Mannheim
Compact Memory

Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1929-03-01 · 23 (1.3.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
23 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/4904101-5441815-5443066--2126-4906098
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Gernernde Äettuns für die ifroelitifOen Gemeinden SBttrttemderod i » ««ffeUgrib HUnUd) S Mt, tratet*!*« t.ÄO Mt »temtmtlte 1.M Mt. «nratanniMf U 1UM|spf*iinlg PondKO'Koato: SM» Crff^ciiU wumaUUt lawiawl ob L «. 16. Verlag: Israelitische verlagsaaftalt G. m. d. k>. ferafpr. £33 tt »Stuttgart » Kofcrncnflx. 13 0 d) i i | t I t i‘t n n g: Stadtraddiaer vr. Lieger, Stuttgart, Eyorlotleaftroge 13 |i > i« 11 < ° < i tot «tatpottig« nonpowtll«j«lk SO K«M)«p|cnnlg □m|il|lag|ctien n. Doqogaplfit« noch Sartf, famtit«nonj«tgcn und kUtn« Jtnjdgra tot KktajtU* *0 R«td)ept«nntg. Stkbgntjttl* 1J0 Mt Sei SSiitiiMtngra 9ii|i«fli | a»| v. aaQroatto etnttaaH, l. 9Qflrs 1929 3lr. 23 Nodi einmal: Die Kameradschaftsehe, Gedanken zu einem Zeifproblem. Es ist die verantwortungsreiche Aufgabe einer jüdischen Zeitung, die ein ernster Zeitbeobachter und zugleich ein treuer Wegweiser zu bewußtem Judentum sein will, Zeitgedanken am Maße der Ewigkeit zu messen, Ewigkeitswerte in die Münze der Zeit umzuwechseln. Sie soll sich nicht allzu ängstlich an Gewesenes binden, sich aber von urteilsloser Anbetung des Neuen sernhalten und da- Ewige in der Erscheinungen Flucht festhalten. Sie soll in ihrem Kreise das Eliasamt üben, das Herz der Väter an das der Kinder zu ketten und der Kinder Herzen zu dem der Väter heimzuführen, dem Alter die Augen für die Nöte der Jugend aufschließen und den Jungen das Herz für die Sorgen der Alten zu öffnen. „Mit unserer Jugend und mit unseren Alten dann erst ist das Fest Gottes". Es ist also selbstverständlich, daß sie die Linie festhalten muß, deren Richtung Gewissen, Geschichte und Wissenschaft des Juden tu«S vorzeichnen. Fern von Liebedienerei und Parteienangst muß sie den Mut zu eigener Meinung haben und frei von Selbstüberschätzung auch fremdem Urteile das Le'iensrecht vergönnen. Nach diesen Grundsätzen hat die Gemeindezei tung ihre schlichte Arbeit in den fünf Jahren chres Bestehens geleistet und darf daraus hin weisen, daß sie ein gern gehörter Mahner im Le ben der Judenheit unseres Landes geworden. Natürlich hat sie nicht die unbedingte Zustimmung zu jeder Aeußerung gefunden. Das war niemals ihr Ehrgeiz. Aber ihre Leser erkennen sicher an, daß sie die oben gekennzeichnete Linie nach menschlichem Können getreulich innegehalten. Es geht keine Rümmer der Zeitung ins Land, ohne daß zustimmende oder ablehnende Aeußerungeu aus dem Leserkreise einlaufen. Sie sind eine Bc stätigung, daß der gchotene Stoff den Leserkreis ernst beschäftigt. Schriftleitung und Verlag sind für diese Zuschriften dankbar, haben es aber stets unterlassen, sie zu veröffentlichen, um unsrucht baren Streitereien aus dem Wege zu gehen. Wenn die Gemeindezeitung einmal von dieser Gewohnheit Abstand nimmt, so geschieht das nicht, weil das Zeitproblem der Kameradschaftsehe mehr als andere Zeitfragen eine Aussprache verdient, sondern weil die Zuschriften beweisen, wie tiefgehend die Anteilnahme der Leserschast an j diesem Zeitproblem ist, und weil die Mehrzahl! der Schreiber, die sich zu dem Leitaufsatz geäu ßert, ihm nicht voll gerecht werden. Der Aussatz wollte duichars nicht die Lösung des Problems verkünden, sondern nannte sich