Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VI (1929-1930)
- Issue
- 8 (16.7.1929)
- Date
- 1929-07-16
- Page
- Seite 111 (sequence 5)
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* wissen, ob Kunstwerke, für die zehntausende vo» Rubeln bezahlt wurden, mit oder ohne Rahmen so viel wert seien, und wer schließlich „für sowas" soviel Geld gebe. Ter Vater beschloß das Gespräch mit den verständnisvsolaufgenommenen Worten: „Gibt es denn wenig meschuggene Menschen auf der Welt?" - Vielleicht hätte der junge Künstler niemals sein Ziel erreichen können, wenn er nicht von einer Leite unterstützt worden wäre, von der es eigentlich am wenigsten zu erwarten war: von Wladimir Grigorijewicz Ostrowsky, dem christlichen Bezirkshauptmann von Orscha. Zu dem hatte sein Vater gute, den Funktionen der jüdischen „Kammerknechte des Heiligen Römischen Reichs" ähnelnde Beziehungen. Wenn Ostrowsky einen Rat brauchte oder sonst einen Menschen mit einer besonderen Mission zu beauftragen hatte, dann wandte er sich an den Vater Jehudos, der alle diese Aufträge mit viel Geschick und Erfolg zu erledigen wußte. Ein fast freundschaftliches Verhältnis bestand zwischen Jehudos Familie und der des allmächtigen Bezirkshauptmann-, und besonders die erstere hatte hierin manchen Vorteil. An den jüdischen Festtagen schickte man dem „Oden", dem hohen Herrn, Leckerbissen ins Haus, die ihm mit dem Wunsche: „Verspeisen Sie es zur Gesundheit" übergeben wurden. Ostrowsky war ein Mann von Lebensart. Als (hegengefchenk überreichte er eines TageS dem Vater den schönsten „Talis", der in den Geschäften der Judenstadt aufzubringen war, mit den Worten: „Ich weiß, daß ihr Juden, eingcwickelt in diesen Talis, begraben werdet. Ich möchte, daß Ihr einmal mein Geschenk mit ins Grab nehmt!" Tiefem Bezirkshauptmann hatte es Jehudo Epstein zu verdanken, wenn die Ellern schließlich ihren Widerstand aufgaben und ihn auf die Wilnaer Zeichenschule schickten. Er verschaffte ihm Portait-Austräge, um ihm so die Reise zur Kunstakademie in Wien zu ermöglichen und nahm an ihm immer hilfsbereiten Anteil. Er schickte ihm einen russischest Auslandspaß — aber Jehudo mußte ihn verfallen lassen; er hatte das Geld für die Wiener Reise noch nicht zusammen. Dem jungen Kjjnstbeslissenen blieb schließlich nichts anders übriaT^qls sich über die Grenze schmugges einem kalten Herbstmorgen luuernahm das verhungerte „Bocherl" d^s Wjtgnis. Während der russische Wachtposten mlkgeschultertem Gewehr 111 — Auto-Reparatur-Werkstätte Jl k \ Hans Schrada STUTTGART-BERG Poststr. 28 / Tel. 41328 Fachm. geleitet 1 30jährige Erfahrung! über die Brücke patroullierte, watete ein kleiner, blasser Judenjunge durch den Fluß, dess mit seiner Skizzenmappe :n Wasser dem Nichtschwimmer bis zu den Achselhöhlen reichte, und stand nach langen und ba rgen Minuten am deutschen User. An der Wiener Kunstakademie unterzog er sich der Aufnahmeprüfung und wurde — in den zweiten Jahrgang ausgenommen. Und »veil das Wort „Kur stakademiker" so schön klang, ließ er sich Visiten! arten machen, damit er es gleich schwarz auf weiß hatte. — Aus dem verschüchterten Judenjungen wurde rin ausrechter, charaltervoller Mann. Hunger und dauernde Entbehrung beugten den jungen Kämpfer nicht. „Aus ältestem Israel machte sich ein Kind auf den Weg und fand nach harter Wüsten, Wanderung sein gelo!»tes Land". So charakterisiert E r n st B a r l a ch Epsteins Weg in einem