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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1928-09-18 · 12 (18.9.1928) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
V (1928-1929)
Issue
12 (18.9.1928)
Date
1928-09-18
Page
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Es lebt dann da und.dort ein leises Erinnern in den Reihen der feindlichen Brüder und Schwestern auf, daß sie doch eine gemeinsame Mutter, das Judentum, haben und daß es also rechtens sei, daß sich die Verfeindeten dann und wann im Stübchen der greisen Mutter zusammensinden, um in ihrer Gegenwart zu empfinden, daß es eine grausame Torheit ist, sich gegenseitig zu zerfleischen und dabei den Feind zu vergessen, der hämisch vor den Toren lauert. Ob cs nicht weiser und frömmer wäre, wenn Liberalismus und Orthodoxie, Gemeinde- und Trennungsorchodoxie, Agudda und Misrachi das Gemeinsame betonten und da» Trennende in versöhnlichem Lichte brüderlicher Berständigung befrachteten? Die liberale Konferenz hat die Uebersülle der Probleme und Gegensätzlichkeiten im jüdischen Liberalismus ausgezeigt und Antworten auf ein zelne gegeben, ohne eine Dogmatisierung zu ver suchen. Es liegt ja im Wesen des religiösen Liberalismus, daß er Individualismus ist. Seine Uniformierung und Dogmatisierung wäre nur eine neue Form der Orthodoxie, also das Ende des Liberalismus. Das Recht auf persönliche Religion ist für Millionen unveräußerlich und sichert ihre Zugehörigkeit zum religiösen Judentum. Ter Liberalismus, der eine lange Front von der amerikanischen Reform bis zu Elbogen und Baeck hat, - dessen rechter Flügel fast unmittelbar an die Orthodoxie rührt, umfaßt damit zahlenmäßig die ivrit überragende Mehrzahl der Judenheit. Ein liberaler Schulchan-Aruch, wie er s. Z. in den Richtlinien versucht worden ist, ist darum mit richtigem Instinkt sehr bald in die verdiente Vergessenheit geraten. Man kann deshalb den religiöse» Liberalismus ohne Uchertreibung recht wohl als den Willen zum Judentum definieren. Die Erklärung des Londoner Rabbiners Perlzweig, „daß es eine libcraljüdische Aufgabe nicht gibt, sondern nur eine jüdische", und die des Newyorker Rabbiners Silverman in der Jugendsektion, daß es di« Aufgabe der jungen Gene ration ist, sich wieder zum Judentum zu finden, es sich gleichsam zurückzuerobern, wurden dieser Erkenntnis gerecht. Baeck hatte damit recht, daß religiöses Leben niemals „zeitgemäß" sein kann. Er hätte aber hinzusügen müssen, daß religiöses Leben immer individuell und darum liberal d. h. entwicklungskräftig, lebendig ungebunden sein muß, daß religiöses Leben niemals dogmatisch erstarrt und formal kristallisiert, sondern nur quellend, strömend, ringend erscheinen darf., An den Endflügeln der liberalen Front stehen rechts die Positiven, in denen dieses Lchen seinen Abschluß gesunden, der Widerspruch verstummt, die Krisis überwunden, und links die Negativen, in denen sich das religiöse Leben in eine Reche blutleerer Ideen verflüchtigt hat. Wer das religiöse Judentum so sieht, erkennt seinen inneren Zusammenhang inmitten der Vielgestaltigkeit. Es war deshalb ein vorschnelles Urteil in BaeckS Darstellung, daß die Väter der Reform des religiösen Judentums nur die dekorative Seite gesehen, daß sie nur die Aeußerlichkeiten vecsei nert haben, daß ihnen das Dekorative mehr als das Konstruktive am Herzen gelegen. Ist das wahr? Wer das Hamburger Gebetbuch und seine Weiterbildungen oder Geigers Schriften zur Ge berbuchfrage zur Hand nimmt, der weiß, daß die Form den Vätern der Reform Nebensache gewesen ist. Sie wollten dem Gebetbuch seine Wahrhaftig keit retten, sie wollten verhüten, daß Geöetswünsche geäußert .vürden, die in einem unverein baren Gegensätze zu dein Empfinde» des Beters stehen und deshalb die religiöse Ehrlichkeit un heilbar verletzen. Bon völligem Mißverstehen dieses eigentlichen Inhaltes des religiösen Liberalismus zeugt ein Nachwort zur liberalen Wettkonserenz in der Nr. 35 des „Israelit" vom 30. Äug. 1923. Es mag wahr sein, daß die orthodoxen Gottesdienste stärker besucht sind als die liberalen „von zeh'.' bezahl en Minjanleuten bevölkerten Synagogen". Wer aber einmal die geschäftige Würdelosigkeit orthodoxer Gottesdienste schaudernd miterlebt hat, die ohne innere Anteilnahme, aber traditionell einwandfrei „abgebetet" werden, der wird vor dieser Art der Verhöhnung des'sicher schlechter besuchten liberalen Gottesdienstes zurückschreken. Die Männer und Frauen, die in Berlin zur liberalen Weltkonferenz zusammengetreten, rerdic» nen eine andere Form der Würdigung, als sie ihnen hier zuteil geworden ist. Mehr Ehrfurcht, lieber „Israelin, vor der Frömmigkeit und dem Gottesdienste deines Bruders und deiner