Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 16 (16.11.1928)
- Date
- 1928-11-16
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Nov. 1928 In der heiligen Stadt erzählt man sich, daß alljährlich am neunten Aw, dem Tage der Zerstörung des Heiligtums, ein tiefes Aufseufzen aus der Klagemauer, dem letzten Reste des hochheiligen Gottestempels, tönt und eine Träne aus dem uralten Gemäuer sickert: „Der Stein weint aus der Mauer“. (Habakuk 2,11). Zehn Jahre sind seit dem Ende des furchtbaren Krieges dahingegangen. Viele, nur zu viele scheinen das Entsetzliche, das die Menschheit in diesen Kriegsjahren erduldet, vergessen zu haben. Einmal abef im lieben langen Jahre, am Tage, den das Vaterland seinen gefallenen Söhnen weiht, tönt die Mahnung: Gedenket, vergeßt nicht, wahrt euch, was eure Augen geschaut. Dann scharen wir uns in den Gotteshäusern. Wir blicken aus ernsten Augen auf die Ehrensteine, die wir unsern Kindern gestellt. Dann lebt in uns die Erinnerung auf an das Herzeleid, das dieser Krieg geschaffen. Wir hören den Weheschrei unserer Geliebten: „Der Stein weint aus der Mauer“. — Wir denken an das, was sie gelitten in Schlamm und Blut, in Gas und Graun, im Sturm und im Graben, an ihr äußeres Leid und ihre innere Not. Wir denken an die Gräber im Feindesland. Sie sind verfallen, nur zu oft vom Feinde mißachtet. Ihr aber seid nicht vergessen, ihr Brüder in Flanderns Sand, in Frankreichs Erde, in Polens Steppe, in Rußlands Öde, im glühenden Morgenlande und in den Tiefen des Meeres. Wir haben euch aus der Fremde heimgeholt und schauen auf den Stein, der eure Namen verewigt — und eine Träne sickert in unser Herz: „Der Stein weint aus der Mauer“. Ihr Leidgereiften und Frühvollendeten, ja, das ist der Name, mit dem wir euch grüßen, mit dem wir euch ehren. Was uns ein Bruchstück scheint, war wirklich ein Ganzes. In der Höllenglut und Seelenpein des Krieges seid ihr aus Kindheit und Kindlichkeit zum Mannesalter gereift. Der Tod vor Augen hat wie ein heißer Sommer euer Sein vollendet, euer Leben gereift. War euer Sterben sinnlos? Heute wissen wir die Antwort, die wir vordem nicht gefunden: das Gesetz eures Sterbens ward das Gesetz unseres Lebens, leben im Dienste der Idee, sterben im Dienste der Pflicht. Deutschland ist uns durch euer Blut noch teurer geworden — Opfer erhöhen den Wert. „Der Stein aus der Mauer weint“, heil uns, wenn wir das Lied seiner Tränen verstehen! j\\.d / /, j :t ■ 3lratlic$e :&eVamit«nac&aagcn Israelitisch«» Oserrat Stuttgart, den 2. November 1928. Am Sabbath vor dem öffentlichen Trauecgedenktag sür die Gefallenen im Weltkrieg, das ist Samstag, der 24. November 1928, sollen in sämtlichen Gemeinden des Landes Gedächtnisfeiern abgehalten werden, bei welchen nach der Thoravorlesung in würdiger Weise auf die Bedeutung des Tages hingewiesen werden soll. In Gemeinden, in denen Rabbiner oder Religionslehrer tätig sind, sollen besondere Gedächtnisreden für die Gefallenen der Gemeinde gehalten werden und in einem „Jiskaur" die Namen der Gefallenen genannt werden. In Gemeinden ,in denen kein Beamter tätig ist, soll das am Jom-Kippur übliche „Haskoras-neschomaus" mit Nennung der Gefallenen vorgetragen werden. Die Thoraspenden bei der Gedenkfeier sollen zu l/3 dem Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge, zu */» dem Württembergischen Kriegerbund zur Unterstützung sür Schwerkriegsbeschädigte, zu V» dem Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer und Kriegshinterbliebenen, Gauleitung Württemberg, und zu */» der Württ. Landesfürsorgebehörde, Abteilung Hauptfürsorgestelle für Kriegsbeschädigte und Kriegshinterbliebene, Stuttgart, zugeteilt werden. Die Borsteherämter werden ersucht, die eingehenden Beträge auf das Postscheck-Konto der Jsralitischen Zentralkasse, Stuttgart, Nr. 4920, mit der Bemerkung „Gefallenenspende" einzubezahlen. Nördlinger. 50 Jahre Israelitische Religions- Gesellschaft Stuttgart. Ein Fest im wahrsten Sinne des Wortes, gegenwarts- und zukunftsfreudig und vorbildlich in seiner gesellschaftlichen Geschlossenheit, wurde am 10. und 11. November ds. Js. gestiert: Das 50. Jubiläum der Israel. Reli gionS-Gesellschaft, E. B., Stuttgart. Nach einem feierlichen Gottesdienst im Betlokal des Vereins am 10. November ds. Js., versammelten sich die Mitglieder und Freunde der Religions-Gesellschaft am Sonntag Abend im Oberen Museum und das frohe Ereignis in grö ßerem Rahmen festlich zu begehen. Die offizielle Bortragssolge wurde durch einen Klaviervortrag von Frau Zippert eingeleitet, die mit hervorragender Technik und Tongebung eine „Polonaise" von Chopin spielte. Hieraus sang M J