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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1929-05-16 · 4 (16.5.1929) · p. Seite 53

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VI (1929-1930)
Issue
4 (16.5.1929)
Date
1929-05-16
Page
Seite 53 (sequence 1)
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Daraus, daß wir Juden nachgewiesenermaßen von ihr mehr heimgesucht n-erden als andere Bevölkerungsschichten, für uns. ungünstige Schlüsse ziehen zu wollen, wäre demnach verkehrt. Oder »vir müßten die hervor ragendsten Denker des Menschengeschlechtes als minderwertig bezeichnen. War doch das Uebel der Neurose unter ihnen sehr verbreitet. Dies hat der Gelehrte A. Herzberg in seinem Buche: „Zur Psychologie der Philosophie und Philosophen" ') gezeigt. Die Neurose äußert sich in einem lang anhaltenden Ermüdungsgefühl, ohne daß der Kräftevorrat abgenommen hat, geschweige denn erschöpft ist, in Reizbarkeit, Arbeilsunlnst oder Arbeitshetze, Unzufriedenheit, Mißmut, Schlaf lojigkeit. L. Freud hat noch eine besondere Form der Neurose gefunden. Er nennt sie „Angstneu rose"; denn alle körperlichen und seelischen Er scheinungen tvie Herzklopfen, Lchtveißausbrüche und Aufschrecken während der Nacht, Aengstlich feit, Schwarzbrennerei geben ein deutliches Bild der Angst. Ter erwähnte A. Herzberg bemüht sich, die tieferen, Ursachen der Neurose aufzudecken. Das Ergebnis hat er in einem Aufsatz niederge gelegt, der betitelt ist: „Ter Erregungshem mungskonflikt in der Aetiologie der Neurose".-) Auf Grund der ivelcherühmten Versuche Pawlows, der die Neurose bei Tieren erzeugt hatte und eigener Betrachtung der (Keistcshelden, die zweifellos neurotisch ivaren, vertritt er die Ansicht, die Neurose entstünde dadurch, daß starke Triebe und Leidenschaften immer lvieder gehemmt wür den. Sie würden fortlvährend erregt und gleich zeitig gehemmt. Erregungshemmungskonflikr. Ties vertrüge die Seele auf die Tauer nicht. Sie räche sich für diese Mißhandlung durch die Neurose. Diese Feststellung ist aber nicht bloß für de» Seelenarzt, sondern auch für den Erzieher, den Seelsorger, Religions und Sittenlehrer von al lergrößter Bedeutung. Wirklich ist es nicht zu bestreiten, daß nicht wenige der großen Ten ker leidenschaftliche Menschen ivaren, erfüllt von starkem Tatendrang. Leider waren sie auch angst lich, schüchtern und schreckten vor ihrem eigenen Mut zurück. Zwei Seelen ivohnten, ach, in ihrer Brust wie in der des Faust. Sie fühlten sich hingezogen und zurückgestoßcn. Dieser ewige Widerstreit in ihrem Innern hat ihrem Seelen leben Schaden zugesügt. Ter Lehrer, der über etwas Erfahrung verfügt, wird denselben Zwiekampf in sehr vielen Heranwachsenden wahr nehmen. Es sind so oft gerade die Begabtesten, vom schöpferischen Geist Beseelten, die infolge innerer Hemmungen wie Scheu, Schüchternheit, Schamhaftigkeit, Aengstlichkeit und Mutlosigkeit gefesselt sind. Könnte Man ihnen helfen, sie zu überwinden, würde man eine Fülle bester Kräfte freimachen. Was würde aus Mose, dem von Natur Scheuen lund Schüchternen, geworden sei», hätte Gottes Zorn ihn nicht gezwungen, die Aufgabe