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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1930-11-01 · 15 (1.11.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VII (1930-1931)
Issue
15 (1.11.1930)
Date
1930-11-01
Page
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Nicht grundlos «erden Tuufe und Mischehe als /ehrendes Gift am Lebensmark der judenlieit geschildert, der Geburtenrückgang als der Anfang vorn Knde gekennzeichnet, der wirtschaftliche Abstieg und die wachsende Prolctarisicriing des jüdischen Mittelstandes in ihrem verheerenden Ansmalle dargestellt. Zweifelsohne sind diese Tatsachen katastrophale Erscheinungen in der Geschichte der Entwicklung der neuzeitlichen Judenlieit. Und doch bedrohen sie die religiössittliche Weltanschauung des Judentums nicht in dem Grude wie die bedenkliche Politisierung des Judentums in der Gegenwart. Sie ist allerdings eine gesunde Reaktion der Judenlieit gegen den wachsenden Judenhaß gewesen. Man hatte jahrzehntelang unter den Juden eine seltsame Yogelstruidipolitik gegenüber den antisemitischen Aeußerungen getrieben. Mun strafte sie solange mit Nichtachtung, bis die Nudelritze zu Dolchstichen, die kleinen Belästigungen zu Peitschenhieben ausarteten, so daß es - die Selbstachtung forderte, sich der Gehässigkeiten zu erwehren. Herzls ..J udrnstaa t" ist aus denselben Gedankengängen und Gefühlsmomenten gelieren wie Raphael I.oewenfelds Weckruf ..S ch u t z j u d e n oder Staatsbürger?“. nur daß Hcrzl den Juden die I.oslüsung aus der europäischen Umwelt empfahl, während I.oewenfeld zur Beharrung in ihr mahnte. Man macht also zu Unrecht-den Zionismus für die Politisierung der deutschen Juden allein verantwortlich. Er ist eine Form der Abwehr ganz wie die Bewegung, die zur Begründung des C'entralvereins führte — nur mit umgekehrten Vorzeichen. Der Zionismus ist aus den Erregungen der Dreyfusaffäre entstanden, ganz wie der Centralverein unter den Auswirkungen der Stöckerzeit. Aber das Abwelirjiidentum in diesen beiden Formen bedeutete die schwerste Gefährdung des religiösen Judcntumcs.. je mehr es die einzige Betätigung des Jüdischen für nur zu viele Juden wurde. Es ist eine berechtigte Kritik jüdischer und nicht jüdischer Spötter gewesen, die den ..Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ als einen ..Centralverein deutscher Staatsbürger jüdische^ Unglaubens“ charakterisierten. da die Mehrzahl seiner Anhänger dem jüdisch-religiösen Leben völlig entfremdet war und in der politischen Abwehr die einzige Betätigung ihres Judeseins bewies. Die deutschen Juden des zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts waren ja fast ausnahmslos dem Materialismus und der Freigeisterei verfallen, so daß ihr Abwehrjudentum den letzten spärlichen Rest ihres Zusammenhangs mit dem Vätergliinben darstellle. Das gleiche galt für den Zionismus eines ller/l und eines Nordau. die das Religionsjudcntiim bew ußt ablehnten und für die das völkische Judentum den Ausücg aus dem Dilemma Judesein oder Nichtsein gewesen. Und doch war das vorerst verkannte Motiv dieser Abwehr'in beiden Lagern die Heimkehr zum Judentum. Die Abwehr weckte die Einkehr, die Laborprüfung der noch vorhandenen Zusammenhänge und die Neuunkniipfung der zerrissenen Fiihlfüden. Die Stimmen mehrten sich, die das äußere Bekenntnis zum Judesein auch seelisch zu motivieren suchten. Man begann über das Judesein zu grübeln, und fast unbemerkt pffenburtc sich von rechts und links ein Einlenken. Das negative Abwohrsystcm verlangte positive Begründung. Die Abwehrjuden brandmarkten den Abfall und waren deshalb genötigt, für sich selbst zu einer Klarheit über das Jüdische zu gelungen. Vor allem intellektuelle Kreise empfanden die bloße Abwehr als Spiegelfechterei. Sie begannen sich für die geschichtlichen