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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1930-09-01 · 11 (1.9.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VII (1930-1931)
Issue
11 (1.9.1930)
Date
1930-09-01
Page
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Tiefste Hoffnungslosigkeit herrscht in weiten Kreisen unserer Volksgemeinschaft. — Besonders den deutschen Juden haben die wirtschaftlichen Verhältnisse schmerzliche Wunden geschlagen, und auch bei ihnen blickt man mit größter Sorge in eine ungewisse Zukunft. In diesen von dunklen Wolken verschatteten Tagen ist unter der dankenswerten Mitarbeit von vielen Freunden der jüdischen Jugend die vorliegende Jugendausgabe entstanden; sie hat, wie uns scheint, gerade heute einen besonderen, um nicht zu sagen symbolischen Wert. In diesen Blättern sprechen die Alten zu den Jungen und die Jungen zu den Alten — in wahrhafter Gemeinschaftsarbeit werden Wege gewiesen und Brücken gebaut, die zu einer besseren Zukunft führen sollen. Jedem, der mit offenen Augen sieht, ist in den letzten Jahren eine freudige Gewißheit geworden: im Ringen um Selbsterhaltung, um Recht, Freiheit und Ehre ist der deutschen Judenheit in i^rer Jugend eine Kampftruppe erwachsen, auf die sie mit Stolz und Vertrauen blicken darf. Diese Jugend setzt sich mit sittlicher und körperliche! Kräh überall für ihr gemeinsames Ziel ein, sie arbeitet in ihren Bünden mit jugendlicher Begeisterung an der Erhaltung und Entfaltung des Judentums, sie hat erkannt, daß das Judentum wie vor Jahrtausenden Mutterboden ihrer Seele und Kraftquelle ihres Daseins ist. Auch diese Jugend kämpft schwer um ihre soziale Existenz, aber sie weiß, was die Stunde von ihr erfordert. So hat sich unsere jüdische Jugend in Stadt und Land zusammengeschlossen, um sich ein Fundament zu schaffen, von dem sie dereinst als aufrechte, an Geist und Körper gesunde Männer und Frauen ins Leben treten kann. Mehr denn je kommt es heute darauf an, daß wir unser Leben wieder mit dem Idealismus erfüllen, der mit der Mission des jüdischen Menschen unzertrennbar verbunden ist. Dieser heilige Wille lebt in unserer jüdischen Jugend und ebenso heilige Pflicht jedes Einzelnen ist es, ihr Streben nach Kräften zu fördern. „Mit unseren Alten und unseren Jungen wollen wir gehen!“ So kündet die Thora und fordert damit zur gemeinsamen Gegenwarts- und Zukunftsarbeit auf. Wenn dieser Appell in unserer Gemeinschaft gehört, wenn seiner heiligen Mahnung ernst und verantwortungsbewußt geantwortet wird, dann dürfen wir auch in diesen schweren Tagen unseres deutschen Vaterlandes hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Dann ist auch der Zweck dieser Jugendnummer, mit unseren Alten und Jungen Vor- und Rückschau zu halten und aufzurufen zur verständnisvollen Förderung unser jüdischen Jugend, voll erreicht. — Hans Sternheim Grenze und Aufgabe der jüd. Jugendbewegung. ' Von Theodor Rothschild, Eßlingen. In den Tagen, in denen diese Zeilen niedergesdi rieben werden, lesen wir in unseren Synagogen die Berufung des jungen Jeremia zum Propheten. Er wehrt zunächst ab und meint, er sei noch zu jung. Selbsterkenntnis und Selbstbemeisterung sind es, die Jeremia so sprechen lassen. Das Bewußtsein eigener Armseligkeit und innerer Schwäche und Hilflosigkeit diktieren ihm seine Antwort auf den göttlichen Anruf. Die Haltung des jungen Jeremia ist eine natürliche, denn den Jugendlichen zeichnet wohl das dumpfe Bewußtsein schöpferischer Fähigkeiten und Berufungen aus, das Aufsteigen packender Eingebungen, aber der Aktivismus, das öffentliche Wirken ist ihm fremd. Er will sich versenken, träumen, brüten, schwärmen, sich gehen lassen. aber er will noch nicht aktiv eingreise» in den Lebenslauf. Erst am Ende der Jungmannszeit tritt das Bedürfnis nach Wirksamkeit hervor. Erst