zu übernehmen, für die nur er ge schassen war, die er sich aber nicht zutraute. Er wäre der Hirte Jethros geblieben und nicht der unsterbliche! Lehrer des Menschengeschlechtes geworden. Sein Aufschrei: „Ich bin ein Man» von schwerem Mund und von schwerer Zunge"3), verrät Unsicherheit, Aengstlichkeit und Zaghaf tlgkeit, wie nicht minder der des Jeremia: „Ich kann nicht redsn, denn ich bin noch so jung."') Ohne die Hilft Gottes 'ivären sie ihrer inneren Hemniungen nicht mächtig, und die Menschheit wäre ärmer c^eivorden. Es braucht nicht erst gesagt iverden, daß innere Hemmungen notwen big, auch die genannten für den großen Teil der Meilschheit nicht entbehrlich sind. Beinahe witzig klingt der Ausspruch des Talmudweisen: „Wäre nicht die Furcht vor dem Schiverte vorhanden, würde einer den anderen lebendig ver schlingen."') Doch dürfen sie nicht die Ent falturig wertvcller! Fähigkeiten, nützlicher Anla gen behindern. Wtcviel Segen könnte hier der Erzieher stiften, der in junge Seelen zu schauen vermag. Biellcicht, daß diese oder jene sie werden die Au lnahme bilde» auch ohne fremde Hilfe zur inneren Erlösung kommen. Aber unter welchem Opfer? Dem der Neurose, die von dem schweren Kamps zwischen Trieb und Hemmung ein trauriges Zeugnis ablegt. Wieviel edelstes Menschengut lönnte der Erzieher erhalten, >vie viel Glück bereiten, wenn, er die Gewalten der unzweckmäßig ivirkenden Hemmungen schwächte oder gar beseitigte und so dem Tüchtigen freie Bahn machte.! Neben den angeborenen Hemmungen gibt es solche, die wft künstlich schassen. Leidenschaften wollen sich entladen. Wir setzen ihnen die Kraft des Willens entgegen, wir rufen ihnen zu: „Bis hierher und nicht weiter! Und hier soll sich deiner Wogen Prall brechen."") Ten Willen, durch Uebung so stark zu machen, wird immer eine wichtige Erziehungsangelegenheit sein. Ein Tal mudweiser wisst die Frage auf: „Wer ist ein Held?" und beantwortet sie dahin: „Terjenige, der seine Leidenschaften zu bezwingen versteht." '■) Selbstbeherrschung ist eine schwere Kunst und eine hohe Tugend. Freilich nur für den, dem starke Triebe und Leidenschaften angeboren sind. Tem hervorragenden Menschen sind sie eigen, nicht dem behäbigen Turchschnittsmenschen. Ein Mose neigte zum Zorn. Ein Jeremia war von heftigen Erregungen gerüttelt. Ihm war es in seinem Jnnepn, wie wenn Feuer in seinen Ge beinen eingeschlossen wäre.") Tie Beobachtung des Talmuds ist durchaus zutreffend: „Je größer der Mensch, desto größer seine Leidenschaft." Im Zeitalter der „Sachlichkeit" sind aber Lei denschaften meistens nicht am Platze. Sie stören unliebsamer,veise den „Betrieb". Hatte schon Lessing' zu seiner Zeit in seinem Laokoon mit herrlichen ^Worten „die seinen Europäer einerklügeren Nachwelt" verhöhnt, >veil sie sich ge wöhnt Hüften, ihre Gefühle zu verbergen und zu unterdrücken, was im Widerspruch stünde zur menschlichen Natur, und die Griechen gelobt, weil sie sich nicht ihrer Kümmernisse und der mensch lichen Schtvachheiten schämten, wie heftig würde erst sein kladel gewesen sein, lebte er in un serer Gegenwart. Tenn je mehr die Pergesell schaftung!fortschreitet, desto