Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 13 (1.10.1928)
- Date
- 1928-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
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Die Lehre Lamarcks von der Wechselwirkung zwischen Anpassung und Vererbung behauptete die Veränderlichkeit der Gattungen und damit die Unmöglichkeit der Annahme von Volkscharakteren. Ihr trat Weismann mit der Anschauung von der durch alle Zeiten fortbestehenden Gleichheit der Gattungscharaktere gegenüber. Den Mittelweg schlug Semons Theorie der Mneme ein, daß sich geistige Erwerbungen der Ahnen in Form von Anlagen oder^Dispositionen vererben, die nach Neigung vertieft und erweitert werden können. Die Abkömmlinge alter Kulturen besitzen einen Schatz ererbter Fähigkeiten, die verhältnismäßig leicht geweckt und aktiviert werden. Das Gehirn eines Neugeborenen enthält die Spuren aller geistigen Erfahrungen und Fähigkeiten der Vorfahren, die von ihm vertieft oder nivelliert werden können. Die Summe dieser unbewußten Erfahrungen nennt Semon die Mneme. Sie ist das geistige Material, die Begabung im Unterbewußtsein, die potentielle Energie des Gehirns, die in bewußte Energie umgesetzt werden kann. Vom Standpunkt Semons aus läßt sich die Frage nach dem Charakter des Juden am schlichtesten beantworten. Es gibt eine Fülle von Versuchen von Freun den und von Feinden des Judentums, den jüdischen Charakter in eine knappe Formel zu fassen. Wer sich aber in diesen oft bedeutenden Darstellungen des jüdischen Menschen Rats erholen will, erlebt eine ernste Enttäuschung. Er wird kaum zwei Darstellungen finden, die zu dem gleichen Endergebnisse kommen. Gewiß enthalten sie alle gut gesehene Einzelzüge, kluge Beobachtungen, richtige Urteile. Und doch empfindet jeder, ob er im Judentum wurzelt und das Wesen des JudeseinS in seiner Person erlebt oder ob er als Beobachter von außen an das Judentum herankommt, daß diese Darstellungen falsch gesehen sind. Sie zeigen Juden iw. einer bestimmten Beleuchtung, durch ein besonders geschliffenes Glas geschaut — aber dem Charakter des jüdischen Menschen werden sie nicht gerecht. Verkümmerungserscheinungen, Entartungszüge, Anzeichen der Dekadenz, die bei einzelnen Juden sicher richtig beobachtet worden sind, werden verallgemeinert auf die Gesamtheit übertragen. Zumeist sind es Erlebnisse einer flüchtigen Berührung, also typische Oberflächlichkeiten, die als Wesenszüge der Gesamtheit ausgedeutet werden. Die scheinbare Unmöglichkeit, zu dem Urbild des jüdischen Charakters vorzudringen, erscheint um so mehr unbegreiflich, als die Juden in Deutschland mindestens 1600 Jahre in verhältnismäßig engen Beziehungen zu ihrer Umgebung gelebt haben. Man darf aber nicht vergessen, daß die 700 Jahre der Absperrung durch das Ghetto eine scharfe Scheidung und Entfremdung zwischen Juden und Nichtjuden geschaffen haben. Andererseits hat das letzte Jahrhundert des Zusammenlebens nicht ausgreicht um der nichtjüdischen Umwelt ein zureichendes Verständnis der Grundzüge deS jüdischen Charakters zu erschließen. Vielleicht darf eS noch mehr auffallen, auch die Selbstdarstellungen des Mischen Charakters durch Juden überaus widerspruchsvoll lauten. Allerdings ist es besonders schwer, zu einem sicheren Urteil über sich selbst und seinen engsten Umkreis zu gelangen. So scheint es, als ob eine sichere mittlere Linie in dem Auf und Nieder, dem Hin und Her btt Beurteiler hier nicht entdeckt werden kann. Der Hauptgrund für die Schwierigkeit, zu einem sicheren Urteil über den jüdischen Charakter zu gelangen, liegt in den Gegensätzlichkeiten, die in ihm zur Einheit zusammenfließen. Ter Jude LAUBHÜTTENFE ST Wir denken oft ans ferne Kinderland, An jene Zeit der emtefrohen Feste, Da einer Mutter nimmermüde Hand Die Hütte uns geschmückt rum traulich-stillen Neste. Im grünen Laubdach — prächtig anzusehn — Lockt reifer HerbBtfrucht bunte Farbenpracht, Und zwischen Flitterwerk und himmelblauen Schlehn Hält unser Mögen Dowld treue Wacht . . . Die Schabboslampe brennt... Ihr milder Schein Erfüllt den Raum und macht die Herzen beben'. Der Vater preist den guten „Neuen Wein**, Die Mutter rühmt ein gotterfülltes Leben. Von all dem ist Erinnerung geblieben: Ein weher Gruä dir, jugendfrohe Zeit! Wir bergen dich, wie uns re toten Lieben, Als tröstend Gut — bis in die Ewigkeit. HANS STERNHEIM. ist in ebenso weitem Ausmaß Verstandesmensch wie