Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- V (1928-1929)
- Issue
- 10 (16.8.1928)
- Date
- 1928-08-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
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die Zeiten, und wir ändern uns in ihnen. Die 'ser naturgebotene Wandel wird nur zu gern über sehen, wir auch dir guten Eigenschaften der Ju gend nicht immer recht gewertet werden. Ich denke bei begeisterten Aeußrrungen der „modernen" Jugend oft der schönen Worte, die Richard Wagner in den „Meistersingern" seinem HanS Sachs in den Mund legt. „Dem Vogel, der heut' sang, dem war der Schnabel hold gewachsen, L macht er den Meistern bang, gar wohl gefiel er doch Hans Sachsen. Max Osterbi-rg. * Wen» wir am Morgen des 19. August den s..ünen Rasen betreten, dann ist Kampf die - 121 — Losung. Will doch ein jeder seine Farben und seinen Verein würdig vertreten. Aber wir alle, die wir aktiv an den Wettkämpfen .teilnehmrn, sind auch beseelt vom ersten Grundsatz echter Sportler: fair zu siegen, oder ehrenvoll zu unterliegen. Keinex wird vergessen, daß wir einer Gemeinschaft angehöcen, und jeder muß sich vor Augen halten, daß unser sportlicher Wettstreit dem Wohle der jüdischen Jugend gilt. Mehr wie für alle anderen besteht für uns die Notwendigkeit, uns körperlich zu ertüchtige». Wir wissen, daß jtbtn, von Euch diese Gedanken erfüllen — und so ruft» wir Euch als Losung sür den 1.9. August zu: | Unftre Gegner seien unsere Freunde! Die aktiven Sportler des B.A.V., Stuttgart. Grundanschauungen über Juden und Judentum. Anläßlich dk« «üddkutschk» Tressen» 1928 in Stuttgart ging dem Berthold Auerbach Verein von seinem Ehrenmitglied, Landgerichtsdirektor Stern, Stuttgart, folgende» Schreibe» zu: An den Vorstand des Berthold Auer bachi-BereinS Stuttgart. Sic haben mich um einen kurzen Beitrag für die vrrliege de Jugendnummer ersucht. Ich komme dicstr Aussorderung umso lieber nach, als ich wünschen möchte, daß meine Ausführungen das Interesse weiter Kreise der jüdischen Oesfentlichkeit auf dir Bestrebungen des Vereins lenken und ihm in größerem Umfange als bisher die so dringend not wendige materielle Unterstützung und tatkrästige Förderung verschafsen mögen. Zur Sache selbst glaube ich nichts besseres tun zu können, als aus einem Brief, den ich am 1.9.1919 aus Anlaß einer ähnlichen Veranstal tung an den damaligen Vorstand des B. A.-V. richtete, einige Stellen zu wiederholen: „Ich hätte »mso größere» Wert daraus gelegt, an Ihrem Stiftungsfeste teilzunchme», als ich mir ivohl bewußt bin. daß die Ehrenmitgtiedschast Ihres Bereins, mit deren Verleihung Sie mich ersreut und geehrt haben, mir auch Pflichten auserlegt, insbesondere die Pflicht, mich an dessen Arbeite» in stärkerem Maße als bisher zu beteiligen. Es ist zwar raum 25 Jahre, aber immerhin eine stattliche Reihe von Jahren her, daß ich versucht habe, sotveit es in meinen Kräften steht, demselben nützlich zu sein. Bon welche» Grundanschauungen über- Juden und Judentum ich mich hierbei habe leiten lassen, ist den Bereinsmitgliedern bekannt. Unbeschränkte Meinung» sreiheit für alle Richtungen, größte Achtung und Tuldsamkeit nach innen, Geschlossenheit nach außen gegenüber gehässigen und verleumderischen Ansein düngen, aber auch strengste Selbstzucht und fort währende Arbeit an der eigenen Vervollkommnung, sind in der heutigen Zeit, angesichts des furcht baren Ernstes derselben und angesichts der <h«sah re», welche sie sür die deutschen Juden in deren Kamps um Durchführung ihrer bürgerlichen und gesellschastlichen Gleichberechtigung in sich schließt, mehr als je vonnöten. Bon diesem Standpunkt aus möchte ich auch wünschen, daß alles, wa» nicht dieser großen Ausgabe unmittelbar zu dienen bestimmt, sondern höchsten» al» Begleiterscheinung zu werten ist — wie äußere Veranstaltungen