Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 17 (1.12.1928)
- Date
- 1928-12-01
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Gemeinde Zertuns für Me ifroeUeiUften Qemcinftew WUrtternvergs > « 1 D 1 > l ' < 1 1 ttnftUtftUdi S«ftcllg«16 s 3UI, haU»<U)rU<4 1.50 3LH Dkrt«l|<U|tlld| 1.15 XM. etnjeinumm« 15 R«t<t|epf«nnlg ' PoffldKdeKonlo: Ml 5« Erscheint «»»«tilch ivciauU «■» 1. ». 10. D e rjjt'fl’’: * Jfrnclitifdfe Dertatzsanstail G. m. v. k,. ferospr. rssr» » 0tuttgavt » «aserueaftr. 13 0 d) i i | 1 1 e^i t n a g: 0tttMrnhbtuev Dr. Ringer, Stuttgart, Ctiarlottenftrnße 13 l 1 )l lg in pttli: 61« «tnlpaltlg« nonparelUejeil« 30 R«tdi»p|«nnig Umschlags«»«» n. Dorjogeplfi^« noch?nrtf, famillenanjtlgm un» klein« »neigen 6t« Kl«ttij<tl« 10 R«ld)ept«nntg, Ktklamejetl« s.50 ,/LU Sei Wiederholungen Vergünstigung v. aa^rflong etattgort, l. Dege««ver 1925 9tr. 17 iiiiiiii Häuslicher Gottesdienst Ein Mahnwort zum Chanukkafeste. 3Hntlt$e ^efatmtmacQtinorti Jsraelttischer Oberrat. Ter Israelitische Oberrat har die Stelle eines Rabbiners in der Israelitischen Rcligionsgemeinde Stuttgart dem Rabbiner Tr. Auerbach Göttingen übertragen. Tie schwerste Gefährdung des Judentums in seinem Bestände als Religion ist seine sortschrei tende Verkirchlichung, die Ausschaltung und Aus scheidung seiner Lebensäußerungen aus dem Haus und dem Alltag und seine Einkerkerung in die Synagoge. Religion ist nur so lange lebendig, als sie das Leben leitet, alle Lebensgebiete durch , blutet und so den Alltag zum Gottestag macht. ES bedeutet einen Absterbeprozeß, wenn die Religion aus dem Leben schwindet; sie hat nur noch ein Schattendasein, wenn sie aus das kirchliche Leben beschränkt wird. Wer mit dem Rirchenrock die Religion ablegt, für den ist Religion vielleicht noch eine Aeußerung der Pietät, vielleicht noch ein patriarchalischer Rest, ein Ueberbleibscl aus Borvätertagen — mehr aber nicht. ES war die geniale Leistung der „Männer der großen Synode", daß sie die Religion Israels im Alltag verankerten. Tie Bibelzeit kennt die Religion im Hause nur in sparsamen Aeußerungen. Ihre systematische Ueberleitung auf das Leben war das gewaltige Reue, das die großen Lehrer der Zeit nach ESra geschaffen. Tie Bibelzeit kennt außer dem Gebet im Hause eigentlich nur Bestimmungen über das Peßachsest als häusliche Gottes dienstfeier. Allerdings trugen die mannigfachen Gesetze über die Ernte und die heiligen Abgaben von ihr eine Summe ernster religiöser Beziehungen in den Alltag. Aber erst die Entwicklung des Zeremonialgesetzes schuf die Berhäuslichung des Judentums und damit jene wundervolle Verwachsenheil mit seinen Ideen und Werten, die für die Judenheit vergangener Geschlechter be zeichend gewesen ist. Tas Ideal der gelebten Religion war hier verlebendigt. „Setze dein ganzes Leben in Beziehung zu Gott, wie es heißt: Auf allen deinen Wegen suche ihn zu erkennet? (Sprüche 3,6)!" Mit dem Absterben des häuslichen Brauches wurde das eigentliche religiöse Leben in das Gotteshaus verlegt. Tie religiöse Uebung wurde auf die Stunde im Gotteshaus beschränkt. Mit dieser Verkirchlichung ist dem Judesein eine Ver engung