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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-12-01 · 17 (1.12.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
17 (1.12.1928)
Date
1928-12-01
Page
[Seite] (sequence 7)
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- 217 - ich, daß man die Frau des Red Rat« baS SchmuSgitele (d. h. Schwätzerin) nannte. Wir gingen nach dem Bet-Hamidrasch, es liegtganz abseits an der Straße und bildet eine Sackgasse; über der Tür war in Stein gehauen die Jahreszahl seiner Errichtung. Reb Rate war ein behaglicher kleiner Mann mit einem Spitzbart am Kinn, den er beständig durch die Hand zog. Er sprach nicht viel, desto mehr aber seine Frau, eine zierliche, bewegliche Er scheinung mit Eidechsenaugen. Sie fragte, ob sie uns einen Kaffee bereite» dürfe; mein Batcr lehnte ab, wir hätten erst kürzlich Fleisch ge Men- Ich hörte, daß mein Vater die Pensionsbe dingungen noch nicht fest geordnet hatte; es wurde vorgehalten, daß ein Enkel des Kiese von Baisingen viel höhere Pension bezahle, und mein Bater versprach, noch halbjährlich zwei Malter Korn dreinzugeben. Eii> Kalfaktor des Hauses, der eine Art Diener und religiöser Verchrer war, zeigte uns die Wohnung. Aus der Rückseite des Hauses war eure glasgedeckte Veranda, aus der man den sürft lichen Garten sah; es wurde aber sofort bemerkt, daß man den fürstlichen Garten nie betreten dürfe. Auf der Veranda stand ein Mann, über und über mit dem schmutzigen weißen Betmantel bedeckt und sah uns blöde aus seinem verkümmerten, mit weißen Stoppeln bedeckten Gesichte an, nickte und betete weiter, indem er sich auf und nieder beugte. Der Kalfaktor erklärte nur, der Maun hieße Jule, sei ein Bruder des Reb Rate, ein furcht samer, stiller Wahnsinniger, der niemand was zuleide tue, das ganze Jahr die Gebete des Ver söhnungstages spreche und vom Morgen bis in die Rächt faste, nur manchmal gehe er aus, um in das Zahlenlotto zu setzen. Mir war angst und bange vor dem Mann, ob gleich er sich nicht um uns kümmerte. Ich sah auch Mitschüler, besonders den vier schrötiger Meier Hilb von Haigerloch; er versprach meinem Vater, ein Auye aus mich zu haben, und er hat es redlich gehalten. Denn von all den guten Sachen, die mir meine Mutter später schickte, hat er den größten Teil verzehrt. Ich durste noch bei den Meinigen im „Rößle" übernachten, und wir waren noch sehr munter. Mein Vater sang noch dem Lehrer und Bruder eine neue Melodie vor, die er am Laubhüttenfest (auf einen Gebettext) setzen wolle. Diese Melodie ist mir für mein ganzes Leben zu einer beson deren Herzbewegung im Gedächtnis. Ich habe erst viel später erfahren, woher sie stammt. Sie war aus dem Duette aus „Titus" von Mozart, auf die Wort» gesetzt: Laß Glück und Schmerz uns teilen. Am Morgen beteten wir noch gemein schaftlich, nachdem wir die Gebetriemen angelegt hatten, und nach dem Frühstück, es gab hier ein wunderschönes Weißbrot, gingen wir gemeinsam nach der oberen Stadt, uns voran der Hausknecht, der meinen Koffer trug. Wie oft bin ich noch im Laufe der Jahre hinter dem vorausgetragenon Koffer dreingegangen, in welchem meine Habseligkeiten verpackt waren, und wie ist's mir manchmal gewesen, als schritt ich hinter meiner Leiche. — Damals ging ich noch an der Hand meines Vaters, und hinter mir drein ging mein ältester Bruder und mein Lchrer. Wir wurden angehalten vom Lehrer von Hechingen, der aussah wie ein katholischer Geistlicher. Als chm gesagt wurde, wer ich sei und was aus mir wird, sagte er mit einem seltsamen Tone: „So, zu Rate kommen Sie?" Uns fiel damals der geringschätzige Ton auf; aber ich hatte doch meine Freude daran, daß ich zum erstenmal t _ — Grbortitiaui Bfribold Aaerbarii«. Sie genannt wurde Jetzt bin ich doch bereits etwas ganz anderes als daheim. Wir kamen in das Bet Hamidrasch. Die alte Polackin, die im Erdgeschoß wohnte, begrüßte uns im Hausflur. Mein Bruder Maier schenkte ihr eine Gabe, wofür sie uns Glück und Segen wünschte. Wir gingen die Treppe hinan, und nun wurde mir mein Zimmer angewiesen, in dem mein Bett stand. Ich saß auf meinem Koffer, während der Vater mit Bruder und Lehrer alles fest machten im anderen Zimmer mit dem Rabbi. Eine schöne Magd kam, sie sagte aber sofort, sie sei die Nichte des Rabbi, und fragte mich, ob ich auch Lesebücher in meinem Koffer habe, sie lese gerne Bücher, namentlich Romane. Ich wußte nicht, was Romane sind, und kannte nur Karl von Karlsberg „Ueber das menschliche Elend" und den dritten Teil des „Rinaldo Rinaldini", der im Dorfe kursierte. Mein Vater führte mich noch zu einem alten Kriegskameraden, der mit uns verwandt war. Ich hatte gehört, wie Bruder Maier Einspruch gegen diese Einführung erhob; er sprach dann leise und heftig, aber der Vater achtete nicht darauf. Von dem Manne