Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VII (1930-1931)
- Issue
- 3 (1.5.1930)
- Date
- 1930-05-01
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Die Frage, ob die Juden als Rasse oder als Religionsgemeinschaft anzusprechen sind, hat zuerst der französische. Gelehrte Ernest Renan in seiner Streitschrift „Das Judentum als Rasse und als Religion“ aufgeworfen. Die gleiche Frage steigt in jedem Besucher des heiligen Landes auf, der die „beschränkten Gegebenheiten“ des kleinen, wenig fruchtbaren Landes schaut und sich dann daran erinnert, daß das Judentum schon zu Beginn unserer Zeitrechnung über den ganzen damals bekannten Erdkreis, über Asien, Europa und Afrika verbreitet war. so dafi es damals kaum einen bedeutenderen Ort ohne eine jüdische Gemeinschaft gab. Der gelehrte preuß.. Konsul Georg Rosen, der vierzehn Jahre in Jerusalem lebte, wollte die Lösung dieser Frage in der angeblichen Aufsaugung der phönizischen und der aramänisch-syrischen Bevölkerung durch die Juden finden, und sein Sohn, der Gesandte Friedrich Rosen, hat mit Hilfe des Giefiener Theologen Prof. Bertram diese These seines Vaters pietätsvoll erweitert und vertieft, ohne ihre Wahrscheinlichkeit nach weisen zu können (Georg Rosen. Juden und Phönizier. Tübingen 1929). Sie ist schon 1902 durch Adolf Harnacks Werk ..Die Mission und Ausbreitung des Christentums in den ersten drei Jahrhunderten" richtiger dahin beantwortet worden, dafl das Judentum seit der babylonischen Gefangenschaft eine starke Mission getrieben hat. Harnack zählt in der römischen Mittelmeerwelt etwa 4,/6 Millionen Juden. Wenn in der Stadt Rom zu Ciceros Zeiten 8000, unter Tiberius 50 000 Juden gelebt. wenn in Alexandria zur gleichen Zeit eine jüdische Bevölkerung von mehreren hunderttausend Menschen gezählt wurde, so lassen sich Schlüsse auf eine jüdische Bevölkerung außerhalb Palästinas ziehen, welche die Bevölkerung des heiligen Landes weit tibertroffen. Rechnet man. daß nach Josephus' Angaben im Jüdischen Krieg etwa zwei Millionen Juden den Tod durch Krieg, Seuchen. Sklaverei usw. gefunden, und daß schon bei Kriegsbeginn ganz Galiläa entvölkert worden, so darf man ohne Lebertreibung die Tatsache uussprechen, daß die palästinische Judenheit durch den Krieg ihr Ende gefunden. Die Erhaltung der Judenheit ist also ohne den Proselytismus unverständlich. Tatsächlich werden im Schrifttum der Zeit Proseiyton und Erlebnisse mit ihnen besonders oft erwähnt (Apostelgeschichte 2. 8 ff.: Gruetz. Die jüdischen Proselyten im Römerreich. 1884). Das Judentum war in seiner prophetischen Ausgestaltung durchaus Proseiytenreligion. Die Bekehrung der Heiden war der wesentliche Inhalt der prophetischen Weissagungen. Jesaia (43, 22) ruft der heidnischen Welt zu: „Wendet euch mir zu und laßt euch retten, alle Enden der Erde!“ Jeremiu erwartet (12. 13—17) die Bekehrung aller Völker zum Judentum. Secharja sieht schon die Tage voraus (14. 16—19), in denen die Völker, die Israel einst angegriffen, bekehrt gen Jerusalem pilgern (vgl. Jesaia 2. 2—4; 54. 15). Die Propheten dachten dabei weniger an Mission als an den Sieg der allmächtigen Kraft der Offenbarung über die Irrtümer der Heidenwelt. Die Völker werden selbst frage» und sich die Fragen im Sinne Israels beantworten (Jesaia t>. 10: Secharja 8. 20—25). Aber es gab auch schon damals im Judentum eine aktive Mission. Der Psalmist ruft den Gläubigen zu: „Verkündet unter den Völkern Seine- Taten (Psalm 105, i; Matth. 23, 15)1“ Der Proselytismus war so häufig, dafl im Estherbuch ohne eine besondere Hervorhebung die Tatsache berichtet werden konnte, daß sich viele Perser im Perserreiche aus Furcht vor den Juden zum Judentum bekehrten (Esther 8. 