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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1930-08-01 · 9 (1.8.1930) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VII (1930-1931)
Issue
9 (1.8.1930)
Date
1930-08-01
Page
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Lin warnendes Beispiel ist Lrnst Häckcl. dessen \erdienste auf seinem Wissenschaftsgebiete kein Denkender ubieugnen wird, der die „Welträtsel" (erfüllte, in denen er nicht nur Kant einer allerdings nicht gerade ccm Verständnis zeugenden Kritik unterwarf, sondern alle Zeitprobleme sich restlos zu lösen unterfing. Ks ist bedauerlich, (lull sich der Psvdiouuulytiker Sigmund Freud auf dasselbe Glatteis führen lallt. Seine Schrift ..Die Zukunft einer Illusion“ (192?) wollte die Religion als Einbildung entlarven: seine Studie „Das Unbehagen in der Kultur“ (1930) will die Kultur in ihrer Erbärmlichkeit blollstellen. In beiden Büchern offenbart sich seine Unzuständigkeit zur Beantwortung der gestellten Fragen, nur (lall das /weite noch un/.ulänglidier als das erste ist. Man ■Hüllte eigentlich ein eigenes Buch schreiben, umfangreicher als das Freuds, um alle Irrtümer in ihm uufzuhellen. die alle* die Wahrheit des alten Sprüchleins beweisen: Eines schickt sich nicht für Alle. Ein Beispiel, auf das er sich besonders viel zugute tut. für viele: seine Kritik des Bibelwortes „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Er erklärt es. selbstverständlich ohne den Versuch eines Erweises, für das ..wahrscheinlich jüngste der kulturellen Ueber-Ich-Gebote", das geschallen wurde, um die angeborene Neigung des Menschen zum Angriff auf den Mitmenschen wegzuräumen. die er als „das größte Hindernis“ der Kultur“ bezeichnet (S. 131). Schon deshalb sollte eigentlich dieses Gebot besonders gerühmt und geradezu als entscheidend für die Menschheitskultur anerkannt werden. Beseitigt es die konstitutionelle* Hinneigung der Menschen zur Aggression gegen einander, wie Freud unumwunden anerkennt, so verdient es als eine Kuliurtatsachc ersten Ranges gerühmt zu werden. Statt dessen erbringt Freud den scheinbaren Nachweis, daß es undurchführbar ist. daß ..eine so große Inflation der Liebe nur deren Wert Jierabsetz.cn. nicht die Not beseitigen kann“ AScite (32). j Für die mangelnde Sachkunde des \ erfassers I?t seine eingehende Kritik der biblischen Körung der Nächstenliebe (S. 76 ff.): ..Eine der nannten Idealforderungen der Kultnrgescllift kann uns hier die Spur zeigen. Sie lautet: sollst den Nächsten lieben wie dich selbst, ist weltberühmt, gewiß älter als das Christen- . das sie als seinen stolzesten Anspruch vorst. aber sicherlich nicht sehr alt: in historin Zeiten war sie den Menschen noch fremd, wollen uns naiv zu ihr einstellen, als hörten von ihr zum erstenmal. Dann können wir Gefühl von Ueberraschung und Befremden t unterdrücken. Warum sollen wir das? Was es uns helfen? Vor allein aber, wie bringen das zustande? Wie wird es uns möglich? ne Liebe ist etwas mir Wertvolles, das ich taicht ohne Rechenschaft verwerfen darf. Sie legt ^mir Pflichten auf, die ich mit Opfern zu erfüllen bereit sein muß. Wenn ich einen anderen liebe, muß er es auf irgendeine Art verdienen. Er verdient es, wenn er mir in wichtigen Stücken so ähnlich ist. daß ich in ihny mich selbst lieben kann: er verdient, wenn er so viel vollkommener ist als ich. daß ich mein Ideal von meiner eigenen Person in ihm lieben kann: ich muß ihn lieben, wenn er der Sohn meines Freundes ist. denn der Schmerz des Freundes, wenn ihm ein Leid zustößt. wäre and> mein Schmerz, ich müßte ihn teilen.“ In diesem Stile wird fröhlich weitergeplätschert: Es sei Unrecht, einen wertlosen Menschen zu lieben, da ja jede Liebe eine Bevorzugung bedeutet: es sei sogur Unrecht, wenn ich einen so wertlosen Fremden den Mehligen gleichstelle. Nun wird der Kritiker sogar witzig, wenn er ausführt, daß bei einer so allgemeinen Liebe ein verhältnismäßig sehr geringer Prozentsatz meiner Zuneigung auf den Einzelnen entfallen wird. Schließlich verliert er seinen Humor und wird ärgerlich und spricht das harte Wort aus. daß dieser Fremde, der allem Anschein nach „nicht die mindeste Liebe für midi besitzt und auf midi keinerlei Rücksicht nimmt“, eher Anspruch auf meine Feindseligkeit, auf me inen Haß als auf meine Liebe erheben darf. Er macht daher den sicher geistreichen Vorschlag. das Bibelwort dahin zu ändern: „Liebe deinen Nächsten, wie dein Nächster dich liebt, vergilt ihm also die dir erwiesene Schonung und Rücksicht mit gleicher Münze". Mit dieser Aendcrung — welches Glück für die Bibel! „würeje ich nicht widersprechen". Und nun wird der Kritiker feierlich ernst: Das Gebot der waldlosen Nächstenliebe ohne