selbst im Untertitel „Gedanken zu einem Zeitproblem" Aber darüber hinaus hatte der Verfasser des Auf satzes in der Einführung eindeutig erklärt, daß .er dem Begriff Kameradschaftsehe einen eigenen Inhalt geben wollte. An die Kritik des Lindseyschen Buches war nur in so weit gedacht, als dis sittlichen Voraussetzungen des Buches der Beurteilung unterworfen wurden. Sonst wollte der iAusiatz lediglich die Forderung der wirtschastflichen Mitarbeit der Frau stellen. Die Kritiker weS' Auffatzes Hätten dabei voraussetzen dürfen, M»ß auch der Verfasser weiß, daß die Mutter- Mlicht der Frau ihre Höchste ist, und daß es besser lwäre, sie um dieser willen von der Pflicht der Wirtschaftlichen Mitarbeit zu befrejen, und daß Hausangestellte auch Koste» verursachen. Ter Verfasser wollte aber einmal offenherzig auf die falsche Eitelkeit vieler ijunger Frauen des jüdi schen Mittelstandes Hinweisen, die ihrem Gatten mühelos einen Buchhalter, einen Kassier und vor allem einen Aussichtsbeamten in seinem Geschäft ersetzen könnten, aber diese Mitarbeit als herabsetzende Zumutung empfinden. Selbst wenn der Hausangestellte nicht unbedeutende Kosten verur sacht, ist er immer noch billig, wenn er der Frau ermöglicht, dem Gatten ein vertrauenswürdiger Mitarbeiter zu werden. Die Zuschrift Max Sterns „Tie jüdische Ehenot" ist ihrem ganzen Wortlaut nach veröf fentlicht worden, da sie ein wertvoller Beitrag zur Lösung des Zeitproblems ist. Drei weitere Zuschriften verdienen eine auszugsweise Veröffentlichung. Richard Rothschild schreibt: „Selbstver stündlich ist die absolute Ehe unser Bollideal Aber ist es nicht eine sehr erstrebenswerte Aus gäbe, ist es nicht gewissenhaftester Ueberlegung wert, Weoe zu suchen, welche einerseits das söge nannte „Verhältnis" aus der Welt schaffen, an dererseits unseren in Fraae kommenden Mitmen schen eine ehrbare ebenbürsiqe Daseinsgemein schast ermöolichen. und. last not least, wer wisi denn behaupten, daß eine Kameradschaftsehe si cher nur in verschwindend wenig Fäsien zu einer Vollehe führen würde?" Aber aerade die Ehrbarkeit der Lindsrhschen Kameradschaftsehe ist eben anzuzweifeln, ebenso nie es bezweifelt werden darf, daß sie zu einer Vollehe führen wird. Mißverständlich ist dirAeußernnq von Fanny Höchstetter: „Vor allem frapvirrt mich, daß die BerufSansübuna der Frau vor der Ehe als Hauptfaktor der männlichen Ehesche» angeaeben wird, um die Bernfstätiakeit der Frau nach der Ehe als Asibeilmittel für dir aelundr Ehe voraus zuletzen." Ist d"s wirklich oekaat worden? Es ist vielmehr lediglich darauf hinaewie'en worden. d"ß sich dir Eheaussichten der Fra»en durch den Miterwerb um kaufmännische' Stesinnaen verringert ba'-en. der m den Mann« erschwert, sich eine ehefähioe wirtschaftliche Position zu schassen. Fanny H. schreibt weiter: ..Meiner Ansicht nach entspringt Vr vorhandene Ehescheu der männlichen Juaend nicht nur dem wirtschaftlichen BerantwortunaSgefühl. sondern den getourten Moralbearissen und der faktischen Unmöglichkeit einer bescheidene DauShaltführuno."?