17). In der Kultur der Septuaginta, der griechischen Bibelübersetzung. ist der Proselytismus eine Voraussetzung. Die griechische Bibel selbst war ja der wirksamste Missionar des Judentums in der antiken Welt. Ein besonderer jüdischer Proselytenkatechismus in griechischer Sprache, die Didadie. ist noch erhalten. Philo ist der Hauptzeuge für eine kraftvolle jüdische Propaganda (Bousset. Die Religion des Judentums. 8.80 ff.: Ott» Stählin. Die hellenistisch-jüdische Literatur. S. 652). Der Talmud setzt den aktiven Proselytismus als eine feststehende Erscheinung voraus und erklärt die Werbung von Proselyten als fromme Pflicht (Genesis llabba 28: Sifru Lev. 19, 33). Die römischen Klassiker Horaz. Juvenal und Dio Cassius kennen eine starke Verbreitung .des Judentums in der ulten Welt durch eine übereifrige Mission. Ein Rückgang dieser werbenden Tätigkeit der Judenheit trat erst ein. als Kaiser Hadrian seine blutigen Gesetze gegen die Juden und das Judentum grausam durchsetzte. Man wird sich nachgerade daran gewöhnen müssen, den auch in Gelehrtenkreisen eingebürgerten Glauben von der starren Abschließung der Judenheit von der nichtjüdischen Umwelt aufzugeben. Der ausgezeichnete Berliner Religionsgeschichtsforscher Greflmann sagt (Zeit¬ SCHIEDMAYER Pianofortafabrik v. J. u. P. Sohladmayar STUTTGART, Neokarstrasse 12, tote» uiriooatraaa* FLÜGEL , PIANINOS / HARMONIUM 40 Jahren da» Hau» für. gediegene Schuhe schrift für ultt. Theologie 1925. S. 9): „Wie hoch, die Religion <|es Judentums damals eingeschätzt wurde, lehren die ungeheuren Erfolge der jiidi-i sehen Mission; die sie auch ohne Berufsmissio-, na re allerortdu durch mündliches Zeugnis und literarische Propaganda errang“, und Wilhelm Bousset (Die; Religion des Judentums. 1926. S. 76 ff.) ergänzt diese Worte dahin, daß er die W/dtinissionsua-beit des Judentums offen anerkennt. Uebpr beide Gelehrte geht noch der amerikanische! gründliche Talmudforscher George Foot Moore in seinem hervorragenden Werke ..Das Judentum in den ersten Jahrhunderten der christlichen Zeitrechnung (1927)“ hinaus, indem er 11 324 das Judentum geradezu ..the first great missionarv religion of the mediterranean world“ (die erste große Missionsreligion der mittelländischen Welt) nfnut. Seine Auffassung deckt sich mit der Georg Rose ns in dem genannten Werke: „Das Judentum ist von vornherein nicht Rasse, sondern Religion (S. 25)“. Kurz, das bedeutsame Endergebnis der wissenschaftlichen Forschung der Gegenwart ist, daß das Judentum seit der hellenistischen | Zeit nicht als rassische oder als völkische Gemeinschaft, sondern als Religion zu betrachten ist ein Ergebnis, das für die Folgezeit ernstliche! Beachtung auch außerhalb der Gelehrtenwelt perdient. 1. England und Palästina. Der mit Spa mutig erwartete Bericht der parlamentarischen Untersuchungskommission über die Augustunri hen in Palästina ist ain 51. März in Form eines Blaubuches dem englischen Parlament erstattet worden. Dieser Bericht ist für England mindestens ebenso bedeutsam wie für die jüdische. Sir tllung im Heiligen Lande. Es darf ja als unbezwc ifelbar gelten, daß England sein ..Mandatsland“ Palästina niemals verlassen wird. Das Verbleiben Englands in Palästina ist nicht nur eine Frage der [britischen Weltgeltung. Palästina ist vielmehr fiir England als die Länderbrückezwischen drei Kontinenten der Schlüssel zum gesamten vord« ren Orient. Die Untersuchungskommision war also nur nebenamtlich eine Gerichtsbehörde i her die Streitigkeiten zwischen Arabern und Ji den. tatsächlich war sie mit einer englisch-politisc ren Missionbetraut. Ihr Bericht muß darum als ein Urteil vom Standpunkt des englischen Interesses gewertet werden. Die Juden müssen skh| eben weiterhin mit der Tatsache abfinden. daß England in Palästina nicht jüdische, sondern engliscfie Politik treibt. Alle .anderen IMHWHIHIIWIWIBglMniMtWIlHWIHHIIIIIMIlUHWtWMet uacH STIMMUNGEN JEME TEILZAHLUNGEN Fami^inohcr aespi/48 PRIX *n-rm