Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- VI (1929-1930)
- Issue
- 5 (1.6.1929)
- Date
- 1929-06-01
- Page
- Seite 67 (sequence 1)
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ES wird auch bis zu einer gewissen Grenze hem Forscher gelingen, .in das Geheimnis dieses Werdens einzudringen. Er wird die landschaftlichen, die völkischen, die wirtschaftlichen Voraussetzungen aufzeigen, die zu dem Glauben verleiten, daß der große Mensch und das große Ereignis eine zwangsläufige Enderscheinung darstellen und daß man sie restlos aus ihren Vorbedingungen erklären kann. Die Gegenwartsgeschichtsschreibung ist nicht wenig stolz darauf, die Umwelt der großen Tatsachen des Weltgeschehens und der Geistesgeschichte aufgehellt zu haben. Es ist aber eben nur die Umwelt gewesen, die sie aufzuklären vermocht hat, nicht die innere und eigentliche Welt, nicht die geheimnisvollen Triebkräfte, die unmeßbar und unwiegbar sind und doch das Letzte der Ereignisse erst zu klären imstande sind. „Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geists. Nur bis zu den Außentoren führt der oft steile, mühsame Weg. Es ist schon ein Glücksfall, wenn es dem Forscher einmal vergönnt ist, durch die Spalten hindurch einen Augenblick in den „inneren Garten" zu schauen und ein Sonnenleuchten aus seinen Fluren zu erhaschen. Am Ende bleibt eben ein letzter Rest, der das Geheimnis, das Eigentliche und Wesenhafte dieser Menschen und Tatsachen, ihr ewig Undeutbares ausdrückt. Die Sprache hat für diesen Rest den Begriff Genie und Genialität geschaffen, ohne erklären zu können, was und wieviel sich hinter diesen Begriffen birgt. Auch Israels Osienbarungsgeschichte teilt das Schicksal aller weltumwälzenden Geschehnisse der Menschheit. Berufene und Unberufene haben sich gemüht, den Schleier vom Geheimnis der Stunden auf dem Sinai zu lösen. Sie haben auf Moses geistige Entfaltung in den Schulen Aegyptens als des Adoptivsohns der ägyptischen Königstochter, auf sein Eindringen in die Kultur Südarabiens als Schwiegersohn des Oberpriesters von Midjan, auf seine Berührungen mit der geistigen Welt Kanaans hingewiesen, um das Undeutbare in Mose menschlich zu deuten. Es tut seiner übermenschlichen Größe auch wirklich keinen Abbruch, diese Einflüsse anzuerkennen. Aber selbst dann bleibt nicht nur ein kleiner Rest, nein, so unsagbar viel im Problem Mose, was menschlich unfaßbar, was in ihm zeitgeschichtlich unbegreiflich und doch geschichtliche Wirklichkeit ist und darum in scheuer Ehrfurcht als das Kottesgeheimnis in ihm bezeichnet werden muß. Alle Fragen, warum das Schicksal gerade Mose zum Prometheus der Menschheit erkoren, warum gerade aus Israel dieser Lichtbringer entkeimt ist, verstummen vor der übergewaltigen Tatsächlichkeit dieser Erwählung. Hier versagt der grü belnde Intellekt, und demütige Frömmigkeit muß fast kindlich anmutenden Worte gefaßt hat: „Wie viel Liebe ist doch Israel durch das köstliche Gut der Offenbarung zuteil geworden; das aber ist die Steigerung dieser Liebe, daß ihm geoffenbart worden ist: Ich habe euch ein kostbares Aut zu eigen gegeben, verlaßt meine Offenbarung nicht (Sprüche der Väter 3, 18)" oder wie es Rabbi Chananjah ben Akaschja ausgedrückt hat: „Ter Heilige, gelobt sei Er, wollte Israel weihen, darum hat Er sich ihm offenbart." Man mag noch so oft und noch so eindringlich von der natürlichen Offenbarung reden der Sinai bedeutet die Grenzstation dieser Natür lichkeit, hier tritt der Gotteswille der Erwählung sichtbar zu Tage. Es bedeutet die Aufhebung aller geschichtlichen Gesetze, daß aus einer Sklaven Horde das noch heute unerreichte Sinaigesetz geboren sein soll, das als erstes die Ueberwindung des Heidentums und die Ethisierung des ganzen Lebens proklamiert hat. Erst wer weiß, wie tief die Kulturmenschheit noch heute im Heidentum verhaftet ist, erst wer empfunden, »uie weit die Menschheit auch noch heute von der Erfüllung der sittlichen