>ier wird im Vordersatz verneint. was im Nachsatz bejaht wird. Fanny H. schließt: ..Ich möchte meine Aus fübrunaen mit der Feüüell»ng beendigen, haß meiner Auffassung nach d>e Eingebung einer Kg meradschasiSehe auf ethischer Grundlage mir west auS „reinlicher" erscheint als eine leajtime Ehr unter dem s »rchtbaren Dru-k einer absoluten Ber sorauna." Aber eben die ethische Grundlage fehlt der Linhkryschen Ehe. Alle keine Veilviele habeneinen üblen Bei-elchmack. Ihnen fehlt das sittlich- Fundament. ohne das eine Ehe nur ein Kanku binat ist. Die legitime Ehe, die nur ans Gründen der Versorgung aeschlosien wird, ist sicher kein Ideal, aber noch immer ein Ideal aeaenüber dem von L>'nd'ev voraeschlaaenen Surrogat. Ernster ist dir Auseinandersetzung mit Frau miiiimiiuiitiiiiimMimumimiHmiitiHiiMiiiiinmiiiiiiiitiimiiiimmimiiiiiiiiiimiiiimiitiiiiiniiM 1 SMeferSludga&e f liegt eine Zahlkarte zwecks Überweisung H der Abonnement- und Zustellung!;geg f§ bfihr in Höhe von RM. H.— für die Zeit Z W vom 1. April 1929 bis 31. Wärz 1930 bei. | Z Damit keine Unterbrechung in der Zu- ■ W W Stellung der Zeitung eintritt, bitten wir g W unsere verehrtichen Leser öm prompte W U Überweisung des Betrages, der auch g halbjährlich entrichtet weiten kann. - I 1 Israel. Verlatsanstall 6.M.D.H. 8 | Slofliarl | Kasernenstraße 13 Postscheckkonto 36258 G A zu bewerten. Sie schildert den reichert Pslichtenkreis einer Frau und Mutter und ersiärt es nach dieser Schilderung für undenkbar, daß sie sich noch wirtschaftlich betätigt. Demgegenüber ist auf die vielen Frauen Hin,fuweisen, die tat\ sächlich diese Toppelleistung ideal erfüllen. Fran^ G. A. schließt: „Wir sehen es ja täglich schon im Proletari'at wohin es führt, «renn die Frau angespannt ist. Verblüht, verbraucht, entkräftet ' schon in den vierziger Jahren sind die Frauen, I die Bürden von allen Seiten ausgebunden be kommen." Ich denke vielmehr qn die vielen Frauen, die treffliche Hausfrauen und Vorbild siche Mütter sind und dabei ihrem Gatten beruf sich helfen ohne „verblüht, verbraucht, entkräftet" zu sein, die sich im Gegenteil durch ihre Berufsarbeit besondere Rüstigkeit erhalten, um die sie andere nicht beruflich tätige Frauen beneiden müssen. * Für eine wirkliche Lösung des Problems müf fen die Gründe für die sexuelle Not der Jugend klar erkannt werden: der Zug nach der Groß stodt utzd mit ihm die Lösung aus den sittlichen Bindungen der Keinstadt, der Verfall des Fami lienlebens infolge des Existenzkampfes der Alten wie der Jungen, die Lockerung der religiösen Bin dunaen und schließsich die Leichtfertigkeit der Er wachsenen, die jede. Modetorheit sttitmachen, jeder neuen Zerstreuung nachlaufen, und die im All" tagsaelpräch wie 'im Leben jeden sittlichen Takt; vermissen lassen. In seinem Testen Bühnenwerk ,,We Möderns" (Untere Kinder) zeichnet Zang wifl ein erschütterndes Bild dieser vier Entar tuyaserlcheinungen innerhalb ener Ehe. Das Stück ist eine Zeitkatire. Es arbeitet also mit Uebertreibungen. Es übertreibt bis ins Gro teSke, um zum Nachdenken zu zwin-'et. Es cha rakterisiert die geschlechtliche Ueberreiztbeit. die Lebensaier und das Anfbe-ehren gegen alles Ge welene in der Juaend. Alle Ideale » erden als A»ottih»le kärtkiert. Fami'ie und E tern lin*> überlebte Bearisse: tsie Juaend k-nnt nur einen Grundsatz:, hemninnaslose Genußsucht: die Ehe ist eine Lächerlichkeit, kurr, Ivir sind in Li'thfrn's Kameradlchaftsehe zux Gaste. Das Stück wirkt wie eine Entlarvung der gepriesinen modernen Ehe Wer die Geschichte derXEbe verfolgt, der weiß, haß sie in ernstem aeiüiaen Ringen 'eword-n. daß sie ei» feiner Organismus der siuilisgsion ist. .der sich im Kckplvf aenen brutale Rohheit ent wick^st hat. Sie istilirht das Diktat einer anaeb lichen W'llkür. aelchässen. um junaeMen'che'i um ihr Lsbensrecht zu betrügen. Die Rkenschheits

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.