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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1929-05-01 · 3 (1.5.1929) · p. Seite 37

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
VI (1929-1930)
Issue
3 (1.5.1929)
Date
1929-05-01
Page
Seite 37 (sequence 1)
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Aber das tausendmal Totgesagte hat alle seine Schicksalspropheten überlebt. Der Midrasch vergleicht Israel mit der Landstraße. Schwere Wagen fuhren über sie und schnitten tiefe Wundspuren in chren Leib, Rosseshufe zerschlugen sie, eisengepanzerte Ritter zerstampften ihre Bahn, aber alle, die über sie hinweggezogen, sanken dahin — die Straße überlebte sie alle. Die neueste Schicksalsprophetin Israels ist die Statistik. Dreimal hochwcise hat sie auf Tag und Stunde ausgerechnet, wann sein letztes Stündlein schlagen wird. ,Die niedrige Geburtenzahl ist der Anfang von seinem Ende; die Mischche zehrt an seinem Blut und Mark; die hohe Sterbeziffer läutet das Sterbeglöcklein. Wenn die Angaben der Statistik richtig sind, dann stcht es übel um Israel. Es ist ein bescheidenes Glück, daß die hauptsächlichen Statistiker Felix A. Theilhaber, I. Kovglnik und Czelitzer in ihren Statistiken einander diametral widersprechen. Am 24. Februar hat in Berlin eine Konferenz für jüdische Bevölkerungspolitik stattgefunden, dir nach einem Referate Felix A. Thcilhabers einstimmig eine Entschließung „zur Erhaltung von Kraft und Zahl der Judenheit" angenommen hat. Sie geht davon aus, daß von der Gemeinschaft der Judenheit aus die Forderung auf ihre Erhaltung durch Geburtenvermchrung nur dann gestellt werden darf und kann, wenn diese Gemeinschaft auch bereit ist, alles an die wirtschaftliche Hilfe und Sicherstellung der Geborenen zu setzen. Sie stellt deshalb elf Forderungen an die jüdischen Gemeinden, die nach der Erwartung der Konferenz Gegenstand eingchender Beratung in der Konferenz der Großgemeinden, in den Landesverbänden und in der Reichsarbcitsgemeinschaft sowie in den Verbänden der Rabbiner, der Lehrer und der Jugend sein sollen. Die Durchführung dieser Forderungen soll den drei Grundübeln im Familienleben der deutschen Juden entgegentvirken: der Zunahme der Ehelosigkeit, der späten Eheschließung und den Ehescheidungen. Disse drei Erscheinungen sind zum wesentlichen Teile in den ungünstigen Wirt schaftsverhältniuen, aber ebenso sehr in dem Nachlassen der religiösen Moral begründet. Die Ab schwächung des I jüdischen Erhaltungswillens offenbart sich nur zu deutlich in der Einkind che, in der beabsichtigten Kinderlosigkeit der Ehe und in der Mischehe. Tie Mahnungen zu erhöhtem Bcrantwortlichkeitsgefühl gegenüber der jüdischen Gemeinschaft haben versagt. Der wirtschaftlich Schwache, der chelos geblieben hat nur zu ernste Beweggründe für seine Ehelrsigkeit. Praktische Bevölkerungs- Politik muß de; halb eingrcifen, wenn nicht der Bestand der Judenheit gefährdet werden soll. Die elf Forderungen sollen zwar erst in einer späteren Zeit G igenstand der Beratung und Entschließung der spruchberechtigten Vertreter der deutschen Juden seit werden. Aber schon vor diesen Entschließur gen hat die jüdische Oeffentlichkeit ein Recht, diese Forderungen kennen zu lernen, um ihr: Durchführbarkeit zu prüfen. Tie erste Forderung verlangt eine weitgehende Wohnunqsunt Siedlungspolitik von den Ge meinden. Die Tragik der Wohnungsnot zwingt