Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 14 (16.10.1930)
- Date
- 1930-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/4904101-5441863-5443155--2773-4906730- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Gemeinde Zeitung ' für Oie ifraelittfi&en «Seinetnden d&firtttfra&ergct BiiiiOtcli: »faä<6Ut6U4 Ktütllflb W>rU4 & JUC, falMitltt rL» XM 1.25 XJt, «iaxtnMMt 25 SUtiipftMlfl •PoffcM-fta*»: 3*258 •tttcM —«ax >»«»»> I*. SDiilag: gsraellttsche DerlagsaaAall S. m. b. S. Straft». 1331t * 6tnfl||<n( * Xifcnnfb. 13 @ 4i t i f I 1 t i ( u s q: Gtavttabbtnrr De. Rleaer. Stuttgart. Ldarlotteastraß« 13 «k,,,I,»»»c»1«: di» emfp^liia» Noapar«tll»)«tlr n N«tchOpf«»u»tt 1lWfchlagL«it«» Mb DorMgLptätz« »ach Tarif, ftwrift— wnb flcütt pU*igM bi« JHcüi>«il» 20 N»ich«pf»»»ia. i SUfla«*!» ILO JIM Vii Ver«O,Di,,,, vii. daOrgano 6tttttoort, 16. DttoOer 1930_i_3tr» 14 Amtl. Bekanntmachungen Israelitischer Oberrat. Stuttgart, 34. September. Der Gefallenen-Gedenktag (Totensonntag) fällt in diesem Jahr auf den 2 3. November. Wie im vorigen Jahre so soll auch heuer am vorausgehenden Sabbath, also am 22. November, nach der Thoravorlesung in würdiger Weise auf die Bedeutung dieses Tages hingewiesen werden. Die Rabbiner und Religionslehrer sollen in ihren Gemeinden eine besondere Gedächtnisrede für die im Weltkrieg gefallenen Gemeindegenossen halten und deren Namen in einem „Jiskaur“ nennen. In Gemeinden, in denen kein Beamter tätig ist, soll das am Versöhnungstag übliche „Haskoras-neschomaus“ mit Nennung der Gefallenen vorgetragen werden. Die Thoraspenden anläßlich dieser Feier sollen zur Hälfte dem „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V„ Landesverband Württemberg“, zufließen, der nunmehr zwei Patenfriedhöfe „Naäitegall“ und „Ten Brielen“ in Flandern, auf denen zum größten Teil Württemberger ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, zur Instandsetzung und Instandhaltung übernommen hat. Die andere Hälfte der Spenden soll zu gleichen Teilen zwischen dem „Württembergischen Kriegerbund“ zur Unterstützung für Schwerkriegsbeschädigte und dem „Reichsbund der Kriegbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegerhinterbliebenen, Gauleitung Württemberg“ geteilt werden. Die Vorsteherämter werden ersucht, die eingehenden Beträge anf das Postscheck-Konto der Israelitischen Zentralkasse, Stuttgart, Nr. *920 mit der Bemerkung „Gefallenenspende“ einzubezahlen. Dr. H i r s ch. Israelitischer Oberrat. Stuttgart, 30. September. Auf der Tagesordnung des Völkerbunds für den Anfang des kommenden Jahres 1931 steht u. a. die Frage der Kalenderreform. Es soll über die Einführung eines neuen bürgerlichen, des sogenannten „ewig stabilen Kalenders“ Beschluß gefaßt werden, aer immer den gleichen Monatstag auf den gleichen Wochentag fallen lassen und das bekanntlich bisher bewegliche christliche Osterfest auf einen bestimmten Sonntag des Monats April fixieren würde. Ein solcher „ewig stabiler Kalender“ würde voraussetzen, daß jährlich einmal (und im Schaltjahr zweimal) zu den sieben Wochentagen ein Tag, der sogenannte Blankotag hinzngeftagt würde, der nicht den Namen eines der Wochentage trägt. Dies hätte zur Folge, daß der seit Jahrtausenden feststehende Sabbath beweglich würde, d. h. auf jeden Wochentag der seitherigen Zählung fallen könnte. Es liegt auf der Hand, daß dies einen ungeheuerlichen Eingriff in die religiöse Ueberzeugung und Uebung des Judentums bedeuten würde, der von jedem Juden, welcher religiösen Richtung er auch angehören mag, auf das schmerzlichste