Unterschied im Verhalten der Mensdien bedeutet „eine Schädigung der Kiilturubsiditen. indem es direkte Prämien für das Bösesein uufstellt“. Es ist doch gut. daß im Jahr 1930 ein Wiener Professor uuftritt und der Menschheit die Augen über die Gefährlichkeit dieses Gebotes öffnet und so unendlichen Schaden verhütet! Nun aber Scherz beiseite! Es ist ein übles Zeichen der Zeit, daß derartiges unter einem so hoch geachteten Namen wie dem des Professors Freud gedruckt wird. Ist es diesem Manne*, der doch aus einem jüdischen Hause stammt, wirklich nicht bekannt, was sonst jeder jüdische Knabe von zehn Jahren weiß, daß der „weltberühmte“ Satz: Liebe deinen Nüchsen wie dich selbst! uns der Thora des Mose (3. Mose 19. 18) stammt, also nicht nur „gewiß älter als das Christentum“ und „sicherlich nicht sehr ult“, sondern mindestens 1000 Jahre älter als das Christentum ist? Hat Professor Freud niemals von dem deutschen Philosophieprofessor in Marburg. Hermann Cohen, gehört, der sich über diesen Satz wiederholt eingehend geäußert und in ihm die Grundlegung der Menschheitskultur erkannt hat? Das Wort gehört eben zu den Idealforderungen der Bibel wie die Mahnung an Abraham: „Du sollst ein Segen sein, und mit dir sollen sich segnen alle Geschlechter der Erde“ (1. Mose 12. 2. 3), wie das sinaitische Gebot: „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk sein“ (2. Mose 19, 6). wie die prieslerlithe Forderung: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich. der Herr. Euer Gott“ <3. Mose 19. 2). Nur der ödeste Bildungsphilistcr wird bei diesen Mahnungen di* Frage stellen, wie weit sie verwirklicht wordk-n sind, wie weit sie Forderung bleiben müssen. Der Denkende sieht in ihnen ngfgi. denen die Menschheit ewig selbst auf die Gefahr hin. sie nichen zu können. Das gilt ja für Orderungen. die in ihren letzten unerreichbare Ziele sind, dafür aber ewige Wegweisungen bedeuten. Vielleicht ist das ihre eigentliche Größe, ewig Ziel bleiben türlich wäre es leicht, den Nachideale Fordern nach leben soll muls verwirkli alle sittlichen Konsequenzen \ zu müssen. weis zu erbrin reu. daß sie bisher unerreicht geblieben. Aber nur ärgste Alltngsstraßenweisheit w ird sich mit d esem Nachweis abgeben. Sie sind Leitsätze. Pha rusziele der Menschheit, ewige Weisheit und U lichtende* Aufgabe. Wer sic* anders_ auffaßt, versteht sie nicht. Das muß selbst einem Manne gegenü icr wie Freud mit vollem Ernst und allem Nac ulruck ausgesprochen werden! F lanwirtsdiaft in der Wohlfahrtspflege. In Nr. 8 de Bankdirektor I Mittelbeschaffii hiesigen freien sentlichen Aenc dabei auf die Arbeit des Herrn München, im „’l l> e r i ch t I 9 2 pflege der In dieser aullj' tiefschürfenden Formen der Gcmeindezcitiing macht Herr elix Sontheimcr den Versuch, die ig und .Mittelverwendung in der \\ohlfahrtspflegc einer sehr vve- ■rung /u/ufiilircn. und beruft sich unter obigem Titel erschienene Justi/rats Dr. Elias Straus, a gangs - undTätigkeits- (I e r / e ii t r a I w o h I f a Irr I -> - d e ii t s ch e n Jude n“. (ordentlich aufschlußreichen und Arbeit sind vorzugsweise die .'jlittelbeschaffung durgelegt, wie solche sich in jüdischer freiwilliger Stcuerpflicht. im Gegensatz -ur gesetzlichen* Steuer, auf uralten biblischen Vorschriften im religiösen Pflichtgesetz beruhend — „Mausscr“ entwickelt haben. Die freiwillige Steuerpflicht, die sich in unendlich verschiedet en Formen bei allen Kulturvölkern und Reli denen vorfinden, hat sich beim Judentum im Begriff des „Rachinones“ gewiß in stärkster Webe verdichtet und fand seinen organisatorische n Ausdruck in den Ghew ras. die in allen jüdischen Gemeinden die MittelbcSchaffung und Mitte (Verwendung organisiert haben. Unter denjeni *en Gemeinden, die nach den erwähnten Mi teilungen des Herrn Justizrat Dr. Straus dies * Organisation am besten durchgeführt haben, vird neben anderen Städten auch Stuttgart genau lt. Im Israel. Fürsorgeamt wurde eine Zentralstelle geschaffen, in welcher die Vereine der freien Wohlfahrtspflege ihren gemeinteipunkt sehen, ohne jedoch in Wohlfahrtsbetätigungen einsorgeamts mit fahrtspflege isjt schaftlichen Mi ihren speziellen geengt zu sein. Diese intere» sengemeinschaft des Israel. Fürden Vereinen der freien Wohlim Arbeitsausschuß deS Fürsorgeamts verkörpert, in welchem Fürsorgeamt, Vorsteheramt und die Vorstände der Wohlfahrtsvereine vertret *n sind. Auf diese Weise ist eine organische Wei erentwicklung der altbewährten freien jüdisdiei sozialen Tätigkeit gewährleistet. Der Arbeitsausschuß bildet das beweglichere und anpassungsfähi;ere Element in dem notwendigerweise strenger an die amtlichen Vorschriften gebundenen Fürsorgeamt.

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