Beweggründe des Judentums zu interessieren und fanden so den Zugang zu den Quellen, den Ueberlieferungou. den Zusammenhängen mit der Vergangenheit. Das nüchterne Abwehrjudentum ward ebenso wie das völkische Judentum ohne die kulturellen und traditionellen Lehmigen als irreführende Dekoration empfunden. Tausende fanden den längst vergessenen Weg in die Synagogen, in jüdische Vereinigungen. in Logen und WohIfahrtsverbände lediglich, wie man sich entschuldigend sagte, aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl heraus, tatsächlich aber in der beschämenden Erkenntnis, daß das Judesein seine Ergänzung und Erklärung im J ii d i s ch s e i n finden müsse. Die Wissenschaft vom Judentum und vor allein sein volkstiintliches Schrifttum gewann einen stetig wachsenden Leserkreis. In Versammlungen. Organisationen und Gesellschafts verbänden fanden sich Gleichgesinnte zu gemeinsamer Vertiefung in jüdische Fragen zusammen. Die praktische Betätigung im Judentum verlangte gebieterisch ihre Begründung in der geistigen Welt des Judentums. Das waren die ersten Anzeichen einer jüdischen Renaissance in der Gegenwart., Noch haben alle diese Tausende nicht den Zugang zur jüdischen Religiosität entdeckt. Sie sind aber auf dem Wege zu ihr. Persönlichkeiten wie die eines Hermann Cohen und Franz R o s e 11 z. w e i g sind leuchtende Beispiele für diese Heimkehrersehnsucht, die vorerst noch latent, sehr bald aber kinetisch werden kann. Rationalismus und Materialismus, die Bekenntnisformen der Juden des 19. Jahrhundert, werden von den Jungen entschlossen verlassen. Sie ge- Arthur Bryks: Rausch Haschonoh bürden sich oft noch sehr religionsfeindlich, im Grunde aber spricht aus dieser Gebärd, nur das Erröten über d n bisherigen Irrweg. Man mag sich noch so seht gegen die Erkenntnis wehren — es ist eine Ta suche: wir sind auf dem n e m u e ii e n I e b e u d i g e II Wege zu , J ii (I e ii I ii m. England bedroht das Palästinawerk. Die englische Regierung hat am 20. Oktober den Bericht der Untcrsinhungskommission über Palästina und Aigleich eine Regierungserklärung veröffentlicht, pach welcher die jüdische Einwanderung nach Palästina vorerst eingestellt ist und der LandvL rkauf daselbst regierungsseitig verboten wird. [Gleichzeitig wird die Einsetzung eines GesetzgelA-nden Rates durch die Regierung bekannt gegebejn. Dieser Rat soll sich aus dem Obcrkommissui| und 22 Ratsmitgliedern zusammensetzen, voll denen die Regierung zehn ernennt und die Bevölkerung zwölf zu wählen hat. l iir den Fall (er Weigerung der Bevölkerung, sich an dieser Vfahl zu beteiligen, wird die Regierung die Wahl ler zwölf-Vertreter der Bevölkerung selbst vornehmen so daß der Gesetzgebende Rat aif alle fälle in der vorg,‘scheuen •Stärke zusumm ‘»treten kann. Da zur Zeit i ur 61g Millionen Dunum Kulturland in Pa löst na vorhanden sind, aber über IO Millionen Dpnum für die derzeitige arabische Bevölkerung des Landes benötigt sind, kann eine Einwanderung von weiteren 20 000 jüdischen Familien erst erfolgen, wenn für die arabische Bevölkerung (liest s benötigte Kulturland vorhanden ist. f Das jüdische!Aufbauwerk wird also eine sehr bedeutende Vdrzögcriing erfahren. Allerdings erklärt die Regierung an verschiedenen Stellen ihres Erlasses.?daß sie entschlossen ist. die im Mandat gegenüber den Juden übernommenen Verpflidituugeil zu erfüllen. Sie betont aber gleichzeitig, di* Interessen der uichtjiidischen Bevölkerung «tul «fuhrnchmcn zu müssen. Außer meinen bisher geführten rasshoff KaffeeJgeziaMorten empfehle ich von heute ab gute Santos- KaffteteS d. Pfund zu Nk. 2 -, 2.20 u. 2.40 Man verlange Preisliste Otto Grasshoff, Kaffee-Import»GroBrösterei — Tee-Importhaus — Stuttgart, Friedridistr. 58 Kaffee 4- Telefon 22516 und 27620

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