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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1929-08-01 · 9 (1.8.1929) · p. Seite 119

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VI (1929-1930)
Issue
9 (1.8.1929)
Date
1929-08-01
Page
Seite 119 (sequence 1)
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Die Mittelparteiler werden als Assimilanten verspöttelt. als Indifferente gebrandmarkt, wenn nicht gar als Feiglinge an den Pranger gestellt. Man sucht und findet in der Neutralität Charakterlosigkeit, rückgratlose Nachgiebigkeit, mattherzige Erbärmlichkeit. Man vergißt dabei, daß Neutralität, die Stellungnahme zwischen den Parteien, zumeist das Ergebnis ernster abwägender Entscheidung ist, daß zu einer Stellungnahme jenseits des Parteistreites ein höherer Mut gehört als zu dem andächtigen Nachbeten parteidogmatischer Programme. Es muß geradezu als Sünde gegen den heiligen Geist der Gedankenfreiheit bezeichnet werden, daß alle organisierten Parteidogmatiker das Verdammungsurteil über jeden aussprechen, der es wagt, einen eigenen Weg außerhalb der programmatisch vorgeschriebenen Parteistraße zu wählen. Sie haben insoweit recht, als Neutralität Eigenwegigkeit, Ueberparteilichkejt» bewußte Abwehr und Abkehr von jedem alleinseligmachenden Togma ist. Sie sehen in jedem Neutralen deshalb ihren Erb- und Erzfeind, daj er das Gemeinsame und Einende im Kampfe der Parteien betont und jede Ueberspitzung der Gegensätze als Ueberreiztheit empfindet. Die Mahnung zur Neutralität ist der Ruf zur Sammlung, zur Hintansetzung des Trennenden um der höheren AllLemeinwerte willen. Jede parteiliche Atomisierung, jede Zerspaltung in Gruppen und Grüppchen bedeutet einen Krastverlust; jede Preisgabe der Sonderideen ist dagegen eine Speicherung und Steigerung der Kräfte. Neutralität ist also nicht etwa die leichtfertige Preisgabe einer Idee und noch weniger eine Verwaschung und Vertuschung der Gegensätze, sondern die bewußte Stellungnahme über den Parteien in der Erkenntnis, daß das Gemeinsame wertvoller ist, als die sinnlos übertriebenen und fanatisch übersteigerten Verschiedenheiten. Wer die Gemeinschaft will, wird um des großen Gemeinsamen willen das kleine Scheidende übersehen und damit Größeres wirken als die kleinliche Spitzfindigkeit fanatischer Dogmatiker. Für eine umkämpfte Minderheit gibt es gar keinen weiseren Rat als Gegensätzlichkeiten nach Möglichkeit zu überbrücken und statt der Verketzerung Andersdenkender diese in den Bereich ihrer Mitarbeit einzubeziehen. Das gilt in besonderem Ausmaß für die parteilichen Kämpfe in der Gegenwattsjudenheit. Tie Juden waren stets Parteftheoretiker und Künstler in der Herausarbeitung von Gegensätzlichkeiten. Wer einmal die lange Liste der jüdischen Parteien überprüft, der wird die sinnlose Kraftvergeudung betrauern, die in solcher Kleinlichkeitskrämerei Befriedigung findet. Daher marschieren hinter den Fahnen dieser Parteien meist winzigste Zwerggemeinschaften, die in einer fast kindlichen Selbstüberhebung glauben. daß das einzige Heil in ihrem Parteiprogramm beschlossen liegt. Wie unwillkürlich drängt sich dem Zeitkritik^r die Frage auf: Ist wirklich die Masse der Juden so verblendet, daß sie um eines Fantomes wfllen die Einheit preisgibt? Tie überraschende Antwort lautet: Die Mehrzahl der Juden steht diesem Parteifanatismus äußerlich und innerlich fern. Es fthlt ihr nur die Entschiedenheit, dies ofen und ehrlich auszusprechen. Sie scheut die Verdächtigung, die alle Juden brandmarkt, die iar Judesein als etwas lieberparteiliches empfinden und sich von jeder Partei etikettierung bewußt fernhalten. Und doch braucht das Judentum der Gegenwart die Konstatierung, daß die Partei de, Parteilosen die Mehrzahl der bewußten Juden umfaßt, die eine parteiliche Unft« sormierung ablehnin und als Nurjuden die Heimkehr zum Judentum, zu seinen geistigen und religiösen Quellen, zu seiner sittlichen und sachlichen Betätigung als i jr Programm festhalten. Sie bilden die Gemeirschaft derjenigen Juden, die nicht nur Namenjuden,- sondern Tatjuden, nicht Parteianbeter, sonrern Ueberparteiliche sind und allein sein wollen. Tie Partei der