Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 18 (16.12.1928)
- Date
- 1928-12-16
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Gemeinde Aettung für die iVvaditif^en Gemeinde« Wttrtlemivergs 9« ) n g p i « Verlag: «tenuteuoi s«n«ug«u> Iiumia,« Mi. noibtsntudi *.» Mi Jfrnclitifd|c Dcrlojcnnflolt <ß. m. b. fj< D**n«itfit|(!idi i.i5 Mi, «inKinomnwr t5 rlich»pt«mig ferospr. £331* * Stuttgart * Knferncnft*. 13 poffidK<k-Konto' SMS* «rscheiia aumatlUl iiaciaud aaLa.lt. 0d)ciftlettung: Stadtrabbiuer Dr. Riegcr, Stuttgart, v Lhorlottellftratz« 13 }lnjtig<npr<is: - 6t« «talpattlg« nonpar«IU*2<iU 50 R«td|«Pfennig Umföiag|ctt«il u. DorjogspUtp« nach ITortf, famiU«umj*lg<n und *l«ln« star«Ig«a öt« KI«lnjcU< tO e»lch»pf«nalg R«klame}cil< 1 50 Mi Bet rviedeetzolangea Brrgümltigang V. AoOmoNO ebtttaart. 16. detemOer 1926 3tr. 16 Kameradschaftsehe. Gedanken zu einem Zeüproblem. CHmtibbe 39efamitmac$ taugen IfreelMschn vtzerrat. Vom Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden in München erhalten wir die beiliegende Einladung zu einem in der Zeit vom 24. bis 27. Dezember 1928 in Würzburg abzuhaltenden wissenschaftlichen Fortbildungskurs. Das Programm ist angeschlossen. Ten im Dienst der Israelitischen Religionsgemeinschast Württembergs stehenden Lehrern steht es frei, an diesem Kurse teilzunehmen. Tie erhalten das Fahrgeld 3. Klasse und für jeden Tag einschließlich Uebernachten eine Vergütung von 10 Reichsmark. Anmeldungen sind bis zum 17. Dezember 1928 an uns zu richten. Spätere Anmeldungen können nicht berücksichtigt werden. Für Unterkunst müssen die Teilnehmer selbst Sorge tragen. Wlf'enschasklichrr Kur» sür Lehrer in «ürzburg. Programm: 1. Universitätsprosessor Geheimrat Tr. Hehn Würzburg: Der Gottesbcgriff der Bibel und die Well des Alten Orients (4 Std.). 2. Seminarrabbiner Tr. Neubauer-Würzburg: Eine talmudische Suggia in literargeschichtlicher Betrachtung (4 Std.). 3. Seminardirektor Stoll-Würzburg: a) Lehrplansragen des jüdischen Religionsunterrichts (2 Std.). b) Ter hebräische Unterricht aus der Fibel; stufe (2 Std.). 4- Seminarlehrer Tr. Bamberger Würzburg: Grundfragen der hebräischen Phonetik (2 Std.). 5. Rabbiner Tr. Jampel Schwedt: Biblische Archäologie (4 Std.). Die Stelle eines unständigen Religionslehrers für die israelitische ReligionSgemeind^Cregl i n g e n soll wieder besetzt werden. Äe Stelle wird mit einem Bewerber besetzt, der die deutsche Reichsangehörigkeit besitzt und die erste Volksschullehrerdienstprüfung erstanden hat. Tie Besoldung wird nach den Grundsätzen für staatliche Lehrer berechnet und aus der Israelitischen Zentralkasse bezahlt. Wohnung kann beschafft werden. Bewerber, die bereit sind, die Schechitah auszuüben, wollen sich unter Darstellung ihres Lebens-" lauss und Anschluß ihrer Zeugnisse bis zum 24. Dezember 1928 melden beim Oberrat der Jsr. Religionsgemeinschaft «Srtte«ber,s Stuttgart, Reinsburgstraße 19 ll. Isr««!tttscher Oberrat. Die Firma Max Wolfs, Versandbuchhandlung in München bietet uns das Werk „P a l ä st i n a" im Bild Einleitung von Sven Hedin, das bereits durch Erlaß dom 24. Januar 1927 Nr. 35 von uns zur Anschaffung empfohlen wurde, in einer neuen Volksausgabe zum Preise von 4,50 RM. gegenüber bisher 12 RM. bzw. 9 RM. an. Das Buch ist besonders sür den