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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-10-16 · 14 (16.10.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
14 (16.10.1928)
Date
1928-10-16
Page
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Gemeinde Äettirns für die tsraeittiMe« Geinetnve« WürtteinvergS v«,lls»pr«>» ewfchUeoUd, »esteUgeid MrUch 5 JUt. haldstUMch t.50 JIM pietlelffit|tHd| 113 JUi, «tnjdDBinnwi U Rctd)«pfennig Pofff<l»e<*. Konto: MIM CrfSciat MMtlUI (Mtaul »» 1. «. 10. Verlag: Israelitische verlagsaustalt G. m. d. k>. ftrafpt £331* * Stuttgart » Kafcrncnßr. 13 Schrtftlettuag- Stadtraddiuer vr. Rieger, Stuttgart, rharlotteostro-e 13 Ttnjelgenptei«: Me clnfpnltlge nonpaietlkjclle X Rei<t| «Pfennig Umfttogfctten u. PorjogapiaOc noch Tarif, famUlemmjetgen un« »leine »njelgen Me KletnpeUe tO Retdiepfenntg, RektomejeUe 1 JO JIM Sei 9lie>(i|»li>|n Oetgle|li|»| v.3aftf(ino__etnttflort, iö. Ofto&rr 1916_3tr. 14 Zionisten gegen den Zionismus. tigen. Gegenüber den Bekenntnissen von Apostaten ist im allgemeinen ernste Vorsicht geboten. Sie wsl len ihren Absall vor sich beschönigen und sich zugleich bei ihren neuen Parteifreunden einschmeicheln. Kein Wunder, daß ihre Bekenntnisse zumeist recht verdächtig erscheinen. Das gilt süc die Bekenntnisschrift von Ernst Ludwig Pinner, Fritz Blankenseld und Kimchi „Los vom Zionismus" (I. .Kauffmann Verlag, Frankfurt am Main) nicht. Man spürt aus jedem ihrer Worte, daß es ihnen unsagbar schwer geworden, sich von ihren Parteigenossen zu lösen, daß ihr Abfall das zwangsläufige Endergebnis jahrelangen Ringens gewesen, daß ihre Loslösung eine Ka tharsis bedeutet. Daß es sich hier nicht um sah nenflüchtige Abtrünnige handelt, sondern um Männer, die für ihre neue Ueberzeugung mit ihrer ganzen Persönlichkeit einzutreten entschlossen sind, beweist jedes Wort der Bekenntnisschrift. In ihr sprechen zudem nicht drei Unbekannte, sondern Männer, die in ihrer Partei bisher als bewußte Mitkämpfer gegolten haben. Darum dür sen ihre Bekenntnisse nicht nur als Dokuments humains gewertet werden. Sie sind vielmehr die Widerlegung des zionistischen Dogmas durch Spruchbesugte und Spruchberechtigte. Daß ehemalige leidenschaftliche Zionisten die Beweggründe der Antizionisten sich vollauf zu eigen machen, gibt der Veröffentlichung einen eigenartigen pi kanten Reiz. r Uebereinstimmend erklären die drei Reumü daß ihr Abkehr vom Zionismus das Ergebnis einer prinzipiellen Gedankenllärung gewesen, „wie sie ihnen durch die Begegnung mit den Schriften Constantin Brunners zur Judenfrage ausgenötigt wurde". Brunners Nachweis, daß der Lionismus „der Hereinfall der Juden auf den rassentheoretischen Judenhaß" ist, daß er die phantastische Antwort der Juden auf Beleidigung und Vorenthaltung des ihnen zustehenden Rechtes ist, also aus dem Affekt des verletzten Geltungsinterrsses geboren wurde, sodaß Judenhaß und Zionismus als Lebensstörungen für die Juden gleichwertig nebeneinander stehen, hat in diesen Drei die Entschließung zur Reise gebracht: „Los vom Zionismus!" Mit der Erkenntnis, daß der Zionismus keine innere Notwendigkeit, sondern einzig und allein Reaktion auf den Antisemitismus ist, daß der Zionismus das übelste Erzeugnis der Assimilation „Europas neuesten Unsinn, die antisemitische Rassentheorie sich zur Grundlage des Nationalgefühls erkoren, jene Theorie, ,chie das Kulturideal auf dem Wege der Rindviehzucht zu erreichen glaubt", war für sie der Wahrheitsbeweis des Zionismus