Forderungen des Sinaigebotes ent fernt steht, wird die fromme Größe des Wortes 3gmtltcf>e 3$eVannttnact>Mii0eta Ter Lberraf der Israelitischen Religionsge meinschaft Württembergs hat die erledigte Stelle eines Religion^lehrers in Crailsheim dem Lehrer Salli Silbermann übertragen. ganz begreifet^ „Ter Heilige, gelobt sei Er, wollte Israel weihen." Tie Ueberzeygung von der Envählung Israels zum Träger Religiöser Ideale mag hart, mag selbstgefällig, mag vielleicht gar anmaßend für alt zu empfindsame Ohren klingen sie bleibt, auch an den letzten Weisheiten der griechischen und neuzeitlichen Genies der Menschheit genres sen, geschichtliche Tatsache. Taß diese Erwählung Israel leine Vorrechte erschloß, daß sie für Js rael kein Freibrief zu genießerischer Erdenseelig keit gewesen, sondern sein tragisches Schicksal ge worden, seines Erwählung zum Märtyrer für seine Ideen und Ideale weiß jeder, der Israels Tränengeschichte auch nur oberflächlich kennt. Und doch strömt neuer Lebensmut durch Israels See len, so oft dys Wort vom Sinai ertönt: „Ihr sollt mir eins Reich von Priestern und ein hei liges Volk worden". Tann schaut es durch Trä nenschleier gläubig zum Sinai auf und bekennt mit dem ältest Lehrer: „Ter Heilige, gelobt sei Er, w o l l t es Israel weihen. Habe Tank, daß Du uns dürft Teine Lehre erwählt und uns durch sie zum Träger ewiger Wahrheit gemacht hast." Religionen und Sekten in Jerusalem. Von Dr. Lavoslav Sik. Im großen teilen sich die Juden Jerusalems in sephardischf, das sind jene, die bis zur Aus treibung aus» Spanien und Portugal auf der iberischen Halbinsel wohnten, und in askenasischc, die aus Teytschland stammen. Letztere unter scheiden sich jvieder in Ost» und in Westjuden. Ebengenanisiie Einteilung kann aber für Jeru salem nicht aljs genügende Tisferenzierung beirach tet werden: Hier gibt es Juden aus dem Jemen, deren Ahnen snoch vor der Zerstörung des Tem pels unter Titus dorthin auswanderten. Ein Teil der jemenitischen Juden leitet wieder seine Herkunft von den himjaratischen Stämmen ab, die vor Molmmmed zum Judentume übertraten und damals ihr eigenes Königreich bildeten. Hier findet Man Arabisch sprechende Juden aus Aleppo in Syrien, während die persischen Juden sowie jene äus Buchara und die kaukasischen Bergjuden ihre Sprache, ihren eigenen Ritus und ihre Gcmnge, hierher mitgebracht haben. .Hier gibt ks Samaritaner aus dem alten Si chem, dem heutigen Nablus, die sich noch zur Zeit Esras vom offiziellen Judentume losgelöst haben und nun nach 2600 Jahren mit dessen Anhängern wieder Ehen eingehen. Tie Worte des Propheten Jesaias, daß alle Völker nach Jerusalem ziehen werden, sind in ihrer Art in Erfüllung gegangen. In Jerusalem bestehen heute ständige Gotteshäuser von 48 verschiedenen Religionen. Wenn man aber diese Kultstätten nach Riten, Sekten und Sprachen scheidet, dann kann man wohl sagen, daß es hier, an der Wiege der drei mono theistischcn Religionen, etwa ein halbes Tausend Arten gibt, nach denen sich der Mensch seinem Schöpfer naht. Früher, noch vor einem Jahrhundert, war die Situation insofern einfacher, als die Bekenner der damaligen Hauptkonfessionen in vier streng von einander geschiedenen Stadtvierteln) dem arabischen, jüdischen, muselmanischen und orientalisch-christlichen wohnten. Seither hat sich aber die Stadt an Einwohnern um das Zwanzigfache, an Umfang um das Fünfzigfache vergrößert und gerade hier, wo die Anhänger so vieler Konfessionen neben und durcheinander leben, muß es nolens volens, früher oder später zu einem friedlichen Zusammenwirken aller kommen. Jerusalem heißt ja doch „die Stadt des Friedens." SCHIEDMAYER Ptanofortefabrtk v. J. u. P. Sohludmayur STUTTGART, Neokarstrasse 12, »oka uirtohatre«»« FLÜGEL / PIANINOS / HARMONIUM iiKimiHiHiiiiii mtHi iiiniiiiit iiiHiiKiinniiiiiiniimiHniiitii | MISTE MJSOH STIMMUNGEN KQUEME TEILZAHLUNGEN ■pruoi-tur 41/48 MHUIHIIIIIII PRIX «UM-ITVUS UIIIHIIIIIIIIIIIIIIIIUIIIIIIUtlllU