Mannheim
Compact Memory

Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1929-01-01 · 19 (1.1.1929) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
19 (1.1.1929)
Date
1929-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/4904101-5441815-5443058--2070-4906046
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Gemeinde Hertuns für die ifraelitif<8en Gemetnven Wttrtteinveras v«r»o»pr«t» lu»lchu«6llch ecfUUgctb IStirttd) 5 Ml, liaib|Sttrtld) t.SO Ml eint«l|<U|rlld) 1 rr Ml, Clnjclnuimnct ti wNch«pl«nolg PoPIdtttfc-Konto: SMS« MUllia |Mi«l «« 1. ». 16. verlas: Israelitische verlagsaustait G. m. d. k». ferafpr. £332* » Stuttgart * Aaferaeastr. 13 0d|ttftlcitnng: Stadtraddiaer Dr. Sieger, Stuttgart, rharlotteastrost« 13 bl« «Intpolttg« TlonpaT<tll«3cil« SO Rcldispfcnntg Umschlagsrllco n. Porjugspläb« noch Toris. faratlicnansclgcn unb kleine »njclgcn bl« K!«tnj«ü< tO w«lch»ps«onlg, R«Uam«3«ile I SO Ml »ci WI«PertzPl»»g«n »ergünstig«ng V. 3a9roa«0 etnttoart, l. 3anuor 19*29 'Jtr. 19 Die Durchdringung Europas mit jüdischen Gedanken u. die Europäisierung der Juden. Eine Prager jüdische Zeitung hat sich vor kur zem an eine Reihe führender Persönlichkeiten mit der wunderlichen Rundfrage gewendet, ob man heute von einer Europäisierung der Jude» spre chen darf und ob diese Entwicklung für gesnvd oder für ein Symptom des „untergehenden Abendlandes" zu halten ist. Ter Prager Rundsrager scheint vergessen zu haben, daß die europäische Judenheit.ebenso autochthon ist nie die europäi sche Christenheit, und daß naturgemäß oder rich tiger gar naturnotwendig Europa seinen Ein sluß auf das aus Asien stammende Judentum ebenso wie auf dasaus demselben Asien stam wende Christentum ausgewirkt hat. Tas Trasti sche an dieser Rundfrage ist aber, daß Männer wie Prof. Einstein, wie Graf Eoudenhove Kater ghi, Professor August Forel, Heinrich Mann sie beantwortet haben, ohne ein Gefühl dafür zu besitzen, daß ihnen hier ein Spaßvogel ein Kuk kucksei ins Nest gelegt hat. Allerdings gibt Ein stein die Antwort, daß es sich bei Jud.cn wie bei Christen um eine „gemeinsame Entwicklung" oder richtiger um eine natürliche Gegenseitigkeit handelt, i» der Juden und Christen einander in einer über tausendjährigen Symbiose natürlich beein slußt haben müssen. Näher kommt dem Problem Coudenhovc lila lerghi. Er geht davon aus, daß die Turchdriwgung Europas mit jüdischen Gedanken mit dem Einzug des Christentums in Europa begonnen und mit seiner Ausbreitung fortgeschritten, daß die Moral der Bibel die Moral Europas gewor den ist, daß also die europäische Geisteswelt mit jüdischen Ideen durchtränkt ist. Wer die Geschichte der deutschen Sprache und des deutsche» Geistes kennt, der weiß, welche entscheidende Wendung und Wandlung sie durch die Bibel erfahren haben. Rudolf Euckens Buch „Tie geistesgeschichtlichc Be deutung der Bibel" hat nur einen kleine» Brpch teil dessen dargestellt, was die deutsche Kultur der Bibel verdankt. Aber über diesen biblischen Ein sluß hinaus haben deutsche Jude» seit Mendelssohn die Welt des Tcutschtums edel bereichert und am Ausbau der deutschen Kultur, der deut scheu Kunst, des deutschen Schrifttums, des deut schen Handels und der deutschen Industrie an hervorragender Stelle mitgearbeitet. Es ist selbstverständich, daß umgekehrt die Welt Europas die Jude» seit der Emanzipationszeil tief beeinflußt hat. Sobald die Ghettomauerw ge gefallen und der europäische Jude in die ihm bis dahin verschlossene Umwelt als Staatsbürger eingctreten, war es ja naturgegeben, daß er sich in die neue