nur zu viele, von einer Eheschließung abzusehen, da die B Schaffung einer auch noch so bescheidenen Währung eine wirtschaftliche Unmöglichkeit ist. Tie Zahl der jüdischen Ehepaare, die sich mit einem n öblierten Zimmer begnügen müssen, ist groß. >)ie Unterbringung eines Kindes in diesem einzig:n Raume ist unmöglich. Die jüdische Gemeinschaft sorgt für ihre kranken Mitglieder durch den Bau von Krankenhäusern;!sie schafft für die unheilbar Kranken -Siechenheime, für ihre Gi eise Altenhäuser. Aber ihre vornehmste Pflicht wä e es, durch die Bereitstellung billiger Wohnung«, die Eheschließung denen zu erm-g lichen, die wirtschaftlich außerstande sind, sich nur die b scheidenste Wohnung zu beschaffen-. Die Möj lichkeit der Durchführung dieser ersten Forderung muß ernstlich angezweifelt werden. Die Groß gemeinden Berlin, Hamburg, Frank surt besitze i Stiftungsgebäude, in denen sie eine verhältnismäßig große Anzahl Familien unter bringen. Sie können vielleicht noch eines »her mehrere Häuser aus eigenen Mitteln errichtien. Aber eine weitgchendc Wohnungs- und Siedlungspoliti1 zu treiben, die eine merkliche nachhaltige Ab >ilfe schafft, dazu ist nicht einmal die Graßgemei lde in der Lage. Wie soll es aber mit den 6 hewilligen in den mittleren und kleineren Gemeinden stehen? Sollen die Verbände für sie Wohnhäuser errichten? Das kann kein einziger di c bestehenden Verbände und wird j es Voraussicht ich auch in Zukunft nur in verein zelten Fäll n können. _ Tic zwe:1c Forderung ist, daß die Gemein den eine f ehobenc Sozialpolitik in der Arbeits- und Bcrui rfürsorge treiben sollen. Hier bedarf es wohl k um einer Mahnung an die Gemeinden. Sie hohen schon bisher kinderreiche Fainilien in der Wohlfahrtspflege stärker berück sichtig! al- Kinderlose. Sie haben.sich überall gern dazu verstanden, den Eltern die Sorge um den Nachv uchs zu erleichtern, bisweilen sogar ganz abzur ehmen. Es ist aber mit gutem Grunde zu bezweif ln, daß die Kenntnis der erhöhten Hilssbereits hast der Gemeinden für die neugeborenen Kinder die Familien veranlassen wird, ihre Äinderzahl nicht mehr einzuschränken. Bereits das Altert im hat den Kampf gegen die Entvölkerung mit allen Mitteln ausgenommen. Es hat es an pati iotischen Mahnungen nicht fehlen lasfen; es h< t Giern mehrerer Kinder Steuerer leichterungin und Erbrechtbegünftigungen ge Statistik des kirchl. Lebens der Isr. Religionsgemeinschaft Württemberg. 1927 Radbinate u. Gemeinden Geburten Eheschließungen Kirchl. Trauung 1 cterbffällc Kirchl. Beerdig. Ol 2. c - 3 b> L § £ r-f ü Austritte aus d. Judentum überh. davon ehelich überh. davon rein Israel. Paare am :rt außerhalb bezw. n. Nrchl. getraut am £rt außerhalb am Crt außerhalb »ur chriftl. Kirche! ohne i «ni schloß überh. Babbinat Buchau. 2 2 — — — 7 2 u — — — ■ — — _ — - Göppingen .... 5 5 3 1' 3 2 4 2 6 — — — — — — * Hall ...... . 5 5 5 *-■ 5 i 1 13 — 12. 2 — - — — — — „ tzetlbronn .... 7 i 6 6 1 — 14 — 14 — — ■ — — — ' — . Horb. 5 5 3 3 i — 12 V- 12 ' — — —! - — . „ Mergentheim . . . 7 7 2 2 t 1 15 — 15 1 — — — — „ Oberdorf .... 3 3 4 - I — 3 — 3 — — - — — — Stadtrabbinat Stuttgart . . . 51 4^ 35 20 i r 22 52 8 41 5 15 1 ■ — — 13 Brz.-Rabbinat Stuttgart. . . 9 9 2 2 I 1 13 1 13 — 1 — — — — Rabblnat Ulm. 10 10 5 5 3 2 19 — 19 1927: Insgesamt: 104 100 65 =0 3 8 29 152 13 146 8 16 1 . —! i 13 ■ > -4

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