erledigt. Sie bekennen sich frei zu dem von zionistischer Seite stets so entschieden als Schandmal gebrandmarkten Assimilantentum. Assimilation ist eben ein Natur- und kein Bewußtseinsvorgang. Wir werden assimiliert, und jede Gegenwehr gegen diesen Naturzwang ist sinnlos. Nur in der Wahrung der jüdischen Ideen und Werte findet diese Ausgleichung ihre Grenze. Gewiß kann dem Zionismus nicht der Idealismus abgesprochen werden. Aber ,chie Hingabe an ' eine Sache rechtfertigt noch nicht die Sache selbst". Es gibt auch.eine Begeisterung für den Aberglauben. Und ein Aberglaube ist die ganze Theorie Vom jüdischen Bolke. Dieses jüdische Volk führt sein Dasein von Gnaden der fünf Pro zent Juden, die sich zum Zionismus bekennen. Alle anderen Juden lehnen dieses angebliche jü dische Volkstum ab. Denn es gibt kein Volt ohne Land, ohne Staat. Gemeinsame Abstam mung schafft weder einen Staat noch ein Volkstum. Palästina ist weder das Land meines Vaters noch der Generationen vor ihm, sondern das Land anderer Menschen und darum nicht das Land meiner Kinder. Alles, was über dieses angebliche jüdische Volkstum und sein Anrecht aus Palästina deklamiert wird, gehört in das Reich der Phantasie. In dieses große Reich gehört auch die zionistische Erwartung auf die dereinstige Mehrheit in diesem Lande. Heute sind 15»« seiner Bevöl kerung Juden. Sollte das Land wirtlich zwei Millionen Menschen in sich aufnehmen können, so wird sich dieser Prozentsatz sicher erhöhen. Aber die Hoffnung aus eine jüdische Mehrheit der Lan desbewohner hat bereits dcr Zionistenkongreß 1925 ausgegeben. Man hat dafür ein neues Schlagwort gefchassen, das Schlagwort vom binationa len. d. h. vom arabisch-jüdischen Staate. Tatsäch lich bedeutetdieser binationale Staat die Preis gäbe der Hoffnung auf eine jüdi.che Berölk.rangS- Mehrheit. Selbst wenn einmal Palästina von einer Million Juden und noch mehr bewohnt sein sollte, bliebe doch das Land eine Zwergprovinz des großen Arabiens, da es geographisch und wirtschaftlich zum arabischen Syrien und dem übrige» von Arabern bewohnten Asien gehört. Dabei ist es politisch ausgeschlossen, daß etwa weiteres arabisches Gebiet öm Juden besiedelt wird. Das heutige jüdische Palästina ist nur unter dem Schutze der englischen Bajonette denkbar. Falls diese wirklich aus Palästina abrücken, wie es von zionistischen Heißspornen gefordert wird, ist die jüdische Herrlichkeit in Palästina gewesen. Dann wird Palästina „ein schlimmeres Galuth, als jemals vordem eines gewesen". Selbst angenommen, daß eine Million Juden im Lande friedlich neben den Arabern wohnte, so wären diese gerade 7°/o aller Juden. Das Höch ste, was also unter Englands Schutz zu erreichen ist, wäre die Vereinigung von 7«o der Juden in Palästina. Das besagt aber das Fiasko des zionistischen Traumes. Die einzige denkbare Erlösung der ostjüdifchen' Judenheit, um die es sich ja im wesentlichen hier handelt, ist ihre Emanzipation in den derzeitigen Wohnländern. Statt die Ostjuden iv eine jüdisch-nationale Linie zu drängen, wäre es also viel weiser, für ihre völlige Einbürgerung in den Ländern des Ostens einzutreten. Gewiß sind die Ostjudcn noch nicht vollwertige gleichberechtigte Bürger ihrer Staaten. Aber hieraus nach zionistischem Rezept den Schluß zu ziehen, daß diese Juden deshalb Teile der angeblichen jüdischen Nation sind, ist eine durchaus unlogische Folgerung. Gemeinsame Abstammung hat eben mit dem politischen Begriffe des Volkstums nichts zu tun. Aber selbst