wurde Wunderliches erzählt. Er hieß mit Namen Jtzig Löb, bewohnte für sich allein rin stattliches Ecchaus, wo er mehrere Dienstboten hielt und üppig lebte. Er lag den ganzen Tag aus einem türkischen Diwan, der aus lauter weichen Kissen bestand. Er trug einen goldgelben, seidenen Schlasrock und dazu rote Saffianstiefel. Ta lag er auf dem Diwan und las den ganzen Tag Romane. Neben dem Diwan hatte er eine große Fuhrmannspeitsche, die er von Zeit zu Zeit in die Hand nahm und damit knallte. Wenn die Herde am Abend in die Stadt znruckkehrte, legte er sich mit einer noch längeren Peitsche unter das Fenster und gab jedem vor übergehenden Tiere einen Schmitz. Tann ging er schön gekleidet nach dem Museum vor dem Tor der oberen Stadt, kegelte dort im Sommer mit den Honoratioren, wozu auch der Fürst ge hörte. Im Winter spielte er mit derselben Ge sellschaft Whist, bis ihn die Magd, ein schönes, großes Mädchen, die Tochter des Hirten, abrief. Sie trug ihm eine Laterne voran, in der drei Lichter brannten. Man fabelte geheimnisvoll von den großen vec borgenen Reichtümern des Mannes. Er hatte eine einzige Tochter, die an den einzigen in Do naueschingen lebenden Juden verheimtet war. Jtzig Löb hatte gar keine Gemeinschaft mit den Juden in Hechingen. Er besuchte nie eine Synagoge, und das einzige woran man erkannte, daß er noch ein Jude war, abgesehen von seiner koscheren Wirtschaft, bestand darin, daß er am Berthold Auerbach, der auch heute noch vielgelesene Dichter de* „Barfüiele“ und anderer Schwanwälder Dorfgeschichten, wurde am 28. Februar 1812 in dem württ. Schwarzwaldstädtchen Nordstetten geboren. Seine Jugend verlebte er in dem von uns im Hilde gezeigten Hause, das, fünfundzwanzig Jahre nach seinem Tode, von seinen schwäbischen Freunden mit einer Erinnerungstafel geschmückt wurde. Am 23. Mai 1909 wurde sodann ein Denkmal Berthold Auerbachs, geschaffen von Prof. V'olz-Karlsruhe, in den Cannstalterkursaalanlagen enthüllt. Von dieser Feier entwirft Th. Rothschild, Ehlingen, in seiner Sammlung „Hausteine“ ein interessantes Bild. Versöhnungstage sich nicht am Fenster sehen ließ. Jeden Tag, so erzählte man mit einem gewis sen Schauder, jeden Tag ging Jtzig Löb in eine neben seinem Zimmer befindliche dunkle Kammer; dort wurde nie ein Fensterladen ausgemacht und nie durfte ein Dienstbote in das geheimnisvolle Gemach eintreten, so daß niemals darin gescheuert — oder geputzt wurde Ich hatte von allem diesem schon im Torfe gchört, und als wir in das Haus eintraten, war mir's um so mehr, als käme ich wahrhaftig in ein Märchen, da uns eine kleine, bucklige, weiß haarige Frau im Flur begrüßte und uns bei Namen nannte. Es war aber keine Zauberge stakt, sondern das Minkele von Mühringen, das selbstverständlich auch weitläujig mit uns ver wandt war, ftüher bei uns gedient hatte, und jetzt Köchin bei Jtzig war. Wir kamen in den großen Ecksaal im ersten . Stock. Ta lag der Vielgenannte im goldgelben Schlafrock aus dem Sofa. Vor chm saß in einem Lehnstuhl eine üppige Frauengcstalt Er sagte-chr. , „Tu kannst jetzt gehen." Sie ging ohne weiteres fort. Jtzig Löb richtete sich auf, reichte meinem Vater die Hand, dann nahm er die Peitsche und knallte leise damit, während er mit meinem Vater Kriegserinnerungen austauschte, die ich nicht ver stand. Als mein Vater mich ihm empfahl, sagte er: „Du kannst jeden Freitag abend bei mir essen; komm gleich heute. Kannst du auch so schön singen wie dein Vater?" Mein Pater be jahte für mich. Jtzig Löb wollte nun, daß ich ihm gleich etwas vorsinge, aber mir war so bange, als wäre ich, vom Elternhause verstoßen, in die weite Welt hineingesetzt. Wieder auf dem Hausflur, versprach das. Minkele meinem Vater, ans mich achtzugeben, und die große Hirte» tochter streichelte mir die Wangen und sagte: „Tu bist ein ganz hübscher Bub." Auf der Straße sagte mir mein Bater, daß er nicht mehr mit mir in das Bet Hamidrasch zurückkehre, er habe dort schon Adieu gesagt, und drunten im „Rößle" warteten der Bruder Maier und der Lehrer. Man müsse eilen, um noch zeitig vor dem Sabbat-Eingang heimzukommen. Mein Vater führte mich an der Hand die Stiege hinab. Drunten am „Rößle" war das Pferd schon vorgespannt. Tie Wartenden sagten ihm, man müsse eilen. Sie reichten mir kurz die Hand. Der Vater legte mir noch die Rechte auf^ den Kops und benschte (segnete) mich, dann fuhr er mir nach seiner Artmit der Hand über das Haar und sagte: „Hab keinen Jammer, du hast ja selber gewollt." „Und auf die Feiertage , kommst du ja wieder heim," rief noch der Maier vom Bock, als der Vater aufftieg. Fort rollte das Bauernwägrlenr und wirbelte og* Gute Zigarren kaufen Sie preiswert im Zigarrenhaus Marstall Inhaber: Adolf Lindauer Stuttgart / Königstraße 1 \ /

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