Lage einsügtc und cinlebte. Tie Europäisierung der Juden ist in diesem Sinne eine Naturnotwendigkeit gewesen. Klima, Sprache, Kultur und Milieu zwingen den Menschen in ihren Bann, und auch die Juden haben diesem Naturzwange folgen müssen. Nur in einer Richtung ist die europäische Ju denheit, wenigstens in ihrer entscheidenden Mehr heit, eigenwegig und eigenwillig geblieben — in ihrer sittliche» und religiösen Weltanschauung. Tie lautere Eingottidee und die Lehre von der Gottesnatur des Menschen und der Willensfreiheit, der Idealismus des Judentums und seine Sittenlehre, seine NächstenNebe und sein Familiensinn bedurften glücklicher weise keiner Umgestaltung. Tas hat kein Geringerer als der große Philosoph Eduard v. Hartmann in seinem Werke „Selbst zersetzung des Christentums" voll anerkannt und im Judentum den Genissensspiegel sür das Christentum gesehen. Tenn von denen, d e sich bei dem Uebergange i» die neuen Verhältnisse aus dem Verbände der Judenheit gelöst und im laus schein das Entrrebillet i» die europäische Kultur und Gesellschaft erblickt, muß ja in diesem Zusam menhange abgesehen werden. W e in jedem Zci tcnsturm wurden salbe, kranke Blätter vom Le - bensbaum Israels geweht. Was absiel, war Abfall. Was aber gesund und lebenskräftig mit dem alte» Lebensbaum verwachsen war, das blieb sturmfest mit ihm verbunden. Teshalb ist die Behauptung Condenhove Kater ghi's, daß seit der Emanzipation der Jude» eine fortschreitende Türchseyung der jüdischen Jdcen nelt mit »eutestamentlichen Ideen stattgesunden, und daß so eine immer stärkere Annäherung der neutestamentliche» an die alttestamentliche Ethik eingetreten, ein überaus ernster Irrtum. Er ist die übliche Formel geworden, wenn christliche Forscher bei der Prüfung der jüdischen Sittenlehre und Weltanschauung deren Reinheit und Schön heit anerkennen müssen. Statt dann dem Juden tum gerecht zu werden und der Wahrheit ent sprechend seinen Eigenwert anzuerkennen, wird dafür eine eigenartige Neugestaltung des Juden tums seit der Emanzipation durch die christliche Umwelt konstruiert, obwohl keine Spur einer sol chen Beeinflussung ncchweisbar ist. Im äußersten Falle darf man in der Neuordnung des jüdische» Gottesdienstes eine Einwirkung der europäischen Umwelt aus die Judenheit erkennen. Aber diese Europäisierung ist noch keine Christianisierung gewesen. Höchstens in malam panem ist ei» Einfluß Eu ropas auf die jüdische Moral uahrnehmbar. Hei rich Mann hat recht darin, daß die Juden durch ihre Umweh im li>. Jahrhundert stark materiali siert worden sind. „Sie haben als Gottgläubige und von der Unsterblichkeit ihres Volkes Turch drungene das Ghetto verlasse» wie steht es mit ihnen jetzt?" Zu diesen europäischen Einwirkun gen rechnet Alfons Paquct auch den Zionismus. Tie Völker und Völkchen Europas haben sich in den letzten Jahrzehnten aus ihr Volkstum beson neu, und die Judenheit hat diese Mode mitge macht. Chauvinismus und Nationalismus sind eben urenropäischc Erzeugnisse. Mil gutem Rechte ttorf die Judenheit ihr Ei genrecht behaupten. Sie darf im Hinblick daraus, ivas sie der Kultur zu eigen gegeben, die Achtung vor ihren Einrichtungen von der christlichen Menschheit fordern und in Erinnerung daran, daß das Judentum die Mntterreligion des Mono theismus ist, von der Tochterrcligion ernste Rück sicht aus seine Bedürfnisse verlange». Ju diesem Sinne darf das Wort eines amerikanischen Rab biners auch der europäischen Christenheit mitge teilt werden. Tr. Mendes, der am 29. November aus ein üOjährigcs Wirken als Rabbiner in New?