Schwester! Wer von Geiger nichts anderes zu sagen weiß, als daß er „im Negieren die Mission des liberalen Judentums gesehen", der sollte sich erst einmal Geigers Schriften vornehmen — und er wird dann erröten. Wqs da von dem allgemeinen Weltetwachen nach hem Zusammenbruch von 1914 und von den Kanonen orakelt wird, die auch den jüdischen Liberalismus geweckt haben sollen, ist, gelinde gesägt, freie Dich tung. Der ganze Aussatz zeugt von der völligen Unkenntnis des Wesens der liberalen Bewegung. Wie aber will einer über eine Sache urteilen, die er nicht kennt? Ta machen die Aeußerungen aus zionistischem Lager über die Weltkonferenz denn doch einen ernsteren Eindruck. Sie zeugen von dem ehrlichen Wille», dem Gegner gerecht zu werden. Es gehörte bisher geradezu zu den Voraussetzungen der jüdischnationalen Geschichtsauffassung, daß alle Entartungserscheinungen im Judentum des 19. Jahchunderts auf das Sündenkonto des jüdischen Liberalismus verbucht wurden, so wie es zur antisemttischen Systematik gehört, alle Schwächen und Gebrechen der deutschen Reuzeitgeschichte aus den Generalnenner Jude zu bringen und durch die „Sünde Judas" restlos zu erklären. Die zersetzenden Einwirkungen des Rationalismus und des Materialismus auf das Judentum: Unglaube und Abfall, sklavischer Byzantinismus vor fremden Kulturen und offenkundige Verachtung der eigenen Werte, das sogenannte Assimilantentum, galten als Folgeerscheinungen des jüdischen Liberalismus, während die geschichtlich« Wahrheit lautet, daß der jüdische Liberalismus vielleicht nicht immer glücklich, aber tatkräftig von jeher/ gegen diese Entartungen angekämpft hat. Vor allem wurde hier immer davon gefabelt, daß^der jüdische religiöse Liberalismus eine unnatürliche Ehe mit dieser Assimilation eingegangen, sich also in ihren Dienst gestellt oder sich dock, mit chr einverstanden erklärt hatte, während die eefchicht liche Wahrheit lautet, daß auch nicht die Spur einer Verbindung zwischen dem Liberalismus und der Charakterlosigkeit dieser Feiglinge nach.rels bar ist. Gewiß haben sich Freunde des Asiimi lantentums in die Gefolgschaft des jüdischen Liberalismus eingedrängt und dort versucht, Mitschuldige für ihre Sünden zu werben. Aber einen schärferen Gegner des Jndifserentismus oder gar der Fahnenflucht hat es nirgends gegeben als ge rade den jüdischen Liberalismus. Er ist stets für die Ehre und Reinheit des Judentums manu Haft eingetreten. Es darf wie ein Aufdämmern der Aufrichtig keit und damit als ein Morgenrot der ersehnten Befriedung der deutschen Judenheit begrüßt wer"" den, wenn der Leitaussatz der Jüdischen Rund schau vom 17. August (Nr. 64 65) von dieser Unwahchaftigkeit ein gutes Stück abrückt. ES darf nicht' ohne Genugtuung vermerkt werden, daß das ofsiziöse Organ des deutschen Zionismus dem religiösen Liberalismus anläßlich der Ber liner Konferenz des Weltverbandes für das Li berale Judentum eine Sondernummer gevidmet hat. Gewiß bringt die erste Schwalbe noch nicht den Frühling. Es ist also zu verzeihen, daß in dieser zionistischen Veröffentlichung noch die alten Verbitterungen nachzittern, daß hier noch immer von den Sünden des Liberalismus mehr als von seinen Leistungen gesprochen wird. Aber der erste Schritt ist getan. Die Hand zur Bersöhnung ist ausgestreckt. Es wäre unjüdisch, die Bruderhand zurückzustoßen. Der erwähnte Le?> aufsatz schließt mit den Worten: „Eine religiös/- Bewegung, die eine Stärkung jüdischen Glaubims und jüdischer Verbundenheit bringt und so die Kräfte befruchten will, die die jüdische Zukunft zu bauen haben, kann unsere Verbündete sein." Hoffentlich verklingt diese Stimmt nicht wirkungslos. Sie hat in weiten Kreisen des religiösen Liberalismus einen ernsten Widerhall gefunden. Eine Feindseligkeit zwischen den jüdischen Parteien ist schon angesichts der feindlichen Umwelt politisch unklug. Die Antagonie zwischen re.ig'ö sem Liberalismus und Zionismus ist zudem unbegründet, da es keine Reibungsflächcn zwischen chnen gibt. Man kann ein Religiös-Liberaler und zugleich ein entschiedener Zionist sein. Das eine schließt das andere ebenso wenig aus wie ein. Nur die Zukunstshoffnung scheidet beide. Das Endziel der Zionisten ist national, die Endhosfnung des religiösen Liberalismus universal. Aber selbst diese Differenz ist nicht unvereinbar, da das zionistische Endziel mit der religiösen Endhoffnung recht wohl in Einklang gebracht werden kann. Der reli giöse Liberalismusbekämpft nur den jüdischen Nationalismus, der Ersatz für die Religion sein will. Der Gegensatz zwischen Liberalismus und Or thodoxie ist tiefer. Individuale und Osienbarungs religio» werden sich stets befchden. Aber beide

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