Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 15 (1.11.1928)
- Date
- 1928-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
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Vielleicht ist es sogar ein Zeichen seiner Urwüchsigkeit und Lebenskraft, daß er aus allen Krankenbetten, in die man ihn hineingelegt, verhältnismäßig recht rüstig hervorgegangen ist. Erst gab es in ihm zu viele Opfergebete, dann zu viele Bitten um die Heimkehr nach Jerusalem, dann zu viele mittelalterliche Dichtungen, schließlich zu viel Pochen auf die Auserwähltheit Israels in diesem ewig kranken Gottesdienst. Man maskierte, frisierte, operierte, um die gerügten Schönheitsfehler zu beheben. Jetzt meldet sich ein neuer. Medizinalrat, fühlt dem Gottesdienst den Puls und erklärt mit ernster Miene: Du bist krank, totkrank, dir kann nur ein operativer Eingriff 0 fen, und wer weiß,.. Dann aber hellt sich sein Antlitz auf, die Grabesstimme tönt eine Lage höher und hoffnungsvoller: Ich besitze glücklicherweise das richtige Rezept: man dosiere, pulverisiere, nehme stündlich ein usw. usw. In der hübschen Festgabe für Claude G. Montefiore, die ihm anläßlich der Tagung des Weltverbandes für religiös-liberales Judentum in Berlin überreicht wurde, steht die Krankheitsgeschichte, die Diagnose und das Heilverfahren des jüdischen Gottesdienstes kurz und bündig zu lesen (S. 122—128). Ter behandelnde und ordinierende Arzt ist diesmal ein Rabbiner. Er ist ein Arzt der guten alten Schule, gesprächig, witzig, liebt Wortspiele wie „die Liturgie wird zur Lethargie^, , der Gottesdienst befindet sich im Zustand der Bourgeosie", ein im republikanischen Staate anscheinend besonders gefährliches Symptom. Er ist auch sonst recht gebildet, indem er „die Mechanik im Gottesdienst"' mit der Ausführung griechischer Tragödien vergleicht, „die, ein einziges Mal gehört, den Gebildeten wohl packen, aber schon bei der ersten Wiederholung merklich langweilen." Armer Sophokles, armer Euripides! Als moderner Arzt erkennt er das Hauptsymptonl der Erkrankung des Gottesdienstes in dem Festhalten der überlebten Tradition. Er konstatiert demgegenüber, „daß sich jetzt alles gewandelt hat", daß „sich also auch die Ausdrucksmittel der Gemütsbewegung geändert haben." Hoffentlich wird er hierüber demnächst noch weiteres mitteilen, da — unter uns gesagt — kein Mensch'bisher diese Wahrnehmung gemacht hat und aussagen kann, worin und inwiefern sich zur Zeit „die Ausdrucksmittel der Gemütsbewegung" geändert haben. Allerdings, so fährt er geheimnisvoll lächelnd fort, „ist es noch nicht der richtige Augenblick, darauf hinzuweisen, wie revolutionär einstmals der Uebergang vom Opfeidienst zum Gebetskult gewesen". Wenn erst diesem Augenblick kommt. . . dann aber. . . „Also versetzen wir uns einmal in die Lage solcher Menschen hinein, die gern noch andächtig sein wollen und bei der Bedrängnis (!) ihrer Arbeit gezwungen werden, lange Stunden der Oede in einem Gotteshaus zuzubringen!" „Denken wir auch. . . an die Menschen mit feinerem ästhetischen Gefühl, aus die die Ausdrucksmittel der überstarken Geräusche (!) bei Gesang und Rede nicht mehr wirken". Also denken wir einmal an diese Menschen und hören wir die Ratschläge des Herrn Doktors! „Wir müssen zuerst die zu stark anthropomor phen Vorstellungen von Gott beseitigen", alsiT wohl alle Aeußerungen, in denen Gott als König, Richter, Vater angerusen wird. Tie Metapher, das Gleichnis, die Phantasie, die sich in solchen Begrissen kundgibt, scheint demnach bedenklich zu sein. „Darüber hinaus muß jeder Gottesdienst, wenn man von der wertvollen Gepflogenheit (!) des Versöhnungstages absieht, kurz, knapp, klar und immer wieder anders sein". Dazu die frappierende Begründung: „Wenn schon einst und in alter Zeit immer neue Opfertiere dargebracht wurden und nicht dasselbe Geschöpf als Attrappe (!) diente, dann muß erst recht das Opfer der Lippen immer neu und gemäß der Empfindung des Augenblicks geweiht sein." „Der gegenwärtige Status des Gottesdienstes stellt den Charakter eines Antiquitätenmuseums ausgezeichnet dar." Tie moderne Kinokultur erfordert aber etwas ganz anderes: „Weshalb sieht man bei uns nichts im Gottesdienst, warum ist er so symbolarm?" Besonders sind die drei großen Feste synagogal zu „unisom" gestaltet. Und nun kommen endlich drei Seiten Heilmittel und Verordnungen! Sukkaus bekommt einen neuen Inhalt: an den ersten Tagen eine soziale Feier „und angesichts des herbstlichen Vergehens (!) besondere Veranstaltungen der Wohlfahrtspflege und der Mitarbeit unserer Frauen" (ein moderner Arzt vergißt niemals das Kompliment vor den