aufgelastet, die den Anfang vom Ende bedeutet. Es muß gerade die Aufgabe derer sein, die es ernst mit dem Judentum meinen, die Zurückverlegung der jüdischen Lebensformen in das Haus durchzusetzen. Tas.ist durchaus keine orthodoxe Forderung. Sie wird vielmehr von dem Manne ausgestellt, der zur Zeit der Führer des religiösen Liberalismus im Judentum genannt werden darf und der der geistige Leiter der letzten Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum gewesen, Claude G. Montesiore. In seinem Buche „Liberales Judentum" fordert er geradezu die häusliche Andacht am 2abbath. „Ich sehe keinen Grund, warum ein solcher Familiengottesdienst nicht andächtig und erhebend und im besten Sinn des Wortes herzerfreuend und wohltuend wirken sollte." Das Gebet im Hause ist ein Motor der Religion, fördert das jüdische Bewußtsein und festigt die seelische Einheit und Einigkeit der Familie. Durch die häusliche Andacht kann das religiöse Leben an Tiese wiedergewinncn, was es an Breite verloren. Ter moderne Mensch braucht Atempause», welche die Hetzjagd des Lebens unterbrechen, in denen die Seele jene Andacht gewinnt, jenes Aufgange richtetsein, daS^ sie fafr verloren hat. Es mag nicht leicht sein, diese häusliche An dacht zu wecken, wo sie lange außer Brauch ge kommen. Aber hier gilt wie so oft im Leben nur der Entschluß, die talmudische Antwort, aus die Frage, wann der Messias kommt: „Noch heute, wenn ihr auf seine Stimme hört (Psalm 95,7)". Hier gilt das tiefmenschliche Wort der heiligen Schrift und unserer Weisen: Tu mußt nur wol le», nur wollen. Tie Einführung der häuslichen Andacht läßt sich am schönsten mit der Feier der Chanukka abende im Hause beginnen. Das strahlende Cha nulkalicht ist ja von jeher das sinnige Sinn bild des auslebenden Judentums. Tas alte Lied, im Hause gesungen, vor der feierlich entzün beten Menora, hat die Zauberkraft, die Herzen für Gott zu werben, die Seelen für Israel zu gewin neu. Wann läßt es sich eindrucksvoller von den großen Tagen jüdischer Vorzeit plaudern als im Lichte des EhänukkaleuchterS, das ja selbst von diesen Tagen stummberedt erzählt? Erziehlich gibt es wohl kaum einen Brauch, der sich so eignet, das Gottesseuer frommer Begeisterung in Rin derherzen zu entflammen. Ter alte Lehrer im Talmud hat Recht: „Wer daS Licht des Cha »ukkafestes regelmäßig im Hause entzündet, erzieht seine Rinder zu aufrechten bewußten Juden." Es ist beschämend und tiefbedauerlich, daß noch immer jüdische Eltern trotz aller Mahnungen, ohne ein rechtes Begreifen für diesen Wider sinn im jüdischen Hause, ihren mindern den Weihnachtsbaum auzüuden. Eine falsch verstandene Liebe zum Rinde, dem man diese Freude nicht versagen will, ist die Ursache dieser Kultur und Geschmacklosigkeit. Tenn richtig verstandene Liebe muß dem Rinde alles Unechte und Un - wahrhaftige sernhalten. Etiva^ Unechteres und Unwahrhäftigeres als der Weihnachtsbaum im jüdischen Hause, etwas, was berechtigten Spott mehr Hervorrufen kann, ist aber kaum zu er denken. Fange am Chanukka mit dem häusliche» Gottesdienst an! Erweitere ihn .durch die häusliche Sabbathfeier! Auch die moderne Frau vergibt