Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 24 (16.3.1931)
- Date
- 1931-03-16
- Page
- Seite 287 (sequence 3)
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haltsame Verelendung geradezu alsein Absterbeprozeß bezeichnet werden muß. Für die Gesamtjudenheit kommt uoch als eine besondere Krisis der aussichtslose Verzweiflungskampf der Juden in den Sowjets hinzu. Vor dem Kriege war der Osten und vor allem Rußland das Kräftereservoir der Jiidcnheit. Der Zuzug aus dem Osten schuf den Ersatz für die Verluste im eigenen Lande. Jetzt ringt die Judenheit in den Sowjets mit dem Tode. Die Durchführung des kommunistischen Programms, die Pöbelhetze gegen die Religion, das Verbot der religiösen Unterweisung, die Schließung der Synagogen bedeutet zwangsläufig das Ende der russischen Judenheit. Zu diesen Krisen der außerdeutschen Judenheit kommen noch die besonderen Krisenerscheinungen der deutschen, wie die Abwanderung der Juden aus den Landgemeinden in die Großstädte. Diese Abwanderung muß als Zersetzungserscheinung in der Mehrzahl der Fälle betrachtet werden, da die Abwandernden zugleich mit der ländlichen Heimat die ländliche Sitte, die ererbte Frömmigkeit und die natürliche Einordnung in das Gemeindeleben aufgeben. Auf dem Lande1 lebten sie bekannt, beobuchtet, gleichsam unter gegenseitiger Schutzobhut. Diese moralischen, religiösen und wirtschaftlichen Bindungen hören mit der Ucbersiedlung in die Großstadt auf. Ein nicht geringer Prozentsatz der Landflüchtigen geht hier zugrunde, da er für den Kampf in der Stadt nicht robust genug ist. Für das Judentum ist die Müsse dieser neuen Großstudtjuden meist verloren, da sie erfahrungsgemäß als erstes die religiösen Ueberlieferungen über Bord wirft. Noch gefährlicher ist allerdings die Erziehungskrisis innerhalb der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Die letzte Generution der Juden hatte noch Erinnerungen an jüdische Eltern oder mindestens an jüdische Großeltern. Das heranwachsende Geschlecht kennt das Vorbild dieses lebendigen Judentums nicht mehr. Es erhält einen widerwillig geduldeten Religionsunterricht als Ersatz für das ihr vorenthaltene religiöse Leben in der Familie. Der Jude in der Vorzeit war sicher nur selten ein Gelehrter, aber er war mit Ueberlieferungen verwurzelt, in denen er sein Judentum erlebte. Die Vorzeit beeinflußte unbewußt seinen Willen. Dieser Erlebnistyp stirbt mit dem gegenwärtigen Geschlechte aus. Der Nachwuchs ist das Geschlecht verblassender Theorien. Man hat ihm vom Judentum erzählt wie von einer alten Legende, man suchte ihn für einen Ideenkomplex zu begeistern, den er nie real gesehen. Ein gewisser Atavismus bindet ihn an das Judentum. Was wird aber das jüdische Schicksal der Kinder dieses Geschlechtes sein? Nicht der zahlenmäßige Rückgang der Judenheit und nicht die rückläufige Bewegung der Geburtenziffer, die im Verband mit Taufe und Mischehe am Lebensmark der Judenheit zehrt, ist die ernste krisenhafte Erscheinung der Gegenwart, sondern diese Verflüchtung der jüdischen Energie, dieses Absterben des realen Judentums, diese Auflösung alter geheiligter Bindungen im heranwachsenden Geschlecht. - 287 - Die Geschichte der Judenheit ist eine Kette von Krisen gewesen. Es ist wahr, daß sie aus allen diesen Krisen gewiß