empfunden werden müßte und mit großen moralischen und materiellen Schädigungen verbunden sein würde. Der Oberrat hat deshalb die beiliegende Erklärung beschlossen und dem „Jüdischen Comite betreffs der Kalenderreform“ Sitz Zürich zur geeigneten Verwendung übergeben. Der Oberrat empfiehlt jedoch außerdem sämtlichen Vorsteherämtern, Rabbinern und Religionslehrern die jüdische Oeffentlichkeit durch Hinweise bei beeigneter Gelegenheit auf die Gefahr einer mit Blankotag verbundenen Kalenderreform aufmerksam zu machen und alle Schritte zu fördern, die geeignet sind, dieser Gefahr zu begegnen. _ In Betracht kommt insbesondere die persönliche Unterzeichnung einer etwa der beiliegenden Erklärung des Oberrats entsprechenden Erklärung durch möglichst alle Gemeindegenomen. Sollte eine solche Unterschriftensammlung von nichtamtlicher Seite in die Wege geleitet werden, so ist gegen ihre Unterstützung durch die Vorsteherämter und Beamten und gegen die Bestätigung der Richtigkeit der Eintragungen der Gemeinaegenossen durch das Vorsteheramt nichts einzuwenden. Dr. H i r s ch. Erklärung: Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs; als die durch Gesetz und Verfassung wie durch den Willen der Gesamtheit der württembergischen Juden berufene Vertretung derselben, erklärt hiedurch, daß die Einführung eines neuen bürgerlichen Kalenders, dem die regelmäßige Zählung der siebentägigen Woche nicht mehr zugrundeliegen würde, also die Einfügung eines „Blankotags“, den Personen mosaischen Glaubens in unserem Lande den größten moralischen und materiellen Schaden zufügen und von allen ohne Unterschied der religiösen Richtung als ein schwerer Eingriff auf das schmerzlichste empfunden werden würde. Der Oberrat der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs: Der Präsident: Dr. H i r s ch , Ministerialrat. Israel. Fürsorgeamt Stuttgart. Sprechstunden der Fürsorgerin: Mittwoch, Freitag nachm, von 3—9 Uhr Das Israel. Fürsorgeamt hat im Monat September 1930 unter Mitwirkung der angeschlossenen Wohltätigkeitsvereine folgende Tätigkeit entfaltet: Laufende Unterstützungen .... Mk. 815.62 Einmalige Unterstützungen . . . . „ 774.49 Neujahrsgaben in bar. 545.— ^lllllllllllllllHIUIIIIIUIIIHIIIl|nilllinilNIHinilHllliniltHtNUHHH(jlWmilllltHIMIHI»HIMII^ | Ah utt^ece £esetl | Ü In jeder Nuhimc-r der ..Genieinde/eitung“ W D sind viele Icjistuugsfähigc* Kinnen mit Anü M zeigen ihrerlErzeugnisse enthalten. Unsere Z W Leser bitteh wir. die ..Genieinde/eitung" W dadurch zu Horden,. daß sie hei Einkäufen, g bei Vergebung von Arbeiten ii. dgl. unsere M I n s e r e n fl e n berücksichtigen. W Z In den nüciojtcu Tugen wird bei denjenigen W W unserer Le.<4‘r. die den fülligen Abonne- W Z mentsbetragl fiir die Zeit vom I.Okt. 193« W bis 31. Mürz. JI93I noch nicht bezahlt haben. W 3 unser Beauftragter eine Abonnementsquit- W W tung in der [Höhe von 2.5« RM. vorweisen. Ü » Wir bitten ’ unsere Leser, unserem Ein- W kussierer epnen zweiten zeit rau- W I benden G u n g zu erspa r e u und Z den kleinen1 Betrug prompt zu begleichen. W W j Der Verlag. W ^fHwtmtfMKnmHHftUKi iniß mHuunuHUBtM«tHmuiMii FHttßmßißmBNKiRmitnm^ Gesundh.- u. Erholungsfürsorge . . Ausbildungsbeihilfen. Durchreisende 1 . . . .. 324.39 , 163.50 I 181.96 i An 15 Erwachsene und 6 Kinder wurden insgesamt 64 Kl^idungs- und Wäschestücke ab- I gegeben. j Außer den bereits veröffentlichten Spenden als Neujahrswunsih-Ablösung erhielt das Fürsorgeamt an einmaligen Spenden Mk. 175.