in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre bricht sich der produktive Aktivismus Bahn. Unsere Jugend hätte wohl anders gesprochen: denn sie hat gerade das Wirken in den Mittelpunkt ihres Lebens gerückt, sie trägt ein hochgespanntes Selbstbewußtsein zur Schau, gespeist aus den Kräften des Eigenwertes, des Erlebens, der Eingebung. Sie steht schon mit Fanatismus in politischen Bünden, arbeitet geschäftig mit an der Lösung öffentlicher Lebensaufgaben. Dieser Aktivismus der heutigen Jugend ist ein Faktum. Er ist nicht an eine Konfession oder Partei gebunden. Aber wir treffen dieses Tätigsein bei der jüdischen Jugend insbesondere Aktiv sein, regsam sein, wirken, streben ist ein Urgegebenes unserer Gemeinschaft. Man darf nur einmal an die Tagungen jüdischer Jugendlicher denken, dann weiß man.von diesem rührigen Aktivis¬ 2)ec jBeskA des Gottesdienstes ist heilige Jtyticfu! Wer sie Erfüllt, wird nicht nur seine eigene Befriedigung finden, sondern zur Würde dßs Gottesdienstes beitragen. Wir bitten [unsere Mitglieder und alle Gemeindemitolieder, mit ihren Angehörigen dieSynägqgean Freitagabenden und Sabbathenwieauch an Festtagenzu besuchen. Jüdischen Angestellten möge, soweit es irgend mqglich ist, Gelegenheit zum Besuch des Gottesdienstes geboten werden. Verefn für jüd. Gemainda-Angalegenheltqn (Gemeinde - Verein) Stuttgart. mus. von diese?-scheinbaren Produktivität. Man darf nur rin mal die Programme der jüd. Jugonclvereine studieren und man spürt etwas von diesem Motorischen, von dieser Betriebsamkeit. -Nun ist dicker. Jeremia, der sich innerlich sträubt, zu fr|ih wirksam zu sein, ein großer Prophet geworden. Er ist es sicher darum geworden. weil fr es verstand., weise Zurückhaltung zu üben. J Die Grenze des Naturgegebenen darf nicht ohi(e Schaden überschritten werden. Wenn die Jug<|nd Kräfte verbraucht, die für ein spateres Lebensalter gespart werden sollten, dann verbaut isie sich die letzte Reifung. Was sprechen die jugendliche», seit wir eine Jugendbewegung haften, von dem „Eigenwert“ der Jugend! Und pie lehnen mit Hinweis auf denselben jede Bildung, jede Anhänglichkeit schroff ab. Freilich hajj die Jugendzeit auch ihren Eigenwert. gber in tiefstem Grund ist sie Vorbereitung auf die Reife. Reifen braucht Zeit, braucht Rühe, braucht natürliche Verhaltenheit. Was ist aus all den Jugendlichen geworden, die so früh aktiv waren, und dip -durch künstliche Frühreife ihre Umgebung inj Staunen versetzen? Ich könnte Namen nennen. Kein einziger hat gehalten, was er versprochen hat. Frühzeitige . Reife bedingt frühzeitigen Verbrauch. Dagegen sind aus Jugendlichen, die sich bewußt zurückgehalten haben, die ih|re Kräfte vor frühzeitigem Verbrauch behüteten, wertvolle Führer geworden. Aktivismus i^t ein großer Lebenswert, darum darf er nicht > zu früh auftreten. sonst werden seine Kräfte für die letzte Blüte und Reifung vergeudet. _Gcjtt weist den Einw and des Jeremia mit den Worten zurück: „Sage mir nicht, ich bin zu jung“. Wie sehen daraus, daß Jeremia bereits am Ende der Jungmannszeit angelangt ist. In der Tat versteht n|»an unter Na’ar nicht nur „Knabe“, sondern auch ljunger Mann“. Jeremia zeigt auch hier echte Natürlichkeit. Es ist fast wie ein, Naturgesetz, cf aß jedes Lebensalter konservative! Kräfte birgt. [ Der Mensch will länger in dem betreffenden kRer verweilen als notwendig und recht ist. So yvill auch Jeremia ein Jugendlicher sein und weiß nicht, daß er bereits Mann geworden ist. Die in ihn gelegten schöpferischen Seelenkräfte konnten sich in Ruhe entfalten. Jetzt ist die Zeit gekommen, sie mit Einsatz seiner ganzejh Persönlichkeit in Erscheinung treten zu lassen; und dazu ruft Gott ihn auf. Welche Weißung gibt ihm Gott tfnd mit welcher Sendung betreut er ihn?

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