Jrrationalist, Wirklichkeitsanbeter wie Idealist, nüchterner Tatsachencharakter und schwärmerischer Phantast, Anbeter des Natürlichen wie übersteigerter Intellektueller, einseitig reaktionär und zugleich revolutionär bis zur äußersten Verneinung, Mensch eiserner Schaffenskraft und willenloser Schwarmgeisterei, kaltblütiger Rechner und Nützlichkeitsmensch und zugleich glühender Altruist. Trockene Zahlenmenschen zeigen oft eine nervöses Feingefühl für Malerei und Musik. So bietet der jüdische Charakter ein buntes Farbenspiel scheinbar unvereinbaren' Gegensätze. Dabei bleibe unrrörtert, wie viele von diesen widerspruchsvollen Charaktereigenschaften sich die Juden in den Jahrhunderten harten Kampfes gegen die feindliche Umwelt in der Abwehr angeeignet haben. Aber für jede der genannten Antinomieen lassen sich in der Judenheit mühelos Beispiele anführen. Damit wäre die Unmöglichkeit ausgesprochen, ein einheitliches Bild des jüdischen Charakters zu zeichnen, wenn nicht diese Gegensätzlichkeiten im jüdischen Menschen zu einer Einheit gebunden erscheinen würden. DaS Gemeinsame in ihnen, die verbindende Brücke, ist der stark ausgeprägte Familiensinn, der geradezu den Charakter der Religiosität angenommen hat. Es ist wahrscheinlich, daß dieser Familiensinn ein Produkt der Abwehr der feindlichen Umwelt ist. Allerdings zeigt das ideale Judentum der Patriarchenzeit diesen Familiensinn bereits spurenhaft. Elkanas Worte an Hanna beweisen, daß die Ehe im biblischen Zeitalter bereits starke Eigenwerte besessen. Tie Ehrfurcht vor der Mutter in Israel, die Ach tung vor der Frau, vor allem aber die Wertung des Kindes offenbaren hochentwickelten Familiensinn bereits im alten Judentum. Aber die Familie wurde doch erst Träger des gesamten Lebens, als die Judenheit aller anderen Bindungen beraubt ganz auf sich selbst und den engsten Menschcnkreis angewiesen war. Die Flucht in die Familie verlieh der religiösen Uebung das familiäre Gepräge. Die jüdische Religiosität ist niemals kirchlich gewesen, sondern vererbtes Familiengut, das in allen seinen Formen und Formeln auf den Familienkreis abgestimmt war. Dadurch entstand eine gegenseitige Befruchtung zwischen Familie und Religiosität. Die Familie erhielt ihre religiöse Ausprägung, und die religiöse Uebung ihre gesicherte Heimstatt in der Familie. Ter Familiensinn in seiner religiösen Ausprägung wurzelt in jedem jüdischen Menschen, sogar in dem, der sich sonst aus allen anderen Bindungen des Judentums gelöst hat. Er ist das ausgleichende und versöhnende Element in den ^widerspruchsvollen Einzelerscheinungen des jüdischen Charakters. Der Zahlenmensch, der Mann der nüchternen Realität, der Berstandesjude besitzt diese Familiarität, die den Uebergang zu dem Gegenpol seiner Wesensart herstellt. Die Mutter, die Gattin, das Kind schassen das innere Gleichgewicht in der Seele des jüdischen Mannes, ebenso wie die Eltern, der Gatte, das Kind sie für die jüdische Frau bedeuten. Der Familiensinn ruht als unbewußte Erfahrung, als vererbtes Bä tergut im Unterbewußtsein jeder jüdischen Seele. Er wird durch die Umwelt, Eltern^ Gatten, Berwandschaftskreis ständig aktiviert und wirkt als Motor in jedem jüdischen Menschen. Aus dieser Erkenntnis ergeben sich die beiden Gefahrenquellen für das Judentum der Gegenwart: die Berkirchlichung d. h. die Verdrängung des religiösen Lebens aus der Familie in die Synagoge, und die bedenllichen Anzeichen eines Nachlassens des Familiensinnes infolge des Eindringens fremder Mneme durch die Mischehe und der fortschreitenden Proletarisierung der Judenheit. Die Erhaltung des Familiensinns ist die beste Schutzwehr der Judenheit, und alle Bemühungen, ihn zu festigen und zu fördern, verdienten ernste Beachtung. Es ist nicht uninteressant, daß der Nichtjude Karl Gutzkow in seinem Trauerspiel Uriel Acosta diese das Judentum erhaltende Kraft llar erkannt und in Worten ausgesprochen hat, die jeden Juden zu ernstlicher Nachdenklichkeit mahnen müssen: _ Tief in unserem Volke wurzelt Der Zauber der Familie! Sonst, o ja. In alter Zeit auch riß sich mancher Zweig Vom Stamme der Liebe los, wie Absalon Bon David — später aber, im Exil, Da wir verfolgt, da nichts uns blieb im Elend, Als dieser Trost, daß uns doch — Kinder lieben, Daß uns ein Vater doch beschützt in Not, — Ein Bruder uns doch — seinen Bruder nennt, Da schlang sich inniger um uns dies Band Der Ehrfurcht vor dem heil'grn Herd des Hauses.