Religionsunterricht und für die Betätigung in jüdischen Vereinen geeignet. Der Oberrat empfiehlt das nach jeder Richtung hin wertvolle Buch den Gemeinden, Schulen, Rabbinern und Lehrern zum Bezug. Bestellungen sind an unser Sekretariat zu richten. Ter Ladenpreis des Buchs beträgt 7.30 RM. Kameradschaftsehe ein schönes Wort, ivelches das Wesen einer echten Ehe trefflich kennzeichnet: Mann und Frau als zwei gute Kameraden, zwei Weggefährten, die das Schicksal zusammengesührt und die nun fürs Leben verbunden in Freud und Leid züsammenhalten, zwei Menschen, nicht durch die romantische Phrase flüchtig vereint, nicht durch erotische Leidenschaft zeitlich verbunden, zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag. Kameradschaftsehe eine bessere Formel ist für das wahre Wesen der Ehe nicht auszudenken. Ter Begriff schaltet alles Zufällige, Leichtfertige, Gedankenlose, Empsin dungswidrige ausl und läßt das tiefe Verant wortlichkeitsgefühl und zugleich die Schicksals gemeinschaft ahne», welche zwei Menschen bindet. Tie Hände, die sich einmal zum Treuschwur zusammengefunden, finde» sich über Scheidendes und Trennendes hinweg immer wieder zusammen. Ter Weg mag sie sür eine kurze Zeit auseinander führen, sie kommen an der nächsten Wegkreu zung wieder zusammen, deny eine seelische Ge meinschast, ein inneres Sichsuchen verschwistcrt die Beiden. Hermann Eohen findet die Synthese von Eros und Ethos, von Geschlechtstrieb und Sittlichkeit, in der Treue. „Ter Treue wegen muß die Ehe sein." Ter geheimnisvolle Sinn dieser Kameradschaft ist das Kind. Wenn die erste Leidenschaftlichkeit verrauscht ist, wenn sich die Empsindungen abgeklärt, sich die Begehrungen geläutert haben, dann tritt das Kind mit ftinr» heiligen Forde rungen in das Leben der Beiden. Tie Verant ivortung dem werdenden Kinde gegenüber schasst einen reuen Kameradschaftsbund zum alten Kameradschastsempsinden. Tas Kind, den Träger der Zukunft, den Erben der Familienüoerlieserung, den Bürgen der Volksideale zu solchem heiligen Ziele zu erziehen, daS gibt dem Gemeinschaftsleben -der Beide» neue Festigung und neuen Inhalt. Eine Ehe, die sich aus solche Kamerad ichast gründet, findet in der Freundschaft ihre Sicherung, in dieser Zielsetzung ihre stete Erneuerung. Es war stets so, daß die Industrie sür Sur rogate tönende Namen und lockende Packungen gewählt, die eine altbekannte Sorte in der Hülle vortäusche» sollten. Tas gilt wortwörtlich für die Kameradschaftsehe, sür w:lch: zwci Amerikaner, Ben B. Lindssey und Wainwright Evans, in einem viel verbreiteten Buche eintcete». Sie verstehen unter Kameradschaftsehe eine rechtskräftig geschlossene Ehegemeinschast, die unter der Vorsorge geschlossen wird, daß aus ihr kein Kind hervorgeht, mit dem Rechte für kinderlose Paare, sich mit gegenseitiger Einwilligung jederzeit schei den lassen zu können, ohne daß Unterhaltsbei träge zu zahlen.sind. Sie meinen also unter Kameradschaftsehe eine Ehe, die keine Ehe ist, bei der die seelischen Vorayssetzungen der Treue und die ideale Begründung: das Verantwortlich keitsgefühl für das werdende Kind fehlt, die nicht mehr als eine leibliche Gemeinschaft mit dem einen Kameradschaftsgedanken ist die Scheu vor dem Kinde. Tie nursinnliche Gemein sckaft ohne dieses Berantwortlichkeitsgesühl vor der menschlichen