Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 6 (16.6.1930)
- Date
- 1930-06-16
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- [Seite] (sequence 1)
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Legenden sind oft der Ausdruck des tiefsten Empfindens, das getreueste Spiegelbild der Seele einer Lebensgemeinschaft. Das gilt auch von dieser Legende. Sie will den Gedanken verbildlichen, dafl die Einzelpersönlichkeit und nicht die Masse Mensch der göttliche Sinn der Schöpfung und der Träger der sittlichen Weltordnung ist. Es gibt ja keine Gemeinschaft, die sich so sehr auf die Idee einer geistigen Auslese aufbaut wie die jüdische. Diese Anschauung war schon darin begründet, daß die Juden stets eine Minderheit gewesen, daß sie nie und nirgends durch ein Massenaufgebot von Kräften und Personen ihrer Umwelt hätten trotzen können. Der Einzelne mußte die Masse ersetzen. Die Hochzüditung der Einzelpersönlidikeit wurde Prinzip. Die Individualität trat an die Stelle der Masse. Der Einzelmensch sollte das Ideal verkörpern, den Gottesplan verwirklichen, sich zum Priester entwickeln, sich als verantwortlich für die Gesamtheit fühlen und führen. Das alte Bibelwort hatte prophetische Bedeutung behalten: „Nicht wegen eurer großen Anzahl hat Gott euch geliebt und erkoren. nein, ihr seid und bleibt das kleinste unter den Völkern (5. Mose 7. 7).“ Das jüdische Leitideal war das Prophetpnwort von Abraham: ..Abrahamwar ein Einzelner und eroberte seinem Gotte eine Welt (Ezechiel 33, 24)". Dieser Gedankengong birgt die ernsteste Mahnung für die jüdische Glaubensgemeinschaft der Gegenwart. Die Judenheit ist von der modernen Massenpsychose ergriffen — sie will „wie andere Völker“ sein. Sie überträgt die Anschauungen der politischen Demokratie auf ihre Religion. Religion ist aber das Allcrpersönlidiste im Menschen. Massenreligion, Religion für die Herde Mensch gibt es nicht und wird es nicht geben. Formalismus und Ritualismus können in einer Gemeinschaft unpersönlich sein; der Kultus als die gemeinsame Form ihrer Gottesverehrung verlangt Uniformierung. Uniformierte Religion ist aber ein Widerspruch in sich selbst, eine innere Unmöglichkeit. Da das Judentum kein Credo besitzt, kein Glaubensbekenntnis, so würde jede Gleichmacherei einer Vernichtung seiner Ideenfreiheit gleichkommen. „Jude ist, wer Vielgötterei ablehnt“, lautet der einzige Dogmatisierungsversuch im talmudisdien Judentum, und es ist bedeutsam, daß er sich auf diese Negation beschränkt. Gewiß schließt diese Verpersönlichung der religiösen Idee im Judentum alle die Gefahren in sich, die eine individuelle Weltanschauung in sich trägt. Die Atomisierung der Gemeinschaft, der Zerfall in Einzelgruppen bedroht ihre Stoßkraft. Dafür aber verbürgt aristokratische Religion ihre Intensivierung. Judesein ist gleichsam ein Adelspatent, so wie die Judenheit. die sich' aus den Jahrhunderten der Verfemung und Verfolgung gerettet, eine Edelauslese darstellt. Die Judenheit muß diese Verpersönlichung ihrer Ideenwelt schicksalhaft betrachten. Besser Gedankenfreiheit als Seelenknechtung! Daraus ergeben sich aber für den einzelnen Juden gesteigerte Ehrenpflichten gegen seine Gemeinschaft. Noblesse oblige. Es gilt den Adel durch das Leben und das Tun zu beweisen. Der Einzelne hat die Ehrenaufgabe, sich suchend in seihe Geschichte