe in dieser Erinnerung Werke erbarmender Liebe! Unsere Pessudi-Hagadah, ein Buch für unsere Kinder. Der Name Hagadah. in Anlehnung an II. B. M. 13.8: w'higadto 1 e v i n ch o („verkünde deinem Sohn e“) bezeichnet ausdrücklich ein Kinderb u ch. Sein Ursprung geht auf die Mischnah zurück. Die jüdische Schule hat somit das vermutlich älteste noch heute in Gebrauch befindliche Schulbuch. Trotzdem ist es nicht veraltet. Im Gegenteil. Nicht Chumesch. nicht Tefillah regen das Kind dermaßen an wie die Hagadah. Die Kinderaugen leuchten, wenn es heißt: „Hagadah mitbringen!“ Woher kommt das? Weil dieses Wunderwerk unsrer Weisen so überaus kindgemäß, so pädagogisch fein ist, daß es von keinem zeitgenössischen Buch der Arbeitsschule erreicht werden kann. Einstimmung, steigendes Interesse, rege Selbsttätigkeit, geweckte Urteilskraft, entschiedener Willensentschluß: alles ist da. Die Kinder fragen „Ma nischtannoh“, nicht der Vater, der Lehrer. Die Antwort ist derart, daß sie zum Weiterforschen anreizt: Arbeitsunterricht. „W’chol hamarbeh l’sapper“ klingt wie eine Aufmunterung: Pas Kind möge nur fragen, das Antworten sei keimte Last sondern erstrebenswerte Freude. Beim ^.vierten Jungen“ steht die Weisung: Atoh psach l<j>, sa geilem Kind in verständlicher Form, was es nicht wissen kann und suche nichts herauszuhölen. wo nichts drin ist. Ganz zeitgemäße Mahnung. Die Einstimmung ist ungezwungen. Die Zeit des Schütteins, des Stöberns. des EintreflenS-der Mazzos. die Jomtoftassen spannen die Erwartung von Tag zu Tag. Mit dem Chomez wird das Kind aus den gewohnten Räumen von seinen gesäuberten Spielsachen vertrieben. Es landet schließlich in einem Eckchen des Vorplatzes inmitten eines wunderbaren Durcheinanders von allerlei Geschirr und Brotresten, in der Tat ein „Auszug aus Aegypten“ im kleinen. Dis flakkernde Choniezfeuer mit den standrechtlich zu verbrennenden Brosamen beleuchtet den Einzug einer neuen Zeit. Das Chomez ist tot. hoch lebe* die Mäzzoh. So mitten drin in der „Geschichte“ werden die Symbole des Seder-Abends so leicht verstanden wie der Sinn einer guten Fabel. Sie sin 1 naheliegend. Mer ist der Sauerteig, der. aufgeblasen und hohl, leichtsinnig aus der Schüssel steigi, allein in die weite Welt spaziert und dabei versauert und verdirbt? Ich möchte es nicht sein, denkt das Kind. Ich esse kein Chomez. weil ich kein verkommenes Früchtchen, sondern folgsame Mazzoh sein will, von meinem Ururvaterjauf der Schulter getragen. Sie hält unbegrenzte Zeit und gibt einen Erub. auf den man sich verlassen kann. i „Wir waren Sklaven.“ sagt der Vate*. Aber was für welche! denkt das Kind und seine Augen blitzen. Gold und Silber mochten beim1 Umzug die Kinder, die Lasttiere tragen. Das Frühstück für uns, die Kleinen, die nüchtern, fastend Aegypten verlassen mußten, trugen unsre treu sorgenden Sklavenväter selbst, kede lechhabbev hamizwoh sagt der Midrasch, als Vorbild,!wie die Pflicht über alles gehen muß. Geben unsre Eltern nicht auch das Letzte für uns, ihre Kinder? Nffrvfts? »w‘”«- BrtMSQ 280H. TortxHt 125fl./ ted Ofctnlorl 170H. 1IW. “« PlMflfal It