Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 23 (1.3.1931)
- Date
- 1931-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
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Bei allen diesen Rechnungen bleibt aber der motorische Faktoi1. das Schicksalhafte, in allem Geschehen unbeachtet, duff Ereignisse gerade zu einer bestimmten /eit und in einer bestimmten Verkettung und Aufeinanderfolge eintretcn und damit Schicksul werden. Nach menschlicher Berechnung hätte die Mehrzahl der Geschehnisse, die man zusammengeballt Weltgeschichte nennt, einen durchaus anderen \ erlauf nehmen müssen. Die Geschichte ist mit einem Schachspiel zu vergleichen; die Züge der Figuren stehen fest und haben ihre bestimmte Folge: aber trotz aller Rechenkunst gibt es auch auf dem Schachbrett Fehlzüge und unerwartete Kombinationen. Das Schicksalhafte triumphiert auch hier über alle menschlichen Berechnungen. Das Musterbeispiel zur Widerlegung aller Ge Schichtsmathematik ist Israels Geschichte. Nach menschlicher Berechnung hätte das Judentum schon längst com Schauplatz der Geschichte verschwunden sein müssen. Alle Daseinsvöraussetzungen blieben ihm vorenthalten. Seine Gegner standen mit dem Stundenglas in der Hand an der Straffe, auf der das w undgehetzte Judentum verbluten und zusammenbrechen sollte, und errechneten die Stunden seines Ausatmens. Sie hatten die Summe der geheimnisvollen Tatsachen nicht in ihre Rechnung einbezogen, die einst Secharju in die Worte gefallt hat: „Nicht durch Macht und nicht ’ durch kraft, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr der Weltenheere“. Israels ganze Geschichte ist der fortlaufende Erweis, dafi alle menschliche Berechnung versagt, weil eben Faktoren in das Weltgeschehen eingreifen, die sich aller Berechnung entziehen. Dus bezeugt seine Erlösung aus Aegypten, seine Renaissance nach der Heimkehr aus Babylonien, das Entstehen des Judentums aus der Vernichtung Israels. Das bezeugt mehr als alle Ereignisse seiner Schicksalswuiidcrung die Geschichte des Pürimfestes. Dieser Perser Haniun war ein glänzender Realpolitiker. Er hatte alles vorausgesehen, alles vorausberechnet. Du war keine Lücke in seinem Feldzugsplan gegen die Juden. Er war ein vorzüglicher Rechner. Er hatte dem Könige den richtigen Preis für dieses Israel geboten, das er vernichten wollte, und \erstunden, dem Könige seinen Plan wie eine Selbstvcrstündlidikeit durzustellen. Er war sicher, dal! das Geschäft glücken und reichen Nutzen abwerfen würde. Auch sein Plan, den Mordechai hinrichten zu lassen, war mustcrgülig vorbereitet. Der Galgen war errichtet; er brauchte nur noch den König um die Erlaubnis zur Hinrichtung dieses Juden zu bitten. Nur die einzige harmlose Kleinigkeit stand nicht in seinem Rechenexempel, dafi der König in der Nacht vor der Bitte nicht Schlaf finden konnte und sich von seinem Pagen etwas verlesen ließ, dafi ihm gerade von diesem Staatsverbrecher Mordechai aus der Königschronik vorgelesen wurde*, und dafi er dem König das l eben und dem Staate den Bestand gerettet hatte. Nach menschlicher Berechnung war damals Israels Schicksal besiegelt. Es wu.r verraten und verkauft, um um I ». Adur ermordet zu werden. Aber auch diesmal war die menschliche Berechnung eine Kette von Trugschlüssen. ..Auch die Weisen sind Toren vor Gott.“ Die Alten beziehen den Satz der Purimer/.