und Vergnügungen jeglicher Art im Leben des Vereins tunlichst in den Hintergrund trete» möge." Ich wüßte auch heute nicht, was ich vorstehen den Ausführungen, die ja nicht aus die damalige Veranstaltung zugeschnitten und beschränkt waren, vielmehr ihre „Aktualität" niemals verlieren werdest, beifügen könnte. Indem ich der Tagung eine» wohlgelungenen und harmonischen Verlauf wünsche, bin ich mit den besten Grüßen Ihr gez.: Landgerichtsdirektor Stern. Sinn und Ziel der deutschen Jugendbewegung. Von Alfred Levy, Stuttgart. Anläßlich der Tagung der jüdischen Jugendvcrcinc soll hier einmal die Frage aufgeivorsen ».-erden nach Wert, Sinn und Ziel der jüdischen Jugendbewegung. Tie moderne Jugendbewegung. eingeleilet eüva mit der Gründung und Ausdehnung des „Wandervogels", ist noch nicht se^c alt. Ihr Anfang reicht etwa zurück auf die Jahre 1905-1910. Betrachten wir zunächst einmal die der jüdischen Jugendbewegung zeitlich vorausgegangene deutsche Jugendbewegung. Was war die Ursache dieser Bewegung? Was chr Ziel? Welchen Er folg hatte diese Bewegung? Ich selbst gehörte zu den Mitbegründern des „Wandervogels" in meiner schönen Heimatstadt Konstanz und habe seine ersten Fahrten und hie Gründung eines eigenen Heims (Nest) auf dem Schienerb erg mit Begeistemng mitgemacht. Ich und viele andere verdanken diesen Wanderun gen eine tief eingewurzelte Liebe zur deutschen Landschaft und eine im Zeitalter des Automobils und Motorrads recht altmodische Vorliebe sür regelmäßige Sonntagswanderungen ins schöne schwäbische Land. Der „Äandervogel", wie alle nachfolgenden Jugendbewegungen, waren rin Protest der Jugend gegen Tradition und Ideale der vorher gehenden Generation. Das Ideal des Durchschnittsbürgers im wilhelminischen Deutschland war Geldvcrdienen, einen großen Namen zu bekommen, ge- und berühmt zu werden. (Diese Ansicht können wir nicht teilen. Die Red.) Es war die hohle Macht, das große Wort, die schimmernde Wehr, die Tun und Denken der Menschen beherrschten. Der bessere Teil der Jugend fühlte, daß hinter der glänzenden Fassade der Wurm nagte und wandte sich ab. Ihr Ziel war, sich durch die Berührung mit der Natur stark zu machen für ein Üeben mit besserem, wertvollerem Inhalt. J Tie deutsche Jugendbewegung hat, mit Ausnahme vielleicht der proletarischen Jugendbeve gung, versagt. Sie mußte versagen aus zwei Gründen. Sie kapitulierte, ja mußte vielleicht kapitulieren vor dem Götzen Nationalismus. Mit großer Klugheit haben es die Führer der nationalistischen Bewegung verstanden, vor dem Kriege große Teile der Jugendbewegung (Jung Deutschland, Pfadfinder) abzufangen und ihr ein falsches Ideal auszuzwingen. Der beste Teil der Führer der Vorkriegs-Jugendbewegung hat den Heldentod gefunden. Aber noch aus andere» Gründen hat die Ju gendbewegung versagt. Sie hat es 'nicht gewagt, einem der schwerwiegendsten Probleme, dem sexuellen — dem Verhältnis der Geschlechter zu einander - in wahrhafter, unkonventioneller Weise zu begegnen. Mit Ableugnung und fal scher Romanlik ist aber gerade dieses Problem nicht zu lösen. Ich empfehle allen meinen jugend lichen Freunden, einmal das ausgezeichnete Buch des ameri'anischen Jugcndrichiers Be» Linds a y in die Hand zu nehmen und daraus zu ersehen, wie sehr notwendig eine neue sittliche Haltung gerade in diesen Dingen ist. Und als weitere und letzte Erklärung sür das Versagen der deutschen und zum Teil auch der jüdischen Jugendbewegung das folgende: Die Jugendbewegung hat es nicht verstanden, dem Leben kinen neuen Inhalt zu geben. Die Wandervögel und Pfadfinder, die Adler und Falken und Jungdeutschen von gestern sind die Beamten und Kausleute, die Wissenschaftler und Arbeiter von heute. Ihre Ideale gleichen den Idealen der Vorkriegszeit, ihr Leben und Treiben dem ihrer Vorfahren wie ein Ei dem andern. Sie