schönen Gleichnis. IV. Jehudo Epsteins im I. Engelhorns Nachf Verlag, Stuttgart, erschienene Erinnerungen sind ein menschliches und kulturhistorisches To kument. In behaglicher Rückschau entrollt der Verfasser ein Bild seiner ostjüdischen Heimat mit bewundernswerter Einfühlung in den weltfremden und doch so erdnahen Geist ihrer Mensche». Gerade wir westeuropäischen Juden, die wir uns so oft etwas auf unsere authochtone Existenz einbilden und, wie Joseph Roth in seinem schönen Büchlein „Juden auf Wanderschaft" sagt, „auf unsere sauberen Matratzen stolz sind, die wir fühlin, daß wir von Osten viel zu empfangen hätten und vielleicht wissen, daß aus dem Osten nicht nur Taschendiebe kommen, die der Lokalbericht als niederträchtigstes Produkt westlichen Europäeftums als „Gäste aus dem Osten" bezeichnet" j— wir dürfen in Epsteins Erinnerungen einest tiefen Blick in die Seelen unserer östlichen Glaubensgenossen tuen. Und da kommen uns gar manche Erkenntnisse: Es sind, von der religiösen Seite gesehen, Menschen unhier im Wester die uns in seres Geistes n ir mit dem Unterschiede, daß wir nachdenklichen Stunden selbst recht zweifelhaft vorkommt und die nicht zuletzt uns um die fteie religiöse Sicht und Primitivität gebracht hat. Denken wir an unsere Kindheit zurück, »ann fühlen wir, daß die Wege derer im Ostest einst auch die unseren waren: messen wir untere gegenwärtige Situation an den ostjüdischen Verhältnissen, dann erkennen wir, was uns! trennt und merken im gleichen Augenblick, daß wir seit Jahrtausenden zusammengehören. Ta schlägt das „lew tow", das jüdische Herz »nit wilden Sprüngen .und sucht die Bande zu sprengen, die Vorurteil und Zivilisation, nicht „Kultur", um unsere Brust ge legt, da keimt ein Ahnen in uns, ein Wissen um die jüdischen Aufgaben in der Welt, die wir erfüllt haben stnd noch erfüllen müssen. Aus der religiösen Gemeinschaft früherer Jahrhunderte, aus der im Osten noch bestehenden „Kehillo" haben wir unk in eine politische Gemeinde zu rückgebildet, trat der Emanzipation hat sich'das ,,(etv" emanzipiert und blüht immer wieder aus, wenn es an Stätten geführt wird, wo die kul tische Form Zugleich .hehrster Inhalt ist, wo Menschen sich ganz in den Willen Gottes ergeben und mit einer ^Inbrunst ihre religiösen Aufgaben erfüllen, die nur aus der Erkenntnis ihrer Ewigkeitsbedeutung strömen kann. Was an Ep steins Erinnerungen, ganz abgesehen von ihrer jüdisch-kulturhfstorischen Bedeutung, aber ganz be sonders packt, das ist die Unbedingtheit, mit der diese Juden qon Sluzk, Orscha usw. das Leben in seiner Ganstheit akzeptieren, das ist der Lpti mismus, mit hem sie ihren Weg gehen. Sie war ten aus den! Schall des „Schofar Moschiach" zu einer Zeiti da das Judentum der Welt sich über die .Fra^e streitet, ob es eine Religionsgemeinschaft oder ein „Volk" ist, sie warten aus den Gesapdten Gottes, während die Natur Wissenschaften die Seelen der Menschen sezieren von einer „Äultur" beleckt sind. Amateur!- Photohau» L Br«M BCrihsenstr.M >41 NeuzelOlohe Tapeten ( w ) Flotte / Tcp \JU Lienhart SkUfirt, (MnstraM7 ESI piche « iMIfSir. Jt.&’ran/c (Friedrichsbau St tynk. Dl. Prank S. §«/. SKarxtr Qtgründtt 1894 Spezialgeschäft feinster tfionb, und Schokoladen "GtUfon 21202 ittgarl ms NEUZEITLICHE NOBEL ln bester Qualität zu sehr günstigen Preisen STUTTQART Senefelderstr. 72 Diese Freude! DAMEN FRISEUR s l CHS! 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