sich nichts, wenn sie wie die^'rummen Mütter der Vorzeit die Sabbathlerzen aus dem festlich gedeckten Tische entzündet. Auch der „inoderne" Mann dars mit ruhigem Gewissen an dem sab bathlichen Tisch nach uraltgchciligter Sitte betend den Segen über Wein und Brot sprechen. Ter Segen solcher Feier wird nicht ausbleibcn: Tie Rinder werden aus ihre Eltern wir aus priesterliche Menschen blicken und vertiesic Ehr furcht vor Vater und Mutter empjindcu. Richt umsonst steht im Zehugcbot das Gesetz der Ehr jurcht vor den Eltern unmittelbar nach dem Gebote der Sabbathheiligung. Wer seinem Fa milienleben einen vertiesten Inhalt geben möchte, wer sich sehnt den öden Alllag aus seinem Dasein zu bannen, wer sein Haus zu einer Heimstatt hö herer Weihe ausbauen und seine Rinder zu Trä gern heiliger Ideale erziehe» will — für den gibt es nur einen Weg — häusliche R c - ligion! Die Zeitrechnung bei den Juden. Von Dr. N. M. Nathan, Hamburg. Bor wenigen Wochen haben wir das Jahr,5689 begonnen. Mancherlei Fragen sind da zu stellen: Woher flammt diese Zeitrechnung? Auf welche Traditionen und Berechnungen stützt sie sich? Haben die Juden immer nur diese eine Zeitrechnung gekannt, wenn nicht, seit wann ist sie Brauch und was hat ihre Einführung veranlaßt? Haben die Juden andere Zeitrechnungen besessen und welche? Auf diese Fragen wollen die folgenden Aus führungen die Anwort geben. I. Im dritten Buch Mosis, Kapitel 25, heißt es: „Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, dann feiere das Land einen Sabbath dem Ewigen. Sechs Jahre bestelle dein Feld und ebenso sechs Jahre beschneide deinen Weinberg und sammle ein ihren Ertrag. Aber im siebenten Jahre ist ein heiliger Sabbat für das Land, ein Sabbat dem Ewigen; dein Feld sollst du nicht bestellen und deinen Weinberg nicht beschneiden ... Ferner zähle sieben solcher Jahressabbate; je sieben Jahre sieben Mal, im ganzen 49 Jahre... Dann heiligt das fünfzigste Jahr; verkündet Freiheit im Lande allen seinen Bewohnern; ein Jubel sei es euch, daß ein jeder zu seinem Eigentum und ein jeder zu seiner Familie zurückkehre." Hier wird Israel also eine bestimmte Zeitrech nung vorgeschrieben: im heiligen Land soll jedes siebente Jahr der gesamte Ackerbau ruhen und jedes iünszigste Jahr jeder Israelit wieder in de» Besitz des ihm verliehenen Grundes und Bodens gelangen, den er in Zeiten der Not hat veräußern, und jeder Israelit seine Freiheit, die er aus Not hat aufgeben müssen, wiedererlangen. Jenes, das siebte Jahr heißt Sch'mittah, und dieses, das fünfzigste Jahr Jobel (nebenbei bemerkt, stammt von diesem Namen das Wort Jubiläum).^ Für die weiteren aus das Sch'mittah und das Jo beljahr bezüglichen Bestimmungen sei auf den Bibeltext selbst verwiesen (vergleiche auch zweites Buch Mosis 23, 10 11 und fünftes Buch Mosis 15, 1-12). Wann nach der Einnahme Palästinas mit der Zählung dieser Sch'mittah- und Jobeljahre begonnen wurde, darüber enthält die Bibel keiner^ lei Angaben; nach einer Ueberlieserung, auf die Maimonides, der erste große Kodifikator unseres Religionsgesetzes, Bezug nimmt, geschah es 11 Jahre nach der Eroberung des Landes, d. h. da