alle mußten in einem gewissen Alter vor dem wirtschaftlichen, wirllichen Leben kapitulieren. Und ihr Fundus an schön fn alten deutschen Volks liedern uird wieder zum Leben erweckten Rei gen und Tanzftielen erwies sich als zu schwa ches Bollwerk gegen die harte WirNichkeit der Nachkriegszeit. Es rächte sich eben, daß sich diese Jugend rückwärtsschauend rin Märchenlchen auf bauen wollte und die WirNichkeit mit ihrem grandiosen Tempo, ihrer Technik, ihren außer halb der Jugendbewegung in der Schule von Krieg und Inflation Heranwachsenden, zur Wahrheit strebenden neuen Menschen negierte. Wie steht es nun mit der jüdischen Jugenb bewegung? Hat auch sie die gleichen Ursachen, gleichen Ziele, gleichen Mißerfolge? Ja und nein. Sie stand ebenfalls ^vischeu zwei Generatiönen als Protestbewegung. Sie bewegte sich lange Zeit in denselben romantischen Vorstellungen wie die allgenniue Jugendbewegung und sie hatte dem gemäß ihre schweren Rückschläge und Nieder lagen auszuwlisen. Dagegen ist dieser Bewegung aus jüdischem Gebiet ein ganz positiver Erfolg beschicken worden. Ein Erfolg, der zunächst nicht einmal bewirßt erstrebt worden ist, der aber sür sich selbst spricht. ' Treten wir den Beweis für diese kühne Br hauptung an. Auch hier haben wir zunächst die Pflicht, uns einmal das Leben und die Ziele der Generation anzusehen, die uns voranging. Das 19. Jahchnndert brachte sür die Juden— in Deutschland die lang erstrebte bürgerliche Gleichberechtigung. Das Ideal der um die Jahr Hundertwende lebenden Juden war, als Deut scher israelitischer Konfession, als gleichberechtig- ' ter Bürger unter deutschen Bürgern zu leben. Dieses jüdische Bürgertum war^ religiös aus Pie tät gegen seine frömmeren Eltern, aus Tradili n, aus Gewohnheit. (Um Mißverständnissen vorzubeugen —, ich spreche hier von einem Turchschnittstyxus, denn es ist mir wohlbekannt, daß cs zu jeder Zeit wahrhaft religiöse Juden gegeben, genau wie es zu allen Zeiten Juden gab, die ihrem Glauben den Rücken wandten.) Diese Juden suchten nach Möglichkeit ihre Eigenarten, die sie zum Teil mit Unrecht als Unarten ansahcn, zu unterdrücken. Es galt als Schmeichelei, bescheinigt zu erhalten, daß man nicht jüdisch aussehe, etc. Diese ganze Gene ralion war in dem unglückseligen Mißverständ nis besangen, durch äußere Angleichung die völ lige Gleichberechtigung zu erreichen. Ist dies alles menschlich verständlich und entschuldbar, so kann dieser Generation doch ein Vorwurf nicht er spart bleiben: sie vernachlässigte bewußt und gewollt die religiöse Erziehung ihrer Jugend. Die natürliche Folge ejnes solchen Verhaltens hätte die völlige Loslösung dieser Jugend vom Judentum sein können. Daß es nicht so gekommen ist, verdanken wir verschiedenen Faktoren, deren ciner auch die jüdische Jugendbewegung ist. Was liegt zwischen der letzten Generation und der heutigen?• Der Krieg, die antisemitische Be wegung, der Zionismus und der beginnende Aufbau von Palästina und als Folge dieser Erschei nung die jüdische Jugendbnvegung und das Wiedererwachen des jüdischen Selb ft» grfühls. Tie antisemitische Bewegung, einsrtzend mit Stöcker, fortgesetzt durch den gesellschastlihen Boy kott, gekrönt durch den Nachkriegsantisemitismus Hitlerscher Prägung, hat den Juden die Augen geöffnet über die Brüchigkeit und Unwahrhaftig kcit der Gleichberechtigung. Trotzdem viele Tausende junger jüdischer Menschen als Freiwillige hinauszogen, obwohl tausende ihr Leben und ihre Gesundheit opferten, war es möglich, daß ihnen der Vorwurf der Drückebergerei gemacht wurde. Das traurigste hierbei war, daß stch kaum ein gutgesinnter Nichtjude zu ihrer Verteidigung er hob. Der Zionismus, wachgerufen durch ein utopisches Buch eines bisher kaum beachteten Journalisten, Theodor Herzl, ist in diesen Jahren zur - iUenira STUTTGART KÖNIGSTR. 40