Frauen!) Ten achten Tag gestalte man zu einer großen (!) Feier für das Andenken unseres Lehrers Mose „und den letzten zu einer Versammlung der gesamten Jugend". „Vielleicht würde sich das einbürgern und Gefallen finden." Also versuchen wir es einmal — der Erfolg ist zwar nicht garantiert — aber jede neue Medizin muß einmal durchprobiert werden! Nun gar die zweiten Tage der Feste! Sie sind „wenn auch nicht eine Zumutung, so doch ein starkes Opfer der Gemeinde". Hier versagt die Phantasie des Herrn Medizinalrats. Er kann nur die Hände ringen und Vorschlägen, diesen Opfer - tagen „ein stark abweichendes (!) und fesselndes Gepräge zu geben und vor allen Dingen ihren eschatologischen Charakter herauszuheben". Noch entsetzlicher sind die siebenten und achten Tage des Peßach. „Diese Tage könnten ohne Schaden (!) anderen Problemen gehören, unter denen das Friedens- und Bölkerbundsideal nur herausgegriffen seien." Am unheilbarsten ist der Sabbath, „gegen dessen tote (!) Tagesandacht wir hier in Deutschland so lange wehrlos sind, als wir uns nicht zu einem Ersatz aufraffen werden". Hier empfiehlt er allerdings nur leise andeutend — die Operation auf Leben und Tod. Dann ist die „tote Tagesandacht" ganz tot! Bis dahin empfiehlt er für die letzte Stunde des Sabbath als „Weekendgottesdienst" Zusammenlegung des Nachmittags- und Abendgottesdienstes mit Thoravorlesung, Prcdigt und „Hawdoloh in voller Feierlichkeit". Schließlich, und damit ist der Sack der guten Ratschläge endgültig geleert, empfiehlt er die i 3tattli<$e 3$efanntmac$ttii0ets— Bewerber um die Stelle des israelitischen Religionslehrers in Crailsheim haben sich unter Vorlegung eines Lebenslaufs und ihrer Zeugnisse bis zum 26. November 1928 beim Israelitischen Obecrat in Stuttgart zu melden. Stuttgart, 24. Oktober 1928. Barmizwah der Mädchen an „ihrem" Sabbath „und nicht mehr in Bausch und Bogen" bei der Konsirmationsfeier. Dabei erklärt er noch mit einem undurchdringlichen Augurenlächeln: „Vergesse man nicht den Jugendgottesdicnst abzuschaffen, denn er ist eine überholte Einrichtung." Tie Jugend gehöre in den Gottesdienst der Gemeinde. Ta aber diese zum Gottesdienst nicht kommt, so . . . Ter Rest ist Schweigen! Die Verordnung des Arztes schließt mit einer Trohung: „Wenn nicht unendlicher Schaden an gerichtet werden soll, dann müssen alle diese Forderungen sehr schnell erfüllt sein, sonst stirbt der jüdische Gottesdienst, und den Verlust der Synagoge wird unser Judentum nicht überleben." Nun, nun, Herr Toktor, ganz so schnell wird es nicht gehen! Das Judentum hat schon viele Aerzte überlebt. Auch dieser wird ihm nichts schaden. Wäre es aber nicht besser gewesen, wenn der Herr Toktor diese Ratschläge für sich behalten? Ihr Weisen, seid xorsichtig mit euren Worten. . . der Name Gottes könnte gar zu leicht durch euch entheiligt werden! II. Ter Arzt scheint aber doch mit semxr Tiagnose nicht ganz im Unrecht zu sein. Tie Unruhe im jüdischen Gottesdienst gegenüber der feierlichen Ruhe im nichtjüdischen Gotteshause ist "schein bar doch ein Anzeichen, daß der jüdischen Gemeinde die innere Anteilnahme am Gottesdienste, fehlt. Diese Unruhe soll dadurch verursacht sein, daß der Gottesdienst in einer der überwiegenden Mehrheit der Gemeinde fremden Sprache stattfindet. Wäre das wirklich der Fall, dann müßte das Gleiche vom lateinischen Gottesdienste der katholischen Kirche gelten. . _ Um diese Frage richtig zu beantworten, woher die Unruhe im jüdischen Gottesdienste stammt, muß vorerst mit voUer Offenherzigkeit' darauf hingewiesen werden, daß sie recht eigentlich ein übler Ghettorest ist. Sie war schon vorhanden, als die jüdische Gemeinde mit dem Hebräischen noch innig verwachsen war. Ja, wenn wir den Mahnungen und Warnungen vor der Unruhe im Gottesdienst, vor störendem Plaudern und noch Schlimmerein vom Mittelalter bis zur Neuzeit nachgehen, so war diese Unruhe früher noch ärger als in der Gegenwart. Tie sprichwörtliche Redensart vom Lärm wie in der Judenschule bezeugt diese Unruhe in der Zeit, in der das Wort Schule im Deutschen die übliche Bezeich nung für die Synagoge war. — Tie Unruhe im jüdischen Gotteshause ist aber sachlich darin begründet, daß unter allen bekannten gottesdienstlichen Veranstaltungen allein der jüdische Gottesdienst stets Gemeindegottesdienst in dem Sinne gewesen ist, daß sein Träger nicht der Geistliche, sondern die Gemeinde war. Tie Gebete sind ursprünglich alle alternierend oder in der Form von Antiphonieen vorgetragen worden. Der Borbeter rezitierte den ersten Vers, die Gemeinde antwortete mit dem ztveiten und so -fort. In der Vortragsweise des