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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1929-09-01 · 11 (1.9.1929) · p. Seite 143

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VI (1929-1930)
Issue
11 (1.9.1929)
Date
1929-09-01
Page
Seite 143 (sequence 1)
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Zeitgrüßen sind lene Mensche», die ihrer Zeit das Gepräge ihrer Persönlichkeit gegeben, zeitgeborene, zeitgebundene und darum nur in chrer Zeit wirksame Menschen, Sie sind geschichtliche Notwendigkeiten. Aber alles Außerzeitliche und Ueberzeitliche bleibt ihrem Wesen fern, alles Romantische ist ihren» Wirklich keitssinn fremd. Ter Sinn, die Absicht, der Segen chres Seins ist die Gegenwart. Neben diesen relativen Grüßen stehen die absoluten Charaktere, groß in ihrer Unbewußtheit, zeitlos, weil sie außerhalb ihrer Gegenwart leben, überzeitlich, weil sie nicht inst ihrer Gegenwart sterbe». Ost geht ihre Zeht verständnislos an ihnen vorüber. Ihr Wirken ist ein Bauen an der Zukunst. Das Werdende ist das Schauen und Planen chrer dichtenden Seele, dessen Grundlinien sie vorzeichnen, daniit ein kommendes Geschlecht die Linien zum Bilde aussühre und so ihr Träumen verwirkliche. Gewiß ist Moses Mendelssohn in seiner Zeit nicht nur anerkannt, er ist von ihr sogar überschwänglich gepriesen worden. Aber so seltsam es klingen mag — seine Zeit hat nur die übe?- raschende Einzigartigkeit seiner Persönlichkeit, das rätselhaft Unbegreifliche seines Auftretens angestaunt. Sie hat seine Wehweisheit bis in den Himmel erhoben, hat seine Gemütstiefe und Charakterrcinheit abgöttisch gepriesen, l)at seinen Rat und sein Urteil wie eine Ossenbarung gcachtst. hat ihn unmittelbar neben Spinoza, den göttliche sten unter den Menschen, gestellt, hat ihn den Berliner Plato, den Sokrates seiner Zeit gvnannt, sie hat seinen Tod in Wort und Lied säst fassungslos beweint — und doch ist ihr das Verständnis für seine überzeitliche Bedeutung versagt geblieben. Moses Mendelssohn gehört eben zu den Menschen, die eine providenzielle schicksalhafte Sendung zu erfüllen haben, deren Reichtum und Größe sich erst einem kommenden Geschlechte erschließt, eine Sendung, die ihm selbst nur bedingt bewußt geworden und die seine Zeit kaum recht geahnt hat. Allerdings lag dieser Ewigkeitssinn seines Daseins abseits von der Leistung, welch« die vergötternde Bewunderung seiner Zeit geweckt hat. Gewiß hat Moses Mendelssohn auch dem deutschen Volke einen wertvollen Teil seiner Lebensarbeit geschenkt. Seine Leistung für die Entwicklung der deutschen Sprache ist lange noch nicht voll anerkannt. Er gehört ja neben Goth: sched und Lessing zu den Schöpfern der deutschen Sprachkultur. Er hat in der deutschen Weltweisheit den Zopfstil Wolsss überwunden. Herbev hat diese große Leistung Mendelssohns schon zu seinen Lebzeiten begriffen und hochgepriesen. Sein Einspruch gegen den französisch denkenbleibt eine geschichtlich« Talt. Er darf einen Ehrenplatz in deri Ruhmeshalle der deutschen Sprache beanspruchen, der chm bisher versagt geblieben ist. i In der Weltweisheit ist er sicher seinem Zeitalter ein Führer zum gläubigen Idealismus gewesen, der den undeiltschen Rationalismus gefühlsmäßig abgelehht und der deutschen Geistes weit dafür Platos> Gedankenreichtum erschlossen. Er hat die messianische Zielsetzung des Einzellebens wie des PölkerdaseinS als die sicherste Grundlegung der sdealistischen Weltanschauung in das deutsche Testken eingesührt- Er ist also kein undankbarer (hast im Tempel der Welt Weisheit gewesen, btr er nach seinem Geständnis so viel verdank e. Ihm gebührt ein volles Heimatsrecht in der (jeschichte der deutschen Philosophie, das ihm norj immer vorcnthaltcn irird. Aber in alledem ha den andere vor ihm und nach ihm Großes und Größeres geleistet. Seine überzeitliche Einwirkung gehört jedoch seiner Religionsgemeinschaft. Das Wort, mit dein einst die Zeitgenossen das Wicken des Mose Maunonides dankbar anerkannt rnd das die Freunde Men» delssoh»; auf ihren Meister übertragen: „Von Mose (dem Prophet») bis Mose (dem Sohne Maiiwons) stand keiaer aus wie Mose" kenne zeichnet diese Wirkung besser als alle theoretische» Erwägungen. Was Mose der Erlöser aus politischer Knechtung unh geistiger Versklavung für Israel gewesen, was Mose Maimonides als Führer zu einer geistigen! Erfassung des Judcntuins, zu seiner Abgrenzung von der griechischen, christlichen und mohammedanischen Geisteswelt und damit zur Erkenntnis seiner Eigenwerte beige, tragen, das hat Moses Mendelssohn der cnropässchen Judenheit geleistet: er hat sie ohne das von allen Seilen verlangte sacrisizio bell’ inteletto der Untreue gegen den Väterglaubcu in die europäische Menschheit eingereiht, er hat ihr die Synthese des: inneren und äilßeren Vereinbarkeit von Judentum und Europäisinus klassisch vorgelebt, er hat das bis dahin verachtete Judentum zum ersten Male in einer europäischen Kultursprache ist seiner Eigenart und seinem Eigenwert dargeßellt, er hat als sein begeisterter Anwalt das Eigenrecht des Judeseins innerhalb der Kulturi^renschheit siegreich vechre ten und so eine Welt!von Vorurteilen aus dein weiteren Entwicklungswege der Judenheil mit schicksachafter Zielsicherheit geräumt. Für seine verschüchteren jüdischen Zeitgenossen bedeutete er noch mehr. Er bewies ihnen, daß sie gute Juden und zugleich vollwertige Europäer sein konnten. Er schenkte chnen das Zu/ trauen zu chrer nichtlüdischen Umwelt wieder, das sie in den Jahrhunderten der Verfehmung naturnotwendia verloren hatten, indem die Ach tung, die er selbst genoß, aus seine Glaubens gemeinschast ztzrnckstrahlte. Ter Ghettojude, dem noch bis vor; kurzem jeder Straßcnbube sein „Nlach'Mores, Jud'" zurusen durste, reckte die Sklavengestalt!im Bewußtsein seiner Menschen würde. Klirrend sielen die Retten von seinen Armen, das Wunder der Erlösung war geschehe» — er war fres! Wenn später Fürsten und Re gierungen den , Juden das Bürgerrecht und die Gleichberechtigivig auch gesetzlich zugestanden, so ivar das nur die sörmliche Anerkennung dessen, was sie tatsäclpich durch Mendelssohn geworden waren: kulturell und ideell vollberechtigte Euro, päer! , Daß Moses' Mendelssohn für die deutsche» Juden der Le>rmeisler der deutschen Sprache geworden, daß er durch seine Bibelübersetzungen und Bibelerklär uigen nicht unwesentlich zur Perticsung des Pchständnisses der hl/ Schrift bei getragen, daß et da und dort bei Entrechtungen seiner Glaubensgenossen für ihre Rechte zuineist durch die Vermittlung seiner vielen nichtjüdi schen Freunde «cingetreten, tritt gegenüber die» ser überzeitlichen Leistung Mendelssohns lveit zurück, so bedeutsam es im Einzelfalle geivesen sein mag. Für' diese' überzeitliche Leistung ist die Kultnrjudeitheit der Erde Mendelssohn zu bleibendem Daijte verpflichtet. Rein Mensch, ,so berichtet die hl. Schrift, kennt die Grabstätte d«s Mose bis zu diesem Tage. Er ist eben ein wirklich Unsterblicher, ein Ewiglrbcnder. So oft seine Tshora aufgerollt und sein Wort verlesen wird, s wicht der lebende Mose zu den Menschen. Ter iebente Adar ist der Tag seiner Geburt und seires Todes d. h. der Tag seiner Unsterblichkeit. Die Feier des zweihundertsten Geburtstages Moses Mendelssohns hat nur dann einen. Sinn, wenn wsr in ihm keinen Toten be trauern, keinen Schatten zu einem Scheindasein wecken, sondern seinen Lebenden verewigen. Er gehört zu den Menschen, die zeitlos nachwirken und die deshalb lallen Zeiten vieles n»d großes 3Iratltc&e ^efanntmoctiniioen Israelitischer Ochrrat. B^werberaufruf. Bewerber um d!»e Stelle des israelitischen Reli gionslehrers in Mergentheim haben sich u» ter Vorlegung eiipes Lebenslaufs und ihrer Zeug nisse bis zum 22/ September 1929 beim Israeli tischen Oberrat in Stuttgart zu melden. Stuttgart, 26. slugust 1929. >MW>lIlIMWIWWW«! inniiniflitiimitnintmiHitnimiininmminiünnmiim^ SCHIEDMAYER PtanoforMtetHlk v. J. u. P. aotjtodmaLy««’ STUTTGART, Neokarstrasse IS« Kok» uirio*»tra».» FLÜGEL / PIANINOS / HARMONIUM PRIX HMtts-rvuB

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