>ork zurückblicken konnte, forderte im Verband der orthodoxen jüdischen Gemeinden Amerikas zu ei nem Mahnrufe an das Gewissen der christlichen Geistlichkeit aus, den Sabbath statt des Sonntags als de» Ruhetag der christlichen Woche anzuerken neu, da ja auch Jesus Christus und »ach ihm die li> erste» Biscköse der christliche» Gemeinschaft den Sabbath mit den Juden gefeiert habe». Tr. Mendes hätte daraus Hinweisen dürfen, daß Die Erinnerung an die ursprüngliche Sabbathseier in! der Christenheit iriederholt hervorgetreen, und i daß sich große christliche Gemeinschasien in Sie benbürgen, in England, in Rußland und in den Vereinigten Staaten als sabbathtreue Christen bewiesen haben. Es wäre ein schönes Zeichen der dankbare» Würdigung des Judentums in der Kulturwelt, wenn dieser Apell i» der christlichen Welt Gehör sände. Tadurch irürde das Cbrifteu tum noch nicht verjudcn, Mer ein altes Unreck't gegen die Mutterreligion im Sinne der Bibel und Jesu Christi gutmachen. Tie Durchdringung der Knlturnelt mit-jüdischen Gedanken ist ein uncr mes-lickicr Segen sür die Menschheit ser orden. Tie Anerkennung bes ehr.vürdisen tiblischen Saobaih tagcs würde das»Christentum nicht weniger als das Judentum ehren und sördern. „Gleichheit vor dem Gesetze." Ter Kanzler deb Universität Tübingen, Pro sessor Tr. von Rümelin, hat am t». November bei dem scierlichen Festakt der Verteilung ßrr Preise eine Rede über Gleichheit vor dem (Ke setze gehalten. Nach den Zeitungsberichten Hane sich der Ridner als Thema den Grundsatz des moderne» Rechtslebens erwählt, der im Artikel 199 der Reichsverfassung „Alle Teutsche» sind vor dem Gesetze gleich" Ausdruck gesunden. Nach seiner Meinung wurde dieser Grundsatz durch den Gedanken des Christentums und der Aus klärungsphilosophic durch Locke und Rousseau beeinflußt. Tic Richtigkeit die'es Zeitungsberichtes vor ausgesctzt,. muß es ernstes Staunen erwecken, daß der gelehrte Kanzler nicht von der Tat sacht ausgegangc» ist, daß Artikel 109 der Reichs Verfassung nur die gekürzte Formulierung .des altbiblischen Rcchtsgrundsatzes ist: „Ein Recht soll euch sei», der Fremdling sei wie der Eingeborene, denn ich bin der Ewige euer Gott (3. Mose '21, 22)". Tic heilige Schrist hat diesen Grundsatz noch dreimal wiederholt:"„E i n stiecht sei sür den Eingeborenen wie sür den Fremdling, der sich in eurer Mitte aushält (2. Mose 12, 1!*)", „Eine Satzung sei euch, sür den Fremdling wie sür den Eingeborenen des Landes (t. Mose!>, 11)" und „ISin Gesetz und ein Recht soll euch sein und dem Fremdling, der sich bei euch anshält (I. Mose 15, kt»)." Also hat die Bibel, aber nicht das Christentum und die Ausklärungsphilosophie diesen Fundamentalsatz des Rechtes geschossen. Tiefer Grundsatz war die natürliche Rechts solgcrung aus der Voraussetzung des biblischen ' Menschenrechtes, daß alle Menschen Geschöpfe eines Gottes, von einem Menschenpaarc stammen. Tarum gab cs in Israel keine Standesvorrechte. Wer ein obrigkeitliches Amt versehen sollte, wurde dazu erwählt. Von dieser Gleichachtung warey auch die Priester nicht ausgenommen, deren Rechtsstellung dadurch aus ihr Amtsrecht be'chränkt mar, daß sic keinen Grundbesitz haben durste» und wirtschaftlich von dem wohltätigen Sinne ihrer' Volksgenossen abhängig waren. Ter arme Fremdling genoß alle Bergünstigun gen, die dem israelitischen Arcklen, der Witwe und dem Waiscnkindc zustande» (3. Mose 19,9 23, 22. f>. Mose 21, 19 22 und ö.) Trat er i» den religiösen Bund Israels ein, so hatte er alle

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.