diese gemeinsame Abstammung der Juden ist eine Täuschung. Wer weiß, daß die Juden des Ostens zum überwiegenden Teile von den Chazaren, daß die Juden des Westens zu einem wesentlichen Teile von Proselyten abstammen, und daß die Rassenmischung bei den Juden von Bibeltagen an niemals aufgehört, wer 9Itsttli<0e 9eVanntmoi9mi||fH Israelitischer Oberrat. Tie im Verlag von Kauffmann u. Co. in Frankfurt erschienenen „Ouellenbücher" von Höx ter, Teil 2, 3 und 4, sind ein für den Religionsunterricht unentbehrliches Lehrmittel, so daß der Besitz dieser Bücher den Rabbinern und Lehrern des Landes dringlichempfohlen werden muß Tie Firma Kauffmann u. Co., Frankfurt, ha» in entgegenkommender Weise den Preis des ein zelnen Bandes statt mit l.80 Mark mit 1.35 Mark, gebunden, in Aussicht gestellt, falls von hier aus eine größere Anzahl bestellt wird. Bestellungen sind umgehend an das Sekre tariat des Israelitischen Oberrats zu richten. Nördlinger. weiß, daß es chinesische und Negerjuden neben indischen und abessynischen gibt, der wird sehr bescheiden mit dem Begriffe jüdische Rasse und jüdische Abstammung arbeiten. Aus dieser Zwickmühle Hilst sich der Zionismus durch Achad Haams phantasievolle Annahme, daß Palästina das Zentrum des jüdischen Geistes werden soll. „Wer weiß, was Geist ist, der lacht über die Idee, die Juden brauchten nur nach Palästina zu gehen, dort würde der alte prophetische Geist schon wieder über sie kommen." Die Eigenwerte der Juden, die Gedanken der gro ßen jüdischen Geister der nachbiblischen Zeit sind ja fast ausnahmslos außerhalb Palästinas gebo ren worden. Tie primäre Voraussetzung für das Werden einer jüdischen Gemeinschaft in Palästina wäre das Gefühl der Zusammengehörigkeit aller Juden der Erde. Die „Jüdische Rundschau" hat vor kurzem eine Novelle aus dem Hebräischen veröffentlicht, die an einem Beispiel die Unvereinbarkeit bocharischer und spaniolifcher Juden darlegte. Wer die Judenheit kennt, kennt auch die unüber brückbaren Gegensätze in ihr, Gegensätze zwischen_ Arbeitern und Arbeitgebern, zwischen dem alten und dem neuen Jischuw, zwischen Ost- und Westjuden, zwischen Jemeniten und Aschkenasim, zwi schen Orthodoxen und Atheisten. Und diese Hauptgruppen zerfallen wieder in so und soviele sich bis aufs Blut hassende Grüppchen. Wer einen Zionistenkongreß miterlebt hat, kann von der angeblichen Zusammengehörigkeit der Juden Er bauliches erzählen. Man rede den Juden nicht ein, daß der Aufbau Palästinas ihr höchstes Lebensintcresse ist. Ihr eigentliches Interesse ist vielmehr, daß die Juden in den Völkern und Staaten, in denen sie leben, die Heimat finden. „Wir müssen Wurzel fassen und die Heimat finden." Besonders müssen die deutschen Juden trotz aller Anfeindungen „Deutschland innerlich die Treue halten und es mit der Liebe lieben, die jeder unbefangene und unser sührte Mensch seinem Vaterland entgegenbringt." DaS sind die Grundgedanken der BekenntniSschrift und man darf auf die Antwort des Zionis- ~~ mus gespannt sein. Man mag sich zu Ideologie des Zionismus stellen, wie man will, ein Verdienst darf die Schrift der Drei für sich in Anspruch nehmen, daß sie die gedanNiche Aussprache über Zionismus, die im Versanden gewesen, wieder in Fluß bringen wird. Jeder Jude, dem es ernst um sein Judentum ist, muß die drei Bekenntnisse lesen. Zionisten und Antizionisten werden viel aus ihnen lernen. Sie gehören zu den bedeutsamsten Erscheinungen der Gegenwart.

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