Gesellschaft, dem Volke und dem Staate, ist keine Ehe; sie ist Konkubinat, vielleicht mit kiner Beigabe von Romantik und Sentimentalität. Tazu kommt, daß alle Erotik polygam ist, sodaß dieser nursinnlichen Gemeinschaft auch das sittliche Moment der Treue fehlt. Tie furcht bare Tatsache, daß die Frau in der neuen ameri konischen Ehe man könnte sie Turchgangs ehe nennen «zu»- Tirne herabgewürdigt wird und die Gemeinschaft selbst zu einer Büberei, wird allerdings durch die Erwartung gemildert, daß aus dem Zeitverhältnis vielleicht. einmal eine Tauerg'emeinschaft wird. Tiefe amerikanische Erfindung sie gehört vollständig in den Gedankenkreis des Amenkanis mus unserer Zeit bildet seitdem das uner schöpsliche Gesprächsthema in redseligen Frauen konventikeln. Es läßt sich über s^ etwas eben so wundervoll radikal modern plaudern. Man muß sich nur darüber wundern, daß die neue Kameradschaftsehe noch nicht den Zeitsatiriker gefunden, der ihre Konsequenzen darstellt, etwa das Verhältnis der Mutter der jungen Frau zu dem Schwiegersohn auf Kündigung, die Stellung der Ouasischwiegertochler innerhalb der Familie ihres Pseudoehemannes, oder die gesellschaftliche Position der jungen Tome, die durch mehrere solche Kameradschaftsehen ohne Tauererfolg hin durchgcgangeii ist. Taß hier nicht übertrieben wird, beweist ein Inserat in einer hiesigen viel gelesenen, bürgerlichen Zeitung, in der eine junge Tome eine Kameradschaftsehe sucht. Aber die neue Kameradschaftsehe soll ja das Allheilmittel gegen die Ehelosigkeit so vietrr Frauen und damit die Lösung eines brennenden Zeitproblems darstellen; sie soll die Ehescheu der männlichen Jugend beheben und ein neues System der Ehevermittlung erschließen. Wer sie dafür hält, ist zu beneiden und zu bewundern. Eine zufällige Unvorsichtigkeit kann allerdings das Verhältnis zu einer Tauergemeinschaft ma chen. Menschen, die sich nur sinnlich kannten, sol len nun Eltern sein ein grausiges Verhängnis sür die Beiden und eine Tragödie sür das un glückselig reisende Kind. Besteht denn ' dieangebliche Ehescheu der männlichen Jugend wirklich? Ist es denn wahr, was die Straßenpropheten predigen, daß dir Frivolität in der Heranwachsenden Jugend jo groß ist, daß sie die Ehegemeinschast verwirft? Jeder, der mit jungen Menschen ernsten Um gang hat, muß diese Verleumdung der Jugend entrüstet abweisen. Tie tatsächlich vorhandene Ehescheu der männlichen Jugend entspringt nicht der Leichtfertigkeit, sondern dem wirtschaftlichen Berantwortlichkeitsgesühl, der faktischen Un Möglichkeit sür nur zu viele, einen auch nur be scheidenen Hausstand in Ehren zu erhalten. Schuld an dieser unglückseligen Tatsache des Gr genwartslebens ist der wachsende Mitbeirerb der- Frau um die Stellen, die noch vor drei bis vier Jahrzehnten allein der männlichen Jugend offen standen. Kein vernünftiger Mensch wird diesen Mitbewcrb ausschalten wollen. Aber die Frau muß die Konsequenz ihres Eindringens in alle, Berufe in immer erhöhtem Maße in der sich stei gcrnden Ehelosigkeit büßen. Ter junge Angestellte, der junge Gewerbetreibende konnte einstmals einen bescheidenen Hausstand gründen, vielleicht sogar zugleich mit einer bescheidenen Selbständigkeit. Tas ist infolge des Mitbewervs der Frau und infolge der völligen Verschiebung al er Wirtschaft