nicht ohne Wunden aber doch schließlich siegreich hervorgegangen. Die Krisen der Gegenwart erscheinen aber so schwer, daß sie allen Optimismus ernsthaft bedrohen. Die schleichende Krisis hat eine Krisenstimmung der Mutlosigkeit geweckt, die fast schlimmer als die Erkrankungsform selbst ist. Die Judenheit braucht heute keine Mittel, welche die Fiebertemperatur für eine kurze Zeit künstlich hcrabdrücken.. ohne den Krankheitsprozeß zu unterbrechen. Sie. braucht vielmehr eine sichere Diagnose, um die Krankheitsherde zu erkennen, zu umgrenzen und zu bekämpfen. Mit der Politik der Selbsttäuschung muß ein Ende gemacht werden. Schäden dürfen nicht dialektisch wegdisputiert, sie müssen aufgedeckt und sachkundig . behandelt werden. Nur wer den Fpind erkennt, wird sich vor ihm hüten und ihn abwehren können. Die Zeit der kleinen Mittclchen und der Selbstbetünbnng sollte endgültig vorttber seil). Eine Krisis ist nur zu beheben, nicht, indem man sie leugnet, sondern indem .man ihre Ursachen erkennt und sie suchlich bekämpft. Die Ursachen der jüdischen Krisen sind genannt, die Wege zu ihrer Bekämpfung wird ein /weiter Aufsatz /eigen. Zum Tode von Bez.~Rabb. Dr.Treiiel, Laupheim. Zum Schriftwort dieser Woche weiß der Talmud zu erzählen, daß Israel auch die Bruchstücke der zerbrochenen Bundestafcln in der heiligen Lade geborgen hat. Sie waren aus Gottes Hand hervorgegangen: die Feuer des Sinai hatten sie umflammt: noch als Trümmer bargen sie hochheilige Wahrheit. Als Dr. Leopold Trcitel als ein Neunundsiebzigjähriger nach schweren inneren Kämpfen seih Amt niederlegte, war er schon ein leidender Mann. Aber noch flammte in seiner Seele das alte Gottesfeuer, noch war in ihm das jugendliche Temperament des Gottesstreiters rege, noch glaubte er, Herr über die Sdiwächc zu werden, die ihn gemahnte, sich die verdiente Ruhe zu gönnen. Es war ein Erweis seines lebendigen Ideulismus, daß er dumals der Oberkirchenbehörde in* allem Ernste den Vorschlag unterbreitete, ihm, da er nidit mehr volle Arbeit leisten könne, nur die halben Bezüge zu gewähren, ihn aber im geliebten Amte /u belassen. Sein Anerbieten konnte natürlich nidit angenommen werden, aber er setzte W doch durch, dafi .er noch im Ruhestände auf Wunsch seiner Genieindegenossen rabbinische Funktionen ausüben durfte. Nun ist der Unermüdliche, der Greis mit dem Kinderherzen und dem nie erlösdiendeu Jugendfeuer nudi kurzem Krankenlager im gesegneten Alter von 86 Jahren und zwei Monaten aus dem Leben gegangen, und am Sonntag, den 8. März, trug man seine sterblidien Reste von der heiligen Stätte seiner Wirksamkeit zur letzten Rune. Nodi einmal, zum letzten Male, stand die rührend schlidite Pntriardiengestält des ehrwürdigen Mannes vor seiner Gemeinde, und öffnete nadi dem alten Glauben seine Lippen, um zu ihr zu sprechen. Nodi einmal scharten sich die um ihn, denen er so oft im Leben im Namen der Religion heilige Mahnung, segnende,Worte, tröstende Weisheit gespendet hat. Noch einmal huldigte ihm die Dankbarkeit der Vielen, denen er Her/.ensgüte, Nächstenliebe. Freundschaft über das Alltagsmaß hinaus erwiesen hat. B. Dr Leopold Treltel, Laupheim gesto rben 4. Min 1931 Was'diesen Schlichten Mann aus der Mdsse heraushob, war die L'eber/cugung aller, daß er so lebte, wie er lehrte, daß in