— von: j Herren Rabbiner Dr. Auerbach; Max Gailinger, I anl. s. 70. Geburtstages; Julius Lämmle: Heinr. i Löwenthal, Jaßrzeitspende; Senator Edgar Pick; Herbert Riesel Jahrzeitspende. Herr Moses Flegenheimer spendete einen Doppelzentner Weizenmehl zur Verteilung für die Feiertage. Ein Nachwort zu den Reidisiagswahlen. Es wäre arge Selbsttäuschung, die Bedeutung des Wahlerfolges der Nationalsozialisten zu unterschützen. Er ist als ein ernstes Symptom in der Entwicklungsgeschichte der neuen deutschen Republik zu bewerten. Es ist aber ebenso verfehlt, von einer umwälzenden Bedeutung dieses Erfolges zu sprechen. Für die Beurteilung politischer Erscheinungen sind Gefühlsmomente keine Kriterien. Hier müssen die nüchternen Zahlen und die sichtbaren Tatsuchen in erster Reihe beachtet werden. Zur Erklärung der Tatsache, daß die Nationalsozialisten 6% Millionen Stimmen auf ihr Programm vereint haben und mit 107 Vertretern in den deutschen Reichstag einziehen, wird die angebliche Unfähigkeit der bisherigen deutschen Parteien, die allgemeine Verzweiflung über die wirtschaftliche Lage Deutschlands, die weitgehende Verärgerung über die politische Ohnmacht des Vaterlandes sicher nicht grundlos herangezogen. Trotzdem reden die Zahlen eine andere Sprache. Tatsächlich hat sich das Stimmenverhältnis innerhalb der rechtsradikalen Parteien nur unwesentlich geändert, so daß man mit gutem Rechte nur von einer Verschiebung der Wählermassen Innerhalb der rechten Randparteien sprechen darf. Wenn die Nationalsozialisten heute 6% Millionen VSähler für ihre Liste geworben haben, so ist ihr Zuwachs an Stimmen vorerst auf die 4% Millionen Wähler zurückzuführen, die von den Deutschnationalen zu ihnen hinübergewechselt haben. Es ist dabei bezeichnend, daß die Presse der Hugenbergpartei nach den Wahlen trotz des gewaltigen Rückgangs ihrer Stimmenzahl von einem Siege gesprochen hat, also keinen Unterschied zwischen Deutschnationalen und Nationalsozialisten machte. Will man zu ieiiiem vorurteilsfreien Urteil über die Bc-deutungjcler Zahlen der letzten Reichstagswahlen komme n. so sind die Zahlen der Wahlen vom Mai 1924 zum Vergleich heranzii/ieheu. die ein ebenso starkes Anwachsen der radikalen Kandparteien gebracht hatten. Die damaligen Gewinner warm die Deutsch nationalen, die mit den Nationais« /ialisten zusammen über 14« Man date cerfügteq. die sich 193« auf >48 Vertreter erhöht haben. 1924 wurden 106 Deutschnutionalc und" 34 Natic;nalsozialisten gewählt, während diesmal 107 Nationalsozialisten neben 41 Vertretern der Ifugenbergpartei in den Reichstag kommen. > ' Der Stimmenzuwachs der radikalen Rechtsparteien ist zu einem großen Teile auf die gesteigerte Teilnahme der bisherigen Nichtwähler I zurückzufiihren. Das Zahlenverhältnis verschiebt > sich aber sogdr noch zu Ungunsten der Rechts-1 Parteien, wenn man daran denkt, daß 1924 unter 472 Reidistagsknitgliedern- 140, also 29% %. Ab-! geordnete dei äußersten Rechten waren, wähj rend 1930 unter 376 Abgeordneten 148. also! 25% %, Rechtsradikale sind. Durch diesen Zahlenvergleich wird« der Erfolg der Nationalsozialisten nicht verkleinert, aber auf das normale Muß zurückgeführti Wenn Zeitungspolitiker heute in der Rolle von [Propheten Furchtbares für die Zukunft Deutschlands wegen des angeblichen Anwachsens der! Rechtsradikalen Voraussagen, so sind diese Prophezeiungen nicht gar zu h o ch einzusdiätzen.r Eine zweite jTatsache ist für die Bewertung des nationalsoziatatischen Wahlerfolges nicht weniger bedeutsam. Der in so großen Worten geweissagte Einbruch der Nationalsozialisten in die sozialdemokrtjtische und kommunistische Front