und ihre Gedanken zu versenken. gleichsam — nach dem Gleichnis des Talmuds — Perlen aus dem Meere seiner geistigen Welt zu heben. Sind oder sollen alle Juden nach der Gottesmahnung vom Sinai das Reich von Priestern und das heilige Volk verwirklichen, dann ist ihnen ein Prophetenamt anvertraut worden. Sie sollen die Idealisten sein, die Gotteszeugen im Weltgeschehen, die fern allem Aachen Materialismus das heilige Beide der Idee aufbauen helfen. Sie sollen Pioniere an der Straße zu Gott sein, „Gottes Bauleute“, das ist die ideale Forderung. Sie kann nur verwirklicht werden, wenn jeder Jude im Bewußtsein der ihm vom Schicksal gewordenen Sendung persönliche Religiosität bewährt und bewahrt. Die Mahnung, sich von aller vergesellschafteten Religion fern zu halten, ist die einzige Sicherung der lebendigen Freiheit der religiösen Idee. Gegenüber der religiösen Demokratie, welche die Freiheit E|n“‘Jun« Am Samstag^ den 28. Juni, 20.30 Uhr, findet in den Rfiumlen der Stuttgart-Loge, Calwerktrasse 33, unsere firttndaBtfs-vcrsammiuBit 1 statt. i Referat des Herrn Oberlehrers Rothschild, Esslingen, Ober: „Zusammenschluß der jüdischen Handwerker in Württemberg." Hierzu lad^n wir alle jüdischen Handwerker und Freunde jder Bewegung herzlich ein. Der prov. Ausschuss. f Berfbold ancrOadi-ycreln Dienstag, deh 24. Juni, Kurhaus auf der Heid, abends 8 Uhr Gemütlicher Abend mit Tana Wir bitten ankere Mitglieder, dleie Veranstaltung lltffltotaer« tut bt xahlrekh su besuchen. der religiösen; Ueberzeugung bedroht, verlangt die Judenheit die Aristokratie der persönlichen Religiosität. Deutschlands jüd. Jugend in München. i. Gleißende Frühsommersonne liegt über München ... Tausende von freizeitfrohen Menschen hasten durch die Straßen zum Bahnhof, um sich in zum Bersten gefüllten Zügen ins bayerische Hochland führen zu lassen. In langen Kolonnen harren sie an den Sperren aus, Massenbetrieb im wahrsten Sinne des Wortes. — Und Münchens berühmte Tauben flattern um die hohen Türme der Stadt, tagen auf den weiten Plätzen mit patriarchalischer Würde und freuen sich ^es herrlichen Pfingstwetters. Scharen von ladys und gentlemen — schockweise durch die Reisebüros von Amerika importiert — rasen von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit, um schließlich vor den fabelhaften Sammlungen des „Deutschen Museums“ in Ehrfurcht zu ersterben ... PEngsthochbetrieb über- Von Hans Sternheini. all. Die Güte des bayerischen Biers scheint sich an heißen Sommertagen in verstärktem Maße auszuwirken . *. Davon zeugen so viele urbayerische Typen, cjie verklärt in den lachenden Himmel ihre G'stanzeln singen und — das „Notopfer“ als ein ‘Produkt parlamentarischer Phantasie aus den ibierschweren Schädeln verdrängt haben. Uebertzll herrscht Lebensfreude, selbstverständlicher! Genuß möchte man fast sagen, überall nimmtjman heute die Dinge wie sie sind und läßt denj lieben Gott einen guten Mann sein... Ueberpll ...! Wirklich, überall? i II. In der Münchener Tonhalle herrscht ebenfalls Hochbetrieb, ijort tagen vierhundert junge jüdische Menschen seit,dem frühen Sonntag ununterbrochen — jawohl. Tag und Nacht — Der Kaffee für jeder von Mk. 2.40 an rasshoflf Man verlange Preisliste dflfee Otto Grasshott, Kaffee-Import-Großrösterei - Tee-Importhaus - Stuttgart, Friedridistraße 58 [* Telefon 22516 und 27620