Parteilosen kann ihrer ganzen Eigenart nach allerdings nicht kämpferisch hervortreten. Sie steht abseits von der Arena, auf der sich die Parteikämpfe des Tages abspielen. Und doch sind sie nicht weniger wert als die lauten Parteisprecher. Tenn La, hammidrosch ikkor ello hammasseh „Nicht die Exegese, nicht das Parteidogma, sondern das jüdische Leben macht den jüdischen Menschen". Jona antwortet aus die Frage: Was ist dein Beruf, wi her kommst du, was ist deine Heimat und von welchem Volke bist du? „Ich bin ein Hebräer und den Herrn, den Gott des Himmels, fürchte ich, welcher das Meer und das trockene Land gemacht hat!" Ich bin ein Jude, mein Tun und mein Lassen, mein Handel und Wandel, mein Wirken und Wollen ist damit umschrieben. Tie Weisen in Israel unterscheiden (Berachoth 58 zp Jesaia 66, 12) dreierlei Arten von Frieden: Es gibt einen Frieden, der gleicht einem Gefäß, von Feuern uml, dert --- das ist kein rechter Friede, der von Zwietracht umbrandet ist. Es gibt einen Friede a, der gleicht den zankenden Vögeln, die sich streiten und davonflattern — und dann ist Ruh«. Der echte Friede gleicht dem Strome, an besser beiden Ufern die Menschen wohnen — er selbst aber trennt und bindet zugleich. Von ihm säst der Prophet Jesaia: „Stehe, Frieden zu, der dem Strome ich leite Ihm den gleicht." Ter erste Friede willigen, die sich gelten lassen 2UHttU»r »efantrtmac&tmoet« Israelitischer Qderrat. Am 6. September 1929 sind 200 Jahre seit dem Geburtsmg Moses Mendelssohns ver gangen. Tie s außerordentliche Bedeutung Menr delssohns fürj die geistige Befreiung der deutschen Juden ist die Veranlassung, daß überall an diesem Tage Gedenlseiern veranstaltet werden, die an die geschichtliche Bedeutung des großen Weltweisen und i feine großen Leistungen für dit Kultur der Menschheit erinnern sollen. Ter Obertzat bestimmt, daß am Sabbath, den 7. Septembers (Wochenabschnitt Schoftim), in allen Synagogen des Landes eine gottesdienstliche Ge dächtnisfeier ^veranstaltet wird, in der in einer entsprechenden Ansprache auf die Bedeutung des Tages hingewiesen werden soll. Anläßlich per Jubelfeier werden die gesammelten Werke Mtzses Mendelssohns in einer kritischen Ausgabe erscheinen. Es wird den Gemeinden empfohlen, für ihre Büchersammlungen diese Neuausgabe der Wetke Mendelssohns anzuschaffen, falls diese in der dortigen Sammlung noch nicht vor- Händen sind., j Nördlinger. Friede. Ter zweite Friede ist der Friedhossfriede, der n»r ein vertagter Krieg ist. Ter dritte ist echter Friede, denn der Strom trennt nicht -ter grenzt abj und verbindet. Ter echte Friede ist Einheit, aber nicht Einerleiheit. Er gibt sich nicht auf. lägt aber der Meinung der anderen ihr Recht. Tie Judeüheit der Gegenwart kann des krankhaften Parteiwirrwarrs nur Herr werden, wenn die Partei dtzr Parteilosen ihr Lebensrecht fordert und ^durchsetzt. Rechts und links sind berechtigt Aber es gibt? einen Mittelweg, der das Gute der beiden Seitejn beachtet und friedvoll ausgleicht - und so beides verbindet. Tie goldene Mittelstraße ist der Weg zum Frieden. Tie Partei der Patteilosen hat diesen Weg zu bahnen und zu bauen. ist der Scheinfriche der Eigendurchtrotzen, die andere nicht vierhüllte Zwittracht, aber kein ffttt ftad 3fraueatoaf}lre<8t. Bom! Württkinbergisch-Hohenzollrrnschen Landesverband des jüdischen Frauenbundes erhalten wir dies folgende Erwiderung? Im Gememdeblatt vom 1. Juli veröffentlicht Herr Dr. Rieger eine ktttische Bttrachtung über „Schlagivörtetz". In' engem Zusammenhang mit diesem Titel ibringt er die beiden Tagungen des Jüdischen Frauenbundes in Hamburg und Berlin. Es muß schmerzlich berühren, wenn, neben der Fülle der Referate, die zeigten, wie viel positive Arbeft vom Bund geleistet worden ist, ein paar Sätze tzus der Festnummer der Bundesblätter dermtzsgegriffen werden, um gegen das passive Wahlrecht der Frau Stellung zu nehmen. „Unsrere Mütter dachten anders." Das wollen wir gewiß nicht bestreiten. Doch so wenig, wie SCHIED ManofortaMxlk v. J. u. MAY j. P.pohMmaytr YER STUTTGART, Neckarstrass« 13, Nok» uiiwaatr»»»» FLÜGEL / PIANINOS / HARMONIUM

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