gefühlloser, kühler, beherrschtes müssen wir erscheinen. TaS Kind darf sich Urlauben, bei seinem Spiel, das seine Arbeit istl einzuschlasen. Tie Schule beginnt, und da muß es lernen, sein MüdigkeilSgefühl zu regeln^ Ter Schwede Johannes Alfvön be merkt in l seiner überaus lehrreichen und vor bildlich Uhren Schrift, „Tas Probten, der Er müdung"^ daß unsere Kultur zum großen Teil auf der Fähigkeit begründet sei, den Ermüdungs trieb zu smeistern, zu leiten und zu erziehen, was für jden Wilden eine nahezu unbekannte Sache sei. ) Das gilt selbstverständlich auch von den anderen., (Gefühlen. Wir müssen dir Fähig ~ feit besitzen, sic vor uns zu-laden und sie vor. die Türe Izu setzen. Tas Heft sollen wir in den Händen «halten. Sie dürfen unS' nicht aber den Kops wachsen. Wir müssen sie beherrschen durch die Hemnjungskraft des Willens. Tie Hemmungen des Willsns leisten den Anstürmen der Triebe Widerstand. Immer von neuem werfen sie sich diesen entgegen und schlagen sie zurück: doch selb«, wenn dep Kampf erfolgreich gewesen ist, hat die Seele Wunde» davon-getragen. Ter ständige ErregunAhemmungskonflikt hatte die Neurose zur Folge. Per von ihr Geplagte, ist ein Willensmensch geworden, aber ein verkrampfter, der stets auf der 'Hut vor sich selbst sein muß. Er ist nicht heiser, sondern ernst. Zähne und Lippen sind bei chm aufeinander gebissen. Er wird seiner .und der Welt nicht froh. Er mag ein Held sein, aber e^Sift nicht einer wie Siegfried, der das Fürchten | nicht gelernt hat. Er kommt aus dem Fürchten! aus dem Gefühl der Unsicherheit nicht heraus. Sein Wille hat ja zu schlimme Gegner. Jedesma^ wenn sie niedergerungen werden, er heben sic. sich mit größerer Gewalt. Beide reizen sich gegenseitig, der Trieb und der ihn nirder haltende ^Bille. Die Neurose kann schließlich nicht ausbleibeßr. Ter Wille hatte keine oder eine unzwecknhäßige Nahrung bekommen. Er wurde überangestrengt oder verbildet. Wie viel leichter würde eD dem Willen gelingen, Triebe, Gefühle, Stimmungen zu besiegen oder gar sie zu ver scheuchenj wenn ihm die rechten Gemütskräfte zur Verfügung stünden. Nur wenn er mit ihnen im Bunde ist, ist er oder wird er mit der Zeit stark. Täglich können wir dies auf Schritt und-Tritt be obachten! Ein Beispiel. Ein Elternpaar geht mit seinem ^prößling, einem Knaben von 8 Jahren, spaziere,. Er ist ein munterer Läufer. Tiesmal aber sch eppt er sich nur mühsam vorwärtZ'unk> klagt, eri könne nicht weiter. Er sei zu müde. Daß er dies ist, davon kann keine Rede sein. Ander seits ist! es ausgeschlossen, daß er sich verstellt. WIIlIIWlIWIMtzMlIIIIlIMlMlllWIlIMIWlII>IMMlIIWI>lIlIMIItzlIlIIIIIIlIlIIIIlIIMIIlIIIWIIMIIIWIIIIIIIMlIIMMlllWlllI>IIIlI> SCHIED MAYER Planofortotabrllc v. J. u. 0». lohladmayar STUTTGART, Neckarstrn88e 12,, Eck* uinohatraaaa FLÜGEL / PIANINOS / HARMONIUM HffitmiHi »jjMIMIllllMllIWMWMI>>I>!l>>>!>!i>l>>lI!>!!I!I>i>I>!>>>>>>>I>l>>W>I>IlIU f mihi 1 TAUSOH i 8TIMMUNQEN MQUEM1 rKIt-ZAMt-UNQCN > Pamapraohar •M 41/48 IllllllllllUIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIUIIUIIIIIIIIIIIIIIIIIIilll^

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