ühlung: „In dieser Nacht floh den König der Schlaf" auf den himmlischen König. Kr wachte, als die Menschen schliefen, und waltete* als Helfer und wirkte als Retter ..gegen alle menschliche Berech nung“. Du glaubst, nach menschlicher Berechnung rettungslos verloren zu sein. Gott rechnet anders, als Menschen rechnen. Denke au Hugar. die in der Wüste den verschmachtenden Sohn verläfit. um ihn nicht sterben zu sehen, und der ein Engel die Augen öffnet, dafi sj>- dir rettende Mordechai» Triumphzug Orlglaalho|..chnltt vo. Hermann Feciienbadi —. i 1 .. ■ ■■ Quelle erspäht. Denke an Israel in der Wüste, dem Gott Brot aus dem Himmel. Wasser aus starrem Felsfn gespendet, da das Volk geglaubt. v erhungern, verdursten zu müssen Denke an Isrfiel in Persien und bange nicht in l.eidensnüchteii. denn dein Gott wacht. ..Siehe, es schläft und es schlummert nicht der Hüter Israels." [ Vom jüdischen rfumor. Es gibt kaum eine* Gemeinschaft, die so viel Schweres im Laufe ihrer Geschichte durchduldet hat, wie die jüdische. Es ist ein Erweis der Kruft ihrer Lebensbejahung, dafi sie unter allem l eid dus Luchen nicht verlernt hat. und zugleich ein Zeugnis ihrer inneren Weisheit, dafi sie verstunden hutj über die Torheiten des Lebens und über die Bosheiten der Menschen hinweg/iilachen. Heinrich von Treitschke ist im Irrtum, wenn er behauptet, dafi die Juden keinen Humor besessen und keine Gemütlichkeit gekannt hätten, sondern nur beißende Satire und ätzenden Sarkasmus. Er hat dabei sicher an die bissige Manier einzelner jüdischer Literaten der Neuzeit gedacht. Er hätte anders geurteilt, wenn er die ' liebenswürdige Harmlosigkeit des echten jüdischen Witzes gekannt hätte. Nur in einem Teile ist der jüdische Humor verletzend gewesen, in der .Selbstironie, in der Verspottung der eigenen Art. Aber dieser Humor wollte erziehlich wirken, lachend die Wahrheit sagen und zugleich durch Lachen die Strenge des Urteils mildern. V iolleicht hat die Eigenart des jüdischen Witzes, seine pointierte Dialektik und seine psychoanalytische Form, Gefühlswerte verstandesgemüfi zu beleuchten und aufzulösen. Treitschke zu seinem Urteil veranlaßt. Ein Musterbeispiel dieser Dialektik ist die drastische Verspottung der Baalspfaffen durch Elia: „Ihr müßt lauter schreien, vielleicht ist euer Gott in Gedanken, in Geschäften oder auf Reisen, vielleicht schläft er gerade, dafi er wach wird fl. Könige 18)“. Ein Beispiel für die* analytische form des jüdischen Witzes ist die Spottrede des Jesaia. in der er sich mit dem Götzendienst auseinundersetzt. wilder Heide mi der einen Hälfte eines Holzblockes den Ofen hc izt und aus der anderen Hälfte einen Gott s hnitzt (Jes. 14. 12—20). Ein Zeugn s für beide "Eigenarten des jüdi-i scheu Witze ist die drollige Erzählung bei Josephus. in der ein jüdischer Schütze Meschul-, lani die llaiiptroile spielt. Die Armee, in der er dient, mufht Halt, da sie abw arten muß, wohin der Schicksalsvogel fliegt. Bleibt er sitzen. s< erklärt der Seher, dann müssen wir rasten; fliegt1 er weiter, dann müssen wir vorwärts; fliegt er! zurück, dana heifit es ihm folgen. Meschullanv spannt schweigend seinen Bogen, schießt unc( tötet den Vclgel. De r Seher ist außer sich. Doch MeschuUum sagt lachend: Wie kann der dumme Vogel unseri Schicksal bestimmen, da er nicht einmal wufife. dafi ich ihn töten werde? Typische* : Beispiele des jüdischen Humor: bieten die ijiiidervc itze im Talmud. Da kam eii Athener ciiönal nach Jerusalem und wollte dei berühmten Witz der jüdischen Kinder kennet lernen. Er rief einen kleinen Buben auf de Straffe an u ul gab ihm Geld, damit er ihm Käs, und Eier kayifc. Der Knabe brachte ihm das Ge wünschte. Du fragte ihn der Athener: Ist de Käse von cjiner weißen oder schwarzen Ziege Blitzschnell)antwortete der Junge: Du bist älter als ich. sag»* mir zuvor, welche Eier von eine schwarzen jinc! welche von einer weißen Hemij sind. ) Er rief /einen zweiten Jungen: Kaufe mtr etwas, wovjin ich essen, satt werden und reichlicli übrig lasset, kann. Der Knabe brachte ihm ein|c Fahrkarten / Sdtlalwaöei / Hotel'* m Reisebüro Romimicr WLL'