ihm "die Religion keine Kraft außer dem Leben, sondern das Brot, das er aß. die Luft, die er atmete, gewesen ist Ein geradezu antiker Idealismus veur der Grund- /ug seines Wesens, ein Idealismus, der sich in kiudlidier Frömmigkeit, in demütiger Bescheidenheit.' in hodiherzigem Wohltun, in grenzenloser Selbstlos^ keit äußerte. Der flammende Redner, der begeisternde Lehrer, der feinfühlige Seelsorger, der große Gelehrte, war vergessen, sobald man ihm in die Augen blickte und seinen väterlichen Wollten lauschte. Vielleicht ka^m; es daher, daß er inLseiner Gemeinde gerade wegen seiner menschlichen Eigenschaften verehrt Und geliebt wurde. Wie \erstand er zu loben, wie lieb zu ermahnen, wie ernst zu erheben! Der beredte Mund ist verstummt, das leuchte ide Auge gc.schlo.ssau. die gütige Hand erkaltet — aber die im Leben ihn liebten, werden ihn a ich im Tode nicht vergessen. Leopold Treitjel war am 5. Januar 1 U> in Breslau geborenL Nach dem Besuch des Etil ab« thgymnasiums widmete cr.sidt ap der Ullivers tät seiner Geburtssiadt dem Studium der Philologie, dcfocschichtc und der Philosophie und ai 1 R ibhinerseminar den theologisdien Studien. Nach deren Abschluß! war er von 1878 bis ISil <>- meiderabbiner in Koschmiu (Posen) un l "OB 1881—1884 Rubbiner in Briesen (Westpn ußen). Hier schloß er1 am 50. Mai 1882 mit der ihm geistig ebenbürtigen Tochter des Schneidemühler Ilabbiners Salonion Brann den Herzensbund, dem drei Söhne entsjproßten. Von 1884—1895 (wirkte er als Lehrer und Rabbinatssubstitut in Karlsruhe. Von hier aus bewarb er sich mit Erfolg um dus Laupheimer Rabbinat. Sein Anstellungsdekret ward .im 19. Oktober 1894 unterfertigt. Vra 30. März 18^5 trert er sein Amt an, aas er Uber 27 Jahre verwaltete. Am 23. Mai 1922 ist er in den Ruhestand versetzt worden. Es war wohl] einer Anregung von Zacharias Krankel, dem van ihm vergötterten ersten Leiter des Breslauer Rabbi nerseminars. zu danken, daß er sich von Anfang an mit der alexandrinischen Bibelauslegung und Religionsphilosophie und ihrem überragetnden Meister Philo von Alexandrien beschäftigt hat Es war keine geringe Ueberraschung (für die gesamte gelehrte Welt, als der 78jührigc Mann ein umfassendes Werk ..Theologie uncj Philosophie Philos" 1923 veröffentlichte undials gar 1929 der Dreiundacht/i^- jährige einen iielbewuuderten Beitrag zu der Zwei koschere Pflanzenfette ... so sparsam, so bequem! Tomor, hergestellt unter Aufsicht Seiner Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. Wolf, ist reinste Mandelmilch-MargarineI Sie können sie als Brotaufstrich unter Fleischbelag verwenden und für Kuchen und Torten, die Sie unmittelbar nach der Mahlzeit reichen wollen. Tomor enthält keine tierischen Fette und darf daher zu allen Speisen ohne Unterschied gebraucht werden. Palmin koscher besteht zu vollen 100° 0 aus reinem Cocosfert. Beim Kochen, Braten, Backen —immer freuen Sie sich über seine Ausgiebigkeit und seinen reinen Geschmack. Palmin koscher enthält keinen Tropfen Wasser — es spritzt daher nicht aus der Pfanne, das ganze verwendete Quantum wird voll ausgenützt. Und dabei ist Palmin koscher so leicht verdaulich, daß es selbst dem empfindlichsten Magen gut bekommt. J TOMOR -icn PALMIN für die rituelle Küche I Fleischig und milchig zu gebrauchenI TPK2—m